Es war Mittagszeit geworden und Ferdi verspürte großen Hunger. Die vier verabredeten, sich nach dem Mittagessen wieder am Bolzplatz zu treffen, diesmal ohne Ball.
Als Andi und Ferdi an den kleinen Fußballplatz zurückkehrten, waren Otto und Karl noch nicht da. Die beiden Jungen setzten sich ins Gras und schwiegen. Andi war wütend und enttäuscht. Heute sollte sein besonderer Tag werden. Er wollte Ferdi stolz die Siedlung zeigen und ihm damit imponieren. Stattdessen wurde er zuerst von einer halben Portion zu Boden geworfen und anschließend von einem Mädchen im Fußball besiegt. Immerhin war Andi froh, dass er zumindest zwei weitere Kinder gefunden hatte, die ebenfalls nicht verreist waren. Er freute sich darauf, dass er mit den beiden etwas unternehmen konnte, auch wenn das eine davon nur ein Mädchen war. Ferdi war ebenso enttäuscht. Innerhalb eines halben Tages hatte er alles gesehen, was seine neue Ferienumgebung zu bieten hatte und das war kaum interessant für ihn. Ihm bot sich die Aussicht auf langweilige Sommerferien.
Zehn Minuten später kamen Otto und Karl fast gleichzeitig.
„Was guckt ihr so traurig? Trauert ihr dem verlorenen Fußballspiel nach?“, platzte Otto heraus.
„Nein, das ist es nicht“, meldete sich Ferdi zu Wort. „Ich habe heute Vormittag die ganze Siedlung gesehen. Hier ist nichts los. Hier kann man nichts machen, außer sich im Fußballtor zusammenschießen lassen. So habe ich mir meine Sommerferien nicht vorgestellt. Hier ist es noch langweiliger als bei mir zu Hause.“
„Das stimmt nicht. Du solltest mal erleben, was hier los ist, wenn keiner verreist ist“, erwiderte Karl.
„Das mag ja sein, aber ich bin in den Ferien hier. Ich möchte jetzt etwas erleben“, antwortete Ferdi genervt.
Otto machte ein geheimnisvolles Gesicht und sprach mit gedämpfter Stimme: „Eine Sache gibt es noch, die du nicht kennst. Dort ist es wirklich sehr spannend.“
Andi wusste sofort, was Otto meinte und unterbrach sie empört: „Hör auf, sei still! Das kommt nicht in Frage. Dort gehen wir auf keinen Fall hin. Du weißt doch, dass das verboten ist.“
Jetzt war Ferdi hellwach. Bisher hatte er sich zurückhaltend und passiv verhalten, aber nun war seine Neugier geweckt. Wenn Ferdi eines hasste, dann war es, dass anderen etwas wussten, was er selbst nicht kannte. Er bohrte nach und fragte, was Otto gemeint hatte. Andi war überzeugt, dass der geheime Ort Ferdi mehr als interessieren würde und dass er ihn damit schwer beeindrucken könnte. Ebenso kannte er das strikte Verbot und hatte Angst vor der Strafe, falls sie dort erwischt werden. Daher sagte er zunächst nichts. Er unterschätzte jedoch Ferdis Hartnäckigkeit. Ferdi brauchte zwar eine gewisse Zeit, um in Gang zu kommen, aber wenn er in Schwung war, dann konnte ihn nichts bremsen.
Als Ferdi ihn immer stärker bedrängte, gab er nach und sprach: „Also gut, aber du musst versprechen, dass du niemandem davon erzählst.“
„Klar, selbstverständlich. Ich sage kein Sterbenswörtchen“, bestätigte Ferdi.
Andi schwieg zunächst und wartete, bis alle gespannt zuhörten.
Dann begann er leise: „Hier in der Nähe befindet sich einen Schrottplatz, auf dem alte Autos ausgeschlachtet und anschließend gepresst werden. Dort gibt es viele ungewöhnliche und spannende Dinge. Es ist jedoch bei Strafe verboten, den Platz zu betreten. Außerdem ist es dort gefährlich. Daher werden wir nicht dorthin gehen.“
Das war ein Volltreffer. Ferdi war augenblicklich davon begeistert und wollte unbedingt an den Ort, an dem es so viele technische und interessante Sachen zu sehen gab. Voller Erwartung hüpfte er wie ein Gummiball von einem Bein auf das andere.
„Heute ist Samstag. Da wird dort nicht gearbeitet. Keiner ist da, der uns entdecken könnte“, bemerkte Karl.
Nun gab es kein Halten mehr. Ferdi bekniete Andi so lange, bis er endlich einlenkte. Andi fragte Otto und Karl, ob sie mitkommen wollten. Die beiden waren sofort einverstanden.
Andi ermahnte eindringlich die drei: „Aber damit es von vorneherein allen klar ist, kein Wort zu niemandem, sonst bekommen wir echten Ärger. Als ich das letzte Mal dort erwischt worden bin, wurde ich von der Polizei nach Hause gebracht. Meine Eltern mussten Strafe an den Besitzer vom Schrottplatz zahlen und ich bekam drei Wochen Hausarrest mit Fernsehverbot.“
Die vier schworen sich gegenseitig, nichts zu sagen.
Alle Kinder aus der Siedlung kannten den Schrottplatz und sie waren mindestens einmal dort gewesen, obwohl sie wussten, dass es verboten war, ihn zu betreten. Trotzdem zog es sie immer wieder dorthin. Ihren Eltern war bewusst, welche magische Anziehungskraft dieser Ort auf ihre Sprösslinge ausübte. Daher achteten sie besonders streng auf die Einhaltung des Verbotes. Der Besitzer verstand keinerlei Spaß und zeigte jeden bei der Polizei an, den er ertappte. Das bedeutete zusätzlichen Ärger. Aus diesem Grunde war besondere Vorsicht geboten, wenn sie sich über das Verbot hinwegsetzen wollten.
Die vier Kinder fuhren los. Ihr Weg führte sie aus der Siedlung heraus. Sie mussten kräftig in die Pedale treten, da die Straße zum Schrottplatz leicht anstieg. Zusätzlich brachte die Nachmittagshitze die vier ins Schwitzen. Ferdi schnaufte wie eine alte Lokomotive, als er sich mit dem Fahrrad die Steigung hinaufkämpfte. Die Aussicht auf den interessanten Ort beflügelte ihn jedoch und ließ ihn seine Anstrengungen nicht spüren. Nach einer Viertelstunde erreichten sie den Schrottplatz. Er war von einem hohen Bretterzaun umgeben. Zur Straße hatte er eine Einfahrt mit einem großen Gittertor davor. An dem Tor hing ein Schild mit der Aufschrift: „Unbefugten Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.“ Ein einsamer, angeketteter Hund bewachte die Zufahrt. Sonst war niemand zu sehen.
„Hier geht es für uns nicht rein, wegen des Wachhundes“, stellte Andi fest.
Er fuhr mit den anderen zu einem Feldweg, der seitlich am Schrottplatz von der Straße abzweigte. Der Weg führte entlang des Bretterzaunes. Am hinteren Ende des Geländes hielten sie an und versteckten ihre Fahrräder im Gebüsch. Dann führte Andi sie zu einer Stelle, die er kannte. Hier war zwischen Zaun und Erdboden ein größerer Spalt, durch den sie sich hindurch zwängen konnten. Ferdi benötigte dabei die Hilfe der drei anderen, da die Lücke zu eng für ihn war und er darin stecken blieb. Mit vereinten Kräften gelangte auch er auf die andere Seite. Durch den hohen Bretterzaun waren sie vor Blicken geschützt, sodass sie keiner von außerhalb des Geländes sehen konnte. Daher konnten sie sich auf dem Schrottplatz unbeobachtet bewegen.
Andi führte Ferdi herum und zeigte ihm den Platz. Im vorderen Teil bei der Einfahrt befand sich eine Hütte für die Arbeiter. Hier war auch der Hund in sicherer Entfernung von ihnen angekettet. Daneben gab es eine Werkstatt, in der die Autos ausgeschlachtet wurden, und einen Lagerschuppen. Außerdem stand dort ein Radlader mit einer Gabel, wie sie Gabelstapler haben, zum Bewegen der Schrottautos. Das Beeindruckendste war die riesige Presse, mit der die Autowracks zu Metallwürfeln zusammengedrückt wurden. Hinter der Autopresse lag ein großer Haufen dieser Metallklumpen. Im hinteren Bereich des Schrottplatzes standen in mehreren Reihen hintereinander und nebeneinander dicht an dicht alte Autos aufgestapelt. Jeweils drei Autowracks waren übereinander aufgeschichtet. Ferdi kannte von den meisten der Kraftwagen die genauen Herstellerangaben und den Typ.
Mitten auf dem Gelände war eine freie Fläche. Hier stand ein großer, alter Straßenkreuzer. Vermutlich war er erst kürzlich angeliefert und noch nicht ausgeschlachtet worden. Er sah heruntergekommen aus. Der Lack war stumpf und die Sitze verschlissen. Außerdem hatte die Karosserie überall Roststellen und Beulen. Trotzdem regte dieses Fahrzeug die Fantasie der vier Kinder an und reizte sie zum Spielen. Der Wagen war nicht verschlossen, sodass sie sich hineinsetzen konnten. Zuerst spielten sie, dass Otto eine reiche und berühmte Dame war. Ferdi war ihr Chauffeur und Andi und Karl ihre Leibwächter. Die vier wurden von bösen Banditen angegriffen und mussten gegen sie kämpfen.
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