Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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Schließlich gestand Bellzazar: »Die Insel besitzt eine nicht sichtbare Barriere, Magiebarriere. Wer nicht selbst ein hochbegabter Magieanwender ist, kann sie nicht betreten.«

Also mussten sie befürchten, dass jemand mächtiges vor ihnen hier gewesen war. Ob sie das beunruhigen sollte, wusste Desiderius nicht. Es wäre einfacher, wenn er wüsste, wonach sein Bruder suchte.

Der Wald, so wunderschön am Abend und am Tage, hatte in der Nacht, wie Desiderius gerade feststellen musste, eine äußerst unheimliche Atmosphäre. Es war nicht gänzlich dunkel, ein hellgrüner Schimmer schien vom Moor aus durch die Bäume, Nebelschwaden, wo warmes Wasser auf kalte Nachtluft traf, schwebte um sie herum. Lichtgestalten gingen ruhelos umher, Klagelaute und Wimmern waren zu hören.

Welch Glück, das Desiderius als Luzianer kaum Grusel an finsteren Orten empfand. Was ihn jedoch beunruhigte, war die Vorstellung, jemand mit mächtiger Magie könnte hier gewesen sein und möglicherweise etwas heraufbeschworen haben. Einen Dämon, zum Beispiel.

Im Gegensatz zu allen anderen, war es Desiderius zuwider, seinen Bruder als Dämon zu bezeichnen, weil Bellzazar in seinen Augen nie ein Wesen aus der Unterwelt sein konnte.

Vielleicht war sein Körper nach der Aufnahme der Seele des Dämonenfürsten jetzt mehr dämonisch statt göttlich, jedoch war Bellzazar vor allem eines: sein Bruder. Brüder, die gemeinsam einen abtrünnigen Gott getötet und den Tod überlistet hatten, als sie Wexmell zurückholten. Es war kein richtiges ›Zurückholen‹ gewesen, jedoch war es so viel einfacher zu umschreiben.

Eine Bewegung in der Nähe des Lagers ließ Desiderius den Kopf drehen. Es war nur eine weitere Lichtgestalt, die durch die Wälder zog.

»Irrlichter«, knurrte Bellzazar. »Wir sollten auf die Menschen in unserem Lager achten. Menschen verfallen schnell den Lockrufen der Geister im Moor.«

»Zasch und Luro sind nicht naiv und einfältig«, warf Desiderius ein, weil er seine Freunde verteidigen wollte. Insgeheim stimmte er Bellzazar aber zu. Es hatte nichts mit Naivität oder Dummheit zu tun, wenn ein Mensch einem Irrlicht folgte. Die verwirrten Geister wussten nur zu gut, wie sie in den Verstand der Menschen eindringen konnten. Woran es lag, dass Geister und Dämonen leichtes Spiel bei Menschen hatten, und Luzianer immun dagegen waren, wusste niemand so genau.

Grauenerregende Schreie von einer Frau durchschnitten die Nacht, die sich anhörten, als würde ihr jemand bei lebendigem Leibe das Herz herausschneiden.

»Irrlichtmutter«, flüsterte Bellzazar leise. Er deutete sofort zur Glut und trug Desiderius leise aber in Eile auf: »Lösch das Feuer.«

Desiderius benutzte das Wasser aus einem Eimer, der als Badewanne für die kleine Karrah gedient hatte, und schüttete es über die Glut. Es zischte laut und übelriechender Dampf stieg auf.

Bellzazar weckte die anderen, jedoch nahm ihm das Zischen des Feuers und die plötzliche Unruhe einiges an Arbeit ab.

»Derius?«, murmelte Wexmell alarmiert.

»Ich bin hier«, flüsterte Desiderius und ging neben ihm in die Hocke. Er übergab Wexmell sein Schwert und sagte knapp: »Verhalt dich ruhig, aber sei bereit.«

Wexmell schälte sich aus der Decke, er war sofort hellwach. »Bereit für was?«

»Irrlichtmutter.«

Allahad, der in der Nähe auf die Beine kam und nach Pfeil und Bogen griff, hauchte: »Wir sind verloren, wenn sie uns sieht. Wir haben keine Chance gegen sie.«

Da hatte er nicht Unrecht. Es gab Dinge in ihrer Welt, gegen die ein Schwert nicht viel ausrichten konnte. Hier wäre Zauberkraft von Hexen notwendig gewesen, aber die einzige Hexe war nicht einmal ganz zwei Jahre alt; und ihre einzigen Waffen waren die Stinkbomben, die sie in ihrer Hose hinterließ.

Apropos Karrah.

Desiderius verließ Wexmells Seite und trat in der Dunkelheit zu Luro, der versuchte, das Kind zu beruhigen.

Karrah quengelte, weil sie geweckt wurde, und das konnten sie gerade gar nicht gebrauchen. Schlimm genug, dass die Pferde bereits unruhig tänzelten und ihr Hufgetrampel die Irrlichtmutter anlocken konnte.

Desiderius nahm seinem Freund das Kind ab, das ihm von der Hexe Ruhna anvertraut worden war. Wie so oft beruhigte sie sich unter seinem leisen Geflüster. Vielleicht lag es nicht einmal unbedingt an ihm, sondern viel mehr an der inneren Ruhe, die von ihm ausging.

Natürlich hatte auch er mehr als oft Angst, jedoch waren seine Nerven aus Stahl und er blieb für gewöhnlich trotz Furcht ruhig.

Er benutzte ein Tuch, um sich das Kind vor die Brust zu binden, sodass sie mit dem Köpfchen an seinem Hals lag und seine Wärme spüren konnte. So wurde sie auch getragen, wenn sie ritten. Kämpfen konnte er so natürlich nicht, aber er konnte ohnehin nichts gegen diesen Feind ausrichten.

Magieschwerter, das bräuchten sie.

Ihre einzige Waffe war der Hexenstab, den Bellzazar auch bereits in den Händen hielt. Mit ein paar gezielten Treffern würden sie die Irrlichtmutter vielleicht verletzen können, doch diese Biester waren blitzschnell, konnten sich unsichtbar machen, und ihre Schreie konnten einem Mann das Trommelfell platzen lassen, wenn sie nur nah genug war.

Zasch, mit seiner hünenhaften und brutal wirkenden Gestalt, konnte mit seinem ruhigen und sanften Wesen die Pferde beruhigen. Mitja griff zum Bogen, doch auch sie schien zu wissen, dass ihre gewählte Waffe keinen Nutzen haben würde, eine tiefe Sorgenfalte stand zwischen ihren Augen.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Wexmell, der neben Bellzazar trat.

Desiderius‘ Bruder flüsterte warnend zurück: »Uns still verhalten!«

Erneut, nun näher, echote der schrille Schrei durch den Wald. Es klingelte ihnen allen in den Ohren. Irrlichter in der Nähe schienen sich zu sammeln, um zu ihrer Mutter zurückzukehren.

Desiderius drückte sich mit dem breiten Rücken gegen einen Baumstamm, seine Gefährten taten es ihm gleich.

Karrah brabbelte, und er brachte sie mit einem Kuss auf das dunkle, violett schimmernde Haar zum Schweigen. Er hatte es ihr, da es bereits sehr lang geworden war, mit einem Lederband zu einem albernen Zopf mitten auf dem Kopf zusammengebunden. Jedes Mal, wenn er sie ansah, musste er sich ein Schmunzeln verkneifen.

Irgendwann, wenn sie groß war, und Wexmell ihr davon erzählte, würde er sicher die Strafe dafür erhalten. Trotzdem, sie sah damit so niedlich aus, dass er ihren Zorn darüber in Kauf nahm.

Den Rücken seiner Ziehtochter streichelnd, sah er über ihren Kopf hinweg zu Bellzazar und Wexmell, die sich gemeinsam an einen großen Baumstamm drückten, direkt hinter ihnen konnte er ein grelles, weißes Licht erkennen.

Es kam deutlich näher.

Eine grauenhafte Gestalt tauchte zwischen den Bäumen hinter Wexmell und Bellzazar auf. In zerrissene weiße Gewänder gehüllt, schwebte sie umher, eine geisterhafte Laterne mit weißem Licht hocherhoben, Fingernägel so lang wie Klauen, ein dürres Gerüst aus Knochen, überzogen von verwester Haut und Lumpen, ergrautes, fettiges Haar. Eine Frau, wie frisch aus dem Grabe endstiegen.

Die Irrlichtmutter.

Sie zog umher auf der Suche nach Opfern. Was sie antrieb, wusste keiner. Woher sie kam, wusste auch niemand. Es gab Vermutungen über Frauen, die von ihren Geliebten ermordet worden waren und nun die Sterblichen heimsuchten – auf Rache aus waren. Es gab auch Gerüchte über Jungfern, verlassen am Hochzeitstag, die sich selbst das Leben genommen haben, ebenfalls getrieben von Rache fanden sie keine Ruhe und machten Jagd auf unschuldige Opfer. Oder Irrlichtmütter waren einfach nur bösartige Geister. Wobei die Bezeichnung ›Geist‹ möglicherweise etwas falsch war. Es waren Essenzen, magische Wesen, jedoch konnte niemand mit Sicherheit sagen, dass sie je in Sterblichen gewohnt hatten. Ein Geist war nicht unbedingt die verstorbene Seele eines einstmals Lebendigem, das konnte nie bewiesen werden. So jedenfalls Bellzazars Erklärungen dazu.

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