„Der soll erstmal seinen Ferrari verkaufen, bevor er hier Stellen streicht!“, protestierte Alex, obwohl er wusste, dass solche Klassenkampfparolen sinnlos waren.
„Immerhin, die Redaktion wird nicht dichtgemacht“, sagte Torben. „Wir haben noch mal sechs Monate Zeit bekommen, um wieder auf eine verkaufte Auflage von über 100.000 zu kommen.“
Alex brauchte einen Moment, bis er seine Sprache wiederfand. „100.000? Eine Auflagenverdoppelung in einem halben Jahr? Wie soll das denn gehen? Und was bitte meinst du mit ‚nicht dichtgemacht‛?“
„Du hast das schon genau richtig verstanden. Die aktuellen Stellenstreichungen sind nur der Anfang. Wenn wir die Auflage nicht steigern, wird das Magazin eingestellt.“
„Das … das können die doch nicht …“, setzte Alex an, dabei wusste er genauso gut wie Torben, dass die das sehr wohl konnten.
„Und … warum ausgerechnet Paula? Und Lupo, ist der nicht so eine Art Shooting star in der Redaktion?“
„Ist mit dem Betriebsrat abgestimmt. Sozialauswahl, du weißt schon - Betriebszugehörigkeit, Familienstand, Alter, all das. Wenn's nach mir gegangen wäre, hätte ich lieber Lupo behalten anstatt zum Beispiel Krause, aber der hat halt Kinder.“
Da war sie wieder, Torbens arrogante Ader. Doch Alex brachte nicht die Energie auf, um wütend zu werden. „Wenn es hilft, dann … dann gehe ich und du behältst dafür Paula. Die hat doch null Chancen, wieder einen Job als Redakteurin zu bekommen.“
„Hier geht es nicht bloß um Paulas Job oder deinen, Alex. Es geht ums Überleben dieses gottverdammten Magazins! Du bist nun mal der beste Redakteur, den ich habe. Wie soll ich ohne dich auf über 100.000 verkaufte Hefte kommen?“
„Genauso wie mit mir: gar nicht. Das ist schlicht nicht machbar.“
„Du findest also, wir sollten gleich aufgeben und den anderen auch noch kündigen?“
„Ich finde, wir sollten uns das nicht einfach so gefallen lassen!“
„Und was willst du tun? Streiken? Das dauert ein halbes Jahr, dann ist endgültig Feierabend.“
„Hast du eine bessere Idee?“
Torben beugte sich vor. Ein wenig der Energie, die er immer ausgestrahlt hatte, kehrte in sein Gesicht zurück. „Wir müssen das Konzept ändern! Wir müssen mehr über die Dinge schreiben, die die Leute wirklich interessieren. Dann haben wir vielleicht eine Chance!“
„Was meinst du damit?“
„Ich glaube, wir müssen das Wort ‚Abenteuer‛ in unserem Namen wieder mehr in den Vordergrund rücken. Dafür brauchen wir bloß den Begriff ‚Wissenschaft‛ etwas weiter zu fassen als bisher.“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“
„Also gut, dann werde ich konkreter: Parapsychologie, Astrologie, Religion, Leben nach dem Tod. Themen, die etwas mit dem Universum zu tun haben und die die Menschen eben interessieren. Besonders ältere Menschen, die überhaupt noch gedruckte Hefte kaufen.“
Alex starrte seinen alten Freund eine gefühlte Minute lang mit offenem Mund an. „Du … du willst über den Einfluss von Jupiter auf das Liebesleben schreiben? Das ist doch hoffentlich nicht dein Ernst, oder?“
Torben hob abwehrend die Hände. „Nein nein, so natürlich nicht. Es geht immer noch um eine wissenschaftliche Betrachtungsweise. Nur eben nicht mehr so einseitig. Wir haben uns zum Beispiel überhaupt nicht mit den Argumenten der Astrologen beschäftigt. Wir haben nicht mal einen von denen interviewt.“
„Wozu denn auch? Deren so genannte Argumente sind doch bloß Augenwischerei für leichtgläubige Laien!“
„Siehst du, das meine ich mit einseitig.“
Alex gefiel die Richtung, die dieses Gespräch nahm, immer weniger. „Die Wahrheit ist nun mal einseitig: Entweder etwas ist richtig oder es ist falsch.“
„Das magst du so sehen, aber die meisten Menschen da draußen denken anders.“
Alex stand auf. „Ich glaube, ich habe genug gehört. Wenn das hier ein pseudowissenschaftlich-esoterisches Käseblatt werden soll, bin ich draußen. Frag Paula, ob sie da mitmacht – ich definitiv nicht!“ Er wandte sich um.
„Jetzt warte doch mal!“, rief Torben. „So hab ich das doch nicht gemeint! Herrgott, Alex, glaubst du, mir macht das alles Spaß? Bitte, setz dich wieder! Außerdem muss ich noch was mit dir besprechen.“
Alex drehte sich zu ihm um. „Was denn?“
„Es geht um einen Artikel, den du schreiben sollst. Über das Hochfahren des LHC am CERN.“
Der Large Hadron Collider am europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf war der größte und leistungsfähigste Teilchenbeschleuniger der Welt. Nach einer fast zweijährigen Umbaupause, in der die Leistung der Anlage verbessert worden war, sollte er in wenigen Tagen wieder in Betrieb genommen werden, um nach einer kurzen Testphase Atomkerne mit annähernd Lichtgeschwindigkeit aufeinander prallen zu lassen. Eigentlich ein eher unspektakuläres Thema.
„Was soll ich tun? Darüber schreiben, ob es da spukt?“
„Ich möchte, dass du hinfährst und dir ein unabhängiges Bild machst. Die Meinung der Wissenschaftler einholst, aber auch die der Gegner.“
„Was denn für Gegner?“
„Es gibt immer noch Widerstand dagegen, dass die Anlage wieder angefahren wird. Für Donnerstag ist eine große Protestaktion angekündigt.“
„Ich dachte, das Thema wäre längst durch.“ Bevor der LHC im März 2010 in Betrieb genommen worden war, hatte es in der Öffentlichkeit umfangreiche Diskussionen gegeben. Einige so genannte Wissenschaftler hatten Befürchtungen geäußert, bei den geplanten Experimenten könnten schwarze Löcher entstehen, die die Welt vernichten würden. Alle Beteuerungen der CERN-Physiker, das sei völlig ausgeschlossen, halfen nur wenig. Erst als die Anlage in Betrieb ging und ohne Zwischenfälle lief, verstummte der Protest.
„Ist es nicht. Immerhin ist der LHC bisher bloß mit der Hälfte seiner Maximalenergie von 14 Teraelektronenvolt gelaufen. Die Einwände der Gegner sind im Prinzip immer noch dieselben.“
„Aber das ist doch Unfug! Täglich treffen Teilchen mit weit höherer Energie auf unsere Atmosphäre!“
„Mag sein. Trotzdem möchte ich, dass du vorurteilsfrei und ausgewogen über die Sache berichtest. Lass die Gegner zu Wort kommen, nimm sie genauso ernst wie die Befürworter.“
„Du meinst, ich soll hysterische Laien und paranoide Spinner auf eine Stufe mit renommierten Wissenschaftlern stellen?“
„Du weißt, was ich meine. Außerdem wurden Leute wie Darwin oder Kopernikus von ihren Zeitgenossen ebenfalls als Spinner angesehen. Am Ende haben sie recht behalten.“
Alex seufzte. „Na schön, ich rede mit denen. Aber wenn du glaubst, dass wir damit die Auflage auf über 100.000 kriegen, liegst du genauso daneben wie die Gegner des LHC mit ihren schwarzen Löchern.“
Torben zuckte mit den Schultern. „Wir werden ja sehen.“
2.
Das CERN lag nur wenige Minuten vom Genfer Flughafen entfernt. Alex hatte einen Termin mit dem Pressesprecher, Dr. Francois Delandre. Sie hatten sich am Besucherzentrum verabredet, das am Rand des ausgedehnten Campus der Forschungsanlage lag.
Auf dem Parkplatz harrte ein Dutzend Demonstranten im Nieselregen aus. Sie boten einen armseligen Anblick. Zwei von ihnen hielten ein Transparent, auf dem „End of the World – made in Switzerland“ stand. Sie alle trugen neongelbe Regencapes mit Radioaktivitäts-Warnzeichen.
Alex schüttelte den Kopf. Die Leute konnten einem fast leidtun. Kein Mensch beachtete sie.
Als er sich der Gruppe näherte, blickten ihn die Demonstranten neugierig an. Einer hob ein Megafon und begann, irgendwelche Parolen auf Französisch zu skandieren. Als Alex sich demonstrativ die Hände vor die Ohren hielt, senkte er das Gerät wieder.
Alex ging auf eine junge Frau zu, deren regennasses braunes Haar ihr im Gesicht klebte. Wenn er schon mit diesen Hysterikern reden musste, konnte er sich wenigstens einen hübschen Gesprächspartner aussuchen.
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