Statt es dabei zu belassen, konterte Allahad: »Du musst ja auch nicht jedem Kerl hinterher hecheln, der auch nur ansatzweise nett zu dir ist.«
Fassungslos fuhr Luro zu ihm herum, aber Allahad war schon dabei, sich zu entfernen.
Dieses Mal hielt Luro ihn nicht auf, selbst wenn er gewollt hätte, wäre er nicht dazu in der Lage gewesen, weil er zu schockiert der Worte wegen war.
Nicht nur, dass Allahad impliziert hatte, Luro wäre nur ein netter Trost vor einer angsteinflößenden Schlacht gewesen, nein, dann musste er ihn auch noch als jemanden bezeichnen, der sich an jeden Mann ranschmeißt, der ihm über den Weg lief.
Das Schlimme daran war, das Allahad irgendwie die Wahrheit gesagt hatte. Rückblickend betrachtet war es Luros größte Schwäche, zu schnell und zu tief zu lieben. Aber daran konnte er nichts ändern, sein Herz sehnte sich dafür viel zu sehr nach jemanden, dem er sich zugehörig fühlte.
Ein leises Lachen grollte durch den Wald, düster und dunkel, erheitert und vielleicht etwas schadenfroh.
Genervt drehte sich Luro um: »Ihr labt Euch gern am Unglück anderer? «
»Ihr erinnert mich an mich selbst.« Der Dämon stieß sich von dem Baumstamm ab, an dem er zuvor lässig gelehnt hatte. »Zu einem gewissen Teil zumindest.«
»Lasst mich in Frieden, Bellzazar«, bat Luro weniger barsch als er beabsichtig hatte, er klang nur müde; aber nicht von dem langen Tagesritt.
»Wenn Ihr das wünscht, werde ich das natürlich tun«, erwiderte Bellzazar, doch er blieb vor Luro stehen, statt an ihm vorüber zu gehen.
Genervt sah Luro zu ihm auf, er hoffte, das genügte, um Bellzazar zu verdeutlich, dass er allein sein wollte.
Obwohl, eigentlich stimmte das nicht. Luro war nie gern allein, vor allem dann nicht, wenn er sich schlecht fühlte, doch zog er die Gesellschaft von Lebewesen der von Dämonen vor.
»Ich habe auch mal so sehr nach Liebe gesucht«, gestand Bellzazar. Grübelnd betrachtete er Luros Gesicht, als erinnerte er sich wehmütig an sich selbst. Doch dann lächelte er aufmunternd und fügte hinzu: »Ich fand sie in Freundschaft.«
»Freundschaft und Liebe sind nicht dasselbe«, stand für Luro fest. Er wollte von Allahad keine Freundschaft, er wollte mehr; mehr für ihn sein als ein platonischer Freund.
Schmunzeln konterte Bellzazar: »Und das von einem Mann, der sich immer in seine Freunde verliebt.«
Luro warf ihm einen giftigen Blick zu, der seine Wirkung verfehlte.
Amüsiert schmunzelte der Dämon: »Lieben wir denn unsere Freunde nicht? Und sind unsere Geliebten nicht auch immer eine Art Freunde?«
Luro zuckte gleichgültig mit seinen knochigen Schultern. »Fragen, deren Antworten Euch ein Philosoph geben könnte – was ich nicht bin.«
Streng sagte Bellzazar: »Fragen, die keine Antwort benötigen, weil sie rhetorischer Natur waren.«
Luro musterte für einen Wimpernschlag lang die scharfkantigen Gesichtszüge des Dämons, dann senkte er den Blick, weil dieser Worte gewählt hatte, die Luro kaum verstand. Er fühlte sich nun auf eine Art dumm, die ihn noch mehr niederschmetterte.
War er nicht nur naiv, sondern auch noch einfältig?
»Ihr strengt Euch zu sehr an«, gutmütiger Spott schwang in Bellzazars Stimme mit. »Ihr seid zu willig, zu zugänglich; zu leicht zu haben. Männer wie Euer Freund haben vor allem an Dingen Interesse, die sie jagen können, oder die ihnen verboten werden.«
»Was wisst Ihr schon über Allahad?«, warf Luro ein – jedoch hob er neugierig geworden den Blick zu Bellzazar.
Nicht jeder aus ihrer Gruppe traute dem Dämon ohne Zweifel über den Weg, selbst Desiderius blieb stets skeptisch über dessen Motive, jedoch konnte keiner bestreiten, dass Bellzazar mehr Lebenserfahrung hatte als sie alle zusammen. Wer wusste mehr über das Leben dieser Welt Bescheid als jemand, der sie von Beginn an kennt?
»Ihr wollt keinen Rat. Gut.« Bellzazar hob seinen Arm an, erst da bemerkte Luro die braune Kugel in seiner Hand. Sie war etwa so groß wie sein Kopf und übersäht mit störrisch langen Fasern, ähnlich wie Stroh, nur dunkel.
»Wenn Ihr nicht darüber sprechen wollt, ist mir das einerlei, aber vielleicht habt Ihr ja Lust auf etwas Gesellschaft?«, fragte Bellzazar – für seine Verhältnisse ungewöhnlich – freundlich.
Luro beobachtete ihn mit argwöhnischen Augen ohne etwas zu erwidern. Er war skeptisch gegenüber dem Wesen, das ihn eigentlich größtenteils ignorierte. Was sollte er davon halten, dass der Dämon wie aus dem Nichts seine Nähe suchte?
Bellzazar zog sein Schwert aus der Scheide, er hielt den Arm mit der braunen Kugel weit ausgestreckt, dann schlug er mit der Klinge zu und teilte die Kugel in zwei gleichgroße Hälften. Weiße Flüssigkeit spritzte hervor, dumpf kam eine Hälfte auf dem Boden auf.
»Seht Ihr, ich habe sogar etwas für Euch«, schmunzelte der Dämon. Er steckte zunächst das Schwert ein und hob die andere Kugelhälfte vom Boden auf, ehe er wieder vor Luro trat und unter dessen verwirrtem aber neugierigem Blick die weiße Substanz aufteilte und zu gleichenteilen in die andere Hälfte der Kugel goss.
»Es ist zwar keine Kuhmilch«, bedauerte Bellzazar, lächelte Luro jedoch ins Gesicht und hielt ihm eine gefüllte Hälfte entgegen, »aber glaubt mir, es ist köstlich.«
Unsicher betrachtete Luro die seltsame Frucht. Äußerlich hätte er sie für eine übergroße Mistkugel gehalten, innerlich war sie schneeweiß und gefüllt mit wenigen Schlückchen dieser seltsamen Milch, die stark wässrig wirkte.
Unwillkürlich hob er eine Hand und kratzte sich an seiner dünnen Kehle. Die Neugierde kitzelte ihn, aber das Misstrauen ließ ihn zögern.
Bellzazar schnaubte. Er legte seine Hälfte an die Lippen und nahm einen Schluck, leckte dann die unbekannte Milch von seinen dünnen Lippen. Danach sagte er gelassen: »Warum sollte ich Euch vergiften wollen? Wäre Euer Tod mein Wunsch, hätte ich genug Gelegenheiten gehabt, Euch zu töten.«
Trotzdem rührte Luro das fremdartige Ding nicht an.
Kopfschüttelnd wandte sich der Dämon ab. Mit den beiden Hälften der Kugel schlenderte er zu einer Ansammlung von Felsen, die von Schlingpflanzen überwuchert waren, und setzte sich.
»Wisst Ihr«, seufzte er dann und blickte Luro an, »Euren Schurken kann ich vielleicht verstehen. Er liebte immer nur Frauen. Auch wenn er nichts dagegen hat, wenn seine engsten Freunde Männer bevorzugen, heißt das nicht, dass es ihn nicht verwirrt, oder sogar abschreckt, die gleichen Vorlieben für sich zu entdecken.«
Sauer knurrte Luro: »Es ist keine Vorliebe!« Er hasste es, wenn jemand sein Leben als eine unbedeutende Vorliebe bezeichnete, so als seien seine Gefühle für Männer nicht mehr, wie die Frage, ob er lieber Huhn oder Schwein aß.
Bellzazar fragte abschätzig: »Warum benehmt Ihr Euch wie eine Prinzessin, die nach ihrem strahlenden Ritter sucht?«
Angesichts der offenen Beleidigung, schnitt Luro ihn mit einem Blick.
Unbeeindruckt fuhr Bellzazar fort: »Ihr seid doch ein Mann! Ein Mann aus Fleisch und Blut, und ein ganz hübscher obendrein. Warum also lauft Ihr jenen hinterher, die Euch nicht wollen? Ihr könntet an jeder Straßenecke Euren Spaß haben.«
Spaß zu jeder Zeit an jeder Ecke mit so vielen unterschiedlichen Kerlen, wie nur irgendwie möglich, war ja ganz schön, es war jedoch nicht die Lebensweise, die Luro für sich selbst vorsah.
»Und was ist mit … Liebe?«, fragte er und scharrte mit dem Fuß über den Boden. Unter feuchtem Moos und Schlingpflanzen war hellgrauer Fels zu sehen.
Bellzazar schmunzelte: »Manchmal zieht man der Liebe die Freude vor. Das ist angenehmer und senkt das Risiko, enttäusch zu werden.« Damit nickte er in die Richtung, in die Allahad entschwunden war, um seine Worte zu bekräftigen.
Luro starrte in das Loch, das Allahads Körper in einer Wand aus Gestrüpp hinterlassen hatte. Enttäuscht? Ja, das war er. Deshalb verbittert sein und sich dadurch verändern lassen? Nein, das lag nicht in seiner Natur. Er war nicht wie Desiderius, der nach einer Enttäuschung sieben Jahre und ein stürmisches Auf und Ab mit einem Prinzen benötigt hatte, um sich wieder zu verlieben.
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