Aus alter Gewohnheitverkniff es sich Viola Ekström, sich nach dem Grund für den Stimmungsumschwung zu erkundigen. Stattdessen sah sie ihn mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Rogge erwiderte ihren Blick, verkniff sich aber seinerseits aus genau dem gleichen Grund die Antwort. Dieser Zustand der nonverbalen Kommunikation dauerte einen Moment. Als schließlich beide begriffen, dass so der gewünschte Informationsaustausch nicht zu schaffen war, entschlossen sich Viola und Günther praktisch zeitgleich und ohne ein Wort zu sagen, das zu tun, was Konspirateure in solchen Situationen seit jeher zu tun pflegten. Sie verlegten den Ort der Besprechung in eine abhörsichere Zone. Dazu mussten sie naturgemäß zunächst einmal den Raum verlassen und dafür bedurfte es einer plausiblen Begründung. Ohne die wäre die Person, die mit der Ausübung des Abhörauftrages betraut war, wenn es ihn denn geben sollte, sofort hellhörig geworden. Die Rolle der Impulsgeberin, also der Lieferantin für die Begründung für den Ortswechsel übernahm in diesem Fall spontan Viola, indem sie breit grinsend vorschlug, zum Chinesen gegenüber zu gehen, da sie jetzt unbedingt etwas zu essen benötige. Rogge griff den Vorschlag mit einer blumig ausgeschmückten Entschuldigung auf, wartete geduldig, bis die Frau ihre Siebensachen, wie Handy und Spiegel wieder in der obligatorischen Handtasche verstaut hatte, öffnete dann mit gespielter Galanterie die Tür des Besprechungszimmers und ließ der Frau den Vortritt.
Bereits beim Überqueren der Straße erlaubte er sich die Frage, ob es wirklich eine so gute Idee sei, ausgerechnet zum Chinesen zu gehen, wenn man ungestört und vor allem auch unabgehört sein wolle.
Viola Ekström hatte gerade wirklich keine Lust auf diese Art von platten Scherzen und überhörte daher die Frage mit einem gedehnten Seufzer. Zugleich warf sie ihm einen kurzen prüfenden Blick zu und hatte danach ganz plötzlich das Gefühl, dass er die Frage gar nicht scherzhaft gemeint haben könnte. Tatsächlich hatte sich das Chinarestaurant in dem Gebäude direkt gegenüber der Polizeiwache erst angesiedelt, nachdem die Polizei ihr Gebäude bezogen hatte. Obwohl Viola Ekström angesichts der Erfahrungen mit der Welt der Anderen ein gewisses Verständnis dafür aufbringen konnte, dass Rogge inzwischen bereit war, gewisse Vorsichtsmaßnahmen etwas ernster zu nehmen als früher, fand sie die Form der Sicherheit, mit der er ihren Besuch hier und heute begleitete, doch ein ganz klein wenig überzogen und sagte ihm das auch.
„Verfolgungswahn?“
Es war nur dieses eine Wort.Rogge nahm es mit einem leichten Knurren zur Kenntnis, verzichtete aber auf eine Entgegnung. Statt dessen schob er seine Begleiterin kurzerhand in den Fahrstuhl, drückte den Knopf für die oberste Etage, die natürlich nicht zum Chinesen führte und wartete, bis sich die Tür geschlossen hatte. Oben angekommen, schob er Viola aus dem Fahrstuhl hinaus und wandte sich ihr mit dem Hinweis zu, dass sie hier reden könnten.
Viola Ekström verdrehte genervt die Augen. Rogge übersah das geflissentlich.
„Also,“ begann er seinen Report, „in echt geht es um folgendes: es ist so, dass wir hier vor Ort ein kleines Problem mit der Wasserreinheit haben. In Königswies – du erinnerst dich sicher – ist das Trinkwasser seit Dezember immer wieder belastet. Seit kurzem auch wieder in Wolfratsried. In der Öffentlichkeit wird das selbstverständlich so dargestellt, dass keine Unruhe in der Bevölkerung aufkommt. Tatsächlich ist es aber natürlich so, dass die Wasserversorger erpresst werden. Deshalb bin ich eigentlich hier.“
Rogge machte eine Pause. Viola sah ihn fragend an.
„Nun ja, wir haben da einen etwas merkwürdigen Fund gemacht.“
Wieder eine Pause.
„Günther, mach’s nicht so spannend.“
Die Stimme von Viola Ekström klang nicht nur genervt. Rogge entschied sich dafür, sie mit dem zu diesem Zeitpunkt zentralen Teil der polizeilichen Ermittlungen vertraut zu machen. Bei der Durchsuchung eines verdächtigen Fahrzeugs mit Hamburger Kenneichen, das in der Nähe des Beurasburger Wasserspeichers abgestellt war, hatten seine Kollegen einen Datenträger entdeckt. Die Speicherkarte enthielt einen Ordner mit Konstruktionszeichnungen für die bewusste Maschine, deren Sinn und Zweck sich jedoch niemand so recht erklären konnte. Ein zweiter Ordner enthielt Photos und Kartenausschnitte der Gegend um Hamina. Das von der SAAG genutzte Terrain war besonders intensiv aufgeklärt. Alles deutete somit zwar darauf hin, dass dort zu einem symbolisch wichtigen Termin, also vielleicht genau zum 11. September, eine Art Anschlag vorbereitet wurde. Doch aus dem vorhandenen Material war nicht zu erkennen, ob es sich um eine Art terroristischer Aktion oder so etwas ähnliches wie eine Demo handeln sollte. Das BKA hatte seine Erkenntnisse unverzüglich an die Kollegen in Finnland weitergeleitet und zudem die Verantwortlichen des Suchmaschinenanbieters davon in Kenntnis gesetzt, dass erhöhte Wachsamkeit geboten sei. Doch der 11. September war verstrichen, ohne dass in der gesamten Region Hamina auch nur die Andeutung einer Demonstration geschweige denn eines Anschlages zu registrieren gewesen wäre. Das Datum hatte natürlich von Anfang an Anlass zu spöttischen Kommentaren gegeben und das Ausbleiben irgendwelcher Vorgänge trug auch nicht gerade dazu bei, die Spötter zu besänftigen. Viola Ekström konnte es sich nicht verkneifen, sich an dieser Stelle seiner Ausführungen mit einem ironischen „ach wirklich?“ in Erinnerung zu bringen. Rogge stutzte kurz, räusperte sich, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger das Kinn, während er sich nach fiktiven Lauschern umsah, und entschloss sich schließlich, zur Sache zu kommen. Der Krähe über Ihnen schenkte er dabei wie immer keinerlei Beachtung.
„Also, was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich vor kurzem erfahren habe, dass der Halter des Wagens, den wir beim Wasserspeicher gefunden haben, als Wasserleiche im Hafen von Hamina wieder aufgetaucht ist.“
„Aufgetaucht, im Hafen von Hamina?“
Viola Ekström verdrehte erneut die Augen, ließ, Verzweiflung andeutend, die Arme schlaff herunterhängen, und fügte ein „och nee“ hinzu.
„Ja, aufgetaucht, im wörtlichen Sinne. Die Leiche steckte in einem Taucheranzug und hat dort wohl tatsächlich einen Tauchgang unternommen, den sie jedoch nicht überlebt hat.“
Rogge bemühte sich angestrengt darum, seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.
„Du willst damit sagen, der arme Hund ist in Beurasburg in seinen Taucheranzug gestiegen, mit diesem in den dortigen Wasserspeicher geklettert, auf einer dieser dubiosen Wasseradern durch die Ostsee getaucht und drei Wochen später, wie durch ein Wunder tot in Hamina wieder in Erscheinung getreten. Und damit ihr hier nicht so lange in der Ungewissheit leben müsst, wer da erst ab- und dann wieder aufgetaucht ist, hat der Gute gleich noch seinen Ausweis in den Taucheranzug gesteckt und, um jedes Missverständnis auszuschließen, seine Fahrzeugpapiere zu eurer Orientierung gleich hier gelassen. Dieser Menschenfreund! Ja, hab’ ich das richtig verstanden, willst du genau das mir jetzt sagen?“
Viola Ekström hätte jetzt zu gern noch einen Kübel mit irgendeiner beliebigen Flüssigkeit zur Verfügung gehabt, um diesen zur Verstärkung ihres Spotts Rogge über den Kopf zu schütten.
Doch der Oberrat hatte sie auch so verstanden. Er stand wie ein begossener Pudel da und fragte sich im Stillen unwillkürlich, ob seine Abteilungsleiterin wirklich schlau beraten war, ihn zu veranlassen, ausgerechnet Viola zu diesem Fall hinzuzuziehen. NSA Kontakte hin, NSA Kontakte her. Das dieser Dienst nach allem, was in den vergangenen Monaten vorgefallen war, nicht mehr allzu fleißig darum bemüht sein würde, seine deutschen Partner mit Informationen zu Diensten zu sein, war zwar sicher richtig. Zu erwarten, dass dieses Defizit nunmehr durch private Kontakte ausgeglichen werden könne, hielt Rogge für reichlich naiv. Ausgerechnet Ola. Wenn er mit seiner Einschätzung ihrer aktuellen dienstlichen Verwendung richtig lag, würde sich diese Frage ohnehin erledigen. Außerdem war da noch das persönliche Element. Erneut zögerte er einen Moment, bevor er sich dazu entschloss weiter zu sprechen.
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