Hierzu habe ich auf S. 96 von "Mythos Geschlechtswandel" wie folgt ausgeführt:
" Gleichzeitig sind wir hier bei einem fundamentalen Unterschied zwischen beiden Formen der Transsexualität angelangt. Bei der rituellen Transsexualität war das jeweilige Individuum im Kollektiv eingebettet, es fand eine Kommunikation statt zwischen allen Betroffenen, und die Integration geschah einvernehmlich. Der Geschlechtwechsel fand ohne Verleugnung der biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern statt. Die Kastration wurde nur in bestimmten Kulturen und Epochen praktiziert. Wurde auch die soziale Rolle voll und ganz ausgefüllt, so hatte die sexuelle Rolle in der Folge eine dienende und passive homosexuelle Funktion. Die Partner der Betroffenen mußten auch keine so strenge Unterscheidung zwischen heterosexuell und homosexuell über sich ergehen lassen; die Homosexualität, also der gleichgeschlechtliche Verkehr, speziell der Analverkehr, wurde in den damaligen Zeiten ebenso gesehen, wie es zutreffend ist: als eine sexuelle Variante. Allerdings muß hierbei natürlich der damalige Wissensstand in Sache Sexualität und Fortpflanzung berücksichtigt werden. Nach damaliger Auffassung brauchte sich der Mann quasi nur jeweils ein Gefäß zu suchen zum Ablegen seines Samens ob nun Frau, Mann oder Tier, man wußte es nicht besser, vor allem nicht in Verbindung mit der Fortpflanzung, jedenfalls nicht in den Jahrtausenden der Eisen- und Bronzezeit: Die Zeugunsmitwirkung des Mannes offenbarte sich erst im Laufe der Geschichte.
Es ist in der Folge grundfalsch, wie es in den meisten ärztlichen Publikationen hervorgehoben wird, nur den Wunsch nach einer körperlichen Umwandlung als Kriterium für eine echte Transsexualität einzusetzen. Auch wenn die soziale Anpassung noch so gut gelungen ist, die sexuelle Rolle einer Frau mittels Chirurgie erreichen zu wollen, ist nur auf der Basis einer Täuschung des Partners möglich - eine solche Täuschung muß deshalb individuell bleiben und kann nicht kollektiv vorgeschrieben werden. Deswegen sind die heutigen Transsexuellen-Gesetze bereits prinzipiell falsch konzipiert, weil die Umwelt nur auf freiwilliger Basis bereit sein kann, jeweils mitzuspielen, und nicht mittels gesetzlicher Maßnahmen bzw. Möglichkeiten dazu veranlaßt werden soll, sich damit auseinanderzusetzen bzw. abzufinden.
Eine weitere wichtige Erkenntnis, die das häufige Vorkommen der rituellen Transsexualität in alttestamentarischen Zeiten uns liefert, ist die nahtlose Verknüpfung mit der Homosexualität. Es wurde also nicht zwischen Transsexualität und Homosexualität differenziert, da das nicht erforderlich war: Die Gleichgeschlechtlichkeit war für alle Partner etwas Selbstverständliches. Es war nicht nötig zu täuschen. Die Partner einer geschlechtlichen Beziehung machten sich nichts vor bzw. brauchten sich nichts vorzumachen. "
Das heutige, so gängige Kästchendenken (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität, Hermaphroditismus, Transsexualität, Transvestitismus, Androgyn- Status usw.) gab es wohl in jenen alten Zeiten (noch) nicht - die Sexualität hatte früher im Leben der Menschen einen ganz anderen Stellenwert: man/frau lebte sie, statt sie zu analysieren oder womöglich zu bewerten - es war eben so! Allerdings geschah dies oft sehr zügellos und quer durcheinander, so daß bereits in alttestamentarischen Zeiten gegen die offensichtlich weit verbreitete Freizügigkeit in der Sexualität vehement Stellung bezogen wurde. Ich zitiere wiederum aus "Mythos Geschlechtswandel", S. 95:
" Schon in der Bibel gibt es einen Hinweis darauf, wie bereits in den Urzeiten der menschlichen Geschichte das Phänomen der Transvestition den Menschen vertraut war. So heißt es im 5. Buch Mose (Deuteronomium) 22,5:
"Eine Frau soll nicht Männersachen tragen und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen: Denn wer das tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Greuel."
Unzweifelhaft hängt die Aufstellung diese Verbots zusammen mit der beim Volke der Kanaanitern zu jener Zeit üblichen homosexuellen Tempel- und Kultprostitution. Es handelte sich dabei um einen Fruchtbarkeitskult zu Ehren der Göttin Ashera, der Gattin Baals (semitischer Wetter- und Himmelsgott). Die in weiblicher Kleidung durch Lustknaben, auch Kedeshim genannt, ausgeübte homosexuelle Tempelprostitution war den Juden höchst suspekt. Davon zeugen ja auch die übrigen mosaischen Gesetze. So heißt es im 3. Buch Mose 18, 22:
"Du sollst nicht bei Knaben liegen wie beim Weibe; denn es ist ein Greuel."
Und im Vers 29 heißt es noch einmal:
"Denn welche diese Greuel tun, deren Seelen sollen ausgerottet werden von ihrem Volk."
Ebenso heißt es im 3. Buch Mose 20, 13:
"Wenn jemand beim Knaben schläft wie beim Weibe, dann haben sie ein Greuel getan und sollen beide des Todes sterben: ihr Blut sei auf ihnen."
Und an anderen Stellen heißt es:
"Wenn ein Mann sich zu einem anderen Mann wie zu einer Frau legt, haben beide Schändliches begangen. Sie sollten mit dem Tode bestraft werden, es lastet Blutschuld auf ihnen." (Leviticus 20, 13)
"Du darfst mit einem Mann keinen geschlechtlichen Umgang haben wie mit einer 'Frau; es wäre ein Greuel." (Leviticus 18, 22)
"Deshalb überließ sie Gott den schimpflichsten Leidenschaften. Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Geschlechtsverkehr mit dem widernatürlichen. Ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in ihrer Begierde gegeneinander: Männer trieben mit Männern Unzucht und empfingen so den gebührenden Lohn für ihre Verirrung." (Römerbrief 1, 26 - 27)
"Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte keinen Anteil am Reiche Gottes haben werden? Gebt euch keiner Täuschung hin. Weder Unzüchtige noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Weichlinge, noch Knabenschänder... Der Leib dagegen ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib." (Korintherbrief 6, 9 u. 13)
Bereits in diesen weitzurückliegenden Zeiten gab es also die unselige Verbindung von Rollentausch, Homosexualität und Prostitution. Es ist also alles schon einmal dagewesen. Hervorgerufen wurden diese Assoziationen und die damit zusammenhängenden biblischen Ge- und Verbote durch die bereits erwähnten aus den Urzeiten stammenden Fruchtbarkeitskulten, die in den damaligen Stadtkulturen eine ausgeprägt rituelle Bedeutung erlangt hatten. "
Sogar biologische Intersexuelle, Hermaphroditen somit, finden wir in den alttestamentarischen Schriften der Talmud-Gelehrten noch erwähnt (auch Jesus sprach noch von den "Eunuchen, die so geboren sind"): sie wurden Saris genannt: "Er ist ein Mensch, der mit seinem 20. Jahr noch keine zwei Haare auf seinem Körper hat und bekommt er diese später, so ist er doch ein Sari. Er hat keinen Bart, seine Haare sind fein und sanft, sein Haut ist glatt; sein Wasser bekommt keinen Schaum, er uriniert nicht mit einem andern, sein Samen ist nicht gebunden, er ist klar wie Wasser, sein Wein ist nicht sauer. Seine Stimme ist wie die einer Frau."
Ebenso werden in den biblischen Schriften die Kennzeichen weiblicher Zwischenstufen, Aìloniths genannt, dargestellt:
" Ein Weib, welches, wenn sie zwanzig Jahre alt ist, noch nicht zwei Haare auf dem Körper hat. Sie hat keine Brüste und die Cohabitation ist ihr widrig. Sie hat keinen weiblichen Mons Veneris. Sie hat eine männliche Stimme. "
In dem Werk "Die Medizin der Talmudisten" von Joseph Bergel (Berlin, Leipzig 1885) wurden dann im obenerwähnten Zusammenhang die Worte Weibmann und Mannweib geprägt - beide Bezeichnungen gehören heutzutage zum gebräuchlichen, wissenschaftlichen Idiom. Das vom spätlateinischen "effeminatio" (Verweiblichung) abgeleitete Adjektiv "effeminiert", als Synonym für affektiertes, übertrieben weibliches Verhalten ("weibisch" oder auch "tuntig") war besonders in früheren Zeiten gebräuchlich (speziell in Reiseberichten), ist jedoch im heutigen Sprachgebrauch ins Hintertreffen geraten. Dagegen hat sich im allgemeinen derzeitigen Sprachgebrauch der Ausdruck "Transvestit" fest eingebürgert - eine Bezeichnung, welche nur eine überaus undifferenzierte Charakterisierung darstellen kann und vorwiegend im männlichen Sinne Verwendung findet.
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