Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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Die Gänge waren nicht ungefährlich und manche Abschnitte so eng, dass er kaum hindurch passte. Luro hatte sogar seine Nachtschattenkatze Marrah zurücklassen müssen, noch jetzt hörten sie die herzzerreißenden Laute der Katze, die ihren Herrn vermisste und trotz Zureden nicht begriffen hatte, das Luro wiederkommen würde.

Alle waren hochkonzentriert, keiner durfte sich auch nur einen falschen Schritt erlauben.

Ob sie auf diesem Wege überhaupt wieder zurückkamen? Die letzte enge Stelle war so nass und glitschig gewesen, dass Desiderius sich fragte, wie er da wieder hochkommen sollte. Seile wären angebracht gewesen, jedoch hatten sie nicht genug dabei, und die meisten davon waren rissig und wenig vertrauenswürdig.

Erneut gelangten sie an eine Stelle, wo sie sich nacheinander durch ein winziges Loch quetschen mussten.

»Aber da passt man doch nicht durch!«, beklagte sich Allahad.

»Ich gehe vor«, beschloss Bellzazar. »Wenn mein Körper durchpasst, schaffen es auch alle anderen.«

Desiderius nahm seinem Bruder die Fackel ab, und hielt sie zusammen mit seiner eigenen fest, während sich Bellzazar durch das Loch quetschte. Es führte wieder hinab, der Engpass war länger als alle zuvor, sodass Bellzazar bei der Hälfte beinahe stecken blieb. Nur gut, dass Bellzazar im Fall der Fälle seinen Körper in schwarzen Nebel auflösen konnte. Er ging nur voran, um ihnen zu zeigen, dass es möglich war, hindurchzukommen.

Sie waren weit unter der Erde in einem Felsen, hatten kaum genug Platz, sich um die eigene Achse zu drehen – was, wenn wirklich jemand stecken blieb?

Oder sich den Fuß verstauchte? Das Bein umknickte? Sich an einem scharfen Felsen eine tiefe Schnittwunde zufügte?

Wie sollte Desiderius dafür sorgen, dass seine Gefährten heil wieder rauskamen?

Er stand kurz davor, umzukehren.

»In Ordnung«, ächzte Bellzazar von unten und steckte den Arm durch das Loch zu Desiderius hinauf.

Desiderius übergab seinem Bruder erst die eine, dann die andere Fackel, dann folgte er ihm. Niemand hielt ihn auf, keiner drängte danach, der nächste zu sein.

Das beklemmende Gefühl in Kehle und Brust wurde zu einem Zittern und Krampfen, als er sich in das Loch hinabließ. Unbeweglicher Felsen umgab ihn, nass und feucht, quetschte ihn zusammen. Auf halben Weg bekam er Panik, als er so weit unten war, dass er mit den Armen nicht mehr die Kante erreichte. Ihm war tatsächlich zum Heulen zumute, als sich sein Körper zwischen den Felsen festsetzte und weder nach unten noch nach oben bewegte. Wenn er festhing, würde ihn nichts und niemand hier rausholen können.

Bellzazars Hände umfassten seine Fußgelenke und zogen ihn raus.

Erleichtert ausatmend landete Desiderius mit den Füßen in einem Gang, der etwas mehr Platz bot. Er nahm seine Fackel wieder an sich, leuchtete in das Loch und versuchte angestrengt, nicht darüber nachzudenken, dass er noch tiefer in den Felsen gehen musste. Hier durfte er nicht seine Fantasie spielen lassen. Er musste alle Sorgen ausblenden, er musste einfach weitergehen. Und nein, er durfte keinesfalls daran denken, dass er auch irgendwie wieder durch dieses Loch nach oben gelangen musste, wenn er hier unten nicht verhungern wollte.

Wexmell war der Nächste. Es verstand sich von selbst, dass Desiderius Bellzazar abdrängte um den Prinzen aufzufangen.

Trotz neu gewonnener Muskelmasse, war Wexmell noch immer schmäler als alle anderen und kam nicht in den Genuss einer Panikattacke in der Mitte des Lochs, wo Desiderius stecken geblieben war.

Wexmell klopfte sich Dreck von den Fingern, während Desiderius den Schein der Fackel benutzte, um den Gang ein Stück entlang zu leuchten. Es sah danach aus, als ob der Höhlenabschnitt, der sich vor ihnen erstreckte, breit blieb.

Luro warf seine Fackel hinab, klappernd kam sie zum Erliegen, er war der schmälste von allen und hatte keinerlei Probleme, zu folgen, Bellzazar fing ihn auf.

Dann folgte Allahad. Sein Bein verkeilte sich in einer Spalte, bevor er das Loch verlassen konnte.

»Luro, zieh an einem Fuß.« Angst schwang in dem schnurrenden Akzent mit. »Bitte.«

Luro streckte sich nach dem Fuß, der halb aus dem Loch hing, und packte zu, hing sich mit seinem gesamten Gewicht – nicht das es viel gewesen wäre – an Allahads Bein.

»Ah! Nicht so fest!«, beklagte sich der zottelhaarige Schurke.

»Entschuldigung.«

»Pass doch auf!«

»Mach ich ja, tut mir leid«, sagte Luro ruhig. Er war stets gelassen und fauchte selten zurück, trotzdem hörte Desiderius seinem Freund an, dass auch seine Nerven strapaziert waren. Ob es nun an Allahad persönlich lag oder an diesem Ort, vermochte niemand zu deuten. Vielleicht eine Mischung aus beidem.

Unsanft zerrte Luro an Allahads Bein, doch es wollte sich nicht bewegen. Desiderius blieb bereits das Herz stehen, als er glaubte, Allahad würde für immer dort festhängen. Nicht nur, dass er verloren wäre, er würde ihnen allen auch noch den Weg zurück versperren.

Doch da bewegte sich das Bein urplötzlich und Allahad fiel aus dem Loch, sein Körper riss Luro um und sie stürzten unsanft auf den Boden.

Bellzazar wandte sich ab und ließ es sich nicht nehmen, über sie zu lachen.

Desiderius warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu, aber das Schmunzeln konnte auch er sich nicht verkneifen.

»Aua!« Mit gepetzten Augen rieb sich Luro den Rücken, Allahad lag quer über seinen Beinen und stöhnte ebenfalls.

»Ich sagte doch, dass du aufpassen sollst!«, lachte Allahad und kam auf die Beine. Er streckte Luro die Hand entgegen.

Luro schlug ein und ließ sich auf die Beine ziehen. »Hauptsache, du bist draußen.«

Sie klopften sich gegenseitig den Dreck ab.

»Danke«, sagte Allahad, weil Luro ihn rausgezogen hatte.

»Bitte«, erwidere Luro.

Sie sahen sich an. Sie wichen ihren Blicken aus. Sie kratzen sich an den Köpfen …

»Also dann …«

»Ja … ähm …«

Unbehagliches Räuspern, peinliches Schweigen … Sie wandten sich voneinander ab.

Desiderius schüttelte belustigt den Kopf und drehte ihnen den Rücken zu. »Weiter geht’s.«

Bellzazar ging voran, Desiderius und Wexmell folgten, Luro und Allahad bildeten wieder den Abschluss.

Desiderius warf einen prüfenden Blick über die Schulter zu Jäger und Schurke, als er sicher war, dass sie ihn nicht hören konnte, sah er Wexmells ins Gesicht und fragte besorgt: »Ob sie nach der Sache mit dem Dämon je wieder Freunde sein können?« Oder würde es von nun an immer so sein, dass sie sich nichts mehr zu sagen hatten, und mit stur geradeaus gerichteten Blicken nebeneinander hergingen?

Mitgefühlvoll leuchteten Wexmells eisblaue Augen, als er gestand: »Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich glaube, ich könnte es nicht, wäre ich an ihrer Stelle.«

Das machte Desiderius traurig. Er vermisste ihre Albernheiten untereinander. Vermisste es, dass die beiden Freunde gewesen waren. Vermisste, wie sie sich gegenseitig aufgezogen und damit auch ihn zum Lachen gebracht hatten.

Sie waren seine Freunde, enge Freunde, und es machte ihm schwer zu schaffen, dass sie nicht mehr wie früher zueinander sein konnten. Die Begegnung mit dem Dämon hatte großen Schaden hinterlassen, der nicht zu reparieren war. Am liebsten hätte Desiderius ihn wiedererweckt und noch einmal vernichtet.

Weitere Engpässe und Felsspalten machten ihnen das Weiterkommen schwer. Ein Spalt war so heimtückisch, dass sie sich allesamt an einer hervorstehenden Kante die Wangen blutig schabten.

Aber schließlich, mit den Nerven am Ende und der Sorge, ob sie es je zurückschaffen konnten, gelangten sie zu einem Gang, der laut Bellzazar der letzte war.

Hier war etwas anders.

Die Gewölbewände erzählten Geschichten. Desiderius und seine Freunde beleuchteten die in Stein gehauenen Figuren. Abbilder von Kriegern und Drachen zierten die Wände. Er sah eine große Schlacht, Wilde traten gemeinsam mit einem Drachen gegen Reiter an.

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