Da erfuhr ich, was die Nationalsozialisten, diese Schwerverbrecher, in dieser Pogromnacht im Deutschen Reich angerichtet hatten: 91 jüdische Menschen wurden bestialisch ermordet, tausende Juden wurden misshandelt, tausende Wohnungen wurden zerstört, 267 Synagogen wurden vernichtet, 30.000 jüdische Mitbürger verhaftet. Von meinem Vater erfuhr ich, dass der weit entfernte Feuerschein, an den ich mich auch noch schwach erinnere, von der in Brand gesetzten Synagoge auf der Kasernenstraße kam. Von uns aus betrachtet war die Kasernenstraße ja die Verlängerung der Elisabethstraße.
Wie dieses Verbrechen geschah, hatte mein Vater nach dem Kriege von einem Kollegen erfahren. Demnach ist in der Pogromnacht ein SA- Haufen zusammen mit anderen Nazis dort erschienen, einige waren sogar Ärzte (!) von den Städtischen Krankenanstalten und einige waren Landgerichtsräte (!). Sie hatten Benzin und Teer mitgebracht. Alles Holz und die anderen brennbaren Materialien wurden mit Benzin besprenkelt, mit Teer bestrichen und dann angezündet. Die herbei geeilte Feuerwehr kam aber nicht, um das bald auflodernde Feuer zu löschen, sondern um dessen Übergreifen auf die Nachbargebäude zu verhindern. Das tollste war aber der grenzenlose Zynismus der Nazis, mit dem die Juden gezwungen wurden, nicht nur selbst für den angerichteten Schaden aufzukommen, sondern darüber hinaus ein Strafgeld in Milliardenhöhe zu bezahlen.
Ohne zu begreifen, was sich da abspielte, wurde ich Zeuge einer Ungeheuerlichkeit, die aber nur ein Vorspiel für jenen Frevel sein sollte, mit dem das Deutsche Reich unter der Naziherrschaft eine Barbarei an den Tag legte, welche hinsichtlich ihrer Grausamkeit neue Maßstäbe setzte.
Während in den Nachkriegsjahren in meiner Familie oft über die Gräuel der Nazis gesprochen wurde, fand besonders das Pogrom vom November 1938 Erwähnung und meine Mutter wusste von dem jüdischen Kinderarzt zu berichten, der trotz seiner Beinprothese misshandelt und die Treppe hinunter geworfen wurde. Die Beinprothese war ein Andenken an den ersten Weltkrieg, als er für sein deutsches Vaterland gekämpft hatte. Einen besonderen Bekanntheitsgrad hatte er sich dadurch erworben, dass er die Kinder mittelloser Eltern ohne Honorar behandelte.
Wie die vielen anderen Kinder auch, wurde ich also Zeuge eines Verbrechens, welches ich als solches nicht erkennen konnte. Aber die Eltern der Kinder, die Erwachsenen, die haben doch ganz klar erkannt, dass hier ein Verbrechen begangen wurde! Oder? Wie schon gesagt, fand es direkt hinter der Sakristei der Sankt-Petrus-Kirche statt. Es ist nicht bekannt geworden, ob der Herr Pastor, einer der Kapläne oder ein Mitglied des Kirchenvorstandes laut protestiert hätten. Auch in den Predigten wurde das ungeheure Verbrechen nicht erwähnt. Vielleicht war aber doch jemand so mutig, zu protestieren. Meine Eltern hatten von niemandem gehört, der sich dadurch bekannt gemacht hätte.
Ich fragte einmal meinen Vater, ob er damals nicht daran dachte, laut zu protestieren. „Hm“ , sagte er, „dann säße ich jetzt nicht hier, dann wäre ich noch am gleichen Tage ins KZ gewandert! Im Übrigen hatte kaum jemand Mitleid mit den Juden, da die antijüdische Propaganda der Nazis große Wirkung zeigte. Nicht zu vergessen die judenfeindlichen Hetzereien besonders der beiden großen christlichen Kirchen. Demzufolge hielten die meisten Christen das Massaker an den Juden für die gerechte Strafe Gottes, weil die Juden doch angeblich Jesus, den angeblichen Sohn Gottes, auf dem Gewissen hatten!“
Fast ein Jahr später, nämlich im September 1939 wurde Polen von der Großdeutschen Wehrmacht überfallen. Damit nahm der Polenfeldzug seinen Anfang. Bald ertönten aus den weit geöffneten Wohnungsfenstern die Siegesmeldungen, die der Großdeutsche Rundfunk bekannt gab. Fast jeder Volksgenosse hatte nämlich ein Radio und meistens war es ein sogenannter Volksempfänger. Auch laute Marschmusik war überall zu hören. Obwohl wir Kinder nicht verstanden, um was es da ging, wurden auch wir von dem allgemeinen Gefühl von Freude erfasst. Irgendetwas Schönes war da wohl im Gange. Die größeren Kinder erklärten uns kleineren, dass wir irgendwo einen bösen Feind besiegt hatten. Diejenigen aber, deren Väter als Soldaten im Krieg waren, wussten zu berichten, wie viele Feinde ihre Väter im Einzelnen erschossen hatten. Ich bedauerte, dass mein Vater nicht auch an der Front war, denn der hätte doch bestimmt auch viele Feinde erschossen! Oder?
Einige Wochen später war wieder Sankt Martin, aber der Zug war irgendwie eigenartig. Ja, der war sogar ganz anders, als ich erwartete. Der Martinszug musste nämlich ohne Lichter ziehen! Wir Kinder hatten zwar wieder unsere Martinslampen, aber die Kerzen durften nicht angezündet werden. Hauptsache war jedoch, dass es wieder eine Martinstüte gab. Unsere Eltern erklärten uns dann, warum wir ohne Lichter ziehen mussten. Das geschah, damit wir nicht von den englischen Fliegern gesehen werden konnten. Die hatten nämlich Bomben, die sie auf uns herunter werfen konnten. Englische Flieger? Bomben? Was war das?
Englische Flieger tauchten erst später, nämlich Ende November 1939 über Düsseldorf auf. Zu einem Angriff kam es aber nicht. Eines Abends, es war schon dunkel, hämmerte es laut an unserer Wohnungstür. Es war der für unsere Wohnung zuständige Blockwart von der NSDAP, der meine Mutter laut ausschimpfte, weil unsere Fenster nicht richtig abgedunkelt waren. Man konnte von draußen Licht sehen. Ich verstand Worte wie „Verantwortungslos, Bomben und Strafanzeige“.
Dass der Krieg eine ernste Sache ist, erkannte ich im Mai 1940, etwa einen Monat nach meinem fünften Geburtstag. Da ertönten zum ersten Mal in der Nacht die Sirenen und wir eilten zusammen mit den anderen Hausbewohnern in den Keller. Düsseldorf wurde zum ersten Mal bombardiert. Gemessen an den späteren Angriffen war diese Bombardierung aber noch nicht verheerend, obwohl einige Häuser getroffen wurden und es auch einige Tote und Verletzte gab.
Die Alarmsirenen hatten übrigens etwas Schauerliches an sich. Wenn vor einem bevorstehenden Angriff gewarnt wurde, verursachte das Auf und Ab des durch Mark und Bein gehenden Heultons der Sirene schon für sich alleine eine beklemmende Angst. Wie eine Erlösung kam mir dann nach dem Angriff der langgezogene Heulton der Entwarnung vor. Diese Sirenen gibt es immer noch und wie in Erwartung eines nächsten Krieges werden sie in bestimmten Zeitabschnitten zur Probe in Gang gesetzt und dann kommt es mir jedes Mal so vor, als wäre wieder Krieg.
Da weitere Luftangriffe zu erwarten waren, wurden auf dem Marktplatz vor der Sankt-Peter-Kirche Brandschutz- und Feuerlöschübungen veranstaltet. Mit großem Interesse hatte ich aufgepasst und gelernt, dass man Stabbrandbomben nicht mit Wasser löschen kann. Die haben nämlich eine Phosphorfüllung und Phosphor glüht unter Wasser weiter. Man musste Sand darauf schütten. Brennende Dachstühle aber mussten mit Wasser gelöscht werden. Deshalb mussten auf Dachböden sowohl Eimer mit Wasser als auch solche mit Sand bereitgestellt werden.
Obwohl ich glaubte, alles verstanden zu haben, hatte ich mit meinen fünf Jahren wohl doch nicht alles ganz verinnerlicht, denn einige Wochen später machte ich etwas, was bei den Erwachsenen, die sich in der Nähe aufhielten, das blanke Entsetzen erzeugte: Mit ein paar Freunden stromerte ich über die Jahnstraße und da fanden wir das Ding. Es war eine Stabbrandbombe, die da unbeachtet auf dem Boden lag. Wirklich, es handelte sich um eine Stabbrandbombe, soviel hatte ich auf dem Marktplatz gelernt, um das zu wissen.
Wahrscheinlich wollte ich mich vor meinen Freunden wichtig tun, denn ich glaubte, denen gegenüber einen Wissensvorsprung zu haben. Na klar, ich hatte doch gelernt, dass es Blindgänger gibt, die angeblich nicht explodieren konnten und was da auf dem Bürgersteig lag, musste so ein Blindgänger sein. Ich nahm die von mir als harmlosen Blindgänger erkannte Stabbrandbombe auf und warf sie gegen die Mauer des damaligen Dominikanerklosters. Wie von mir erwartet, geschah nichts. Das wiederholte ich einige Male und dass wir es mit einem Blindgänger zu tun hatten, der nicht mehr explodieren konnte, hatte sich damit ja wohl bestätigt.
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