„Ich hab’ s!“
Die Erkenntnis war Angelika Schwarz so spontan gekommen, dass ihr der Ausruf einfach so herausgerutscht war. Die Kühe auf der Weide glotzten sie mit gleichmütigem Blick an. Ihre Begleiter waren stehen geblieben und starrten sie ebenfalls an, wenngleich vielleicht eine Nuance neugieriger.
„Wir sollen erpresst werden.“
Auch diese Idee hatte sie der Welt mit ihrer hellen Stimme glockenrein und klar verkündet.
Die erste Kuh setzte sich in Richtung des kleinen Grüppchens erst langsam und dann in vollem Galopp in Bewegung. Der Rest der Herde folgte ihr auf den Fuß und zwang die versammelten Zweibeiner ebenfalls die Füße in die Hand zu nehmen. Mit knapper Not dem Angriff entkommen, machte sich zunächst einmal Heiterkeit breit; denn Viola Ekström hatte in der Aufregung nicht bemerkt, dass sie ihren nagelneuen und vollständig in den USA gefertigten, mobilen Taschencomputer MOTO-X auf der Flucht vor den Kühen verloren hatte. Jetzt lag das gute Stück kaum 10 Meter entfernt auf der Weide und unterhielt die glotzend davor stehenden Vierbeiner mit der bekannten Melodie von Edith Piaf.
Der Anrufer war geduldig – die umstehenden Kühe ebenfalls. Als der Anruf nicht angenommen wurde, legte er auf, ließ einige Sekunden verstreichen und rief wieder an. Die Kühe senkten ihre Köpfe hinunter zu dem Gesang vor ihren Hufen und ließen sich berieseln. Das Schauspiel setzte sich so eine Zeitlang fort bis schließlich die Rabe sich ein Herz nahm, das Drehkreuz zur Weide durchquerte, zu den glotzenden Kühe spazierte, das singende Mobiltelephon aus ihrer Mitte aufhob und gemächlichen Schritts zurückkehrte zu ihren am Gatter wartenden Polizeikollegen, die von der einen Seite ebenso ungläubig staunten, wie die Kühe von der anderen Seite mit großen Augen hinter ihr her glotzten.
„Wieso sollen wir erpresst werden? Von wem?“
Viola Ekström hatte gleich darauf als erste die Sprache wiedergefunden, musste aber aus der Antwort auf ihre Frage erkennen, dass die junge Polizistin diese Vermutung lediglich deshalb ausgesprochen hatte, weil ihr die Namensgleichheit „darauf hinzudeuten“ schien. Die NSA Agentin zeigte sich schwer beeindruckt von soviel Kombinationsgabe, klatschte geradezu euphorisch mit den Händen, lediglich begleitet von begeisterten Bravorufen. Die blonde Schwarz reagierte natürlich mucksch und zog sich schmollend in ihr Schneckenhäuschen zurück.
„Vielleicht sollten wir einfach mal jemanden rüber schicken zu den Finnen und uns ein Bild davon machen, wer sich hinter dem Namen der Toten verbirgt?“
Viola Ekström ergriff die Initiative in der sicheren Erwartung, dass Rogge sie aufgreifen und vorschlagen würde, sie selbst möge doch bitte das übernehmen. Schließlich war es ja sie gewesen, die das aktuelle Aussehen der Waldner aus eigenem Erleben am zuverlässigsten beurteilen konnte. Rogge tat ihr den Gefallen und rief mit diesem Vorschlag sogleich die Raabe auf den Plan.
„Könnte es sein, dass genau das der Plan ist?“
Die fragenden Blicke machten ihr deutlich, nicht verstanden worden zu sein. Die Frau vom LKA räusperte sich vernehmlich, bevor sie sich dazu entschloss, ihren Gedankengang auszuführen.
„Also, ich meine, könnte es nicht sein, dass die ganz einfach versuchen, unsere Aufmerksamkeit auf die Leiche zu konzentrieren, um auf diese Weise hier wieder ungestört Erfahrungen mit den üblichen Ermittlungsmethoden in Fällen , sammeln zu können, bei denen die lokalen Behörden mit dem Problem der Wasserverunreinigung befasst sind?“
Die Reaktion der umstehenden Kollegen verriet ihr, einen Denkprozess in Gang gesetzt zu haben. Rogge kratzte sich nachdenklich am Hals, während Viola es vorzog, ihre Kopfhaut mit ihren Fingernägeln zu strapazieren. Sie war es dann auch, die als erste wieder das Wort ergriff.
„Sie meinen, die wollen uns hier weg haben?“
„Nun ja, so abwegig ist das vielleicht gar nicht. Schließlich haben sie inzwischen monatelang Katz und Maus mit den hiesigen Ämtern und ihrem Krisenmanagement sammeln können. Kann doch durchaus sein, dass sie für das, was sie noch vorhaben, nicht so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen.“
Mit Erstaunen musste Rogge registrieren, dass Angelika Schwarz durchaus auch zu einer ernsthaften Überlegung fähig war.
„Sie meinen, die ziehen ihr einen Testlauf durch, um herauszufinden, wie sie hier oder an anderer Stelle den ganz großen Hebel ansetzen können?“
„Wäre doch denkbar. Wasser ist Leben.“
Angelika Schwarz fühlte sich dazu ermuntert, ihre spontane Eingebung sogleich in feste Formen zu gießen und zeichnete ihrem staunenden Kollegen sogleich ein nettes kleines Horrorszenario. Schließlich habe sich gezeigt, das zwischen der Erstkontamination des Trinkwassers und der Reaktion der Behörden in der Regel mehr als eine Woche vergangen war. Ebenso bemerkenswert erschien ihr die Reaktion des Gesundheitsamtes. Dem Trinkwasser wurde Chlor zugesetzt, um die Keime abzutöten. Immerhin zählt Chlor neben Fluor zu den reaktivsten Elementen und reagiert mit fast allen Elementen.
“Wer sagt uns denn, dass die dieses Wissen nicht nutzen, um bei nächster Gelegenheit einmal die nächste Eskalationsstufe anzutesten? Denken wir doch nur an de Vorfälle 1976 in Seveso bzw.1984 in Bhopal.”
“Sie denken, da will uns jemand einen Denkzettel der besonderen Art verpassen?”
Rogge war nicht wohl in seiner Haut. Wenn das stimmen sollte, was die junge Beamtin sich da gerade zusammenschwadronierte, dann hatten sie hier tatsächlich ein Problem.
Viola Ekström schien ähnlich zu denken. Sie erinnerte daran, dass es „im indischen Bhopal nach einer unkontrollierten Reaktion zwischen Phosgen und Isocyanaten zu einer Explosion kam, bei der eine riesige Giftgaswolke freigesetzt wurde. 3000 Menschen fanden damals direkt den Tod und bis 1990 sind mehr als 10000 an den Spätfolgen verstorben. Die Verantwortlichen sind nie wirklich zur Verantwortung gezogen worden. Was liegt da näher, als den bösen Buben im ignoranten Westen einmal anschaulich vor Augen zu führen, wie sich das anfühlt, wenn man einer solchen Katastrophe hilflos ausgeliefert ist?“
Sie beendete ihren Gedankengang und sah fragend in die Runde. Noch immer stand die kleine Truppe wie angegossen neben dem Gatter der Kuhwiese. Niemand sagte ein Wort. Alle schienen nachzudenken, während sie gedankenverloren die Kühe betrachteten, die nach wie vor regungslos vor sich hin glotzten.
So war es denn auch nicht erstaunlich, dass ausgerechnet die beiden Personen weiterhin keinerlei Beachtung fanden, die bereits dem Verfolgerfahrzeug auf dem Weg zum Museumsdorf und dann deren Insassen auf dem Weg zu dem Treffpunkt so unauffällig gefolgt waren und aktuell nur knapp hindert Meter entfernt neben einem der kleinen Almhütten standen. Andernfalls wäre den geübten Augen der Polizisten vermutlich aufgefallen, dass das äußere Erscheinungsbild der beiden so gar nicht zu der Sprache passen wollte, in der sie sich miteinander verständigten. Auch wäre es ihnen möglicherweise seltsam vorgekommen, dass die beiden ständig die kleinen Geräte in Richtung der Polizisten gerichtet hielten, die auf den ersten Blick aussahen, wie ganz gewöhnliche Mobiltelephone, tatsächlich aber hochsensible Richtfunkmikrophone darstellten.
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