»Aber?«, hakte Allahad nach, nachdem nichts weiterkam.
»Aber«, seufzte Desiderius und sah ihm fest in die Augen, Entschlossenheit spiegelte sich darin. »Falls es etwas geben sollte, worüber du sprechen willst … Nun, du weißt, wo du mich findest, in Ordnung?«
Allahad waren solche Gespräche ebenso unangenehm, er wollte nicht seine Seele vor anderen preisgeben oder den Eindruck erwecken, er bräuchte eine Schulter zum Ausweinen. Er wollte nicht, dass irgendjemand glaubte, er käme nicht allein mit seinen Gefühlen zurecht.
Er nickte nur noch, damit war das Thema gegessen und beide konnten aufatmen und sich Dingen widmen, die ihnen nicht unangenehm waren.
Wie der Kartoffel, zum Beispiel.
»Da sind noch mehr«, sagte Desiderius. »Hilfst du mir, sie auszugraben?«
Nichts lieber als das. Die Vorfreude auf Kartoffeln ließ Allahads leeren Magen knurren. Jedoch hatte er Desiderius nicht ohne Grund aufgesucht, da gab es etwas, was Allahad ihm dringend erzählen musste.
Dennoch ging er neben Desiderius in die Hocke, beide benutzten ihre Dolche um im Waldboden nach verborgenen Kartoffeln zu graben, die irgendein Ureinwohner vor langer Zeit hier eingegraben haben musste.
Doch für Desiderius schien das Thema doch noch nicht vergessen, denn in die Stille hinein sagte er – darauf bedacht, Allahad nicht anzusehen: »Es gibt andere Wege, weißt du?«
Allahad runzelte frustriert die Stirn, er hatte genug davon, wie ein Kind behandelt zu werden, dem man alles erklären musste.
»Was wir zusammengetan haben«, sprach Desiderius leise weiter, ungeachtet der Tatsache, dass Allahad ihn feindselig anfunkelte, »das war nur eine von vielen schönen Dingen, die man mit einem anderen Mann tun kann.«
»Das einzige, was ich mit einem anderen Mann tun will, ist Kämpfen oder zusammen Trinken, darüber hinaus bevorzuge ich weibliche Rundungen – vor allem unter und gelegentlich auch über mir. Können wir das jetzt lassen?«
Desiderius schmunzelte ihn belustigt an. »Nur gelegentlich über dir?«
Allahad wusste im ersten Moment nicht, was Desiderius meinte. Als er dann begriff, musste er Aufschnaufen. Erleichterung durchströmte ihn, weil das heikle Thema beendet zu sein schien.
Allahad zuckte mit den Schultern, als er eine Kartoffel hervorzog. »Ich habe es gern, wenn meine Frauen auf mir sitzen, sehr gern sogar, jedoch …« - er seufzte bedauernd - »machen es die meisten Frauen obendrauf nicht sonderlich gut.«
Desiderius, der bereits die fünfte Kartoffel ausgrub, schmunzelte weiterhin, sagte dazu jedoch nichts mehr. Er hatte dieses Problem offensichtlich nicht.
Eine Weile machten sie schweigend mit ihrer Arbeit weiter, bis Allahad schließlich den Mut aufbrachte, ein anderes Thema anzusprechen: »Darf ich dich etwas fragen?«
»Mhm«, machte Desiderius in seine Arbeit versunken.
Allahad senkte seine Stimme und beugte sich etwas zu ihm. »Vertraust du dem Dämon?«
Desiderius sah ihn nicht an, als er gelassen erwiderte: »Ich verstehe ja, dass du nach der Begegnung mit dem Dämon der Angst eine Abneigung gegen diese Wesen hast, aber Bellzazar ist unser Freund! Er ist kein Dämon. Wir schulden ihm viel.«
»Oder schuldet er uns viel?«
Stirnrunzelnd sah Desiderius Allahad an.
»Er half uns doch nur, weil deine Macht, die er sich von dir lieh, die einzige Möglichkeit für ihn war, sich von seinem Vater zu befreien«, befürchtete Allahad.
Desiderius blieb skeptisch: »Er hat sein Leben riskiert, um Nohva von dem Einfluss des Dämonenfürsten zu befreien. Er gab sich selbst auf, opferte sein Ich um uns zu retten, er gab das Reich der Götter auf! Er wurde zum Dämon. Er hätte das doch niemals getan, wäre es ihm nur darum gegangen, sich von dem Dämonenfürsten zu befreien. «
»Es sei denn, er wollte zum Dämon werden«, warf Allahad ein. »Ich weiß nur nicht, wozu.«
Sorge stand in Desiderius‘ grünen Augen, als er nachdenklich an seiner Lippe nagte.
»Ja, wir schulden ihm viel«, gab Allahad zu. »Doch was, wenn er bei alledem nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hatte?«
Desiderius konterte: »So sind wir doch alle. Und solange sein eigener Vorteil uns dienlich ist, werde ich ihn nicht zwingen, sein Vorhaben aufzugeben.«
Desiderius war nicht naiv, nur pragmatisch. Dennoch konnte Allahad miterleben, wie sich in den grünen Augen seines alten Freundes Zweifel und Sorge zu Enttäuschung wandelten. Es war offensichtlich, dass sich der Krieger nach Brüderlichkeit sehnte, nach Familienloyalität, die er beim Heranwachsen schmerzlich vermisst hatte. Ob Desiderius so etwas in der Art bei diesem Dämon fand, wagte Allahad zu bezweifeln, doch er wollte ihm nicht die Hoffnung darauf nehmen.
Jedoch war Desiderius keineswegs ein Mann, der den Kopf in den Wolken trug, er nickte verdrossen vor sich hin, als er zugab: »Ich verlange gewiss nicht, dass wir ihm alle blind vertrauen, wir sollten nie jemanden ohne Zweifel gegenübertreten. Die Erfahrung lehrte dich und mich, vorsichtig zu sein. Ich habe Bellzazar nicht aus den Augen gelassen, falls du das fürchtest, Allahad. Wir werden achtsam sein.«
»So wie gestern?«
Die Lippen des Kriegers wurden schmal. »Nicht Bellzazar lockte die Irrlichtmutter zu uns, auch er war durch sie in Gefahr.«
»Gewiss, das bestreite ich auch gar nicht. Und ich bezweifle auch nicht, dass er unser Freund ist, jedoch glaube ich, dass er, wenn es seinem Vorteil dienlich ist, uns alle unserem Schicksal überlassen würde. Wenn es heißt, er oder wir, wird er sich für sich entscheiden. Und dahingehend sollten wir umsichtig sein. Zum Beispiel, hätten wie darauf bestehen sollen, dass er uns erklärt, was er hier auf dieser Insel vorhat.«
Wieder nagte Desiderius an seiner schmalen Unterlippe, während um seine Augen Sorgenfalten traten.
»Als Bellzazar das erste Mal die Insel ansprach, habe ich in der Kapitänskabine der Bernstein « - So der Name ihres Schiffes - »nach Seekarten gesucht. Ich wollte wissen, worauf wir uns einlassen«, erklärte Allahad.
Interessiert wollte Desiderius wissen: »Und was hast du herausgefunden?«
Wie so oft in letzter Zeit nur Dinge, die ihm Gänsehaut bereitete. Er griff sich in den Harnisch und zog zwei alte Seekarten hervor. Es war ihr Glück, dass der frühere Kapitän der Bernstein seine Kabine mit unzähligen Karten vollgestopft hatte, darunter sogar Karten, die vor über mehreren Jahrtausenden angefertigt wurden.
Rissig war diese eine uralte Karte, als er sie ausrollte und vor Desiderius hielt, darauf bedacht, dass kein feuchter Grashalm das empfindliche Papier berührte.
»Was ist das?«
»Unsere Welt«, erklärte Allahad. »Sieh dir Nohva an, im Westen. Einst sehr groß und mit mehr Kanten als heute. Vieles ist heute überschwemmt oder einfach abgebrochen. Heute ist Nohva ein runder Kontinent. Der Pass zur Wildnis ist schmal, vor Jahrtausenden hingegen, war die Grenze zur Wildnis so breit wie Nohva selbst.«
Mit wachsendem Interesse begutachtete Desiderius die Karte und studierte sie eingehend.
»Und hier, am damaligen östlichen Wildnis Rand erkennen wir einen Landabschnitt, der doch überraschend viel Ähnlichkeit hatte mit …« - Allahad legte die neuere Karte über die alte und rollte auch diese auf - »der Insel, auf der wir uns in diesem Augenblick befinden.«
Desiderius verschob die obere Karte, bis er auf beiden gut deutlich Nohva betrachten konnte.
»Ein Stück Land von Nohva, so weit in den Norden gerutscht? Wir sind nahe an Carapuhr und so weit entfernt von unserer Heimat …« Desiderius klang zweifelnd, aber er wiedersprach nicht. Nachdem er länger die Karten verglichen hatte, nickte er und musste zustimmen, dass er Allahads Auffassung teilte.
»Hier leben Tiere, die vor Jahrtausenden in Nohva ausstarben, Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe, Bäume, deren robustes Holz in Nohva nur noch als Brücken und Häuser zu sehen sind. Wir sind auf einem Stück von Nohva, das abgebrochen ist und weggetrieben wurde. Hier sehen wir, was vor Jahrtausend einst die Heimat unserer Urahnen gewesen war.«
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