Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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»Sprich mit mir«, bat Desiderius.

»Ich fühle mich nutzlos, wenn ich sogar vor einer Irrlichtmutter fliehen muss«, knurrte er als Antwort.

Desiderius warf ein: »Du hättest sie locker besiegen können, aber zu welchem Preis, Zazar? Sie hätte uns getötet, bevor du sie erwischt hättest.«

»Darum geht es ja«, hauchte Bellzazar und schloss gequält die Augen, als habe er Kopfschmerzen. »Ich besitze Schutzzauber, und doch kann ich die, an denen mir etwas liegt, nicht immer schützen.«

Desiderius schmunzelte. Er würde es nie offen zugeben, doch dass er seinem Bruder etwas bedeutete – Nein, dass sein Bruder es offen aussprach, stimmte ihn froh.

»Wanderer«, sagte Bellzazar und lächelte Desiderius an. »Der Name deines Freundes, dem Hengst, wenn du es unbedingt wissen musst.«

Desiderius schüttelte den Kopf. »Ich habe ihm nie einen Namen gegeben.«

»Denkst du, ein normales Pferd würde immer den Weg zurück zu seinem Herrn finden, mein Bruder? Über einen Kontinent hinweg? Wohl kaum.«

Desiderius blinzelte ihn irritiert an. »Du meinst, er ist …«

»Uralt und magisch«, erklärte Bellzazar mit einem Schulterzucken. »Er gehörte einst einem Freund.«

»Unsinn!«, wandte Desiderius ein. »Ich stahl ihn aus einem Stall! Er ist ein normales Pferd, das ich zufällig aus einer Herde anderer Pferde auswählte.«

Bellzazar schmunzelte ihn an, was in der Finsternis bedrohlich wirkte. »Ach meinst du? Oder ist es doch eher so, dass er dich auswählte?«

Unbehagen krabbelte Desiderius‘ Nacken hinauf. »Aber … wie …?«

»Es gibt einige Legenden darüber, dass alte Götter in Schlachtrössern innewohnen«, antwortete Bellzazar.

Unmöglich! Desiderius hätte doch bemerkt, wenn mit seinem Pferd etwas nicht normal wäre … Oder?

Schmunzelnd senkte Bellzazar den Blick, es schien, als müsste er beinahe laut loslachen, als er schließlich gestand: »Aber es liegt dann wohl doch eher daran, dass ich vor langer Zeit mit Wiedererweckungs- und Unsterblichkeitszaubern herumgespielt und an einigen Tieren getestet habe.«

Desiderius konnte ihn nur fassungslos anstarren.

»Seitjeher sind Wanderer und Lugrain etwas mehr als einfache Pferde.«

»Du …« Desiderius konnte nicht in Worte fassen, was er davon hielt. Nichts, im Grunde. Aber viel wichtiger war, wieso Bellzazar überhaupt leichtsinnig mit Zaubern gespielt hatte.

Mal wieder schien er die Gedanken seines Gesprächspartners zu lesen, denn Bellzazar sagte offen und ehrlich: »Ich war eben jung und wollte mich ausprobieren.«

»Ich will gar nicht wissen, was du noch so alles ausprobiert hast«, murmelte Desiderius verdrossen.

Bellzazar senkte den Blick und schmunzelte verschmitzt zu Boden. »Oh, du wärest schockiert.«

Desiderius wollte ihm ja vertrauen, er wollte keine Zweifel an seinem Bruder hegen, jedoch war Bellzazar schwer zu verstehen. Jedenfalls waren seine Motive manchmal einfach nicht nachvollziehbar.

Wieso tat er, was er tat? Was bezweckte er mit alledem? Folgte er einem Plan oder nahm er alles einfach so, wie es kam? Hatte er irgendetwas vor, ein Ziel vor Augen, oder ließ er sich von zufälligen Ideen leiten?

Desiderius wusste nicht, was er beängstigender finden sollte.

»Freu dich darüber«, riet ihm Bellzazar. »Wanderer ist schüchtern, er hat sich nie reiten lassen, außer von seinem Herrn. Du bist der erste, den er aufsuchte und dem er dient seit …« Sein Gesicht wurde dunkel, Hass überzog seine Augen wie eine Gewitterwolke die am Himmel aufzog. »Nun ja, seit sein erster Herr diese Welt verließ.«

Getrieben von einem Gefühl des Unbehagens, ging Desiderius einen Schritt auf seinen Bruder zu, ohne jedoch je vorgehabt zu haben, ihn zu berühren. »Zazar …?«

Mit aufgesetzter Heiterkeit wandte sich ihm Bellzazar zu und sagte noch: »Er ist auch keine Mischung aus einer Züchtung zwischen Gebirgs- und Wüstenpferd, wie du annahmst, sondern er gehört zu einer uralten Pferderasse, die längst ausgestorben ist. Also freu dich und grüble nicht darüber.«

Desiderius wollte trotzdem gerne wissen: »Und wieso erzählst du mir das erst jetzt?«

»Du hast nie danach gefragt.«

»Weil ich nichts ahnte.«

»Und was bringt dir dieses Wissen jetzt?«

Darauf wusste Desiderius nichts zu erwidern. Eigentlich war es egal, im Grunde jedenfalls. Trotzdem war es seltsam. Vielleicht hätte er es lieber nicht gewusst.

Wanderer also, hm? Gut, sollte der Hengst den Namen behalten, er passte doch zu ihm.

Als Bellzazar an ihm vorbeigehen wollte, stellte sich ihm Desiderius in den Weg. Hochinteressiert wollte er wissen: »Was gibt es noch, was ich nicht weiß, was aber direkt vor meinen Augen geschieht?«

Lange starrten sie sich in die Augen. Zwei sture zu Säulen erstarrte Männer, die nicht einmal unter dem Druck eines Rammbocks nachgeben würden.

Ruhig glitten Bellzazar dunkle Augen über Desiderius, musterten ihn von Kopf bis Fuß. Ohne eine Antwort ging er einfach um seinen Bruder herum und verschwand wieder in der Höhle.

Desiderius blieb mit dem Gefühl zurück, das über ihnen allen eine drohende Gewitterwolke hing, die sich bald entleeren würde.

Am meisten setzte ihm nicht die Ungewissheit zu, nicht die Fragen, was Bellzazar vorhatte und was sie hier eigentlich suchten, nein, es war mehr die Furcht, die er in den Augen seines Bruders sah, die auch Desiderius Angst machte.

5

Übermüdet und hungrig hatten sie alle die Dämmerung herbeigesehnt. Nach gefühlten hundertstunden war es dann endlich soweit gewesen, und sie konnten die Höhle verlassen, ohne Gefahr zu laufen, von uralten magischen Wesen oder streunenden Bestien zerfleischt zu werden.

Das Lager war größtenteils unversehrt, nur einige fleischfressende Säuglinge, wie Kleinaffen aus den Bäumen, hatten sich an ihren Trockenfleischvorräten vergriffen und ihre Taschen durchwühlt. Die Pferde waren zurückgekehrt und haben in der Nähe des verlassenen Lagers gegrast, sie waren leicht wieder einzufangen gewesen. Sie sehnten sich nach den sanften Händen ihrer Reiter nach dieser furchterregenden Erfahrung.

Allahad, mies gelaunt wegen des mangelnden Schlafs, ging nach einer Spährunde zurück zum Lager. Bellzazar hatte sie verlassen, angeblich um einen sicheren Weg zu ihrem Zielort – was auch immer das Ziel sein möge – zu suchen. Allahad hatte ihn verfolgen wollen, jedoch musste er schnell feststellen, dass es nicht erbaulich war, einen Dämon zu verfolgen, der sich in schwarzen Nebel auflösen konnte. Nach kurzer Verfolgung war Bellzazar spurlos verschwunden. Verflucht! Allahad traute dem Dämon nicht. Jedenfalls nicht so sehr wie Desiderius, der sich blind auf diese Insel führen gelassen hatte.

Prinz Wexmell und Luro saßen an dem neu entfachten Feuer und unterhielten sich über Jagdtechniken. Das Frühstück – eine Reihe aufgespießter Echsen – briet über dem Feuer.

Allahad konnte Luro verstehen, sie alle sehnten sich nach etwas Abwechslung in der Nahrungsaufnahme. Aber er hatte jedes Fleckchen Wildnis abgesucht und nichts gefunden, dass seinem Gaumen geschmeckt hätte. Entweder es war giftig oder einfach ungenießbar.

Als er am Feuer vorbeiging, auf der Suche nach Desiderius, wusste er bereits, dass Luro ihm sehnsüchtige Blicke hinterherwerfen würde. Wie so oft in den letzten Monaten; seit sie das Schiff verlassen hatten sogar noch intensiver und häufiger.

Allahad begriff nicht, was Luro für ein Problem hatte, auf See war ihm doch auch nie Ersatz für Nebuhr ausgegangen – und nein, Allahad war nie darunter gewesen. Ihm konnte es aber egal sein, ob Luro gern zwischen dem Prinzen und Desiderius lag um sich trösten zu lassen – statt zu ihm zu kommen – für ihn war die ganze Geschichte ohnehin vergessen.

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