„Das habe ich gehört“, ließ sich Elfgart vernehmen.
„Dann wissen Sie ja Bescheid“, gab Lale zurück.
Ein halbe Stunde später liefen Lale und Mandy durch die Hallen 2 und 4. Sie hatten den Auftrag, beide Hallen auf Sicherheit zu überprüfen, bevor die ersten Messebesucher kamen. Außerdem mussten sie sich den Kollegen der Schutz- und Bundespolizei zeigen. Schließlich mussten die Einsatzkräfte wissen, wer zur Einsatzleitung dazugehörte. Auf persönliche Vorstellung oder Gespräche vor Ort wurde verzichtet, um die Aussteller nicht zu beunruhigen. Es sollte routinemäßig wirken und wurde mit international verschärften Sicherheitsrichtlinien für alle Großveranstaltungen begründet.
Lale überprüfte zunächst den Energiehaushalt ihres Handys. Der Akku strotzte vor Leistungswillen. „Ich bin froh, dass du deine Reisetasche in der Einsatzzentrale gelassen hast.“
Mandy stöhnte leise. „Ich kann nur hoffen, dass ich nicht ausgerechnet heute Samson Perowski in die Arme laufe.“
„Wenn du ihn irgendwo siehst, sag´ bescheid.“ Lale feixte. „Dann verhafte ich ihn vom Fleck weg und kette ihn mit Handschellen an deine Tasche. Das ist dann so, als hätte er eine Steinkugel am Fußgelenk.“
Mandy kicherte. „Und mit welcher Begründung willst du ihn verhaften?“
„Wegen Raubes“, erklärte Lale prompt. „Dir raubt er mit seinen Büchern den Schlaf und mir die Nerven.“
„Schau mal.“ Mandy rüttelte an einem Abfalleimer. „Die sind alle zugenietet. Die nehmen das verdammt ernst mit der Bombendrohung.“
„Ach was, das haben sie nur gemacht, damit sie uns losschicken können, um Mülleimer zu kontrollieren.“ Lale ärgerte sich immer noch über die Leipziger Kollegen. Da wusste doch die rechte Hand nicht, was die linke tat. Und statt einfach mal mit beiden Händen kräftig zuzupacken, wurden Verantwortlichkeiten hin und her geschoben. „Wenn du mich fragst, ist das hier nur Beschäftigungstherapie, damit sie uns los sind.“
Mandy winkte grinsend ab. „Flimm und Elfgart kontrollieren doch selbst Halle 1 und Halle 3.“ Sie rüttelte am nächsten Abfallbehälter und überprüfte die Tür zum Außengelände. „Wieso ist die offen?“
Lale deutete auf das Schild über der Tür. „Notausgang. Die Türen müssen offen sein.“ Sie betrachtete eingehend die dicken Verkleidungen, die von der Decke hingen und die Versorgungskanäle verdeckten. „Verplombungen sitzen akkurat.“
„Die haben alles verplombt?“ Mandy folgte der Verkleidung am Hallenrand entlang.
„Das hat Flimm gesagt.“ Lale sah hinauf zum Hallendach. „So kann man sofort erkennen, ob irgendwo manipuliert wurde.“
„Dann auf in Halle 4.“ Mandy seufzte.
Sie durchschritten gerade wachsamen Auges den Gang zur nächsten Messehalle, als Lales Handy sich meldete. Schnell fingerte sie das Gerät aus der Tasche. „Vielleicht ist das schon die erste Reaktion auf unseren Toten. Petersen!“
„Petersen?“, quietschte es aus dem Apparat. „Das hätte ich mir ja denken können!“
„Frau Mayer“, sagte Lale überrascht. „Guten Morgen. Woher haben Sie denn meine Handynummer?“
Mandy sah verdutzt zu Lale und widmete sich dann wieder Türen, Plomben und Behältern.
„Woher ich Ihre Handynummer habe?“ Die Stimme der Kripo-Chefin überschlug sich. „Aus der Zeitung! Sie haben doch Ihre Handynummer in der Zeitung veröffentlicht.“
„Ich weiß.“ Lale betrat Halle 4. Hier waren die Messestände größer als nebenan, und es tummelten sich schon einige Aussteller. „Und? Warum rufen Sie an? Haben Sie unseren Toten identifiziert?“
„Sie sind unmöglich“, quietschte Soraya Mayer. „Ihr Vorgehen ist in höchstem Maße unkollegial. Das war so nicht abgesprochen! Warum tun Sie das?“
„Warum tue ich was?“ Lale lief durch einen der Gänge zwischen den Ständen. Sie nahm vorsichtshalber ihr Handy vom Ohr.
„Sie setzen das Foto des Toten in die Zeitung, Sie setzen Ihre persönliche Handynummer hinzu, Sie setzen sich über sämtliche Absprachen hinweg, und sie setzen mich nicht einmal davon in Kenntnis“, schepperte es aus dem Handy.
„Ja.“ Lale war am anderen Ende der Halle angekommen und inspizierte einen Versorgungskanal. Sie zeigte Mandy den aufrechten Daumen.
„Was? Ja?“ Die Kripo-Chefin schnaufte ungehalten.
„Ja, ich habe mich über Absprachen hinweggesetzt, weil es gar keine Absprachen gab“, erwiderte Lale.
„Ich weiß nicht, wie Sie das in Dresden handhaben“, schnauzte Soraya Mayer. „Dort mögen Sie damit durchkommen. Bei mir gibt es so was nicht, verstanden?“
„Da fehlt die Verplombung und der Eimer ist nicht dicht.“ Lale winkte einen Sicherheitsmann heran.
„Hören Sie mir zu, wenn ich Sie zusammenstauche“, verlangte die Kripo-Chefin hörbar erbost.
„Das tue ich, Frau Mayer“, entgegnete Lale gereizt. „Warten wir doch erstmal ab, was bei der Zeitungsmeldung herauskommt. Wenn es bis heute Abend keine neuen Erkenntnisse gibt, können Sie mich immer noch zusammenstauchen.“
„Wollen Sie mir jetzt auch noch vorschreiben, wann ich mich aufregen darf und wann nicht?“ Soraya Mayers Stimme jaulte jämmerlich.
„Meinetwegen sollen Sie sich überhaupt nicht aufregen.“ Lale war Dispute mit Vorgesetzten durchaus gewohnt, aber diese hysterische Person ging ihr besonders auf die Nerven.
„Wir haben eine allgemeine Informationssperre und Sie geben Opferfotos an die Zeitung“, quietschte die Kripo-Chefin. „Wie soll ich mich da bitteschön nicht aufregen?“
„Sehen Sie, Sie bringen schon alles durcheinander. Die Informationssperre betrifft doch lediglich …“ Lale senkte die Stimme, „diese Bombendrohung. Oder gibt es da einen Zusammenhang mit unserem Toten?“
„Ach was“, meckerte Soraya Mayer. „Ich halte mich an die Fakten. Und Sie halten sich ab jetzt an meine Anweisungen, ist das klar?“
„Klar.“ Lale beobachtete einen Aussteller, der immer wieder aufs Neue seine Bücher umsortierte. Offensichtlich war er ziemlich nervös. Sie sah auf die Uhr. In wenigen Minuten würden die ersten Messebesucher kommen. „Hören Sie, Frau Schneider und ich sind gerade auf einer Kontrollrunde. Gleich wird die Messe …“
Klack! Soraya Mayer hatte aufgelegt. Achselzuckend betrachtete Lale ihr Telefon und steckte es in die Jackentasche. Dann beobachtete sie wieder den zappeligen Aussteller. Jetzt räumte er einige seiner Bücher wieder aus den Regalen in einen großen Karton und zückte ein Telefon. Langsam ging Lale auf den Stand des Mannes zu. Erst als sie näher kam, konnte sie verstehen, was er sagte.
„Wenn ich es Ihnen doch sage.“ Und: „Gut. Aber auf Ihre Verantwortung!“
Lale trat von hinten an ihn heran. „Gibt es Probleme?“
Der Mann fuhr herum und sah sie erschrocken an. „Was? Was wollen Sie von mir?“
„Ich will wissen, ob es Schwierigkeiten gibt“, sagte Lale und musterte ihn argwöhnisch. „Ich gehöre zum Sicherheitspersonal. Darf ich mal in Ihren Karton dort sehen?“
„Sicherheitspersonal? Sie sehen gar nicht so aus.“ Der Mann schien Lale zu belauern.
„Den Karton bitte.“ Lale nahm einige Bücher heraus: „Das Grauen aus dem Mumiengrab“, „Der Todesdolch“, „Leichenbasar“, „Vom Leben gebeutelt, im Tode zerfetzt“.
Der Mann riss ihr die Bücher aus der Hand und verstaute sie im Regal. Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
Lale warf erneut einen Blick in den nun fast leeren Karton. „Oh, das passt aber gar nicht zu den anderen.“ Sie nahm ein knallrotes Buch mit goldener und lila Schrift heraus. „Küsse unterm Rosenbusch“, las sie.
„Das gehört nicht in unser Programm.“ Der Mann sah sich um, griff nach dem Buch und ließ es in seine Sakkotasche gleiten. „Das lese ich privat.“
Lale schmunzelte. „Sind Sie Verleger?“
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