„Du arbeitest schon noch für die, oder?“
Viola Ekström warf dem Vater ihrer Tochter einen schnellen Blick zu und verdrehte dabei erneut so genervt die Augen, dass selbst Rogge die Geste verstand.
„Rogge! Was glaubst du, warum deine Vorgesetzte dich vorhin so nachdrücklich darauf hingewiesen hat, dass du dich mir gegenüber nicht wieder aufführen sollst, wie eine beleidigte Leberwurst?“
Rogge sah sie an, vermied aber eine direkte Antwort.
„Also, was dein Hamina anbetrifft, so gehen wir davon aus, dass unser großer Suchanbieter sich allein deshalb in Finnland anzusiedeln beliebt, um sich der Kontrolle der gesetzlich arbeitenden Dienste zu entziehen. Es gibt an sich ganz klare Verabredungen für die Weitergabe von Daten an die Dienste. So wie es aussieht, versuchen unsere Schlaumeier jetzt aber wegen der negativen Schlagzeilen Server in Länder auszulagern, in denen unsere Rechtsauffassungen nicht zwingend gelten. Jedenfalls tun sie so, als ob es ihnen darum geht, ihre Kunden zu schützen. Tatsächlich haben wir den Eindruck, dass die unsere Kontrolle abschütteln wollen, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Das finden wir nicht so wirklich lustig, aber wir arbeiten selbstverständlich an einer Lösung. Die Russen sehen das übrigens genauso. Und Ruth, damit du es weißt, ist – wie der Zufall es will – ausgerechnet meine Kontaktperson zum FSB. Das Spielchen mit deiner verlassenen Karre am Wasserwerk und jetzt die Wasserleiche zeigt eigentlich nur, dass die auch vor unkonventionellen Schritten nicht zurückschrecken. Da sie euch damit gefüttert haben und ihr gleich darauf uns über mich kontaktiert habt, zeigt denen schon mal sehr deutlich genau die Schnittstellen auf, die es offiziell bekanntlich ja gar nicht gibt. Es ist absolut toll, wie leicht ihr euch ins Boxhorn treiben lasst. Und das gleich noch mit so einer Räuberpistole.“
Viola gab sich fassungslos und schüttelte mit dem Kopf. Zwischenzeitlich hatte sie die Geschwindigkeit ihres Wagens gedrosselt. Der PKW schlich mit wenig mehr als 100 km in der Stunde über die Autobahn und die Insassen der vorbeifahrenden PKW konnten den Eindruck gewinnen, dass da ein langjähriges Ehepaar die Gelegenheit einer gemeinsamen Fahrt nutzte, um einmal wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.
„Du bist da also tatsächlich wieder eingestiegen?“ Rogge hatte Mühe, ihren Wortschwall zu verarbeiten und zog es deshalb vor, sich zu vergewissern.
Die Frau auf dem Fahrersitz gab sich erneut genervt.
„Verdammt noch mal, ja. Was glaubst du denn, warum ich hier bin? Um mit dir süße kleine Erinnerungen auszutauschen? Wach' auf! Nach der Geschichte in Finnland habe ich ganz einfach keine Lust mehr gehabt auf diese Spielchen. Wenn du es ganz genau wissen willst – ich bin froh, dass ich da wieder landen konnte.“
Rogge lehnte sich zufrieden zurück, bemühte sich aber seinem Gesicht einen unverfänglichen Ausdruck zu geben.
Viola Ekström vergewisserte sich mit einem schnellen Blick, mit dieser kleinen Geschichte bei Rogge gelandet zu sein und tat anschließend so, als ob sie sich wegen des zunehmenden Straßenverkehrs besonders darauf konzentrieren müsse. Sie beschleunigte den Wagen stark, scherte aus auf die Überholspur, verschaffte sich mit der Lichthupe freie Fahrt und ließ das Seitenfenster so weit herunter, dass die Geräuschkulisse ein normales Gespräch ebenso unmöglich machte, wie dessen Aufzeichnung.
„Also noch mal, wer wenn nicht unsere heißgeliebten Weltverbesserer haben ein Interesse daran herauszufinden, wie die Kommunikationsstrukturen derzeit so gestrickt sind? Wieso sonst zum Teufel bringt dich jemand auf die Idee, dass es einen Zusammenhang zwischen deinem blöden Trinkwasserzwischenfall und der Geschichte mit Hamina geben könnte? Was ist das für ein Schwachsinn? Was soll der ganze Scheiß?“ Viola Ekström war wieder einmal in ihrem Element und Rogge musste sich eingestehen, dass sie auf den ersten Blick ja so unrecht nicht hatte. Viola Ekström sah Rogge ungläubig an und entschloss sich dazu, ein klein wenig aus der Nähkiste zu plaudern.
Rogge hörte zu, nickte wissend, war sich in Wirklichkeit aber keineswegs sicher, ob er nicht wieder nur Bahnhof verstand. Zaghaft versuchte er sich Gewissheit zu verschaffen.
„ Das klingt ja alles ganz toll, aber wieso verfallen die ausgerechnet auf Ruth Waldner? Was hat das alles mit ihr zu tun? Hat die vielleicht versucht, da einzudringen? Und was um alles in der Welt hat die hier beim Wasserspeicher gemacht? Und wieso ist sie schon wieder tot?“
Rogge war offenkundig überfordert. Viola begriff, dass sie jetzt einen Gang herunterschalten musste.
„Sieh mal, rechne doch einfach eins und eins zusammen. Die Spracherkennung ist inzwischen so weit, dass wenige Worte reichen, um den Sprecher zu identifizieren. Dabei ist völlig egal, ob die Worte in einem Lokal, auf der Straße, an einem Telephon oder einer netten kleinen Chat gesprochen werden. Die Gesichtserkennung zum Beispiel ist andererseits inzwischen so weit, dass du von jeder Kamera der Welt aus einem Abstand von 100 Metern individuell absolut präzise identifiziert werden kannst. Da ist es ebenfalls völlig egal, ab die Kamera in einer U-Bahn, auf einem öffentlichen Platz, in einem Kaufhaus, dem Empfangsbereich eines Hotels oder eben auch an deinem Computer montiert ist. Jetzt kombinier’ das noch mit der Standortbestimmung, die mit jedem Handy gemacht wird und fertig ist der Brei. Da können wir ja wohl schlecht wegschauen, wenn unser kleiner Bruder versucht, all diese Fertigkeiten ausschließlich für seine Zwecke zu verwenden. Verstehst du? Was Ruth anbetrifft, so ist wie gesagt wohl davon auszugehen, dass sie deren Profil nur benutzen, um zu erleben, wie wir darauf reagieren.“
Viola Ekström überlegte einen Moment und fügte dann mit allem Sarkasmus, zu dem sie fähig war, hinzu, dass der kleine Bruder dank der spontanen Reaktion der deutschen Sicherheitsbehörden endlich wissen, was sie wissen wollten.
„Wollen wir wetten, dass euer beschissenes Wasser demnächst wieder ganz sauber ist?“
Viola Ekström konnte sich diese Spitze nicht verkneifen.
Sie wirkte nicht nur genervt, sie war es wirklich.
Rogge blickte betreten nach vorn, schüttelte dann aber den Kopf. Er musste nachdenken. Während er beredt vor sich hin schwieg, blickte Viola Ekström interessiert in den Rückspiegel und verringerte dann ihre Geschwindigkeit erneut auf knapp 100 km/h. Das nachfolgende Fahrzeug folgte ihrem Beispiel.
„Wieso fährst du so abgehackt?“ Rogge war viel zu sehr mit der Verarbeitung der Botschaft beschäftigt, die Viola Ekström ihm versucht hatte näher zu bringen, als dass er daran gedacht hätte, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Dass ihnen seit geraumer Zeit ein Fahrzeug auf den Fersen zu sein schien, hatte er schlicht und einfach nicht bemerkt. Mit dem neuerlichen Bremsmanöver der blonden Frau an seiner Seite änderte sich das schlagartig. Ohne deren Antwort abzuwarten, hatte er sich mit einem Blick nach hinten davon überzeugt, dass Viola Ekström mit dem Bremsmanöver etwas bezweckte. Noch bevor er sich innerlich auf den Verfolger einstellen konnte, musste er jedoch erleben, dass Viola den Wagen scharf beschleunigte, erneut nach links auf die Überholspur ausscherte und gleich darauf wieder den Fuß vom Gaspedal nahm. Das nachfolgende Fahrzeug wurde dadurch zu einem abrupten Bremsmanöver gezwungen. Erstaunlicherweise nahm der Fahrer des Wagens diese Behinderung ohne erkennbare Reaktion hin. Natürlich verhieß das nichts Gutes, aber jetzt musste Rogge zur Abwechslung schmunzeln.
Beide Fahrzeuge befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits kurz vor der Abfahrt nach Murnau. Viola Ekström blinkte kurz rechts, zog den Audi abrupt wieder auf den rechten Fahrstreifen, bremste etwas heftiger, wechselte auf die Abbiegespur und drückte den Wagen sodann in die lange Kurve zur querenden Bundesstraße. Dort angekommen, bog sie nach links in Richtung Kochel ab, fuhr mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit bis zur Ortschaft Großweil, lenkte den Wagen dann nach rechts in Richtung Glenleiter und jagte den Audi mit halsbrecherischem Tempo hinauf zum Museumsdorf. Auf dem dazugehörigen Parkplatz angelangt, rangierte sie den Wagen in eine der freien Parkbuchten am äußersten hinteren Rand des Geländes so hinein, dass sie das Geschehen vor sich im Auge hatte. Sie stellte den Motor ab und wartete mit gespielter Ruhe ab. Während des gesamten Fahrmanövers hatten Viola Ekström und Günther Rogge kein Wort gesprochen. Auch jetzt noch herrschte angespannte Ruhe. Als das Verfolgerfahrzeug nach knapp drei Minuten noch immer nicht aufgetaucht war, blickte die Frau ihren Beifahrer mit leicht nach vorn gebeugtem Kopf aufmerksam an.
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