Johann trat vor. „Ich habe einst eine Forschungsreise nach Katalanien unternommen und dabei einige Brocken der Sprache aufgeschnappt“, sagte er. In Wahrheit hatte er fast drei Jahre am Hofe König Philips des IV. verbracht, der Kunst und Philosophie förderte und im Vergleich zu Karl von England wesentlich weltgewandter und belesener war. Er hütete sich jedoch, das zu erwähnen.
Der Gerettete stieß ein Krächzen aus, das kaum wie Worte klang.
„Was hat er gesagt?“, wollte der Kapitän wissen.
„Er hat dem Herrn für seine Rettung gedankt, glaube ich“, sagte Johann, der kaum etwas von dem Gestammel verstanden hatte.
„Fragt ihn, wie er heißt.“
Johann wiederholte die Frage auf Spanisch.
„Pedro Manchez, Herr“, antwortete der Mann etwas deutlicher. „Wasser bitte, Herr.“
Johann übersetzte es.
„Also gut, gebt ihm noch ein paar Schlucke. Aber dann will ich wissen, von welchem Schiff er stammt und wieso er allein hier draußen auf diesem Ruderboot war.“
Johann hielt dem Spanier die Flasche an den Mund. Dieser trank gierig, würgte die Flüssigkeit jedoch kurz darauf, von Krämpfen geschüttelt, wieder heraus.
„Beeilt euch mit der Befragung, Sir Galen“, mahnte der Kapitän. „Ich will wissen, ob es hier in der Nähe eine spanische Flotte gibt, bevor er sein Leben aushaucht.“
Johann gab dem durstigen Mann noch etwas Wasser und ermahnte ihn, es langsam zu trinken. Diesmal behielt er es bei sich, doch war er immer noch geschwächt, so dass sich die Befragung mühsam gestaltete.
Er sei Matrose an Bord der Santa Cruz de Cordoba gewesen, eines Versorgungsschiffs der Spanischen Marine, konnte Johann aus ihm herausbringen. Sie hätten bei klarem Wetter südwestlichen Kurs mit Ziel Kuba gehalten, als plötzlich um das Schiff herum ein seltsames Blitzen und Leuchten erschienen sei. Auf einmal sei dort, wo zuvor nur Meer war, eine Felsenküste aufgetaucht. Man habe noch versucht, beizudrehen, doch das Schiff sei von den Wellen an eine Klippe gedrückt worden und zerschellt. Er allein habe sich in das Beiboot retten können. So unvermittelt, wie es begonnen habe, sei das Leuchten wieder verschwunden, und er habe sich allein auf dem leeren Meer wiedergefunden, ohne jede Spur von dem Schiff und der Küste.
„Der Mann redet wirr“, stellte der Kapitän fest. „Im Umkreis von tausend Seemeilen gibt es hier nichts.“
„Was war das für ein Land?“, fragte Johann auf Spanisch.
Der Schiffbrüchige röchelte etwas. Seine Augenlider begannen zu flattern.
„Redet, Mann! Was für eine Küste soll das gewesen sein, an der Euer Schiff zerschellt ist?“
Der Spanier sagte etwas, das wie „Mygnia“ klang. Dann verließen ihn die Kräfte und er verlor das Bewusstsein.
„Mygnia? Von einem solchen Land habe ich nie gehört“, bemerkte der Kapitän. „Er muss im Fieber fantasiert haben.“
Johann nickte. Doch auch wenn der Mann völlig entkräftet war, so hatte er klar gewirkt.
„Wir setzen die Befragung fort, wenn er wieder zu Bewusstsein kommt“, ordnete der Kapitän an.
Dazu kam es jedoch nicht. Pedro Manchez starb noch in derselben Nacht an Entkräftung.
Kapitän Walter Scurrey befahl eine Seebestattung. Er notierte die Begebenheit im Logbuch der Fairwind zusammen mit der Position, an der man den Schiffbrüchigen aufgenommen hatte: 31 Grad 12 Minuten nördlicher Breite, 40 Grad 36 Minuten westlicher Länge, am 12. Mai im Jahre des Herrn 1627.
Was der Spanier mit seinem rätselhaften letzten Wort gemeint hatte, ob es überhaupt die Bezeichnung des unbekannten Landes gewesen war oder vielleicht nur der Name seiner Geliebten, sollte Johann von Galen nie erfahren.
1.
Wie schon oft kam Alex Mars erst gegen 11 Uhr ins Redaktionsbüro der Zeitschrift Abenteuer Universum. Er hatte gestern noch bis spät in die Nacht an einem Artikel gearbeitet.
Die gedrückte Stimmung schlug ihm entgegen wie ein übler Geruch.
Jenny, die rundliche Assistentin am Empfang, begrüßte ihn nicht wie üblich mit einem lahmen Scherz aus dem Internet, sondern nur mit einem müden „Hallo Alex“. Im Großraumbüro herrschte nicht das normale hektische Stimmengewirr. Wenn überhaupt jemand sprach, dann gedämpft. Selbst das Tastaturgeklapper schien verhaltener zu sein als sonst.
„Morgen, Paula“, sagte Alex zu seiner Kollegin, die am gegenüberliegenden Schreibtisch saß.
„Morgen“, gab sie zurück, ohne ihn anzusehen. Sie starrte auf ihren Monitor, benutzte jedoch weder die Tastatur noch die Maus.
Alex runzelte die Stirn. „Was ist denn los? Ist jemand gestorben?“
Paula traten Tränen in die Augen. „Torben … er hat mir gekündigt“, sagte sie. „Mir, Karl, Lupo … und noch fünf anderen.“
„Was? Wieso das denn?“
Sie schüttelte nur den Kopf. „Die Auflage … die Gesellschafter … was weiß ich.“ Sie blickte ihn mit ihren geröteten Augen an. „Was soll ich bloß machen? Mit meinem abgebrochenen Germanistikstudium krieg ich doch nie wieder einen solchen Job!“
„Torben dreht jetzt wohl völlig ab!“ Alex spürte Zorn in sich aufsteigen. „Er kann doch nicht einfach ein Drittel der Redaktion feuern!“ Zwar befand sich die Auflage des Hefts schon seit Jahren im Sinkflug, und auch die Online-Zugriffszahlen waren nicht berauschend. Aber das war nichts Neues! Deswegen setzte man doch nicht auf einmal so viele Menschen an die Luft!
Alex kam nicht auf die Idee, sich darüber zu wundern oder gar zu freuen, dass es ihn nicht erwischt hatte. Er empfand nur Wut über die Ungerechtigkeit der Aktion, die Willkür irgendwelcher Konzern-Erbsenzähler, für die Menschen aus Fleisch und Blut nur Kostenstellen waren. Er stellte seine Laptoptasche auf den Schreibtisch und ging schnurstracks zum Büro des Chefredakteurs. Er klopfte, wartete jedoch keine Antwort ab, sondern riss die Tür auf und trat ein.
Der Anblick seines Chefs ließ ihn innehalten. Der Zorn, der ihn eben noch angetrieben hatte, verrauchte.
Torben Großkopf sah blass aus, beinahe krank. Obwohl er mit 35 nur ein Jahr älter war als Alex, hatte er nur die Hälfte seines ohnehin dünnen Haupthaars behalten. Der Rest hing ihm in Fransen um die Ohren, die heute noch unordentlicher wirkten als sonst. Er hielt seine Brille – im Unterschied zu Alex' eigener, schwarzer Designerbrille ein billiges Kassengestell - in der einen Hand, eine Zigarette in der anderen, und saß derart zusammengesunken in seinem überdimensionalen Chefsessel, dass er einem Leid tun konnte.
Alex kannte Torben schon seit dem Journalistik-Studium. Zwar hatte er sich den unschmeichelhaften Spitznamen „Großkotz“ nicht ganz unverdient eingefangen, denn es wirkte manchmal überheblich, beinahe arrogant, wie er mit englischen Fachwörtern um sich warf, die er in irgendwelchen Konzernmeetings aufgeschnappt hatte. Doch im Grunde war er immer ein fairer und verständnisvoller Chef gewesen. Außerdem verdankte Alex ihm seinen Job.
„Was … was soll das, Torben?“, fragte er mit weit weniger Schärfe als ursprünglich beabsichtigt.
„Hallo Alex. Setz dich.“
Er folgte der Aufforderung. „Was zum Kuckuck ist hier eigentlich los?“
„Ich hatte gestern Abend ein Meeting mit dem Kaufmännischen Leiter. Es ist leider so, dass wir massiv Kosten sparen müssen. Du kennst ja die Zahlen. Gegenüber Vorjahr ist die Auflage um 21 Prozent gesunken. Wir sind nur noch knapp über 50.000 verkauften Exemplaren. Vom Rückgang der Anzeigenumsätze mal ganz zu schweigen.“
„Damit sind wir immer noch Marktführer. Und dass sich der gesamte Zeitschriftenmarkt negativ entwickelt, dafür können wir doch nichts.“
„Nein, dafür kann keiner was. Aber das bedeutet nun mal, dass man Kosten reduzieren muss. Schließlich sind wir ein Wirtschaftsunternehmen und kein Wohltätigkeitsverein, wie der Verleger immer sagt.“
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