Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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Er hatte gewiss etwas für Luro übrig, aber nur zweite Wahl wollte er nicht sein, oder noch schlimmer: nur ein netter Ersatz. Das war aber nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein weiterer Grund, lieber die Finger von alledem zu lassen.

Allahad war ein Mann, der immer nur Frauen geliebt hat – bis auf diese eine Erfahrung, die er gewiss nicht wiederholen wollte – und das sollte sich nicht ändern. Er schob die Verwirrung seiner Gefühle auf die Tatsache, dass er den Tod von Frau und Söhnen nicht gut überwinden konnte. Es nagte noch heute an ihm, er hatte noch immer Alpträume. Und er wusste, dass auch Luro noch schlecht träumte, noch immer Nebuhrs Namen weinend flüsterte, wenn er schlief.

Allahad blieb sich und seiner Vergangenheit treu, er wollte nicht die Erinnerung an seine Familie beflecken, indem er jetzt zu einem anderen Mann wurde als er damals war.

Und Luro sollte lieber nach jemanden suchen, der sich nicht darum schert, wenn er zu anderen ins Bett stieg.

Als Allahad schließlich an den beiden Jüngsten ihrer Gruppe vorbeiging, blieben die Blicke jedoch aus. Luro sah zwar kurz zu ihm auf, aber nur flüchtig, als wollte er sich nur davon überzeugen, dass ein Freund das Lager betreten hatte.

Gelassen sprach er weiter mit Prinz Wexmell darüber, wie dieser den Bogen besser führen konnte. »Haltet die Luft an, dann zielt Ihr und erst dann lasst Ihr den Pfeil los …«

Irritiert ging Allahad weiter, warf noch einmal einen prüfenden Blick über die Schulter, aber nein, Luro sah ihm nicht nach.

Gut, dann hatte das Gespräch am Abend davor wohl genügt – ein weiter Beweis, dass Luro nicht viel an Allahad gelegen hatte. Es ging nur darum, irgendjemanden zu haben. So war Luro nun mal einfach, Allahad war nicht sauer. Nein, wirklich nicht …

Warum hatte er dann auf einmal solche Kopfschmerzen? Woher kam der Druck in seinem Nacken? Vom Schlafmangeln! Ja, ganz bestimmt …

War Luro bei Desiderius nicht um ein Vielfaches hartnäckiger gewesen? Über Jahre hinweg sogar, und dass, trotz dass Desiderius ihn konsequent abgewiesen hatten? Sogar, als Prinz Wexmell bereits in Desiderius‘ Leben getreten war? Ja, Luro war Desiderius bis vor Kurzem noch nachgelaufen wie ein Rüde einer läufigen Hündin.

Es sollte Allahad nicht überraschen, dass Desiderius für Luro mehr war als Allahad je hätte sein können. Dafür war Luro viel zu sehr besessen von dem großen Krieger. Trotzdem war es doch überraschend schmerzhaft, zu begreifen, jemanden nichts zu bedeuten, den man Freund nannte – und sogar mehr mochte als alle anderen.

Allahad fand Desiderius nicht weit vom Lager entfernt im Wald, er suchte den Boden nach Pilzen ab, die kleine Karrah hatte er sich wieder vor die Brust gebunden. Das Kind der Magie schlief tief und fest, und das obwohl Desiderius sich immerzu bückte und wiederaufrichtete.

»Dir steht das Mutterglück gut zu Gesicht«, scherzte Allahad näherkommend. »Es fehlen dir jetzt nur noch zwei prallgefüllte Milchbeutel als Brustersatz.«

Desiderius hockte am Boden und buddelte in der Erde, sodass dunkler Grund seine Fingernägel braun färbte.

Desiderius schmunzelte zu Allahad auf: »Würde dir gefallen, hm?«

Allahad schürzte die Lippen. »Nicht, wenn gleich darunter ein Schwanz hängt.«

Zweifelnd starrte Desiderius zu ihm auf und zog eine dunkle Augenbraue in Richtung Haaransatz. Der Name Luro stand unausgesprochen zwischen ihnen.

Allahad presste seine Lippen aufeinander, sein eigener Ziegenbart kitzelte ihm dabei in der Nase, er drehte den Kopf weg und sagte abweisend und leise wie eine Maus: »Ich will darüber nicht mit dir sprechen.«

Gelassen zuckte Desiderius mit einer Schulter, dann wandte er sich wieder dem Boden zu und grub sich tiefer.

Wenn er hoffte, auf Wasser zu stoßen, waren seine Bemühungen nicht nur vergeblich, sondern auch unnütz, denn die Süßwasserquelle befand sich ganz in der Nähe.

»Ich würde gerne etwas sagen«, gestand Desiderius, ohne aufzusehen. »So etwas in der Art, dass ich dir die Nase breche, wenn du ihm weiterhin wehtust.«

Allahad starrte auf ihn hinab, wenn es nötig wäre, hatte er genug in der Hinterhand um den Spieß umzudrehen. Aber bevor er einen Streit anfing, wartet er ab, was sein alter Freund noch dazu zu sagen hatte.

Sich die schwitzende Stirn mit dem Unterarm abwischend, blickte Desiderius zu ihm auf und gestand versöhnlich: »Jedoch erinnere ich mich daran, dass ich von uns allen Luro am meisten verletzt habe. In diesem Sinne … Mach, was du willst, aber wisse, dass ich in dieser Sache hinter Luro stehe. Halt ihn nicht hin, mach dem ein Ende – oder lass es endlich zu. Mehr will ich dazu nicht sagen.«

Allahad ließ ausatmend die Schultern sacken, als wolle er sich ergeben. In gewisser Weise hatte Desiderius Recht, umso schöner war, dass Allahad ihm nun sagen konnte: »Ich habe Luro erst gestern sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich ihn als Freund betrachte. Nicht mehr und nicht weniger.«

Ihm stand der Sinn danach, anzufügen, das Luro ja auch genug Zuwendung von Desiderius und seinem Prinzen erhielt, und dass Allahad dank dieser Tatsache mehr als überflüssig gewesen wäre – nicht, dass es etwas ändern würde, wäre Luro ein einsames Kätzchen. Aber er hatte keine Lust, sich mit Desiderius darüber zu unterhalten. Er wusste bereits, was sein Freund ihm sagen würde. Desiderius würde darüber schelmisch schmunzeln und so etwas sagen wie: »Wir sind Männer! Natürlich suchen wir an jeder Ecke unseren Spaß, und wenn wir ihn bekommen, ist das auch nicht schlimm.«

Sie dachten alle in gewisser Weise so, jedenfalls, wenn man ihre Handlungen diesbezüglich beobachtete. Vor Prinz Wexmell hatte Desiderius nur eine Regel: jeden Mann nur einmal nehmen, jedes Fleisch nur einmal genießen. Was dazu führte, dass er zahleiche Liebschaften zu verbuchen hatte. Ihr verstorbener Freund Niegal hatte Huren mehr geliebt als seinen Silberbeutel. Luro hatte sich nie zurückgehalten, er wollte fast jeden verführen, dessen Gestank zu ertragen war. Allahad selbst hatte so viele Frauen und Dirnen beglückt, dass er sich nicht einmal an alle erinnern konnte. Und doch … als er sich vereinigt hatte, als er Söhne gezeugt hatte und diese zur Welt gekommen waren, da war diese Gier nach fremden Fleisch unwichtig geworden. Treue, körperliche Treue insbesondere, schätzte er, wenn er sich jemandem verschrieb. Er hatte geglaubt, auch Prinz Wexmell und Desiderius würden sich nach diesem Maßstab lieben – aber wer wusste schon, was sie in den Nächten getrieben hatten, als Luro bei ihnen war.

Darüber wollte Allahad wirklich nicht nachdenken. Zum einem, weil es ihn noch mehr Kopfschmerzen bereitete, zum anderen, weil er nicht sicher war, ob die Vorstellung ihn abstieß oder seine Lust entfachte.

Desiderius fand etwas im Boden und zog es hervor. Eine handgroße Wildkartoffel.

Allahad runzelte die Stirn. Er vermutete, irgendwann, vor langer Zeit, musste hier ein Feld gewesen sein, vor so langer Zeit, dass inzwischen Bäume zu voller Größe auf dem Feld herangewachsen waren.

»Du und ich, wir kennen uns am längsten«, sagte Desiderius bedeutsam, als er sich aufrichtete und Erde von der Kartoffel rieb. »Du weißt, ich bin kein Mann der vielen Worte, aber …«

Er räusperte sich unbehaglich, wich Allahads Blick aus – ein klares Zeichen dafür, wie unangenehm dem Krieger derlei intime Gespräche waren.

Desiderius war ein guter Freund, gerade weil er keiner dieser Männer war, die mit Ratschlägen und selbsterfundenen Weisheiten seine Meinung anderen aufdrängte. Allahad mochte ihn, weil er ohne zu zögern handeln konnte und ein mutiges Herz in seiner Brust schlug. Als Freund konnte man sich auf ihn verlassen, wenn man seine Hilfe benötigte, war er sofort zur Stelle. Aber große Reden schwang Desiderius selten, noch seltener fand man Trost in Form von Worten bei ihm. Eine Umarmung oder eine Hand auf der Schulter waren manchmal auch mehr wert als es Worte hätte sein können.

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