Nun ja, mehr oder weniger, die Krönung war ausgeblieben, nicht einmal ein echter Prinz war Wexmell noch, wenn man bedachte, dass ihn alle für tot hielten und dass der Sohn eines Verräters auf Nohvas Thron saß. Aber das war wohl Haarspalterei, er lebte ja noch und all seine Vorfahren waren tot, demnach war er ein König, wenn auch ohne Krone und ohne Land, immerhin war er der Sohn eines Königs. So genau nahm es das Siegel wohl nicht, vermutlich hätte es genügt, wenn Bellzazar einen selbsternannten König irgendeiner zwei Schritt breiten Insel mitgebracht hätte.
Bellzazar schnitt sich selbst, öffnete die Wunde, die er sich bereits an der ersten Tür zugefügt hatte, und legte seine blutende Hand über das Wolfssiegel. »Blut der Unterwelt.« Das Siegel leuchtete dunkel, schwarzer Nebel umrandete es.
Die Tür begann zu beben, als alle Siegel gelöst wurden. Sie entfernten ihre Hände und traten zurück, während sich Felsen in Felsen schob und Staub aufwirbelte.
Der Boden unter ihnen vibrierte, sodass kleine Steinchen wild hüpften, in Desiderius‘ Innerem sah es nicht viel anders aus, er fühlte sich aufgerüttelt.
Immer mehr erkannte er, dass Bellzazar niemals hierher hätte gelangen können, wenn er Desiderius und Wexmell nicht gerettet und sich selbst zum Dämon gemacht hätte. Desiderius war der erste und einzige Blutdrache seit Jahrtausenden. Und welcher König, außer Wexmell, wäre Bellzazar hier her gefolgt?
Er musste auf diesen Tag Jahrtausende lang gewartet haben, fast konnte man Mitleid mit Bellzazar haben, würden Desiderius nicht die Fragen quälen, was genau Bellzazar eigentlich suchte.
Was sie hinter der Tür erwartete, war eine Grabkammer aus Stein.
Kein Schmuck, kein Silber, keine Reichtümer waren dem steinernen Sarg in der Mitte beigestellt. Magisches Feuer in Form von Fackeln leuchteten noch immer im Inneren. Es war ein großer Raum, ähnlich einem Thronsaal in einer Burgfeste.
Über dem Sarg, an der Wand dahinter, war in den Felsen das Abbild eines monströsen Drachen gemeißelt worden, der im Flug mit gebleckten Zähnen auf die Eindringlinge hinabstürzen wollte. Sieben große Statuen von Rittern, so hoch wie zwei ausgewachsene Männer übereinandergestapelt, standen in der runden Grabkammer an den Wänden. Mit Schwertern und Schilden in den steinernen Armen, wachten sie über den einsamen Sarg.
Angelockt von einem Flüstern, das nur er hören konnte, trat Desiderius in die Kammer. Erst als seine Schritte in der Halle widerhallten, folgten auch seine Gefährten.
Vorsichtig näherte er sich dem Sarg und begriff sehr schnell, dass der Gesteinsdeckel zerstört war. Aufgeschlagen mit einer Axt oder einem großen, zweihändigen Streitkolben. Die Bruchtücke waren in den Sarg gebröselt. Durch das eingeschlagene Loch konnte Desiderius einen Krieger erkennen, auf ewig in seine Rüstung aus Kettenhemd und halb zerfressenen Pelzen und Stoffen gehüllt, einen Helm auf dem Kopf, dessen Visier eine silberne Maske war.
»Er sieht aus wie du«, hauchte Wexmell leise.
Desiderius zuckte zusammen, weil er nicht bemerkt hatte, wie Wexmell neben ihn getreten war. Beide warfen sich unbehagliche Blicke zu.
»Ich finde, er sieht wie mein Vater aus. Jedenfalls die Maske.« Er bezweifelte doch stark, dass das Gesicht der Leiche darunter noch mit irgendetwas anderen Ähnlichkeit besaß als mit einem ausgetrockneten Stück Schuhleder.
Desiderius warf einen Blick zu Bellzazar, der vor der Wand mit dem Drachen stand und ehrfurchtsvoll die in den Stein gemeißelten Konturen des Abbildes streichelte, als würde er einen alten Freund begrüßen. Tränen standen ihm in den Augen.
In der Kehle des Drachen befand sich das einzige Schmuckstück des Raums – ein faustgroßer Stein, der fast wie aus Glas wirkte, darin schimmerte rostrote Farbe wie züngelnde Flammen. Bellzazar löste den Stein heraus, Staub rieselte aus der Öffnung, die zurückblieb, er nahm den Stein an sich.
Vorsichtig streckte Desiderius die Hand in den Sarg, nachdem er sicher war, dass Bellzazar ihn nicht davon abhalten würde. Er wollte nicht nur sehen, was unter der Maske lag, er wollte die Maske selbst begutachten, weil die Gesichtszüge so vertraut schienen.
Er streckte einen Finger unter die Maske und hob sie an.
Gemeinsam mit Wexmell starrte er ungläubig auf das, was in dem Sarg lag, nachdem er die silberne Maske entfernt hatte.
»Nur eine Rüstung«, erkannte er und war irgendwie enttäuscht. »Der Sarg ist leer.«
Bei dieser Aussage wirbelte Bellzazar zu ihnen herum. In seinen Augen stand ein grauenhaftes Entsetzen, das Desiderius sehr gut kannte; er hatte es gespürt, als er glaubte, Wexmell würde sterben.
»Was sagst du da?« Bellzazars Stimme zittere.
Luro und Allahad, die ihrerseits die Statuen begutachtet hatten, drehten sich zu ihnen um.
»Leer«, wiederholte Desiderius. »Der Sarg ist leer, bis auf eine Rüstung.«
»Das kann nicht sein!« Bellzazar stampfte auf sie zu und schob Desiderius grob zur Seite.
Ungläubig starrte er in das Loch. Dann ging mit einem Mal ein Ruck durch ihn und er stemmte sich gegen den Sarg. Bellzazar schob den zertrümmerten Deckel herunter. Es kostete ihn einiges an Kraft und er grunzte unter der Anstrengung, während er mit verzerrter Miene den Sarg aufstemmte.
Desiderius ließ seinen Bruder machen, offenbar hatte er den hier liegenden einst gekannt, oder er benötigte die Leiche für irgendetwas Grausiges, worüber Desiderius im Augenblick nicht nachdenken wollte.
Zu sehr nahm ihm die Maske ein. Desiderius hob sie an und strich mit dem Finger über das kühle Silber, das sich in dem Sarg erstaunlich gut gehalten hatte. Ihn überkam ein seltsames Gefühl, das er nicht benennen konnte, weil es ihm fremd war. Es schnürte ihm jedenfalls die Luft ab, doch Angst war es nicht, es war … wie das Aufkommen eines Déjà-vus …
Mit einem lauten Krachen landete der Deckel auf dem Boden, der Lärm hallte durch das Grab. Aufgebracht wühlte Bellzazar bereits im Sarginnerem, als die Falle zuschnappte.
Kaum war der Deckel geöffnet, schloss sich die Tür und ein Beben erschütterte die Grabkammer, sodass es sie fast von den Füßen riss.
Allahad und Luro rannten zur Tür und versuchten, sie aufzuhalten – vergeblich. Magie schob sie zu, dagegen waren sie alle machtlos.
Und dann bewegten sie sich. Die großen Statuen aus Stein. Gesteinsstaub rieselte aus ihren Rissen und Rillen, als sie ihre Gelenke steif ausstreckten und zum Leben erwachten. Sie hoben ihre Waffen und setzten sich in Bewegung, kampfbereit und willig, die Kammer von Eindringlingen zu säubern.
Bellzazar war erstarrt, konnte sein Unglück am allerwenigsten fassen.
Die Maske in Desiderius‘ Hand begann zu leuchten, ein weißes Licht, das seinen Arm emporkroch und ihn vereinnahmte.
»Derius!«, rief Wexmell schockiert.
Desiderius wirbelte zu ihm herum, doch da waren bereits alle verschwunden.
Noch immer befand er sich im Inneren der Grabkammer, doch plötzlich war er allein. Es war still, das Beben war verschwunden, die Kälte war vertrieben. Ein seltsames Licht umhüllte ihn. Matt und bläulich, wie in einem Traum.
Der Sarg lag offen vor ihm, darin ruhte ein junger Mann mit schwarzem Zopf, erst frisch verstorben, ein Schwert in der Form eines Drachenflügels lag auf seiner Brust.
Kein unbelebter Gesteinsdrache wachte nun über den Sarg, sondern der wahrhaftige Geist eines Drachen.
Durchsichtig, blauschimmernd lag er hinter dem Sarg, so groß, dass er im Stand die Decke berühren würde. Er hob gelassen den Kopf.
Gegen Drachen hatte er bereits gekämpft, jedoch nicht gegen den Geist eines Drachen.
Desiderius‘ Beine gaben nach, er krachte mit offenem Mund auf die Knie und starrte den Drachen mit einer Mischung aus Respekt und Ehrfurcht an.
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