»Darf ich Euch als Freund eine persönliche Frage stellen?«, hakte der Prinz vorsichtig nach.
Allahad wusste bereits, worum es ging. Und bevor er diese Fragen noch hunderte Male abweisen musste, beschloss er, es sofort hinter sich zu bringen; er nickte wiederwillig.
»Liebt Ihr ihn denn nicht?«, fragte der Prinz gerade heraus.
Allahad lächelte zynisch, hatte er doch gewusst, worum es ging. Mit nach vorn gerichteten Blick, der über die Moorebene glitt, antwortete er: »Luro ist mein Freund, auf diese Weise liebe ich ihn. Vielleicht auch mehr, aber das heißt nicht, dass es genug wäre um … so zu sein wie Ihr und Derius.«
Nachdenklich nickte der Prinz. »Eine zärtliche Einstellung.«
»Zärtlich?«
»Mhm.« Schüchtern lächelte der Prinz. »Ihr habt kein Problem, Liebe zu gestehen. Desiderius ist da anders, er sagt es nicht.«
»Es ist offensichtlich, dass er Euch liebt«, warf Allahad ein.
Sofort nickte Prinz Wexmell. »Gewiss. Er zeigt es mit Taten, hat es aber nie gesagt.« Nun sah er Allahad auffordernd an. »Bei Euch verhält es sich genau anders herum: Ihr sagt zwar, dass Ihr Luro liebt, Ihr zeigt es aber nicht.«
Hm. Stimmte wohl.
»Aber der eigentliche Grund für meine sehr persönliche Frage war, dass ich wissen wollte, ob der Dämon der Angst falsch gelegen hat«, erklärte der Prinz mit einem Mal ernst. »Es wäre doch beruhigend gewesen, wenn nicht nur wir Sterblichen Fehler begehen, sondern wenn sich auch die mächtigen Kreaturen der Unterwelt irren können.«
Allahad musste einfach wegen des Prinzen lächeln. Erleichterung überkam ihn, weil der Prinz ihn nicht mit unzähligen Worten versuchte, zu überreden, dem armen Luro doch etwas Nähe zu schenken. Allahad wollte einfach nicht und der Prinz akzeptierte das mehr als alle anderen. Und das obwohl er selbst nie akzeptieren wollte, dass Desiderius ihn abwies. Seine Hartnäckigkeit hatte sich für ihn und Desiderius gleichermaßen gelohnt.
Erneut legte Allahad ihm eine Hand auf die Schulter und sagte aufmunternd: »Wisst Ihr, die Dämonen sind doch im Grunde nur aus Neid so grausam zu uns Sterblichen, weil wir etwas haben, das sie nicht verstehen können: Emotionen. Und keine Angst, mein Prinz, auch sie sind nicht fehlerlos.« Sein Blick glitt unmerklich zu Bellzazar, der an der Geheimtür stand. »Wir müssen nur herausfinden, wo ihre Schwachstellen liegen.«
***
Nachdem er – nach der Offenbarung, dass sein Hengst magisch war – sich Wanderer versuchsweise genähert und seine Ohren gekrault hatte – um sich zu überzeugen, dass er trotzdem nur ein schwarzes Pferd war, uralt, aber ansonsten recht gewöhnlich – trat Desiderius neben seinen Bruder und fragte ganz direkt: »Wie öffnest du die Tür? Und wo führt sie hin?«
»In eine Höhle.« Bellzazar klang versunken. »Ich suche nach einem Sigel, stelle jedoch fest, dass nur etwas Göttliches es finden kann.« Auffordernd sah Bellzazar plötzlich seinen Bruder an, als käme ihm erst jetzt eine einleuchtende Idee. »Versuch du es.«
»In mir wohnt zwar ein Drache und unsere Mutter ist vielleicht eine Göttin, jedoch lehnte ich den Rang als göttliches Wesen ab, als der Schöpfer mich danach fragte«, warf Desiderius ein.
»Trotzdem steckt zum Teil auch etwas Göttliches in dir, also versuch es.« Nach kurzem Zögern hing er ein halb ernstgemeintes »Bitte« hinten ran.
Ausatmend trat Desiderius vor den Geheimzugang. Er streifte seine Handschuhe ab und begann, den kühlen Felsen abzutasten.
»Du wirst das Siegel spüren«, versprach Bellzazar mit gehauchter Stimme. »Schließ die Augen, lass dich von der Magie in dir leiten. Suche mit deinem Geist, nicht mit den Händen.«
Desiderius versuchte, alles auszublenden. Den kühlen Wind, die Feuchtigkeit aus dem Moor um sie herum, das Moor selbst mit seinem grünlichen Nebeldunst, die stöhnenden Untoten und ihren Gestank, das leise Gemurmel seiner Gefährten, Bellzazars Präsenz in seinem Rücken, Wexmells sehnsüchtige Blicke, die ab und an zu ihm glitten, das Schnauben der Pferde, seine Stiefel, die im aufgeweichtem Boden immer mehr versanken, sogar seinen eigenen schweren Atem und sein schlagendes Herz in der Brust …
Dann konnte er plötzlich etwas wahrnehmen. Es war nicht wie das Gefühl, das er immer verspürte, kurz bevor sein Bruder in seiner Nähe auftauchte. Es war ein unscheinbareres Gefühl, nur der Hauch eines Gefühls. Leicht, unschuldig, wie eine Frühlingspriese oder der Duft einer zarten Rose, kurz bevor sie in voller Blüte stand. Ein unbekannter, siebter Sinn führte ihn, bis er etwa in der Mitte der Geheimtür ein Vibrieren spürte. Eine Unebenheit im Fels, die erst zu erkennen war, als er sie berührte.
Desiderius öffnete die Augen und atmete auf. Seltsam, er hatte überhaupt nicht bemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Zwei Finger gruben sich in die Einkerbungen und fegten loses Gestein heraus. Ein Kreis war in die Tür eingemeißelt, er zeigte das gleiche Sternen Muster wie auch das Amulett, das er trug. Jenes Amulett, das der Schlüssel zur Gefängniswelt seiner Mutter ist.
Er drehte sich zu Bellzazar um. Sein Bruder schien nicht überzeugt zu sein, ob der die Tür wirklich öffnen wollte.
»Zazar, wenn es etwas gibt, das du mir sagen willst, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt«, sagte Desiderius zu ihm.
Bellzazar schob ihn Beiseite und trat endschlossen vor das Siegel. »Ich habe nur Angst, dass es nicht funktioniert. Was unterhalb des Moors auf uns wartet, brauchen wir nicht zu fürchten, ich verspreche es dir.«
Trotzdem verspürte Desiderius große Zweifel. Vielleicht sollten sie umkehren. So gerne er seinem Bruder auch helfen mochte, er wollte das Leben seiner Freunde nicht in Gefahr bringen. Nicht schon wieder. Er hatte genug angestellt.
Laut schluckend fuhr Bellzazar mit ausgestreckten Fingerspitzen über das Siegel, es leuchtete unter der Berührung mystisch blau auf.
Unbehaglich trat Desiderius von einem auf den anderen Fuß. »Das hat es vorhin noch nicht gemacht. Bei mir, meine ich.«
»Die Tür ist mit Magie verschlossen, mit göttlicher Magie versiegelt. Und es lässt sich nur von einem Wesen öffnen«, erklärte Bellzazar. Er zog einen Dolch hervor und legte seine Hand um die silberne Klinge. Er zog den Dolch durch seine Hand, grunzte wegen des Schmerzes auf, Blut floss durch seine Finger und tropfte auf den Boden.
Desiderius wusste nicht, ob er zurücktreten oder ihn aufhalten sollte, infolgedessen blieb er einfach stehen und umschlang sich selbst mit den Armen.
Ihm war gewiss nicht wohl dabei, untätig zuzulassen, was auch immer gerade vor seinen Augen geschah. Aber etwas schlich sich in ihn, dass ihn veranlasste, alles geschehen zu lassen: Neugierde.
Sie hatten einen Gott besiegt, er und sein Bruder. Also, was auch immer hier lauerte, war auch irgendwie zu besiegen.
Bellzazar rieb seine Finger aneinander, verteilte das Blut, bis seine Hand rot gefärbt war, und sagte wie zu sich selbst: »Eine Tür, geschaffen um mich zu meinem Schicksal zu führen. Gewollt so versiegelt, dass ich sie erst öffnen kann, wenn ich mich für das Wohl der Götter selbst geopfert und meinen Vater für sie vernichtet habe – oder um mich für immer hiervon fernzuhalten.« Er legte die blutige Hand auf das Siegel und erklärte mit bösartigem Schmunzeln an Desiderius gewandt: »Eine Tür, die nur ein Dämon öffnen kann.«
Desiderius konnte ihn nur anstarren, zu sehr war sein Hirn damit beschäftigt, zu begreifen, dass sie mal wieder mit hohen Mächten spielten. Und dann, unter seinen ungläubigen Augen, begann der Fels zu vibrieren. Die Geheimtür schob sich zurück und glitt zur Seite, Gesteinsstaub und kleine Steine flogen durch die Luft, das Geräusch ließ seine Kameraden aufblicken und zu ihnen kommen.
Mit einem Schaben verschwand die Tür und legte einen Höhlengang frei, der steil nach unten führte.
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