»Zweimal?! Aber Rynan, das..«
»Meda, das erste Mal taten wir, was Nadim gesagt hatte. Wir warfen ein Seil mit einem Haken nach unten und ließen daran Decken und Proviant herunter. Wir dachten schon, das wäre es gewesen, da ruckte es plötzlich am Seil, und zurück kam ein Teil der Decke zu einem Beutel gebunden, und darin fanden wir..«, er griff eine seiner vielen Taschen und holte einen flachen Stein hervor, »das hier.«
Meda beugte sich vor. »Oh, es ist etwas eingeritzt. › Wer seid Ihr? Thorald schreibt dies.‹ «
»Von Onkel Thorald!« Leanna nahm ihm den Stein aufgeregt aus der Hand. »Was hast du dann gemacht?«
»Dreh ihn um«, sagte Rynan. Leanna tat es und fand auf der Rückseite Rynans ungelenk eingeritzten Namen und darunter: › Bring Pergament !‹ »Und das habe ich getan, beim zweiten Mal. Ich habe mir überlegt, was er wohl am dringendsten wissen möchte, und ihm alles aufgeschrieben, was Nadim von Althea, Phelan und der Königin..«
»Du hast es einfach so hinuntergeschickt, ohne zu wissen, ob er es wirklich ist?!«, unterbrach Meda ihn scharf. »Woher wusstest du, dass es keine Falle war? Woher wolltest du wissen, dass dort unten nicht jemand anderer das Pergament in Empfang nahm? Du hast alles in dem Pergament verraten!«
Anstatt in sich zusammenzusinken, wie es Leanna erwartete, richtete sich Rynan stolz auf. »Weil ich gesehen habe, wie sich dieser jemand durch das Gitter eine Haarsträhne abgeschnitten hat und mir hochgeschickt hat.« Er zog ein zusammengefaltetes Tuch aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch. Darin lag eine schmutzig-rote, mit allerlei Grau durchsetzte Haarsträhne. »Meister Thorald muss dasselbe gedacht haben. Er hat uns eine Legitimation geschickt. Dies habe ich natürlich erst nach Tagesanbruch gesehen, aber dann wusste ich, dass ich ihm alles aufschreiben konnte. Außerdem bat mich mein Kamerad, ihn zu fragen, wer dort unten alles mit ihm gefangen gehalten wird. Er macht sich große Sorgen um seinen Bruder, aber er wollte nicht noch einmal dorthin. Er hatte Angst, versteht ihr?«
»Ja, das kann ich gut verstehen«, sagte Meda versöhnlich. »Was geschah dann?«
»Ich schickte ihm dies mit einigen leeren Blättern nach unten. Ich konnte sehen, wie er sich an das letzte Feuer hinten im Tal zurückzog und es allein gelesen und anschließend gleich verbrannt hat. Es dauerte lange, bis er seine Antwort hoch schickte.« Er rollte das Blatt aus und gab es ganz bewusst Leanna. Heraus fielen außerdem zwei Briefe. »Ich weiß nicht, für wen die sind. Ich kann die Zeichen darauf nicht lesen.«
Meda nahm sie auf. »Das ist Temorisch. Sie sind an Althea und Chaya und..« Sie runzelte die Stirn und fuhr mit dem Finger über das Pergament. Verwundert sahen sie, wie Meda daran schnupperte und erschrak. »Oh Himmel, Rynan, sie sind mit Blut geschrieben! Hast du denn nicht an Tinte und Feder gedacht?«
Diesmal kam der Vorwurf zu Recht. Rynans triumphierende Miene schwand. »Nein, daran habe ich nicht gedacht«, murmelte er betroffen.
»Er hat viel geschrieben«, sagte Leanna ohne einen Vorwurf in der Stimme, aber Rynan fühlte sich trotzdem schuldig. »Seht, er schickt eine Liste mit Namen und bittet uns, die Familien zu benachrichtigen, dass es ihnen gut geht, und dann schreibt er, du sollst ihm nichts mehr sagen, denn die Tempelwachen sind wahrhaft teuflisch und versuchen, auf mannigfaltige Weise an das Wissen ihrer Gefangenen heranzukommen. Selbst er konnte sich erst im letzten Augenblick schützen. Wir hatten recht.« Leanna sah auf, das Gesicht bleich.
Meda nahm das Pergament an sich. Mit gerunzelter Stirn las sie zu Ende. »Deutlicher kann die Warnung nicht sein. Rynan, hast du ihm etwas über uns und Leanna geschrieben?«
Rynan stieß erleichtert die Luft aus. »Nein, um ehrlich zu sein, ich habe gar nicht daran gedacht.«
»Es war gut so«, murmelte Meda. »Wenn ich das hier lese.. oh, hört weiter. Die Arbeit im Steinbruch ist sehr hart. Viele sind wegen der Kälte und des schlechten Essens krank. Meister Thorald bittet hier um ein paar Dinge, die er braucht.. ja, ist er denn Heiler?«, staunte sie, als sie die Liste sah.
Das wusste Leanna ganz genau. »Alle Priester Temoras werden auch als Heiler ausgebildet. Das hat er uns erzählt. Meda, was hast du?«
Das Gesicht der Heilerin war hart geworden. »Ganz zum Schluss schreibt er, wer gestorben ist. Bisher waren es nur ein alter Mann und jene Abhängigen, die wir mit dem Gift versorgt hatten. Dann bittet er noch um ein paar einfache Dinge, Decken, Felle und Nahrung. Keine Kleidung, das würden die Wachen bemerken. Und er sendet dir seinen Segen und mahnt dich, vorsichtig zu sein, Rynan. Das ist alles.«
Leanna sah mit Tränen in den Augen auf. »Es ist gut, dass er nichts von uns weiß. Dann können sie nichts aus ihm herauspressen.«
»Oh, lasst uns hoffen, dass er als Temorer noch ganz andere Möglichkeiten hat, sich zu schützen«, sagte Meda und schritt auf ihre übliche Weise gleich zur Tat, bevor sie die Furcht überwältigen konnte. »Nun denn, dann wollen wir ihnen etwas zusammenstellen. Rynan, du darfst nicht allzu häufig dorthin, sonst läufst du Gefahr, entdeckt zu werden.«
»Nein, ich gehe nur in den Nächten, wenn ein starker Wind den Schnee verweht und kein Mond scheint, so, wie es Nadim gesagt hat. Keine Sorge, ich passe schon auf«, versprach er.
Trotzdem war und blieb Leanna über all diese Dinge beunruhigt, aber sie sagte nichts, sondern fraß all ihre Sorgen in sich hinein, weil sie niemanden damit belasten wollte. Ihr immer müder werdendes Gesicht war das einzige Anzeichen dafür, dass sie etwas bedrückte. Immer öfter spürte sie die besorgen Blicke der beiden Frauen auf sich, doch sie bedrängten sie nicht, sondern warteten, dass sie selbst sich mitteilte.
Eines Morgens wurde sie von Netis nach einer viel zu kurzen Nacht geweckt. »Eine Lieferung ist gekommen!«
Verschlafen richtete sich Leanna auf. »Eine.. oohh!« Hellwach sprang sie von ihrer Liege.
Die Amphore war diesmal mit Bohnen gefüllt. »Und, juckt es so scheußlich wie das letzte Mal?« Sie verbarg ihre Erleichterung und Freude, die beiden heil wiederzusehen, hinter beißendem Spott.
»Nicht annähernd. Ich habe meinen Kragen zugebunden«, lachte Tavar, nicht gewillt, sich wieder an ihren Launen zu stören. Behände stieg er heraus. Er sah sofort, dass es ihr nicht gut ging. »Ist etwas passiert? Ist dir nicht wohl?«
»Nein«, wiegelte Leanna ab und winkte ihn mit sich. »Hast du Neuigkeiten?«
»Komm mit, Nadim hat einen langen Brief für dich!« Er lief ihr voraus.
Nadim begrüßte Leanna mit einem Lächeln. »Tavar sagte mir, Ihr habt einen Brief für mich?«
Er lachte. »Oh ja, habe ich, von deiner Mutter und..«
»Wir haben nicht viel Zeit, bevor die Schwestern kommen«, unterbrach Meda ihn. »Sagt uns nur schnell das Wichtigste.«
Nadim rundes Gesicht wurde ernst. »Ich bringe gute, aber leider auch sehr traurige Neuigkeiten. Wir waren bei Jormans Landgut. Er ist letzten Winter gestorben und ebenso die ehrwürdige Mutter Klesa im letzten Herbst.«
»Oh nein!«, riefen die Frauen aus. Netis hatte die Hände vor den Mund geschlagen, und Meda sah ihn fassungslos an. »Wie ist das passiert?«
»Das Alter, sagt Yola, und die Kälte in dem Kloster tat ihr Übriges. Sie ist ganz friedlich eingeschlafen, hatte keine Schmerzen und war nicht krank.«
»Dem Herrn sei Dank!«, flüsterte Netis, wandte sich ab und ging hinaus.
»Netis und die ehrwürdige Mutter waren ihr Leben lang gute Freundinnen«, sagte Meda leise. Auch ihr standen Tränen in den Augen, aber sie beherrschte sich. Fest nahm sie Leanna in den Arm. »Weiter, Nadim.«
»Der Königin geht es gut, und Yola und Meno haben ein Kind bekommen, ein kleines Mädchen, das mir schon auf zwei Beinen entgegengelaufen kam.«
Читать дальше