Billy Remie - Im Land der Schatten

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Die Reise ihres Lebens führt die Männer des M'Shier Ordens über das Meer zu gespenstischen Insel und wilden Eislandschaften. Im Land des Schnees lauert bereits ein alter Feind auf sie, der nach der Macht des Blutdrachen trachtet. Und während sie versuchen, zu überleben, droht die größte Gefahr innerhalb ihrer Gemeinschaft, denn Eifersucht macht Freunde blind, und Missverständnisse lassen den Zusammenhalt wanken. Allahad, der einstmalige Meuchelmörder, steht vor der Frage seines Lebens: Kann er die Vergangenheit ruhen lassen und den hartnäckigen Jäger Luro so lieben, wie dieser es von ihm verlangt, um nicht nur diesen, sondern auch sich selbst zu retten?
*Gay Fantasy Romance

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Und von da an konnte Desiderius wirklich nicht mehr leugnen, dass etwas Dämonisches in seinem Bruder innewohnte, immerhin öffnete er gerade eine göttliche versiegelte Tür, die nur einem Dämon Zugang gewährte.

Nur am Rande rief er sich in Erinnerung, dass Bellzazar das Siegel jedoch nie ohne ihn – ohne etwas Göttliches – gefunden hätte. Da stellte sich ihm die Frage, ob das, was Bellzazar suchte, von den Göttern ganz gezielt so verwahrt wurde, dass Bellzazar es ohne Hilfe nicht erreichen konnte.

Ob er in dieser Sache weiter hinter seinem Bruder stand oder zu den Göttern, hatte er noch nicht entschieden. Zu aller erst wollte er wissen, was genau Bellzazar so unbedingt in seinen Besitz bringen wollte.

7

Nach einem Mondzyklus brach das Unglück über den Stamm herein.

Bellzazar hatte inzwischen in das Leben des Stammes, der ihn aufgenommen hatte, einen guten Einblick erhalten. Als stiller Beobachter war er am Rande geblieben, um nicht unnötig Missfallen zu wecken, jedoch waren, bis auf Lugrains Weib und Lugrains älterer Bruder Brathen, alle anderen Stammesmitglieder zuvorkommend und aufgeschlossen ihm gegenüber. Liebe und Fürsorge überall. Abgesehen von Lugrain und seinen Brüdern, waren auch keine festen Familienstämme auszumachen. Mittlerweile wusste Bellzazar jedoch, dass die Frau aus der Stammesmutterhütte, mit dem dunklen Haar, die Lugrain geküsst hatte, Lugrains kleine Schwester war. Lugrains Frau, ihr Name war Carrfee, und Surrath waren ebenfalls Geschwister – die einzigen mit hellem Haar im ganzen Stamm.

Die Kinder wurden vom gesamtem Stamm aufgezogen, einige Männer versorgten mehrere Gefährtinnen, einige Frauen sorgten für mehrere Gefährten. Der Stamm war eine große Familie, wo jeder für jeden Mann, Bruder, Vater oder Onkel war.

Nicht nur Männer griffen zum Speer. Frauen waren Kriegerinnen und Jägerrinnen. Männer waren Sammler, Berater, oder zogen die Kinder auf. Es gab keine fest verteilten Geschlechterrollen, wie Bellzazar es durch Schriften im Reich der Götter über andere Stämme gelernt hatte.

Von all jenen war ihm sein Retter Lugrain natürlich der Liebste, doch von diesem abgesehen, suchte Bellzazar die Gesellschaft von dem gemiedenem Surrath. So wie auch er, wurde dieser von den angesehenen Mitgliedern des Stammes ignoriert. Bellzazar hatte durch beobachten recht schnell herausgefunden, warum Surrath größtenteils unter sich blieb.

Es war eine Tatsache, dass Lugrain und Brathen im Stamm die begehrtesten Männer waren, um Lugrains Aufwartung verzerrten sich viele. Sein Weib soll wie eine Löwin um ihn gekämpft haben, aber auch seine eigene Schwester begehrte die Frucht seiner Lenden. Bellzazar erfuhr auf Nachfrage hin, dass es im Stamm sogar ganz üblich war, dass Schwestern das erste Kind von Brüdern empfingen, gezeugt am Tage des Festes zu Ehren des Frühlings, dem sogenanntem Blutfest.

Aber Lugrain hatte Bellzazar erklärt, dass ihm nicht der Sinn danach stand, verwandtes Blut zu mischen. Außerdem erzählte er, dass er sein Weib nur zur Gefährtin genommen hatte, auf Drängen seines Vaters. Dieser bereits verstorbene Mann hatte eine Vision von einem Stamm gehabt, in denen Frauen nur die Kinder versorgten und sich jeder Mann nur ein Weib nahm. Laut Lugrain soll er besessen davon gewesen sein, nachdem er über einen Winter lang bei anderen Stämmen gelebt hatte, weil starke Schneestürme ihm den Weg nach Hause versperrten. Nun war Lugrains Vater tot, von einem Eber bei der Jagd getötet, und Lugrain litt trotzdem noch unter seiner eifersüchtigen Gefährtin, die ihn für sich allein beanspruchen wollte.

Über Lugrain hatte Surrath einst gesagt, als er zusammen mit Bellzazar im Wald nach Beeren gesucht hatte: »Lugrain hat gewiss nichts gegen die Vorstellung, sich nur mit einer einzigen Person zu vereinen, er schätzt es sogar sehr, deshalb nimmt er auch nicht mehr an den Frühlingsritualen teil, jedoch ist es nicht meine Schwester, nach der sich sein Herz sehnt.«

Bellzazar selbst war in den Genuss gekommen, begehrt zu werden. Lugrains kleine Schwester hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihm nachzulaufen und ihm schöne Augen zu machen. Sie verstand nicht, dass er überhaupt nicht in der Lage war, ihr Nachkommen zu schenken – es war das Einzige, was diese aufgeweckte Jägerin begehrte – denn die Götter hatten ihm nicht nur einen unsterblichen Leib gegeben, sondern einen Leib, der keine Kinder zeugen konnte. Immerhin wollten sie nicht verbreitet sehen, an dem sie Zweifel hegten.

Bellzazar verstand das Konzept der Fleischeslust ohnehin nicht. Natürlich verstand er den Zweck, Sterbliche mussten sich fortpflanzen, aber darüber hinaus schien es ihnen sogar Spaß zu machen, und sie stellten diesen Akt oftmals für alle anderen zur Schau. Im Stamm wurde sich mehr als notwendig gepaart, es gab so viele Kinder und Schwangere, das er sich fragen musste, wie sie alle durch den bevorstehenden Winter bekommen sollten.

Es war bereits bitterkalt geworden, die Luft peitschte um die Behausungen, die Wasserquellen waren gefroren. Lugrain sagte, sie würden bald die Ebenen verlassen und sich zum Wildnis Pass zurückziehen, wo der Winter milder aber nicht weniger gefährlich war. Dort gab es eine Höhle, die dem Stamm gehörte. Jeden Winter versammelten sie sich dort bis der Frühling kam und sie zurück in die fruchtbaren Ebenen konnten.

Aber bis dorthin wartete der Stamm noch auf eine Gruppe Kundschafter, wie Bellzazar von Lugrain erfuhr. Surrath und Carrfee hatten nämlich noch einen Bruder, einen großen Bruder, der nach Überlebenden seines alten Stammes suchte. Jedoch bisher erfolglos. Lugrain war der Ansicht, Garim, so hieß er, verschwendete seine Zeit. Aber Lugrain sprach trotz dieser Auffassung stets mit einem liebevollen Schmunzeln von Garim, er nannte ihn einen wahren Freund und hatte viel Zuneigung für ihn übrig.

Bellzazar war noch zu fasziniert von dem Leben der Sterblichen, von den Eindrücken dieser Welt, um sich Gedanken über den Winter und den damit verbundenen Erfrierungs- oder Hungerstod zu machen. Vor allem wunderte er sich über die Freude in seinem Inneren, weil Lugrain ihm am Morgen, bevor sie zur Jagd aufgebrochen waren, ein Geschenk von unermesslichem Wert gemacht hatte.

»Er ist ein Nachkomme von Wanderer«, hatte Lugrain stolz erklärt. »Ich möchte, dass du ihn behältst. Er wird dir gute Dienste leisten, wenn du uns irgendwann verlassen solltest.«

Bellzazars Hand war zitternd über die schwarzen Nüstern gestrichen, die sich weicher als alles andere auf der Welt anfühlten. Der schwarze Hengst war jung aber bereits groß und stämmig, ein echtes Prachtexemplar. Lugrains Pferd Wanderer zeugte die besten Nachkommen, umso eifersüchtiger war Brathens Blick, als Lugrain am Morgen beschloss, dass dieser Hengst an Bellzazar gehen sollte.

»Ich kann das nicht annehmen«, war Bellzazar ehrfurchtsvoll über die Lippen gekommen.

Lugrain hatte gelacht. »Beleidige mich nicht, indem du mein Geschenk ablehnst.«

Erschrocken war Bellzazar zu ihm herumgewirbelt. Das Letzte, was er wollte, war Lugrain vor den Kopf zu stoßen. Lugrain: sein Retter, sein Lehrer, sein Beschützer, in dem er mehr einen Bruder sah als in allen Göttern aus dem Himmelsreich.

Lugrain hatte milde lächelnd seine Schulter gedrückt. »Du hast das Reiten auf ihm gelernt – na ja, halbwegs – und er lernte mit dir, einen Reiter zu akzeptieren. Ihr gehört zusammen, seid Freunde.«

Freunde … Und das obwohl Bellzazar mehr als oft heruntergeworfen worden war. Reiten sah bei Lugrain so einfach aus, war in Wahrheit jedoch um einiges schwieriger. Inzwischen fiel er im Galopp wenigstens nicht mehr runter. Ganz zum Leidwesen von Brathen, der bei Bellzazars Reitversuchen immer herzhaft gelacht hatte.

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