Mit Jane und Scott wird das ebenso sein. Sie sind nicht unseretwegen zum Hafen gekommen, sie wollen das verbeulte Schiff in echt sehen. Mehr nicht. Wir trinken entspannt Cola, sitzen gedankenversunken ein paar Minuten zusammen, alsbald verabschieden sie sich. Jane will nicht einmal Adressen tauschen, nur noch schnell ein Foto von uns schießen. »Warum?«, erkundigt sich Rolf und der Wunsch ist vergessen. Anstandslos. Beeindruckend.
Um uns herum wird noch immer klar Schiff gemacht. Der Kran surrt wie ein Bienchen und schwenkt seine Lasten umher. Seit drei Stunden liegt die Liemba im Hafen. Das scheint sie noch eine Weile tun zu wollen. 67 m lang und 10 m breit ist das Schiff. Ganz schön hoch noch dazu. Vier Etagen zählen wir und begeben uns auf einen Erkundungsrundgang.
Ganz oben auf dem Brückendeck thront das Steuerhaus nebst einigen angrenzenden Kabinen. Wohn- und Wirkungsbereich von Kapitän und Offizieren, die von hier aus den Frachtbereich überblicken und das Schiff auf Kurs halten. Wir spähen durch die Scheiben hinein. Niemand zu Hause, die Herrschaft ist ausgeflogen. Auf den Planken vor der Brücke sind weiße Plastikbänke festgeschraubt, zwei Rettungsboote direkt davor. Wer da wohl sitzen mag? Flankiert von Lüftungsschächten und dicken Rohren, die heiße Luft der tief im Schiffsinneren arbeitenden Maschinen ausatmen. Heckseitig Holztüren mit der Aufschrift VIP. Luxuskabinen für betuchte Passagiere. Momentan jedoch scheint das Angebot niemand nutzen zu wollen. Auch sonst treffen wir hier vorerst keine Menschenseele. Lediglich ein paar Wäschestücke hängen auf einer quer über das Deck gezogenen Leine und schaukeln träge im Wind.
Wir steigen eine Treppe tiefer zum Promenadendeck. Hier geht es weitaus betriebsamer zu. Alles ist in Bewegung. Kräftige Männer eilen von einem Ende zum anderen. Es wird geschleppt und gestapelt. Seife und Waschmittel. Palettenweise Eier. Säcke mit Kartoffeln und Reis. In der Kombüse werden Herde gewienert und Töpfe geschrubbt. Hinz und Kunz lungern lärmend im Bordrestaurant oder auf den Bänken am Heck. Es wird palavert und gelacht. Wir schlendern weiter zu den Kabinen der 1. Klasse, die sich in der Mitte des Decks befinden und nach wie vor nicht bezogen sind. Wir finden unsere Kabine. Nummer 1 ist noch immer verschlossen. Weit und breit keine Spur von Mr. Masimba.
Eine Treppe führt hinunter aufs Hauptdeck. Entlang schummriger Gänge befinden sich die Kabinen der 2. Klasse sowie die weit geöffnete Tür zum Maschinenraum. Gedämpft strömen Motorengeräusche und warme Luft auf uns ein. Wir folgen dem Gang bis zum Ende und finden eine weitere Kantine sowie einen großen offenen Raum mit Bullaugen und langen Bänken. Das Domizil für Passagiere der 3. Klasse. Auch hier hat noch niemand sein Lager aufgeschlagen. Bugseitig, am anderen Ende des Decks, liegt der offene, bis ins Unterdeck reichende Frachtbereich. Wir passieren die große Ladeluke und betreten einen weiteren Raum mit Holzbänken zwischen Rohren, die unter dicken Schichten Ölfarbe fast jede Kontur verloren haben. Von hier führt eine Treppe noch tiefer in den Rumpf, wir befinden uns im Unterdeck, einem freudlosen Verließ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Maschinenraum. Bald werden hier viele Menschen die Reisezeit verbringen.
Die Räume sind wie leergefegt. Unglaublich sauber, denke ich im fahlen Licht, wenn da nicht dieser Hauch von Trostlosigkeit zu spüren wäre, der das kahle und in die Jahre gekommene Interieur umweht. Ganz schön ramponiert ist es obendrein. Farbe könnte helfen, ein wenig Tischlerhandwerk vielleicht. Hier und da sind Planken durchgetreten oder gänzlich abhandengekommen. Auch die Außenwand des Schiffs hat schon einiges erlebt, ist an vielen Stellen mächtig verbeult und zerschrammt. Bedrückend, das Schiff so verlassen und lädiert kennenzulernen. Als hätte es sich auf seinem Altenteil eingerichtet und würde nie wieder in See stechen. »Kaum an Bord und schon meckern«, findet Rolf, der die geschundene Seele bereits mit Fingerspitzengefühl digitalisiert. Besser jetzt als nie. Später wird es überall rappelvoll sein.
»Kennst du mich noch?«, schreit jemand aus der Bar.
Nein, überlege ich, nicke aber trotzdem. Wir sind zurück auf dem Promenadendeck. Die Sonne blendet.
»Du hast bei mir Brot gekauft«, erklärt die junge Frau stolz.
Der Tresen ist von einer kaum überschaubaren Menschentraube umlagert. In der besten Kneipe der Welt läuft der Frühschoppen auf Hochtouren. Feuerwehrmann Alex muss jede Menge Durst löschen. Schneller, immer schneller entleeren sich Flaschen in trockene Kehlen. Fast Drink statt Last Call. Beim Näherkommen erkenne ich endlich die Frau. Es ist Susan, bei der wir in den letzten Tagen öfter eingekauft haben. Luftiges, geschmackloses Brot. Sie schwankt schon bedenklich und zieht mich zu ihren Freundinnen. Gemeinsam glücklich beschwipst, wollen sie mich umarmen. Erst gleichzeitig, dann nacheinander. Na, das kann ja heiter werden. Allein vom Dabeisein wird man betrunken.
Ein junger Mann kommt zu uns herüber. Eben noch turnte er an den Nachbartischen herum, nun torkelt George auf Rolfs Kamera zu. In diesem Zustand sollte er kein Boot dieser Welt betreten dürfen, Schiffsverbot wäre eine vernünftige Maßnahme. Doch das kümmert ihn wenig. Ob er etwas verkauft, wie Susan ihr Brot, oder sonst etwas Nützliches mit seinem Leben anfängt, kann ich ihm nicht entlocken. Der Trunkenbold hat nur eins im Sinn, er will unbedingt fotografiert werden. Rolf fügt sich dem Unvermeidbaren. George mit Grimasse. Klack. George von der Seite. Klack. Mit Muskeln. Klack. An der Reling. Klickediklack.
»Schick mir unbedingt die Bilder.«
»Wie denn?«, murrt Rolf, dem die Begegnung nicht geheuer ist.
»Kein Problem, ich wohne hier.«
»Auf dem Schiff?«
»In Mpulungu, stupid.«
»Dann schreib mir mal deine Adresse auf.«
George kramt ein Stück Papier hervor und kritzelt ungelenk drauflos. Das soll reichen? Klar doch.
Auf der Suche nach Ernüchterung treffen wir den Kapitän. Titus Benjamin Mnyanyi lehnt am Kantineneingang. Neben ihm steht Ronaldo, ein Mann mit Überbiss, der bis aufs Zahnfleisch lachen kann. »Lachen reinigt die Zähne«, lautet eine afrikanische Weisheit. Ich glaube, dass hier oft gelacht wird. Dieser Tage sei viel Fisch im See, erfahren wir von Titus. Tonnenweise Trockenfisch, der transportiert werden muss. »Lange Verladezeiten. Viel Verspätung«, seufzt er. Besser spät als nie.
Auf unserem Erkundungsgang haben wir die Liemba ein wenig kennengelernt. Wir sind für die Reise gewappnet, werden Menschen und Orte auf dem Schiff wiederfinden. Nur einen wohl nicht, der wie vom Erdboden verschluckt bleibt, den geheimnisvollen Mr. Masimba.
Kapitel 3 | KASANGA
Flaschenpfand und Militär
Beinahe unbemerkt ist es Mittag geworden, der Sonnenball steht hoch im Kurs. Das Schiffshorn ertönt, der Kapitän mahnt zum Aufbruch. Die Liemba ist bereit zum Auslaufen. Sie teilt es lautstark mit und macht in kürzester Zeit eine ungeahnte Verwandlung durch.
Das Horn ist kaum verstummt, da stolpern Susan, George und alle anderen Ortsansässigen, die das Schiff lediglich zum Handeln, Wandeln und Trinken aufgesucht haben, fluchtartig von Bord. Einige der Damen und Herren benötigen dafür zwar tatkräftige Stützung, aber auch sie sind nach wenigen Minuten wieder an Land. Familien finden sich auf dem Kai zusammen, starke Jungs grölen beseelt herum, ein Mädel weint bitterlich. Wie überall auf der Welt winken die Zurückbleibenden den Abreisenden ihr Lebewohl.
Taue werden gelöst, Nabelschnüre gekappt, die Hafen und Schiff, Mutter und Kind, eben noch fest miteinander verbunden haben. Die Motoren arbeiten. Fast unmerklich beginnt sich das Schiff zu bewegen. Nach und nach wird der Abstand zum Kai größer. Wir nehmen Fahrt auf.
»War doch ganz nett hier, oder?«
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