„Deine Gehässigkeit in allen Ehren, aber du kannst ja mal raten, wer in diesem Taucheranzug gesteckt hat?“
Rogges Tonfall ließ Viola Ekström zwar aufhorchen, aber auf Ratespiele hatte sie gleichwohl heute ebenfalls keine Lust und sagte genau das auch ihrem Gesprächspartner. Rogge wich ihrem Blick aus. Das war nicht unbedingt selbstverständlich. Viola Ekström begriff, dass da nun wohl endlich die nicht ganz so angenehme Information auf sie wartete. Ihre Ungeduld wurde hierdurch nicht unbedingt kleiner. Sie trat so dicht an Rogge heran, dass er keine Möglichkeit mehr hatte, ihrem Blick auszuweichen und forderte ihn unmissverständlich auf, jetzt endlich zu sagen, „was Sache ist“. Sie hatte sich Mühe gegeben, ihrer Stimme einen energischen Unterton zu verleihen und war gespannt darauf zu erfahren, ob ihre Rechnung aufgegangen war.
Aber Rogge tat ihr den Gefallen nicht. Anstatt ihrer Aufforderung zu folgen, wandte er sich mit einem Ruck von ihr ab und blickte durch die Fensterfront hinüber zur Polizeiwache. Aber er sagte kein Wort.
Viola Ekström stellte sich neben ihn, beugte sich ein wenig vor, drehte demonstrativ den Kopf von links nach rechts und umgekehrt und stellte zugleich an Rogge die Frage: „Siehst du etwas, was ich nicht sehe?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich sodann abrupt dem Treppenhaus zu und deutete an, den Ort ihrer Zweisamkeit zu verlassen. Noch bevor sie die erste Stufe erreicht hatte, ereilten sie die hastig ausgestoßenen Worte Rogges.
„Wir haben ihre Identität.“
Die Worte waren leise gesprochen worden, zeigten bei Viola Ekström aber die gewünschte Wirkung. Sie blieb stehen und spürte wieder dieses angenehme Gefühl in sich aufsteigen, das sie immer befiel, wenn etwas so verlief, wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie zwang sich dazu, ein überraschtes Gesicht zu machen und blickte Rogge mit einem Blick an, der ihm signalisieren sollte, dass sie jetzt bereit sei eine Botschaft zu verarbeiten, die nichts Gutes verhieß. Die Frage, die sie stellte, beschränkte sich auf ein einziges Wort. „Nun?“
In dem öden Treppenhausim Haus gegenüber der Polizeiwache mit der idyllischen Holzfassade in der kleinen oberbayerischen Stadt, in der auch ein früherer Ministerpräsident und Kanzlerkandidat sein Zuhause hatte, war Kriminaloberrat Günther Rogge wieder einmal damit beschäftigt, die Welt zu verfluchen, die ihn immer wieder zwang Dinge zu tun, die er nicht tun mochte.
Er hatte sich das Wiedersehen mit der Mutter seiner Tochter natürlich anders vorgestellt.
Den Blick weiterhin starr auf das gegenüberliegende Revier gerichtet, dachte er angestrengt darüber nach, wie er ihr das Geschehene schonend beibringen konnte. Es ärgerte ihn, dass ihm keine Lösung einfiel und ihm fiel keine Lösung ein, weil seine geliebte Ola einfach nicht locker ließ und ihn ständig nervte, anstatt ihn nachdenken zu lassen. Also ärgerte er sich über sie, vor allem über sie. Das machte es einfacher für ihn, ihr ganz ungeschminkt das zu sagen, was er ihr schonend hatte sagen wollen.
„Es handelt sich um Ruth. Sie ist die Tote.“
Während er diese Worte sprach, hatte er sich zu Viola Ekström umgewandt. Er hatte erwartet, dass die Mitteilung vom Tod ihrer früheren Gespielin sie zutiefst erschüttern würde, wurde aber eines Besseren belehrt.
Viola Ekström lachte ihn laut schallend aus, wandte sich kopfschüttelnd um und begann immer noch lachend, die Treppe wieder hinab zu gehen.
Irritiert beeilte sich Rogge, ihr zu folgen. Verärgert packte er sie am Arm und zog sie zu sich zurück.
„Was zur Hölle ist so lustig daran?“
Viola Ekström war klar, dass der Vater ihrer Tochter wieder einmal zutiefst empört war von dem, was er ihre Gewissenlosigkeit nannte. Aber sie mochte es nun einmal nicht, auf diese Weise grob angefasst zu werden und deshalb schüttelte sie zunächst energisch seine Hand von ihrem Arm und erkundigte sich sodann in genau der ordinären Sprache, von der sie sehr genau wusste, dass Rogge sie hasste, ob er „jetzt völlig den Arsch offen“ hatte.
Auch diese Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht. Rogge blieb wie angewurzelt stehen und sah die deutlich jüngere Frau verständnislos an. Doch Viola Ekström verspürte nicht die geringste Neigung, hier und jetzt ihm gegenüber irgendwelche Erklärungen abzugeben. Erneut wandte sie sich ab, eilte die Stufen hinunter und verließ schnellen Schrittes das Gebäude. Während sie ohne nach links oder rechts zu sehen die Straße überquerte, hatte Rogge Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Seine Frage, wohin sie denn jetzt wolle, blieb ebenso unbeantwortet, wie seine Aufforderung, jetzt doch einmal kurz stehen zu bleiben. So blieb Rogge nichts anderes übrig, als ihr vor den Augen der belustigten Uniformierten durch die Wache hindurch auf den Dienstparkplatz zu folgen, auf dem sie ihren Wagen abgestellt hatte.
Viola Ekström öffnete die Fahrertür mit einem Druck auf den elektronischen Schließmechanismus, schwang sich ins Auto, ließ den Motor an und öffnete sodann zu Rogges Überraschung die Beifahrertür.
„Nun mach’ schon, steig’ ein!“
Während der Oberrat sich beeilte, der Aufforderung Folge zu leisten, öffneten die amüsierten uniformierten Kollegen bereits vorausschauend das Zugangstor, so dass die Frau am Steuer, den Wagen mit einem kräftigen Tritt auf das Gaspedal hinaus auf die Straße befördern konnte, wo sie gleich darauf um den Zusammenstoß mit einem Lieferwagen nur aufgrund der Reaktionsschnelle von dessen Fahrer herum kam. Während sie den Wagen weiter in Richtung auf den nahen Kreisel beschleunigte, angelte sie von der Rücksitzbank ein Blaulicht, hievte dieses durch das Seitenfenster auf das Autodach, stellte die Sirene ein und bog, ohne zu halten, in die B11a ein. Rogge war fassungslos. Zugleich sprachlos verfolgte er mit zunehmendem Staunen, wie sie im Vertrauen auf die Wirkung von Blaulicht und Martinshorn sämtliche Verkehrsregeln missachtend die vorausfahrenden Fahrzeuge mit wilden Schlangenlinien überholte bis sie schließlich die Autobahn erreichten. Mit quietschenden Reifen schleuderte die Frau ihr Fahrzeug durch die Zufahrt in Richtung Garmisch. Den Wagen weiter beschleunigend hetzte sie auf der Überholspur der Ausfahrt Seeshaupt entgegen und holte das Blaulicht ein. Sie schaltete das Radiogerät lauter, vergewisserte sich, dass Rogge sein Mobiltelephon abgeschaltet hatte und entschloss sich erst dann, das Gespräch wieder aufzunehmen.
„Also, hör’ zu, der Käse mit der Wasserleiche ist natürlich eine reine Provokation. Das ist nicht Ruth. Ich habe keine Ahnung, wer die sind, die euch das untergeschoben haben und wo die an die Papiere gekommen sind, aber die dahinter stehende Absicht ist natürlich klar. Die wollten offenkundig ausprobieren, wie ihr reagiert. Jetzt wissen sie es. Das hast du ganz fein gemacht. Gratuliere!!!“
Rogge musste schwer schlucken. Er fühlte wieder diesen gemeinen Schmerz in sich aufziehen, den er nicht zuordnen konnte, der ihm aber wie der Vorbote einer Krankheit erschien, vor der er in Wirklichkeit erbärmliche Angst hatte. Um den Schmerz zu betäuben, hatte er sich Ablenkungen angewöhnt. An diesem Tag bestand diese in einer Atemübung, so dass er Mühe hatte, die Information zu verarbeiten, mit der ihn Viola Ekström gerade konfrontierte.
„Wir haben ziemlich gesicherte Hinweise darauf, dass eine besonders radikale Abteilung dieser Occupy Bewegung ganz wild darauf ist, das kapitalistische Ordnungsmodell einmal gründlich in den Abgrund zu stoßen. Details kennen wir bisher nicht. Die gehen absolut professionell vor und geben sich alle Mühe, die Regeln der Konspiration nicht zu verletzen. Kapierst du das?“
Kriminaloberrat Günther Rogge verstand jetzt fast nur noch Bahnhof. Doch selbst das Wenige, was er verstand, behagte ihm ganz und gar nicht. Irritiert sah er die Frau am Steuer an und entschloss sich auf Nummer sicher zu gehen.
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