Einer der Männer hatte die Gestalt auf der Trage entdeckt. »Mein Gott, es ist Nadim!«
Die Stimme kam Tavar bekannt vor. Er wandte den Kopf. »Ja, es ist Nadim. Wir sind in eine Falle geraten.«
»Nehmt die Waffen herunter, es ist Tavar«, sagte einer der Männer und nahm das Tuch von seinem Gesicht.
Tavar sackte erleichtert zusammen. »Rittmeister Eachan, oder seid Ihr sein Bruder?«
»Nein, diesmal bin ich es selbst, Junge. Was ist passiert? Du siehst so aus, als hättest du einen ganz schönen Ritt hinter dir.«
»Ich suche Euch schon seit Tagen. Ihr müsst Nadim helfen, es hat ihn schlimm erwischt.«
»Oh ja, das sieht nicht gut aus«, sagte derjenige, der Nadim entdeckt und untersucht hatte.
Der Rittmeister legte Tavar eine Hand auf die Schulter. »Sag, ist jemand von ihnen entkommen? Hat euch jemand gesehen?«
Tavar schluckte und schüttelte den Kopf. »Den Letzten habe ich getötet, es war derjenige, der Nadim verwundet hat. Dort lebt niemand mehr.«
»Wo und wann war das?«, fragte ein anderer scharf.
»Auf der Lichtung, wo sie Euch überfallen haben, vor einigen Tagen. Ich weiß nicht mehr genau, vor wie vielen!« Plötzlich merkte er, wie erschöpft er war. »Oh bitte, können wir Nadim nicht endlich..«
»Gleich, Junge. Das muss ein furchtbarer Anblick gewesen sein. Warum bist du nicht nach Nador geflohen?«, setzte ein anderer in einem Ton nach, der an ein Verhör erinnerte.
Sie trauten ihm nicht, erkannte Tavar, vermutlich, weil er der Sohn seines Vaters war. »Ich konnte nicht, weil dann alles verraten gewesen wäre. Außerdem habe ich einen Eid geleistet, und der bindet mich«, erklärte er so überzeugend, wie er nur konnte.
»Es ist gut, lasst ihn«, mahnte Eachan. »Du musst uns verstehen, wir sind sehr vorsichtig geworden.«
»Nachdem, was ich auf der Lichtung gesehen habe, kann ich das verstehen«, sagte Tavar.
Sie brachten ihn trotzdem mit verbundenen Augen in ihr Lager. Es waren eigentlich mehr ein paar Feuerstellen mit ein paar aufgespannten Fellen als Wind- und Sonnenschutz, mehr nicht. Ein, zwei primitive Hütten befanden sich in Bau. Zu seiner Überraschung gab es hier nicht nur die überlebenden Männer, sondern auch Frauen und Kinder.
»Geiseln der Tempelwache«, erklärte ihm Rittmeister Eachan auf seinen fragenden Blick hin. »Lass deine Pferde ruhig hier, wir kümmern uns um Nadim und um eure Sachen. Du solltest ein Bad nehmen, wenn du meinen Rat hören willst.«
Angesichts dieses primitiven Lagers und der Lebensumstände der Leute hätte Tavar beinahe gelacht, aber noch mehr wog, dass er es hasste, wie ein kleiner Junge behandelt zu werden. Er dachte an Nadim, an ihre Beute, und schüttelte entschieden den Kopf. »Danke, aber ich kümmere mich selbst um alles. Helft mir nur, Nadim herunterzuheben. Kennt sich eine der Frauen in der Heilkunde aus?«
»Meine Schwester kennt sich damit aus. Ich schicke sie zu euch«, sagte einer der Männer. Täuschte sich Tavar oder sprach er mit wesentlich mehr Hochachtung als vorher? Es schien so, dachte er in grimmiger Genugtuung. So erschöpft er war, er baute ihr Zelt in aller Sorgfalt auf, bereitete Nadim ein bequemes Lager und versorgte die Pferde.
Wie versprochen kam eine der Frauen mit heißem Wasser und Tüchern und begann, sich um Nadims Wunde zu kümmern. Sie schickte Tavar energisch fort. »Sieh zu, dass du den Schmutz von dir herunter bekommst. Du stinkst wirklich erbärmlich!«
Das war nur allzu wahr. In der Nähe fand Tavar einen wunderbar klaren kleinen Fluss. Er warf sich mit samt seiner Kleidung hinein, genoss es, wie das eiskalte Wasser ihn wieder wach machte und erfrischte. Anschließend schrubbte er alles gründlich durch und zog die nasse Kleidung wieder an.
»Du wirst dir den Tod holen!«, schimpfte die Frau, als er triefend ins Zelt kam.
Tavar sah, dass sie Nadim entkleidet, gewaschen und verbunden hatte. »Ist mir egal, Hauptsache sauber.« Er kramte in seinem Bündel nach sauberer Kleidung. »Würdet Ihr wohl..« Er machte eine auffordernde Handbewegung zum Zelteingang.
»Natürlich, ich warte draußen«, sagte sie belustigt. Offensichtlich hielt auch sie ihn für einen kleinen Jungen. »Was hat da so an euch beiden gerochen?«, fragte sie von draußen herein.
»Das wollt Ihr nicht wissen.« Tavar streifte erleichtert seine feuchte Tunika ab und zog sich eine trockene über. »Oh, schon viel besser«, seufzte er erleichtert.
»Warum nicht?« Sie kam wieder herein.
Tavar sah sie an, bemerkte ihren spöttischen Blick und beschloss ein für alle Mal, ihr Bild vom kleinen Jungen gründlich zu zerstören. Ihm reichte es. »Wir mussten uns zwischen den Leichen in Eurem vorherigen Lager verbergen«, erklärte er ihr mit einer Gelassenheit, die er nicht fühlte.
»Herr im Himmel!«, rief sie entsetzt und wich kreidebleich vor ihm zurück.
Tavar sah sie ungerührt an, dabei wurde ihm allein bei dem Gedanken daran übel. »Ich sage ja, Ihr wollt es nicht wissen. Aber genug davon. Wie steht es um Nadim? Und verratet Ihr mir Euren Namen?«
Sie holte zitternd Luft. »Mein Name ist Rhiba. Und du bist Tavar, nicht wahr?« Sie wartete, bis er nickte. »Nadims Wunde scheint zu heilen, obwohl er noch hohes Fieber hat. Du hast die Wunde ausgebrannt, nicht wahr? Das hat ihn gerettet, sonst wäre er jetzt schon tot.« Sie packte ihre Sachen zusammen und wandte sich dem Ausgang zu, drehte sich aber noch einmal um. Ihr Gesicht war voller Trauer und wirkte erschöpft, als er sie zum ersten Mal längere Zeit in hellerem Licht betrachteten konnte. »Mein Mann ist unter jenen Toten auf der Lichtung. Er starb im Kampf.«
Tavar zuckte beschämt zusammen. Er schluckte. »Das.. das tut mir leid.«
»Wenn sein Leichnam euch noch als Schutz diente, um zwei von ihnen zur Strecke zu bringen, dann war es gut so«, erwiderte sie und ließ ihn allein.
Tavar stand schwankend in dem niedrigen Zelt. Mit einem Mal brach die Erschöpfung über ihm zusammen. Er schaffte es gerade noch, sein Lager herzurichten, dann fiel er in einen totengleichen Schlaf.
Als es dunkel wurde, wachte er wieder auf. Besorgt fühlte er Nadims Stirn und erschrak, wie heiß dieser sich anfühlte. Neben ihm stand eine halb geleerte Schale, und Nadim trank reflexartig, als er ihm diese an die Lippen setzte. Das sagte ihm, dass es Nadim besser ging.
Jemand hatte seine nassen Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt und sich auch um Nadims gekümmert. Rhiba, vermutete er. Draußen hatten sich die Leute um die Feuer versammelt. Er sah den Rittmeister und ein paar andere etwas abseits um ein Feuer sitzen und sich mit ernsten Mienen beraten. Was sollte er jetzt tun? Er war hungrig, aber noch mehr drängte es ihn zu erfahren, was die Männer planten. Sein Blick fiel auf ein sorgfältig an der Wand eingerolltes Bündel, die erbeuteten Schwerter. Nadims und ein anderes hatte er für sich auf die Seite gelegt, aber es waren noch zwei übrig.. spontan beschloss er, die anderen beiden mit zu den Männern zu nehmen.
Sie verstummten, sobald sie ihn kommen sahen. Tavar begegnete ihren Blicken ruhig. Ohne aufgefordert zu werden, setzte er sich zu ihnen. »Ich möchte Euch etwas zeigen«, sagte er und wickelte die beiden Schwerter aus.
Es sorgte für einiges Erstaunen. »Ich dachte, das mit den saranischen Schwertern sei nur ein Gerücht«, sagte Eachan, der ehrfürchtig eine der Klingen im Feuerschein drehte.
»Nein, sind sie nicht. Sie sind unheimlich hart und scharf. Ich habe damit das Holz für Nadims Trage gefällt.«
»Gefällt? Das ist wirklich erstaunlich, ich sehe nicht eine Kerbe!« Das Schwert machte die Runde, aber Tavar sah weiterhin den Rittmeister an, der ihn fixiert hatte. »Was hast du jetzt vor, Junge?«
»Hierbleiben, bis Nadim wieder gesund ist, und dann dahin aufbrechen, wohin wir unterwegs waren.«
Читать дальше