Ich habe Trish am ersten Tag meines dritten Semesters auf der NYU kennengelernt. Sie war so vollkommen anders als ich: lustig, laut, auffallend und dabei ziemlich sexy. Ich bin eine Frau, und ja, manchmal stehe ich auch auf Frauen. Und Trish ist mir sofort ins Auge gesprungen. Die Art, wie sie sich bewegt hat, wie sie den Männern um sich herum nur mit ihrem verführerischen Lächeln zugleich das Blut in die Lenden getrieben und sie abserviert hat. Ich hätte sie unmöglich nicht bemerken können, denn sie stand umringt von einer Gruppe männlicher Studenten, wie Scarlett O’Hara auf einem Gartenfest, und lachte über ihre Versuche, sie auf ein Date einzuladen. Sie winkte kokett ab, durchbrach den Kreis, den sie um sie herum gebildet hatten, und warf sich mir in die Arme, als ich gerade im Begriff war, vorbeizugehen, ohne allzu fasziniert auf die junge Frau zu starren, die strahlte wie die Sonne, während ich selbst mit meinem Stein auf der Brust herumlief, den ich schon mein ganzes Leben mit mir herumschleppte.
»Das ist meine Freundin, wenn ich überhaupt mit jemandem auf eine Party gehe, dann mit ihr«, rief sie, löste sich von mir, nur um sich dann bei mir unterzuhaken. »Spiel einfach mit«, flüsterte sie mir zu. »Ich erklär es dir später.«
Ich kämpfte sekundenlang mit meiner Verdutzung, weil ich es nicht gewohnt war, dass jemand mir so nahe kam und dabei auch noch fröhlich und unbesorgt aussah. Ich bin in einer kleinen Stadt etwa 100 Meilen entfernt aufgewachsen, bei den meisten Menschen dort hatte ich es mir mit meiner abweisenden Art verscherzt, niemand wollte etwas mit mir zu tun haben. Erstrecht nicht mehr, nach Timothys Tod. Ich ließ zu, dass sie mich mit sich zog und munter drauflos plauderte, und ihre männlichen Fans uns bittend und bettelnd hinterherliefen.
»Wes würde sich so freuen«, jammerte einer von ihnen.
»Es ist sein Geburtstag«, der nächste.
Sie warf grinsend einen Blick über die Schulter zurück. »Keine Dates, ich hab es euch und auch Wes immer wieder gesagt.«
Als die Männer es endlich aufgegeben hatten, zog sie mich in ein Café auf dem Campus und schob mich auf einen Tisch zu. »Du hast doch Zeit, oder?«, wollte sie wissen.
Ich nickte ergeben, völlig erschlagen von ihrer aufgeweckten, fast schon quirligen Art und setzte mich auf einen der Stühle.
»Ich gehe nie auf Dates«, erklärte sie mir noch immer breit lächelnd und zupfte unaufhörlich an ihren blonden, fast weißen Haaren herum. »Nicht auf solche. Da muss ich Konsequent sein, aber sie wollen es nicht verstehen. Ich werde bezahlt, wenn ich auf ein Date gehe. Mein Name ist übrigens Trish.«
Ich hatte sie wohl fassungslos angestarrt, weil sie mich völlig überrumpelt hatte, aber daran störte sie sich nicht, stattdessen zuckte sie nur mit den Schultern. »Und wie heißt du?«
Am gleichen Abend ist sie mit mir in einen sehr exklusiven Club gegangen und hat ihre Visitenkarte an jeden Mann weitergegeben, der sie auf einen Drink einladen wollte, was mich noch mehr fasziniert hat. Die Leichtigkeit, mit der sie Kontakt mit fremden Männern hatte, und das Selbstbewusstsein, das sie an den Tag legte, wenn sie ihnen erklärte, dass sie sie nur gegen Bezahlung bekommen würden, sorgten am Ende dafür, dass auch ich sie wollte. Und ich habe sie bekommen. Für ein paar Nächte, dann hat sich unsere Beziehung mehr und mehr verändert. Aus Verlangen wurde Freundschaft. Und diese Freundschaft ist die wichtigste Beziehung in meinem Leben. Und damit hatte mein Zug seine bisher letzte Haltestelle erreicht.
Ich lasse mir ein Bad ein, das ich ausgiebig genieße, zwischen meinen Schenkeln pulsiert es, Aiden ist dieses Mal noch viel grober mit mir umgegangen als sonst. Bei der Erinnerung ziehen meine Brüste sich lustvoll zusammen. Schmerz verbinde ich mit Bestrafung und mit absoluter und vollkommener Lust. Schmerz und Sex sind es, die mir das Gefühl geben, lebendig zu sein. Sie sind die Droge, die jetzt die Farben in mein Leben bringen. Meine neue Haltestelle, und ich habe vor, zu bleiben. Die meisten von euch denken wahrscheinlich, ich wäre verrückt, weil ich so empfinde, vielleicht bin ich das auch. Aber so ticke ich nun mal. Ich liebe es, hart gefickt zu werden. Und damit meine ich nicht unbedingt SM, zumindest nicht die verrückten Sachen. Nein, ich meine dominanten, harten, düsteren Sex. Er vertreibt die Finsternis, die meine Seele verdunkelt, solange ich denken kann. Nicht einmal meine Psychologin weiß, woher diese Finsternis kommt. Aber sie erklärt es mit einem Ungleichgewicht in meinem Gehirn. Merkt euch das Wort Ungleichgewicht, denn ihr werdet noch öfters davon hören und vielleicht am Ende meiner Geschichte verstehen, warum ich immer auf der Jagd nach dem einzigen außer Drogen bin, dass dieses Ungleichgewicht besiegen kann: die Befriedigung meines Lustzentrums. Wahrscheinlich denkt ihr jetzt, dass es einfacher wäre, Schokolade zu essen, als meinen Körper zu verkaufen. Aber Schokolade reicht mir nicht.
Ich schließe die Augen noch fester und berühre mich, spüre dem Schmerz zwischen meinen Beinen nach, während das heiße Wasser meine Brüste umspielt. Ich glaube, Aiden hat herausgefunden, dass er mir auch noch Vergnügen bereiten kann, wenn ich längst nicht mehr bei ihm bin, indem er dafür sorgt, dass ich ihn noch Stunden später spüre. Ich schiebe einen Finger in mich und reibe mit der anderen Hand über meine Klitoris, während sich in meinem Kopf die Szenen vom Nachmittag noch einmal abspielen. Aiden sich wieder und wieder brutal in mich stößt, bis ich unter mächtigem Schütteln komme.
Nach dem Bad gehe ich in mein Zimmer, lehne die Tür nur an, damit ich mit einem Ohr immer nach Trish lauschen kann, die bestimmt auch bald nach Hause kommt, und rufe Lola an. Unsere Chefin ist streng, was die Einhaltung ihrer Regeln betrifft. Sie will nach jedem Auftrag angerufen werden, damit sie sichergehen kann, dass es uns gut geht. Lola ist eine unglaublich tolle Frau. Die erste Frau, in der ich eine Art Mutter sehe. Sie gibt mir das Gefühl, immer für uns da zu sein, uns bestmöglich beschützen zu wollen.
»Mir geht es gut, alles lief prima«, sage ich nachdem sie abgenommen hat.
»Fabelhaft«, antwortet sie. Fabelhaft, das ist ihr Wort. Sie benutzt es ständig. Die meiste Zeit ist es ein Ausdruck ihrer Zufriedenheit. Manchmal aber ist es auch ein Fluch. »Ich hätte eine neue Mitbewohnerin für euch. Du hast morgen frei, dann schicke ich sie zu dir und du kannst sie dir mal ansehen.«
»Passt sie zu Trish und mir.«
»Wie soll ich diese Frage beantworten? Du und Trish passen auch nicht zusammen. Ihr seid wie Feuer und Eis, wie soll ich da wissen, wer zu euch passen würde?«
Ich lache in das Telefon. Ich habe vor Trish nur selten gelacht. Sie hat mir mein Lachen zurückgebracht. Oder mir gezeigt, wie man lacht. Ganz wie man es sehen will. »Schick sie einfach vorbei.«
»Ist Trish noch nicht zurück?«, will sie wissen und ich höre leises Papierrascheln. Es ist fast Mitternacht und Lola arbeitet noch immer. Ihr Büro ist ihr zu Hause, sie wohnt in der Agentur, hat dort ein kleines Zimmer ganz für sich allein, in dem es nichts weiter als ein Bett, einen Kleiderschrank und ein kleines Bad gibt. Mehr braucht sie nicht, sagt sie immer. Alles andere findet sie in den Räumlichkeiten der Agentur. Obwohl sie nichts braucht, besteht sie darauf, dass ihre Mädchen leben wie Königinnen. »Denn ihr seid Königinnen«, sagt sie immer. Ich muss sagen, ich bin sehr froh darüber, dass Lola so denkt. Gäbe es sie nicht, bestünde mein Leben wohl kaum aus begehbaren Kleiderschränken, Designermode und einem Penthouse, das sich sonst nur die Elite in London leisten kann. Nachdem mein Vater alles verloren hatte, war es schwer, plötzlich mit wenig auskommen zu müssen. Einer meiner Kunden ist der Sohn eines Scheichs aus Dubai, er bewohnt das Apartment direkt neben uns. Wir sind in unserem Job umgeben von den reichsten Menschen, da kleidet man sich nicht in Klamotten aus dem Kaufhaus.
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