»Morgen schon?« Tavar fühlte einen leisen Stich der Enttäuschung. Darüber vergaß er sogar seine Furcht vor dem Gift. So schwierig das Auskommen mit Leanna war, er war gerade dabei, ihr Vertrauen zu gewinnen, und nun musste er schon wieder fort. Sie hatte wie so oft den Kopf gesenkt, um zu verbergen, was sie dachte. War sie traurig über die Abreise oder froh? Tavar gestand sich ein, dass es wohl eher Letzteres war, und er dachte bei sich, dass es wohl wirklich besser war, wenn sie gingen.
»Ja, es ist wirklich besser, wenn wir jetzt aufbrechen«, sagte Nadim, als hätte er seine Gedanken erraten. Seine Augen funkelten belustigt, als er Tavars überraschte Miene sah. »Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.«
»Wo willst du hin?«, fragte Tavar.
»Nach Mukanir.«
»Zu Mutter?«, kam es leise von Leanna. »Kommt Ihr auf dem Rückweg wieder her und sagt mir, wie es ihr geht? Bitte, Nadim!«
»Natürlich werden wir das, Kleines.« Leanna verzog bei dem Wort unmerklich das Gesicht. Tavar konnte es gut verstehen, das hatte sie heute Abend schon zu oft gehört. Er zwinkerte ihr zu, was sie mit einem giftigen Blick beantwortete.
Am folgenden Morgen machten sich Nadim und Tavar noch im Dunkeln aufbruchfertig. Leanna brachte Tavar in den Stall, wo seine Amphore stand. Zum ersten Mal seit dem gestrigen Abend konnte sie ungestört miteinander sprechen. Etwas verlegen standen sie nebeneinander und wussten nicht, was sie sagen sollten. Da fiel Tavar einer der beiden kleinen Beutel ein, die Medas tödliche Gaben enthielten. Er suchte ihn heraus. Er enthielt eine Nuss, die erst sauber in zwei Hälften geteilt, mit dem Pulver gefüllt und dann wieder zugeleimt worden war. Tavar wollte gar nicht genau wissen, was sie alles enthielt, er meinte nur, auf einem der vielen Döschen Fingerhut gelesen zu haben. Bei dem Gedanken lief es ihm kalt den Rücken herunter.
Er streckte Leanna das Beutelchen hin. »Hier, das ist für Daria. Sie wird es brauchen.«
Sie nahm es zögerlich entgegen. »Nein, Rynan kann ihr seine zweite Nuss geben. Diese hier nehme ich für mich.«
»Für dich? Aber Leanna..« Am liebsten hätte er den Beutel wieder an sich genommen, streckte schon die Hand danach aus.
Sie wich zurück und drückte den Beutel fest an sich. »Hör endlich auf, mich wie ein kleines Mädchen zu behandeln. Ich kann das ebenso wenig leiden wie du!«, zischte sie mit eben jenem harten Gesichtsausdruck, der sie um so vieles älter wirken ließ, als sie vermutlich war. »Du solltest jetzt in die Amphore steigen. Die Schwestern werden bald hier sein«, fügte sie kalt hinzu.
Tavar merkte, dass sie wieder einmal schlecht auf ihn zu sprechen war. Um des lieben Friedens willen stieg er folgsam hinein, er wollte nicht im Streit mit ihr auseinandergehen. »Tut mir leid«, sagte er mit jenem zerknirschten Gesichtsausdruck, bei dem man ihm einfach nicht mehr böse sein konnte.
»Oh, warum entschuldigst du dich andauernd?«, rief sie entnervt und stopfte ihm ein wenig Stroh hinein.
»Was soll das..« Tavar bekam mit voller Absicht eine Ladung Stroh ins Gesicht.
»Merke dir, ich bin weder ein kleines Mädchen noch ein zartes Pflänzchen, das man mit Samtfingern anfassen muss! Warum behandelst du mich nicht einfach normal? Ach, und bevor du fragst, ich bin dreizehn Jahre alt!« Beinahe hätte sie über seinen dummes Gesicht laut gelacht. »Das mit dem ausdruckslosen Gesicht muss du wirklich noch lernen!«, rief sie und knallte den Deckel auf die Amphore. Keinen Moment später hörte er die Tür hinter ihr zuschlagen.
Sprachlos hockte Tavar im Dunkeln. Was hatte er nun schon wieder verbrochen? »Ach, mach doch, was du willst!«, rief er hinter ihr her und rieb sich unwirsch die Strohhalme aus dem Gesicht.
Leanna kehrte außer sich vor Zorn in ihre Kammer zurück. Was fiel ihm eigentlich ein? Kam hier einfach herein und meinte, von nun an alles bestimmen zu können, einfach so? Das würde sie sich nicht gefallen lassen!
Als sich ihr Zorn im Laufe des Tages ein wenig gelegt hatte, begann das schlechte Gewissen an ihr zu nagen. Sie gingen auf eine gefährliche Reise, und anstatt ihnen alles Glück zu wünschen, machte sie Tavar nieder, beschämte ihn sogar, und war wie eine beleidigte dumme Gans davongelaufen! Nicht einmal von Nadim hatte sie sich verabschiedet. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Mit Rynan kam Leanna überein, dass Daria ihre Nuss schnellstmöglich erhalten sollte. Leanna war auf ihrem Weg in die Festung völlig in Gedanken. Ihr schlechtes Gewissen drückte sie, außerdem hatte Meda ihr berichtet, wie es ihrer Cousine wirklich bei der Ankunft in Temora ergangen war. Die Sorge darum, in welcher Gefahr Althea womöglich schwebte, verbunden mit dem Traum, ließ und ließ sie nicht los, als sie sich auf den Weg in die Festung machten.
Eine schweigsame Leanna war Rynan gewöhnt, ja, bei Tavars Besuch hatte sie sogar ungewöhnlich viel geredet, aber eine Leanna, die völlig in Gedanken an der Abzweigung in die Festung vorbei lief, dann doch nicht. »Sag mal, ist etwas mit dir? Machst du dir Sorgen? Ihnen wird schon nichts geschehen.«
Leanna schnaubte nur. »Ach, denen doch nicht«, sagte sie verächtlich und fühlte gleich einen Gewissensstich, weil es ihr wirklich seltsam gleichgültig war.
»Und warum denkst du dann die ganze Zeit an sie? An Nel kann es jedenfalls nicht sein, sonst wärest du schon vorher so gewesen«, bohrte Rynan in seiner einfachen, aber unbestechlichen Logik weiter.
Ertappt zuckte Leanna zusammen. »Hör auf! Ich will nicht darüber reden!«, rief sie und rannte voraus.
Da wusste Rynan, dass er auf der richtigen Fährte war. Seelenruhig ging er mit langen Schritten hinter ihr her. Er wusste, er würde sie bald einholen, denn so schnell würde sie es niemals die Treppen hinauf schaffen. Er behielt recht. Auf halbem Weg fand er eine schnaufende Leanna vor. »Es ist etwas passiert, nicht wahr? Was denn?«
Da sie ihm nicht ausweichen konnte, blitzte sie ihn böse an, gab dann aber zu: »Wir hatten einen Streit, das ist passiert! Er hat versucht, mir Vorschriften zu machen, und das habe ich mir nicht gefallen lassen. Was bildet er sich eigentlich ein?«
Kopfschüttelnd lief Rynan neben ihr weiter. »Am Anfang hat es mir gar nicht gepasst, dass du ihn einfach so eingeweiht hast, und jetzt passt es dir nicht, dass er sich einbringt? Er hat uns eine Menge guter Ideen gebracht, gib es zu, und er hat uns keine Vorschriften gemacht, die ganze Zeit nicht. Was also dann? Leanna!« Er hielt sie fest und hielt die Fackel hoch, damit er ihr Gesicht besser sehen konnte. »Ist er dir zu nahe getreten?«, fragte er in einem zornigen Moment des Verdachts.
»Rynan, was denkst du nur! Nein, das ist es nicht.« Leanna biss sich auf die Lippen und suchte nach einer Ausrede. »Ich.. ich weiß es nicht. Ich.. kann es nicht sagen«, sagte sie und floh aus dem Lichtkreis der Fackel.
Rynan sah ihr verdutzt hinterher. Sie klang ja geradezu ertappt.. er riss die Augen auf. »Warte! Warum beunruhigt er dich so? Kann es sein..« Er kam langsam auf sie zu und hielt die Fackel hoch.
Leanna drehte den Kopf fort und wandte sich um. »Ach lass doch, so wichtig ist es doch nicht.«
»Du magst ihn.« Ein breites Grinsen erschien auf Rynans Gesicht.
Leanna fuhr herum. »Was?! Du bist verrückt!«
»Oh ja, du magst ihn!« Er lachte schallend los über ihr errötendes Gesicht. »Und wie!«
»Hör auf, das ist doch absurd! Du hast wirklich nichts als Unsinn im Kopf!«, zischte sie nun wirklich ärgerlich. Wo hatte sie sich da nur hineingeritten? Und das alles nur, weil sie in Gedanken gewesen war und davon ablenken wollte! Jetzt saß sie schön in der Patsche. »Na gut, hör zu. Ich habe nicht an Tavar gedacht, sondern an Althea. Meda hat mir etwas sehr Schlimmes von ihr berichtet, etwas, das Nadim nur ihr erzählt hat. Sie wollten nicht, dass Tavar davon erfährt.«
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