Trish lacht hell auf. »Den mögen wir alle.« Sie schiebt Andy eine Hand entgegen, die diese ergreift. »Ich hoffe, dir wird es bei uns gefallen. Lass uns heute Abend doch ausgehen, dann können wir uns besser kennenlernen.«
Andy sieht mich fragend an, als bräuchte sie die Gewissheit, dass auch ich einverstanden damit bin, also nicke ich stumm und ringe mir ein Lächeln ab. Trish fällt das alles viel einfacher als mir. Aber ich arbeite daran. An mir und meiner Scheu vor fremden Menschen. Andererseits komme ich mit meiner Kundschaft deutlich besser klar. Vielleicht, weil ich bei ihnen schon vorher weiß, was sie von mir erwarten. Die Fronten sind schon geklärt, bevor wir uns das erste Mal sehen.
3
Steve, Kaugummis und Groupies
Ich werfe einen Blick in den Fahrstuhlspiegel und presse die Lippen aufeinander. Der schwarze Lippenstift passt gut zur schwarzen Perücke mit den fransigen Haaren, dem kurzen Lacklederrock, der löchrigen Netzstrumpfhose und dem Tanktop. Ja, ich sehe aus wie ein Groupie, und genau das ist der Anblick, den Steve sehen will, wenn er mir gleich die Tür öffnet. Steve ist ein Rockstar in Rente. Ein Rockstar, der, wenn man den Zeitungen glauben darf, in seinen wilden Jahren unzählige Groupies mit auf seine Hotelzimmer genommen hat.
Die wilden Jahre hat er längst hinter sich gelassen, die Groupies auch, denn die Mädchen von heute kennen ihn nicht mehr, und die Mädchen von damals sind längst Ehefrauen und Mütter, vielleicht sogar schon Großmütter. Nur er scheint diese Zeiten noch nicht hinter sich gelassen zu haben. Ein paar Mal im Monat bestellt er Mädchen in sein Apartment, die aussehen sollen wie Groupies, um die alten Zeiten noch einmal erleben zu dürfen.
Ich steige im vierzehnten Stock aus dem Fahrstuhl, meine zehn Zentimeter hohen Absätze klackern auf dem Steinboden. Schnell schiebe ich mir einen Kaugummi in den Mund und kaue ihn hastig. Er ermahnt mich jedes Mal dafür, aber ich weiß, dass es ihn insgeheim anmacht, wenn ich extrem auffällig und geräuschvoll darauf herumkaue. Ich gehe den Flur runter zur vorletzten Tür. Steve wohnt in einem Mehrfamilienhaus, das wenig bis gar keinen Charme versprüht. Das müsste er nicht, denn er ist reich. Sehr sogar. Aber sein Geld auszugeben für sinnlosen Protz, das ist nicht sein Ding. Dafür bewundere ich ihn irgendwie. Ich gebe mein Geld gerne für alles Mögliche aus: Perücken, Handtaschen, Schuhe, teuren Kaffee. Andererseits, besser er gibt es für mich aus. Oder meine Kolleginnen. Nach einem tiefen Atemzug drücke ich den Klingelknopf, umfasse meine Handtasche mit beiden Händen und kaue energisch auf meinem Kaugummi herum. Als er die Tür öffnet, grinse ich ihn so breit es nur geht an.
»Ah! Steve Harris!«, brülle ich aufgeregt und hüpfe herum wie ein Schulmädchen. »Ich bin ja so aufgeregt!« Kaugummikauen, schmatzen, hüpfen, Luft zufächeln. »Ich fass es nicht, dass ich wirklich hier sein darf! Ich liebe deine Musik.«
Um seine Mundwinkel herum zuckt es, er streicht sich eine lange blonde Haarsträhne hinter die Ohren. Er trägt sein Haar noch immer sehr lang, aber es wird oben auf dem Kopf schon lichter. Man kann die Kopfhaut schon sehen. Steve steht nur in engen Jeans vor mir. Sein Körper ist über und über mit Tattoos verziert. Es gibt kaum einen Zentimeter, der nicht farbig ist oder zumindest ein Piercing enthält. Dieses Treffen ist nicht mein erstes mit ihm, daher kenne ich seinen Körper schon ziemlich gut. Aber ich versuche immer anders auszusehen, ihm immer ein anderes Groupie vorzuspielen. Das hier ist ein Geschäft und ich will, dass mein Kunde zufrieden ist, also bekommt er, was auch immer er sich wünscht. Bis zu einer gewissen Grenze: ich steige aus, wenn es um Verstümmelung, Natursekt, Kot oder anderen ekelerregenden Kram geht.
Ich hatte mal einen Kunden, der stand auf Blut. Damit habe ich kein Problem, im gewissen Maße. Hier und da ein winziger oberflächlicher Schnitt kann erregend sein, mich unglaublich hoch tragen während des Sexes. Aber dieser Kunde, ich sag's euch, er wollte mir tatsächlich einen Finger abschneiden. Mir wird heute noch ganz übel bei der Gier in seinen Augen. Die Perversität des Menschen ist grenzenlos. Glaubt mir, in meinem Berufszweig erlebt man alles, was die menschlichen Abgründe hergeben können. Dieser Kunde hat mich nie wieder gesehen, ich war schneller aus seiner Wohnung verschwunden, als er mich bezahlen konnte. In so einem Fall verzichte ich auch mal auf mein Geld. Das kann mir das Leben retten.
»Du weißt, wer ich bin, Süße. Aber wer bist du denn?«, fragt Steve mich. Natürlich kennt Steve meinen Namen, zumindest den, unter dem ich arbeite. Aber den will er gar nicht hören, da ich ja ein »neues« Mädchen bin.
»Lil«, antworte ich kauend und schiebe den Kaugummi von einer auf die andere Seite in meinem Mund.
»Du stehst also auf meine Musik? Und du bist hier, um auf meiner Party dabei zu sein?«
»Hmm«, mache ich und lege den Kopf schief. »Bin ich.« Ich blitze ihn aus meinen Augen grinsend an. »Jede Art von Party, auch die heißen.«
Er nickt, dann hält er mir seine Hand unter das Kinn. »Raus damit«, befiehlt er scharf. Aber ich sehe in seinem Blick die aufgeregte Hitze. Er will meinen Kaugummi unbedingt haben.
Ich lächle aufreizend, spucke ihn in seine Hand, dann ziehe ich meinen Rock ein Stück weiter nach oben, greife darunter, zerreiße meine Strumpfhose und streife meinen roten String langsam über meine Schenkel nach unten. Dabei lasse ich Steve keine Sekunde aus den Augen, mir völlig bewusst, dass ich noch immer im Flur stehe und zumindest der Nachbar von gegenüber uns hier beobachten kann, wenn er einen Blick durch seinen Spion wirft. Ich steige mit den Heels aus meinem Slip, bücke mich danach und halte ihn Steve vor die Nase.
»Den hier auch?«, frage ich obwohl ich die Antwort längst kenne, denn Steve hat einen Fetisch, er wird Kaugummi und Slip in eine Tüte packen, meinen ausgedachten Namen auf das Etikett schreiben und beides dann in einer seiner Kisten aufbewahren, in denen er unzählige solcher Erinnerungsstücken sammelt.
»Kommst du wieder rein?«, ruft eine weibliche Stimme aus der Wohnung, dann wird die Musik aufgedreht. Jemand anders ruft etwas, das ich nicht verstehe. Die Party läuft schon. Steve und ich sind nie allein, er steht auf Gangbangs.
Als ich das Wohnzimmer betrete, sitzen vier weitere Frauen im Raum verteilt. Die jüngste muss neunzehn sein, die älteste mindesten fünfzig. Sie mustert mich unter zusammengekniffenen Lidern hervor und verzieht abschätzig das Gesicht. Sie ist die Einzige, die hier so gar nicht reinpasst. Sie trägt ein Kleid, das ihr vielleicht zu der Zeit richtig gepasst hat, zu der Steve noch auf der Bühne stand. Jetzt drücken sich die Fettpolster überall durch den Stoff mit Leopardenprint. Ich glaube fast, sie ist der einzige wirkliche Groupie hier. Wer weiß, wo Steve sie gefunden hat. Vielleicht hat sie ihn auf der Straße erkannt und er hat sie spontan eingeladen. Das kam schon vor. Ob sie wohl ahnt, was hier gleich passieren wird, und dass so gut wie jedes Mädchen hier - und auch die Männer - bezahlt werden?
Ich sehe mich weiter um und entdecke in der Gruppe aus fünf Männern Jonathan, ich habe schon mit ihm gearbeitet. Eine andere Party, ein anderer Kunde. Er sieht zu mir her, überlegt kurz und erkennt mich dann. Mit einem Lächeln kommt er zu mir rüber, schnappt sich eine Flasche Bier aus einem großen Metalleimer, der mit Eis gefüllt ist, und hält sie mir hin. Ich nehme sie dankbar und strecke mich zu ihm nach oben, um ihn mit einem Kuss auf die Wange zu begrüßen.
In seinem Blick funkelt es. »Freust du dich auch so sehr, dass wir beide wieder mal zusammen was machen dürfen?«, fragt er, nimmt meine Hand und legt sie sich auf seinen Schritt. Sein harter Schwanz wölbt sich gegen meine Handfläche. »Er erinnert sich noch gut an dich.«
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