"Und wieso kommst du da zu mir?", wollte Isis wissen und warf nochmals einen misstrauischen Blick auf Karla. "Als studierte Ägyptologin und Archäologin habe ich mit mittelalterlichen Büchern nichts am Hut, auch wenn ich einige Seminare bei den Historikern belegt habe. Könnte dir dein Praktikumskollege nicht eher helfen? Der war doch Historiker, wenn ich mich recht entsinne."
"Das geht ja eben nicht. Der Artikel war eigentlich Arnes Auftrag, aber dieser Idiot hat es vorgezogen, eine Stelle an der Uni Thüringen anzunehmen."
"In Erfurt?"
Bei Karla musste man immer noch einmal nachfragen, weil sie öfters Namen, Städte und Flüsse durcheinander bekam.
"Nein, die Uni Thüringen ist irgendwo in Süddeutschland. Hab mich selbst gewundert, dass dort eine Universität nach einem weit entfernten Bundesland benannt ist." Der angehenden Wissenschaftsjournalistin fiel noch etwas ein, was Arne ihr stolz erzählt hatte. "Da soll auch der zurückgetretene Papst gelehrt haben."
Der letzte Hinweis bestätigte die Vermutung der Ägyptologin. Mit einem Schmunzeln auf den Lippen schüttelte sie leicht den Kopf. Ihre Freundin war wirklich immer für eine Überraschung gut.
"Tübingen meinst du. Na, da würde ich auch alles stehen und liegen lassen, wenn ich von dort ein Stellenangebot bekommen würde. Der Ruf dieser Uni geht weit über Deutschlands Grenzen hinaus."
"Siehst du, genau das hat sich dieser Blödmann auch gesagt. Und jetzt hänge ich da mit diesem Artikel - ohne Empfehlungsschreiben, ohne alles."
"Wieso rufst du diesen Arne nicht an und bittest ihn um diesen Wisch, wenn er dir so wichtig ist."
"Hab ich doch!", jammerte Karla und verengte im nächsten Augenblick ihre Augen zu schmalen Schlitzen. "Aber das Arschloch sagt, er hätte keine Zeit."
"Ach", Isis tat überrascht, "ich dachte, der würde dir aus der Hand fressen. Oder wie war das noch einmal?" Die junge Ägyptologin fixierte ihre Freundin, deren Gesichtszüge sich verhärteten. "Hast du nicht vor einiger Zeit so von ihm geschwärmt, dass du ihm jede Aufgabe aufs Auge drücken könntest und er würde es widerspruchslos ausführen? Ich glaube, mich an solch ähnliche Worte zu erinnern. Vielleicht trügt mich auch mein Gedächtnis."
Verärgert winkte Karla ab.
"Hör auf! Arne hat sich nicht so entwickelt, wie ich dachte."
"Weil er nicht auf dich angesprungen ist, verstehe."
Karla war überzeugt, Männer bezirzen zu können. Meist stimmte es, aber im Fall ihres ehemaligen Kollegen anscheinend nicht. Etwas Privates anfangen wollte sie mit den meisten nicht. Dazu passten sie einfach zu wenig zu ihr. Kurz ließen sie sich ertragen, mehr auch nicht.
"Quatsch! Für was hältst du mich? Für einen männermordenden Vampir?"
"Jedenfalls passte dein Ex-Praktikantenkollege in dein Beuteschema. Ein wenig langsam im Denken, nimmt dir jede niedere Arbeit ab, dazu noch höflich und zuvorkommend. Also der ideale Mann."
"Zum langweilen", fauchte Karla. "Aber nimm du ihn dir. Falls es mit Oliver mal nicht mehr klappen sollte, kannst du auf diesen Blödmann zurückgreifen. Seinen Namen kannst du dir leicht merken: Gibt nicht so viele, die Arne Kramm heißen."
Wütend starrte die angehende Wissenschaftsjournalistin ihre Freundin an. Sie hatte die Hände zu Fäusten geballt und wartete nur auf ein weiteres Wort, das sie reizen würde. Isis allerdings erkannte die Gefahr, die sie selbst heraufbeschworen hatte.
"Gut, vielleicht bin ich zu weit gegangen", ruderte sie zurück. "Falls dem so ist, tut es mir leid. Ich war nur verwundert, weil nach deinen vorherigen Schilderungen das Verhalten deines Ex-Kollegen einfach nicht zu ihm passen wollte."
"Vergiss es." Isis merkte oft gar nicht, wie sie ihr Gegenüber mit Worten reizte oder verletzte. Das war etwas, das man bei ihr übersehen musste, auch wenn es einem nicht leicht fiel. Aber Karla war nicht gekommen, um über Arne Kramm zu reden, sondern weil sie ein wichtiges Anliegen hatte. Darauf musste sie sich konzentrieren. "Schreibst du mir jetzt ein Empfehlungsschreiben?"
"Gib mir den Text vor und ich unterschreibe. Bleibt allerdings eine Ausnahme. Wieso eine Chemikerin bei einer historischen Zeitschrift landet, ist mir wirklich ein Rätsel, noch dazu, wo sie keine Ahnung von Geschichte hat."
"Da kann man sich reinlesen. Außerdem ist der ehemalige Grabungsleiter von Troja ebenfalls Chemiker."
"Schon gut, ist eben jeder Beruf für alles zu gebrauchen."
Kopfschüttelnd wandte die junge Ägyptologin sich wieder ihrem Computer zu. Sie hätte durchaus was anderes machen können, als in die Wissenschaft und Lehre zu gehen. Bloß hatte sie weder in die Familienfirma eintreten noch für irgendeine Zeitschrift Artikel schreiben oder in irgendeinem Museum versauern wollen. Sie brauchte das Spannende, das Abenteuer. Und dazu eignete sich nun einmal ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Theiding an der Freien Universität.
Karla wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie sah, wie Isis wieder die Fotos mit ihrem Lieblingselefanten betrachtete. Ihre Körpersprache, die hängenden Schultern, sagten alles. Sie trauerte wieder.
Kurz überlegte Karla, ob sie ihrer Freundin eine Hand auf die Schulter legen und sie zu trösten versuchen sollte. Aber sie kannte Isis gut genug, um zu wissen, dass diese weder Mitleid noch Mitgefühl wollte. Sie machte immer alles unter sich aus. Aber wie lange würde ihr das noch gelingen? Man musste ein Auge auf die Ägyptologin haben, dass sie in ihrer Trauer nicht völlig versank.
"Nimm dir das mit Tausendschön nicht so zu Herzen. Sieh das Positive. Wenn du bei ihr bist, ist sie glücklich und wenn du gehst, freut sie sich darauf, dass du bald wiederkommst."
"Sie wird dort eingehen", erwiderte Isis leise, kaum hörbar. "Jeder, der Mala sehr gut kannte, erkennt sofort, dass sie nicht mehr die ist, die sie einmal war. Sie versucht es zu vertuschen, wie es ihre Art ist, wenn sie genügend Aufmerksamkeit bekommt, aber mich kann sie nicht täuschen. Sieh dir ihre Augen an." Karla folgte der Aufforderung ihrer Freundin. Zwar wusste sie nicht, was es bringen sollte, denn Elefanten waren ihr fremd. Dennoch betrachtete sie das Bild und konnte seltsamerweise tatsächlich etwas erkennen. Die Augen der Dickhäuterin wirkten nicht mehr so fröhlich. Man konnte ihr ansehen, dass mit ihr etwas nicht stimmte. "Tausendschöns Augen haben ihren Glanz verloren. Wenn die alte Socke dort weiter bleibt, wird sie nie die Sechzig erreichen, dann ist sie in wenigen Jahren tot. Ich weiß es und das fürchte ich."
Isis' Stimme hatte zu zittern begonnen. Auch wenn Karla das Gesicht ihrer Freundin nicht sehen konnte, war sie davon überzeugt, dass diese kurz davor stand zu weinen. Nun legte sie doch eine Hand auf die Schulter der jungen Ägyptologin, die sich sogleich versteifte. Sie wollte einfach nicht getröstet werden.
"Dann hol sie nach Hause, wenn du wirklich davon überzeugt bist. Schließ dich mit anderen einflussreichen Leuten zusammen und begründe deine Meinung mit den richtigen Argumenten, die jeder versteht. Nur so wirst du Tausendschön zurückholen können."
"Klar, am besten schreibe ich alle prominenten Twitter-User an, dass die alte Socke ihre Unterstützung braucht. Was denkst du, wie viele würden mir helfen?"
Schon an den Worten der Ägyptologin erkannte Karla, dass ihr Vorschlag nicht ernst genommen wurde. Aber gab es eine andere Lösung? Nein, sonst hätte Isis schon irgendetwas unternommen.
"Dann mach halt was anderes. Musst darauf aufmerksam machen, dass es ihr dort schlecht geht. Irgendwann wird man dir Glauben schenken."
"Vielleicht, aber nun lass mich allein und schreib mir ein Empfehlungsschreiben."
Damit du weiter in aller Ruhe trauern kannst, ging es Karla durch den Kopf, als sie ihre Freundin allein ließ.
Damals, als Isis die Neuigkeit erfahren hatte, dass die Dickhäuterin nach Belgien umgezogen war, die junge Ägyptologin benutzte nur das Wort abschieben, war sie in einen derartigen Weinkrampf verfallen, dass Mona und Karla fürchteten, sie würde daran ersticken. Isis hatte in ihre Bettdecke gebissen, am ganzen Körper gezittert und sich so allein und hilflos gefühlt. Niemand hatte es vermocht, sie zu trösten. Niemand hatte ihr den Schmerz und das Leid nehmen können.
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