Auch jetzt verkniff er sich keinen Kommentar vom Lagerfeuer aus, wo er das Frühstück einnahm: »Du solltest ihm zum Pferd auch Seile dazu schenken, Lugrain, damit wir ihn auf dem Rücken des Hengstes festbinden können.«
»Ignorier ihn, Zazar. Welchen Namen willst du ihm geben?«
Darüber musste Bellzazar nicht nachdenken: »Lugrain. Ich möchte ihn Lugrain nennen.«
Das Strahlen in Lugrains Augen hatte ihm gezeigt, dass dieser seine Entscheidung nicht albern fand, sondern sich daran erfreute. Jener Blick warf Lugrain Bellzazar oft zu, und immer wieder musste Bellzazar feststellen, dass es Surrath, der sie stets beobachtete, traurig davongehen ließ.
Nun, Stunden später, gingen Lugrain und Bellzazar durch den Wald, die Pferde hatten sie am Rand freilaufen lassen, weil ihre schweren Hufe die gute Beute vertrieben hätte. Ein Drache zog über ihren Köpfen hinweg, sein Hort war ganz in der Nähe, schon seit vielen Monden wurden seine dunklen Schwingen über den Wäldern gesichtet. Er fraß so fiel, dass kaum noch genug Wild zum Jagen übrig war. Lugrains Stamm wollte die Tierarten nicht ausrotten, weshalb sie auf die Wildbestände achtgaben, der Drache erschwerte ihnen deshalb die Jagd.
Der Wind war eisig, er peitschte vereinzelte Schneeflocken in ihre Gesichter, weiße Punkte sammelten sich in ihrem schwarzen Haar, ihre Körper wurden durch Pelze und Fellumhänge vor der Kälte geschützt, jedoch fror Bellzazar trotzdem. Er fror immer, weil sein Körper sich erst an die Temperaturen in dieser Welt gewöhnen musste. Selbst nahe am Feuer liegend zitterte er noch im Schlaf, obwohl Surrath für Bellzazar immer fiel Feuerholz auflegte.
Bei dem Gedanken an Schlaf und Feuer, erinnerte er sich an etwas, das er schon seit der ersten Nacht beobachtete. Stets heimlich, wohlbemerkt. Jedoch war gestern Abend etwas Unerwartetes geschehen: er war erwischt worden.
Trotz Weib, suchte Lugrain ausschließlich Surraths Hütte auf – was wohl auch der Grund dafür war, dass Surrath aus Neid und Eifersucht gemieden wurde – und stieg zu Surrath unter die Felle.
Jede Nacht beobachtete Bellzazar die beiden, nicht wissend, was er davon halten sollte. Und letzte Nacht hatte er durch die Flammen Lugrains Blick aufgefangen.
Lugrains muskulöser Köper war mit Schweiß überzogen gewesen, sein dunkles Haar war geöffnet und fiel fließend auf seine gebräunten Schultern, das Weiß in seinen Augen hatte geleuchtet, als er durch das Feuer hindurch Bellzazars Blick einfing. Auch Surrath, der auf dem Bauch unter ihm gelegen hatte, ebenfalls nackt, verschwitzt, war Bellzazars Blick ebenso wenig entgangen.
Erschrocken hatte Bellzazar sich einfach schlafend gestellt. Er hatte die beiden auflachen aber weitermachen hören. Keuchen und schweres Atmen war zu hören gewesen, genau wie jede Nacht. Es war zu etwas geworden, das Bellzazar vermissen würde, wenn es weg wäre.
Danach, als sie sich in den Armen lagen und Lugrain Surrath den Arm auf und ab streichelte, beide erschöpft, aber mit entspannten Mienen, hatte Bellzazar sie reden hören.
»Er ist nicht wie wir«, hatte Surrath geflüstert.
Lugrains Erwiderung darauf lautete: »Das muss er ja auch nicht sein.«
»Ich weiß, wie du ihn ansiehst«, Surraths Stimme klang traurig, »so wie du mich ansiehst.«
»Ich gab dir ein Versprechen, das ich halten werde. Nur du und ich. Und Zazar ist unser Freund, unser Schützling, deiner und meiner. Mach dir keine Sorgen um die Treue meines Herzens.«
Fell raschelte, als Surrath sich zu Lugrain umdrehte. »Ich zweifle nicht an deinem Herz, und Zazar ist mein Freund, trotzdem macht es mich traurig, wenn deine Augen bei ihm leuchten.«
»Ich schwöre dir bei der Göttin der Liebe, das durch Zazars Anwesenheit mein Herz nicht ins Wanken gerät«, hauchte Lugrain versprechend und animalisch zugleich, sodass Bellzazar vernahm, wie sie ihre Körper gleich darauf erneut vereinigten, um den Schwur zu vollenden.
Im Wald, während unter seinen Füßen die gefrorene Erde knirschte und die Kälte an seinen Beinen hochkroch, wie eine aufdringliche Schlange, sagte Bellzazar zu Lugrains Rücken: »Ich habe euch gesehen, letzte Nacht.«
In Lugrains Stimme klang ein Lächeln mit: »Das war gewiss nicht die erste Nacht.«
Sie hatten es also schon früher bemerkt. Warum hatten sie nichts gesagt? War es falsch von ihm, zuzusehen? Nein, wohl nicht. Im Stamm wurde der Akt an wärmeren Tagen direkt in der Mitte am großen Feuer vollzogen. Und jeder konnte und durfte sich dazugesellen. Trotzdem, dass zwischen Lugrain und Surrath hatte mehr als nach Fleischeslust ausgesehen. Es war eine innigere Vereinigung als das, was der Rest des Stamms vollzog.
Umso dringlicher war Bellzazars Nachfrage: »Wieso Surrath? Er ist doch wie du, ein Mann.«
Auflachend sagte Lugrain: »Das hast du richtig erkannt, Zazar.« Aber dann blieb er stehen und drehte sich mit besorgter Miene zu Bellzazar zum. Unsicher hakte er nach: »Stört es dich? Siehst du uns jetzt anders?«
»Nein«, antwortete Bellzazar wahrheitsgemäß, zuckte jedoch dann mit den Schultern. »Allerdings versteh ich nicht, wozu.«
Lugrains Augenbrauen zuckten nach oben, wieder begann er über Bellzazar zu lachen. »Wozu, fragst du mich? Na, weil es Spaß macht. Weil es … von inniger Liebe zeugt, und … weil es keine tiefere Verbindung geben kann.« Es fiel Lugrain ganz offensichtlich schwer, es zu erklären. Er kratzte sich am Kopf und runzelte nachdenklich die Stirn.
»Aber er ist ein Mann«, warf Bellzazar ein. »Wozu vollziehst du den Akt mit ihm, du kannst dich ja nicht mit ihm fortpflanzen …«
Lugrain sah ihn an, als hätte Bellzazar ihm gerade mit einem Eimer eins über den Schädel gehauen. »Aus Liebe, natürlich.«
Das verstand Bellzazar erst recht nicht. »Im Reich der Götter lieben wir uns auch. Aber nicht so.«
»Dann hast du nie …?«
Bellzazar schüttelte den Kopf. »Wozu? Ich kann mich nicht vermehren.«
Lugrain widerholte: »Na, aus Liebe!«
»Die Liebe der Götter ist anders. Sie ist rein«, erklärte Bellzazar. »Eine reine Liebe, die wir alle teilen.«
»Du wolltest doch nicht teilen«, erinnerte ihn Lugrain. Lange und ausgiebig hatten sie über Bellzazar gesprochen. Lugrain wusste, dass Bellzazar seinen Erzeuger finden und töten sollte, dafür musste er sich selbst opfern. Anders als die Götter, wollte Lugrain nicht, dass Bellzazar diese Reise antrat. Er sagte, sie würden einen Weg finden, ihn davon zu befreien, jedoch durften sie nicht daran denken, nicht solange die Götter zuhören konnten. Nur wenn Carrfee, auf Lugrains Drängen hin, Magie anwandte, um die Hütte abzuschirmen, konnten sie darüber sprechen. Immer wieder bat Lugrain, dass Bellzazar beim Stamm blieb und sich nicht selbst opferte. Und da Bellzazar Furcht vor seiner Aufgabe hatte, der er ohnehin nicht gewachsen war, hatte er beschlossen, an Lugrains Seite zu verweilen. Denn hier erhielt er, wofür er bestraft worden war; er wurde geliebt, von Lugrain und Surrath, und sie sorgten sich um ihn, mehr als um alle anderen. Er gehörte endlich zu jemanden. Und so gern er Lugrains Liebe für sich allein beanspruchen wollte, duldete er Surrath, weil auch Surrath ihn liebte. Sie waren wie Brüder, sie alle drei.
Aber was Lugrain und Surrath teilten, schloss Bellzazar nun aus. Er hatte nicht verstanden, worum es bei Fleischeslust ging, höchstens um Spaß, jetzt sprach Lugrain jedoch von tiefer Verbindung und inniger Liebe.
Sollte das bedeuten, Lugrain und Surrath teilten eine Liebe, die Bellzazar ausschloss?
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