»Im Frühjahr, das verspreche ich, sobald der Schnee fort ist. Vorher kommen wir nicht über die Berge. Aber da wir gerade ungestört sind, muss ich Euch noch etwas über die Entwicklung in Temora berichten, das Ihr noch nicht wisst..«
Tavar wich von der Tür zurück, sich gewahr werdend, dass er schon viel zu lange hier gelauscht hatte. Er huschte zu Leanna hinauf, die auf dem oberen Treppenabsatz ungeduldig auf ihn wartete. »Schnell!«, wisperte sie. Das war knapp gewesen. Meda und Nadim waren in eben jenem Moment zurückgekehrt, da sie Rynan verabschiedet hatten. »Du bist wirklich total verrückt!«, schimpfte Leanna flüsternd, unverkennbar wütend.
»Gute Nacht!«, grinste Tavar und schlüpfte in seine Kammer. Als Nadim eintrat, lag er ruhig da und tat so, als würde er schlafen. Er spürte, wie sich Nadim kurz über ihn beugte, sich dann aber selbst zur Ruhe begab. Tavar dachte noch lange darüber nach, was er dort gehört hatte. Von wem hatten sie nur geredet?
»Wo bist du gewesen?«
Tavar erstarrte innerlich, und er hoffte, dass er sich mit ruhigen Bewegungen weiter anzog. »Was meinst du?«, fragte er Nadim über die Schulter.
Genauso beiläufig sagte Nadim: »Wo du gewesen bist, fragte ich dich. Deine Stiefel standen heute Nacht in einer nassen Pfütze. Du warst draußen im Schnee.«
»Ach so!« Tavar durchfuhr ein eiskalter Schrecken. Fieberhaft überlegte er sich eine plausible Ausrede: »Rynan ist heute Nacht da gewesen. Wir haben geredet, ziemlich lange sogar.«
»Hmm, gut, freunde dich nur mit ihm an. Du wirst ihn noch öfter sehen. Beeil dich jetzt, Meda wartet mit dem Nachtmahl.«
Kaum war er hinaus, schloss Tavar erleichtert die Augen und schimpfte sich einen Narren. Auf dem Gang hörte er eine Tür zuschlagen. Er spähte hinaus. »Leanna!« Er winkte sie zu sich herein, nicht ohne sich rasch umzusehen, ob Nadim fort war.
»Was ist?«, flüsterte sie. Er sah beunruhigt aus.
»Nadim hat entdeckt, dass ich in der Nacht draußen war. Ich habe ihm gesagt, dass Rynan da war und wir geredet haben.«
Leanna hatte erschrocken die Luft eingezogen. »Aber wie..«
»Ich hatte Schnee an meinen Stiefeln, das hat er gesehen.«
»Schnee? Hast du sie denn nicht abgeklopft, bevor du hineingegangen bist?«, zischte sie. Wie konnte er nur so dumm sein? Sie tat es jedes Mal.
»Nein, tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst«, antwortete er zerknirscht.
Sie verdrehte die Augen. »Das solltest du besser tun! Zum Glück habe ich mit Meda und Netis heute noch nicht über die Nacht gesprochen. Ich muss Rynan abfangen und es ihm sagen, sonst verrät er uns.« Wütend wollte sie hinaus, aber Tavar hielt sie zurück.
»Warte. Willst du denn gar nicht wissen, was ich heute Nacht bei Meda und Nadim belauscht habe?«
»Nein!«, fauchte sie. »Beeil dich, das Essen ist fertig.«
Tavar musste ihr wirklich Bewunderung zollen. Als sie sich zu den Erwachsenen setzten, ließ nichts aus ihrer Miene daraus schließen, dass sie mehr als verstimmt war. Er mühte sich auch, aber es gelang ihm nicht annähernd. »Was ist denn mit dir los?«, fragte Meda sogleich.
Tavar spürte einen schmerzhaften Tritt am Schienenbein, aber es war zu spät. »Wir.. wir machen uns Sorgen. Rynan war heute Nacht noch einmal da.« Er sah Leanna, wie er hoffte, nicht allzu beschwörend an, und sie verstand, worauf er hinaus wollte.
»Rynan fürchtet, dass die Mönche alles aus ihm herauspressen könnten, wenn sie ihn erwischen. Anders als beim letzten Mal.« Sie setzte eine verzweifelte Miene auf.
»Was ist denn, Kleines?«, fragte Netis fürsorglich. Tavar beobachtete mit angehaltenem Atem, wie es Leanna gelang, die gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es gab ihm Zeit, die er brauchte, sich wieder im Griff zu bekommen.
Leanna hatte ein schlechtes Gewissen, sie derart zu täuschen. »Ich habe Mutter einmal sagen hören, dass sie die Leute betäuben und brechen.« Meda und Netis zogen scharf die Luft ein, aber Leanna sprach rasch weiter: »Das muss Fürst Bajan doch auch wissen. Nadim, hat er Euch gesagt, wie Ihr Euch davor schützen könnt?«
»Kleines, ich glaube nicht, dass du..«, hob Nadim an.
»Doch, wir müssen es wissen!«, widersprach Leanna. »Rynan muss es wissen.«
›Und Daria‹, fügte Tavar in Gedanken hinzu und spannte sich an. Er ahnte schon, wie die Antwort lauten würde.
Nadim und Meda wechselten einen kurzen Blick, und Meda nickte. »Na schön.« Nadim band sich sein warmes Halstuch ab und nestelte an dem Kragen seiner Tunika herum, bis er eine an einem Lederband befestigte Kapsel hervorgeholt hatte. »Diese Kapsel enthält ein sehr schnell wirkendes, tödliches Gift. Nur so kannst du ihnen letztendlich entkommen.«
Leanna war bleich geworden, aber sie fragte weiter: »Und könnt Ihr das auch für Rynan besorgen?«
»Nein, kann ich nicht, denn dies hier habe ich vor langer Zeit einmal von einem Händler aus Saran erstanden, der es wer weiß woher hat. Tut mir leid, Kleines.«
»Aber Rynan muss sich doch irgendwie schützen können!«, rief Leanna mit bebenden Lippen. »Denkt doch daran, was geschieht, wenn sie ihn erwischen. Dann sind nicht nur wir, sondern auch seine Familie in Gefahr. Können wir ihm denn gar nichts geben? Ich weiß, er macht sich große Sorgen darum. Denkt doch daran, was sein Vater getan hat!«
Spielte sie nur, oder war sie wirklich so verzweifelt? Tavar wusste es nicht zu sagen. Er konnte sie immer noch nicht einschätzen.
»Leanna, du spielst leichtfertig mit dem Leben anderer, das ist dir doch klar?«, rügte Meda scharf.
»Du doch auch!«, gab Leanna trotzig zurück. »Jedes Mal, wenn er für uns Dinge belauscht, läuft er Gefahr, entdeckt zu werden. Es ist gefährlich, und deshalb frage ich doch auch!«
Meda wollte das nicht gelten lassen und setzte zu einer scharfen Erwiderung an, aber sie wurde von Nadim zurückgehalten. »Ich muss zugeben, dass ich selbst schon über dieses Problem nachgedacht habe. Der Junge weiß einfach zu viel und wäre ihnen im Fall der Entdeckung schutzlos ausgeliefert. So ungern ich das sage, aber Leanna hat recht. Habt Ihr denn nicht irgendetwas, das Ihr dem Jungen geben könnt?
Medas Miene hatte sich verdüstert. »Nie wieder, das habe ich mir geschworen, wollte ich zu einem solchen Schritt gezwungen sein!«
»Nie wieder? Meda, was meinst du damit?« Jetzt erschrak Leanna wirklich und bereute, dass sie so weit vorgeprescht war. Meda hatte recht, es ging um Menschenleben.
»Wir haben schon einmal wissentlich Menschen in den Tod geschickt«, sagte Meda, und Netis nickte düster. »Das war, als sie die Gefangenen abholten. Wir gewährten all jenen den Gnadentod, die es im Lager nicht geschafft und sich nur elendig gequält hätten. Ich hatte mir geschworen, es nie wieder zu tun, doch wie es aussieht«, sie bedachte Leanna mit einem bitteren Blick, der diese ganz elend werden ließ, »haben wir keine Wahl. Nun denn.. jede Art von Arznei wirkt überdosiert wie ein Gift. Wir stellen etwas zusammen, am besten ein Pulver, und verbergen es in einer kleinen Kapsel. Eine Nuss oder eine Hülse, uns wird schon etwas einfallen.«
»Macht mir bitte auch eine oder am besten gleich zwei«, sagte Tavar. »Ich möchte sie an mehreren Stellen tragen, nur zur Sicherheit.« Leannas Kopf fuhr zu ihm herum.
»Bist du sicher?«, fragte Netis.
Es ärgerte Tavar, dass sie ihn immer noch nicht für voll nahmen. »Ich weiß genauso viel wie Rynan, also will ich mich ebenso schützen können wie er. Ja, ich bin sicher«, sagte er mit mehr Überzeugung, als er fühlte. Im Gegenteil, die Furcht kroch ihm kalt den Rücken herunter.
»Dann lasst uns gleich beginnen.« Meda stand auf. »Ich habe dem Händler eine Botschaft zukommen lassen, dass er seine Behältnisse wieder abholen kann. Er wird morgen früh kommen, sobald die Stadttore geöffnet sind.«
Читать дальше