„Wir werden sehen! Wir werden sehen!“, antwortete Felipe, Pierchouts Erwartungen entsprechend und wandte sich ihm zu, als hätte er eben eine Eingebung gehabt. „Sagen Sie Pierre, wissen Sie, ob der Papst irgendwie enge Vertraute hatte? Ich meine Personen die er auch mal mit seinen Alltagsproblemen und andern Sorgen behelligen konnte ohne dass man gleich einen Krisenstab einberief. Ich möchte nicht sagen einen Kumpel, aber jemanden mit dem er reden konnte. Ich könnte mir da zum Beispiel einen Butler, einen persönlichen Assistenten oder vielleicht eine Art Hauswirtschafterin vorstellen. Gab es da so was?“
„Der heilige Vater hatte schon eine rechte Hand!“, erwiderte Pierchout und legte eine Hand ans Kinn. „Aber inwieweit sie persönlich mit dem heiligen Vater vertraut war kann ich nicht sagen. Diese rechte Hand des Papstes ist Bruder Luigi Moranza. Ein junger Diakon, der, den Protokollen gemäß, im Moment das Amt des Camerlengo innehat, der Stellvertreter seiner Heiligkeit, bis ein neuer Papst ausgerufen wurde. Aber ich kann Ihnen im Moment nicht seinen aktuellen Aufenthaltsort nennen. Es kann sein, dass er noch in Igoschetsien ist und sich um die ordnungsgemäße Überführung des Leichnams seiner Heiligkeit kümmert.“
„Wäre plausibel! Dann werde ich ihn ja wahrscheinlich noch heute sehen. Ich danke Ihnen!“
Da ging die Tür zur Wohnung des Papstes auf. Gefolgt von zwei Wachen der Schweizer Garde trat Lorella ein. Sogleich fiel sie Felipe um den Hals. Er bremste sie ein wenig in ihrem Enthusiasmus und gab ihr nur einen Kuss auf die Wange. Er wusste nicht wie freizügig er sich ihr gegenüber verhalten durfte, ohne für Aufregung zu sorgen.
„Ach Schatz es ist schön, dass du da bist. Komm mit ich muss dir was zeigen.“
Er nahm Lorella an die Hand und führte sie zur Tür der Bibliothek. Er schloss auf, trat mit ihr ein, verschloss hinter sich wieder die Tür und gab ihr einen richtigen Kuss. Dabei streichelte Felipe ihre Taille.
„Entschuldige bitte! Aber hier muss man ein wenig aufpassen mit der körperlichen Nähe. Du siehst übrigens super aus!“
Felipe betrachtete sich seine Freundin von oben bis unten. Ihre langen schwarzen Haare zu einer hübschen Steckfrisur hoch gesteckt, in einem eleganten grauen Hosenanzug mit weißer Bluse und schwarzen Pumps sah sie zwar immer noch hinreißend aus, aber ihre wirklich hervorstechenden erotischen Attribute traten nicht mehr ganz so sehr in den Vordergrund, wie zum Beispiel ihre traumhafte Figur, die langen Beine und ihr hinreißendes Dekolletee.
„Es geht um Folgendes. Diese Bibliothek gehörte dem Papst. Ich möchte gerne wissen, womit er sich in den letzten Tagen und Wochen vor seinem Ableben beschäftigt hat.“
„Wieso möchtest du das wissen?“, fragte Lorella verwundert darüber was Felipe wohl mit dem Papst zu tun haben könnte.
Diese Frage hatte Felipe befürchtet und er hoffte überzeugend rüber zu kommen.
„Es geht das Gerücht um, dass im Vatikan ein Komplott oder eine Intrige, vielleicht sogar gegen den Papst im Gange war. Vielleicht hatte der Papst im Vatikan selber mächtige Feinde. Dem soll ich auf den Grund gehen. Doch dazu muss ich wissen womit er sich vor seinem Tod beschäftigt hat. Deswegen sind wir hier.“
Bis jetzt klang das Ganze doch ziemlich schlüssig! , fand Felipe und war guter Dinge, dass Lorella den Köder schlucken würde.
„Sag mal!“, fragte Lorella neugierig. „Hat man den Papst etwa ermordet?“
Bums! So ein Mist! , dachte Felipe und hätte sich in den Hintern beißen können. Da hat er sich eine schöne Geschichte zurechtgelegt, und trotzdem kommt seine clevere Freundin sofort auf die Wahrheit!
„Nein!! Ach der Tod des Papstes hat damit überhaupt nichts zu tun!“, log Felipe schweren Herzens. „Ich glaube der Papst ist an einem Herzversagen gestorben. Er war ja auch nicht mehr der Jüngste!“
Wie gerne hätte er mit Lorella die Wahrheit geteilt und vielleicht sogar nach ihrer Meinung gefragt. Hey hallo!? Sie ist Journalistin!
„Jedenfalls, diese Bibliothek ist der einzige Raum in seiner Wohnung, der noch nicht bereinigt wurde. Wie du siehst, gibt es hier viele Bücher. Einige stehen etwas vor oder zurück und sind entweder gar nicht oder weniger verstaubt als die Anderen. Das heißt die hat der Papst seit dem letzten großen Staubwisch gelesen. Leider war unser Papst ein sehr fleißiger Leser. Du hast Zeit bis übermorgen. Schau dir zunächst alle gelesenen Bücher von außen an, ohne sie zu berühren. Dann kannst du vielleicht eine Art chronologische Liste anhand der Verstaubungsgrade erstellen. Achte darauf nicht zu lüften, auch wenn es hier noch so stickig ist. Zugluft könnte die Spuren verfälschen. Dann kannst du die Bücher erfassen, fix durchblättern und eventuell Besonderheiten aufzeichnen. Zum Beispiel ein Eselsohr an einer markanten Stelle, oder, es soll ja Leute geben die in Büchern herum kritzeln und so weiter. Würdest du das für mich tun? Ich muss heute noch nach Igoschetsien...“
„Igoschetsien? Was willst du denn da? Ich denke deine Arbeit hat nichts mit dem Tod…“
„Das kann ich dir jetzt nicht erklären!“, schnitt er Lorella das Wort ab. „Das würde zu lange dauern! Ich habe für die Bibliothek keine Zeit mehr, bevor das Zimmer übermorgen spätestens bereinigt wird. Bitte mein Schatz!“
„Das klingt langweilig!“
„Ich weiß! Wenn es nicht so wichtig wäre, würde ich dich nicht darum bitten.“
„Also gut! Aber da habe ich was gut bei dir!“
„Auf jeden Fall!“
Voller Freude, dass das so gut und reibungslos geklappt hat, nahm Felipe seine Freundin in die Arme und hob sie hoch.
„Alles klar Chef!“ sagte Lorella mit tiefer Stimme und salutierte, nachdem Felipe sie wieder abgesetzt hatte. „Flieg du nach Igoschetsien, ich schaukle das Baby schon!“
Felipe lächelte Lorella an. Sie war einfach nur der Hammer!
Aufbruch
„Mein Lieber Ventucelli! Es tut mir wirklich ausgesprochen leid, wenn an Ihrem ersten Tag nicht alles Reibungslos geklappt hat.“, begann Holzenberg in seiner schwarzen klimatisierten Limousine. Ihm gegenüber saß Felipe und war, auf Grund seiner paar kleineren Notlügen, auf eine Standpauke von Kardinal Holzenberg gefasst.
„Drum bin ich froh, dass Sie scheinbar das Beste daraus gemacht haben und Ihr Improvisationstalent ein erstes mal unter Beweis stellen konnten.“, säuselte Holzenberg wie mit Engelszungen weiter.
Felipe war drauf und dran, erfüllt von Stolz, zu grinsen. Doch er konnte sich zusammenreißen und wartete nur auf den Haken, den Holzhammer oder die Hand an seinen Eiern. Er war wachsam und wollte nicht in eine von Holzenbergs Psychofallen tappen.
„Doch können wir uns nicht darauf festlegen, dass Sie Ihren Umgangston mit meinen Glaubensbrüdern etwas überarbeiten? Wenn Sie schon der Meinung sind, sich auf mich berufen zu müssen, möchte ich es doch wenigstens von Ihnen umgehend erfahren.“
Holzenbergs Worte waren weich wie Schokoladensoße und doch so scharf wie eine Chilischote. Milde lächelte Holzenberg sein Gegenüber an.
So ein Mist! , dachte sich Felipe. Warren hat gepetzt! Doch was habe ich erwartet? , überlegte Felipe weiter. Das Warren hübsch die Füße still hält, nur weil so ein junger Schnösel das so möchte?
Am Ende war es Ihm egal! Lorella hatte sich in der Bibliothek eingeschlossen, und Holzenbergs Segen bekam er im Nachhinein auch. Also war doch alles gut! Außer, dass er mit Bischof Warren einen Freund weniger im Vatikan hatte. Im Augenblick stand Felipe vor dem Dilemma, sich vor Holzenberg verteidigen zu müssen. Doch wie? Holzenbergs Kritik war so lieblich verpackt, dass man sie ja kaum noch erkennen konnte. Doch einfach klein beigeben wollte Felipe auch nicht! Das würde eventuell seinen Status als selbständig arbeitender Polizeiinspektor untergraben, oder so was. Felipe beschloss es mit der gleichen Süßholzraspelmethode wie der Kardinal zu probieren.
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