Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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»Wir haben uns geküsst«, flüsterte er in den Abendwind, »da war mehr.«

Viel mehr als Freundschaft und hinter dem Kuss hatte viel mehr gesteckt als das, was Allahad sich selbst vorzulügen versuchte. Das wussten sie doch alle.

Tief unzufrieden seufzend, warnte der Dämon: »Männer wie der Schurke sind Grund für viele gebrochene Männerherzen. Ich kenne diese Art von grausamen Burschen, die ein wenig experimentieren, ein wenig Abenteuer in anderen Betten suchen, und dann schließlich doch – aus Furcht, oder was auch immer – das Weite suchen. Seid nicht dumm, lasst Euch nicht das Herz brechen. Selbst wenn es mehr gewesen sein sollte, selbst wenn er Gefühle hat, ist der Schurke einer dieser Feiglinge, die sich lieber selbst belügen, als sich einem Leben zu stellen, das ihnen Angst macht.«

Nichts von dem, was Bellzazar sagte, ergab für Luro einen Sinn. Vielleicht waren die Worte zu sehr umschreibend für den jungen Jäger.

Als wüsste er, was Luro durch den Kopf ging, fügte Bellzazar hinzu: »Das Leben, das den Schurken erwarten würde, wenn er wie Ihr und Desiderius Männer bevorzugt, macht ihm Angst.«

Luro hätte sein Leben nie als etwas betrachtet, das angsteinflößend wäre. Aber das mochte daran liegen, dass er von Beginn an nie darüber nachgedacht hatte. Er war als Sklave mit einem Händler unterwegs gewesen, der nachts das Lager mit ihm teilen wollte. Natürlich hatten sie stets vorsichtig sein müssen, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, Angst zu haben, das auszuleben, was er war. Vorsicht, ja. Verstecken, unbedingt. Aber niemals vor sich selbst leugnen, niemals ein schlechtes Gefühl deshalb haben! Nein, dafür war ihm sein Leben einfach zu kurz.

Bellzazar schüttelte den Kopf über ihn, als machte ihn allein Luros Anblick traurig. Tief durchatmend lenkte er plötzlich ein: »Aber, wenn es Euch so wichtig ist, kann ich Euch einen Rat geben, der vielleicht hilft.«

Neugierig schielte Luro zu ihm.

Bellzazar erklärte vielsagend: »Wenn Euch daran liegt, dass ein Mann etwas von Euch will, dann überzeugt ihn davon, dass ein anderer es noch mehr möchte.«

Verwirrt runzelte Luro die Stirn, jedoch war die simple Aussage der Worte nun auch für ihn verständlich. Es klang so primitiv, dass er fast glaubte, dass der Dämon recht haben könnte. Jedoch bezweifelte er stark, dass der kluge Allahad auf solche Tricks hereinfallen würde. Er ließ sich nicht mit so etwas manipulieren.

»Kommt her und setzt Euch«, bat Bellzazar. Es klang nicht nach einem Befehl, sondern eher nach einer schüchternen Bitte, was überhaupt nicht zu ihm passte.

Luro runzelte die Stirn. »Wozu?«

»Der Schurke sucht die Einsamkeit, der Barbar und sein Weib spielen mit dem Hexenkind Familie und unser Prinz und Desiderius treiben es mal wieder wie junge Kaninchen im Frühling – würde mich nicht wundern, wenn sie bald einen Wurf Prinzenbastarde bekommen.«

Luro lachte wegen des Scherzes.

»Vielleicht sollten wir Wetten abschließen, wer von beiden zuerst wirft.«

Da Luro Desiderius kannte, auch sehr intim kannte, würde er auf den Prinzen wetten. Aber es war wohl ihr aller Glück, das zwei Männer sich nicht fortpflanzen konnten.

Er selbst mochte Kinder, keine Frage, vor allem die süße Karrah, jedoch hätte er niemals den Wunsch, ein eigens zu zeugen, selbst wenn es machbar gewesen wäre.

Schmunzelnd zuckte Bellzazar mit den Achseln. »Bleiben nur noch wir. Und ich weiß zwar nicht wie Ihr es seht, aber ich habe gerne Gesellschaft. Hm?« Er streckte den Arm aus und bot Luro erneut diese fremde Frucht an.

»Aber wieso meine Gesellschaft?«, wollte Luro wissen.

»Nun ja«, Bellzazar zuckte erneut mit den Schultern, »jeder braucht doch einen Freund, oder?«

Luro zögerte noch einen Moment. Da er sich aber nach der Zurückweisung tatsächlich nach Gesellschaft sehnte und Bellzazar sie so großzügig anbot, gab er sich einen Ruck.

Er nahm die Halbkugel in beide Hände und setzte sich neben dem Dämon auf den kalten Felsen. Bellzazar forderte ihn auf, von dieser seltsamen Milch zu kosten.

Sie war köstlich. So etwas hatte er noch nie geschmeckt. Süß, irgendwie nussig und … Nein, er konnte es nicht in Worte fassen. Der Geschmack war einfach ein Stück Paradies.

»Und? Besser als Törtchen?«, schmunzelte Bellzazar.

Luro nickte eifrig, um zu antworten war er zu sehr damit beschäftigt, sich die Lippen abzulecken.

»Seht Ihr, es sind die kleinen Freuden, die uns glücklich machen, nicht die großen Liebschaften, wie die Götter uns glauben machen wollen.«

Mit einem Dolch zeigte Bellzazar, wie Luro das Weiße in der Kugel abschaben und essen konnte. Es hatte eine seltsame Konsistenz, die irgendwie seinen Mund trocken werden ließ, sie schmeckte jedoch trotzdem gut. Aber kein Geschmack war je so köstlich wie Allahads Lippen, auf die Luro wohl verzichten musste. Leider.

***

Spät in jener Nacht, als die Flammen im Feuer erloschen und nur noch feurige Glut Wärme spendete, erwachte Desiderius aus einem unruhigen Schlaf.

Ein Geräusch im Gestrüpp ließ ihn hochfahren. Schatten huschten um das Lager herum, helles Hecheln drang an seine Ohren.

»Schleichwölfe.«

Desiderius blickte zu der Stimme auf.

»Auch Schattenwölfe genannt.« Bellzazar lehnte an einem nahen Baum, sein düsterer Blick war in den finsteren Wald gerichtet. »Sie umkreisen uns schon seit einer Weile.«

Sich aus den Decken befreiend, stand Desiderius von seinem Lagerplatz auf, darauf bedacht, Wexmell nicht zu wecken, der neben ihm schlief.

»Welche Art Kreaturen sind das?«, fragte er halblaut, um die anderen nicht aufzuwecken.

Bellzazar schielte mit einem schiefen Schmunzeln zu ihm. »Eine äußerst reizbare Art von wilden Wölfen.«

Desiderius wollte sich bücken, um nach seinem Langschwert zu greifen.

»Schon gut«, hielt Bellzazar ihn auf. »Sie sind nicht euretwegen hier. Sie spüren die Präsenz eines Dämons, das macht sie nervös.«

Desiderius hob dennoch seine Klinge auf. Nur um sicher zu gehen, schnallte er sich den Gürtel um die Hüfte.

Er trat hinter seinen Bruder. »Werden sie dich nicht angreifen?«

Bellzazar schüttelte gelassen den Kopf, er schätzte die Lage nicht als gefährlich ein.

Trotzdem machten die Viechern Desiderius ganz nervös. Sein letzter Kampf war Monate her, und gegen ein Rudel aggressiver Wölfe zu kämpfen, wenn man fürchtete, eingerostet zu sein, war unklug.

Mit dem Gewicht seiner Klinge, die an seiner Hüfte baumelte, war er schon wieder etwas beruhigter, dennoch rieb er sich den Schlaf aus den Augen, denn er würde wachbleiben.

»Es ist doch höchst seltsam, sie hier vorzufinden«, sagte Bellzazar mit Blick in die Baumkronen, deren Blätter im Mantel der Nacht schwarze Schatten waren. »Jemand muss hier gewesen sein, auf der Insel. Nur über den Schiffsweg hätten die Wölfe hier her gelangen können, und Wölfe sind nicht gerade dafür bekannt, weit zu schwimmen oder Segelschiffe zu steuern. Nein, jemand war hier gewesen, jemand, der auf zwei Beinen ging.«

Was es überhaupt mit dieser Insel auf sich hatte, wusste Desiderius noch immer nicht. Aber alle Fragen darüber wehrte Bellzazar ab. Er bat um Vertrauen, und Desiderius schuldete ihm viel – Wexmells Leben war der wichtigste von vielerlei Gründen – deshalb schenkte Desiderius Bellzazar widerwillig das blinde Vertrauen, das dieser verlangte.

»Wieso ist das ungewöhnlich?«, wollte Desiderius wissen.

»Schattenwölfe gibt es nur in Carapuhr, wir sind aber auf einer Insel, die eindeutig nicht zum Land des Schnees gehört.«

»Ich meinte ja auch, warum es ungewöhnlich ist, dass jemand hier war«, korrigierte Desiderius. Er interessierte sich brennend für die Antwort darauf.

Eine ganze Weile schien es so, als wollte Bellzazar nicht darauf antworten. Weiterhin wurden sie von Wölfen umschlossen, doch der Kreis des Rudels wurde immer größer, sie schienen sich zurückziehen zu wollen. Vielleicht wegen des Erwachens des Drachens, gegen den sie nichts ausrichten könnten, wenn er entfesselt werden würde.

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