Links von dem Gehirnschnitt hängen Rahmen aus Holz (oder war es rechts davon?), sie waren tiefer als die Bilderrahmen, hinter dem Glas befanden sich (befinden sich) ganze präparierte Organe, Vergleiche zwischen gesund und krank, besonders im Gedächtnis geblieben ist dir ein kompletter Verdauungsapparat, eine verwachsene Schlange, lose im Kreis gelegt, vom Rachen über die Speiseröhre bis zum Magen, und von da über Dünn-, Zwölffinger-, Blind- und Dickdarm bis zum Anus, fein säuberlich aus einem Toten herausgeholt und anschaulich gemacht. Diese Erinnerung löst plötzlichen Ekel in dir aus, selbst plastiniert ist alles schleimig und eklig gewesen, obwohl du weißt, dass diese Organe längst knochentrocken sind, machst du sie dir im Kopf zu nach Verwesung riechenden Schleimbeuteln, aus denen Blut und Eiter rinnt, sich unten in den Holzrahmen sammelt und von da abtropft. Und obwohl da nichts getropft hat, bildest du dir ein, dass du unter dem Rahmen eine Spur die Wand hinabrinnen gesehen hast, bräunlich, kotig, blutig, und unten auf dem Boden hast du eine halb getrocknete Pfütze gesehen, zum Teil in die Fußleiste eingezogen, und die falsche Erinnerung ist so stark, dass es dich plötzlich schüttelt, dass du unwillkürlich ein Geräusch machst, ein Ekel-»Brrr...!«, worauf du die Augen aufschlägst, vis-à-vis zu Jan, und der dich anlächelt. Folgsamer Schüler, denkt er jetzt, wenn der wüsste. Aber weil der Ekel dir in der Kehle hängt, schließt du die Augen wieder, schluckst, würgst das Gefühl irgendwie hinunter und fragst dich: Was soll ich an Franka denken, ich habe doch mich selbst verloren ...
Wenig später macht jemand ein ähnliches Geräusch, es ist aber ein Wimmern, Nase hochziehen, Schniefen. Trauer, einer aus der Gruppe ist durch, sozusagen, ist drin, besser gesagt, hat sie gefunden, die Trauer im neuen alten Körper, und wir wissen nicht, was da so traurig macht, es ist ja bei jedem anders, aber nun, wo der Damm gebrochen ist, kommen von mehreren Stellen gleichzeitig Weingeräusche, die du nicht willst, du presst die Augen nun feste zu, willst am liebsten auch die Ohren zuhalten, aber das wäre nicht das Erwartete, du denkst nur, dass DEIN Trauerfall was anderes ist und nicht vergleichbar, dieser Gruppenkurs hat die Aufgabe, seinen zu Tode gekommenen Körper wieder lieben zu lernen, ach was, wieder unter Kontrolle zu bringen, emotionale Contenance, wie viele Stunden sind eigentlich dafür angesetzt, im Budget der Gesellschaft, ich aber muss was ganz anderes lernen.
Und dann denkt Leon an Sylvie. Und dass sie darunter leidet, wie er sich verändert hat. Leon, der emotional Präsente, Leon, der mit nichts hinterm Berg hielt, auch: Leon, der Mutige, der Achterbahnfahrer, der Kletterer, Taucher, Skifahrer, Leon, der lachen wie weinen konnte, konnte er weinen? Am meisten wird Sylvie Leons Temperament vermissen, vielleicht war er aufbrausend, vielleicht jähzornig? Sylvie dürfte so einiges vermissen, aber sie ist gewiss auch froh, dass Leon kooperiert. Also: Kooperiere, fühle, zeige Gefühle, verbinde deine Gefühle mit diesem Körper!
Plötzlich meinst du, Legi neben dir zu hören, unterdrückt kichernd, aber du kannst dich auch täuschen, kichert sie nicht schon eine ganze Weile? Du willst es gar nicht wissen. Lachen und Weinen sind fast dasselbe, du öffnest deine Augen nicht. Und der Mann, den du Freud getauft hast? Willst du auch nicht wissen, überhaupt nicht. Irgendwo, räumlich schräg links vor dir, hat eine andere schwarze Boje so hohe Wellen geschlagen, dass alle Dämme gebrochen sind, eine Frau heult auf wie ein Sturm in der Nacht, das ist 'Schlaggi', denkst du (du bist sicher, dass es Schlaggi ist, obwohl du die Augen zugepresst hältst und der Mensch im Weinen so fremd klingt). Das wiederum führt auch bei anderen zu größerer Hemmungslosigkeit, überall Schniefen und Wimmern, und dann hörst du leise Turnschuhschritte, von links nach schräg geradeaus links (erfreulich, dass Leon seine Raumwahrnehmung mit dir teilt, immerhin), das muss Jan sein, Jan, der nun zu Schlaggi geht, um sie festzuhalten, und der »das ist echt!« oder etwas Ähnliches sagt, was du idiotisch findest, wie du das hier überhaupt idiotisch findest, dieses programmierte Heultraining, und weil man sich denken kann, dass so ein restrukturiertes Gehirn Schwierigkeiten hat, wieder alle Verbindungsstellen zwischen Emotion und Ausdruck zu besetzen, deshalb sind diese Heulereien um dich herum auch so extrem, unangemessen extrem, findest du, und du wünschst Freud plötzlich viel Glück dabei, seine Maske aufrechtzuerhalten.
Eine Weile geschieht außer kollektivem Heulen nichts. Kollektives Trauern um individuelle Schicksale, aber Jan schürt es Gott sei Dank nicht weiter, er scheint voll und ganz mit Schlaggi beschäftigt zu sein und du weißt nicht einmal, ob man die Augen wieder öffnen darf oder soll.
Schlaggi hat angeblich vor Gericht erstritten, dass man sie einschläfert, gewissermaßen, sie spricht da nicht offen drüber, es gibt nur Hörensagen und dies und das, und du hattest darüber mal einen Online-Artikel gelesen (als Thomas, nicht als Leon): die Geschichte einer Topmanagerin bei einer Bank, die nach einem schweren Schlaganfall halbseitig gelähmt bleibt, an den Rollstuhl gefesselt und seitdem zu epileptischen Anfällen neigend. 'Aus dem Leben gerissen'. Versuche, in diesem Zustand ihre Karriere wieder aufzunehmen, sollen vor allem daran gescheitert sein, dass sie äußerlich nicht mehr die attraktive, zielstrebig auftretende Businessfrau war, von der sich die Herren der Geschäftswelt auch mal was hatten sagen lassen (es gibt da so eine Art Domina-Effekt, du kennst das aus dem Bauwesen). Stattdessen sitzt plötzlich ein verhärmtes Häufchen Elend mit asymmetrischem Augapfel und sabberndem Mundwinkel am Konferenztisch, ihr Kostümchen, das mal sexy gewesen war, und das sie sich weigert, gegen etwas 'Angemesseneres' zu tauschen, ist eigenartig schief verrutscht, und auch eine eigens für sie engagierte Visagistin hat nicht viel retten können. Der Artikel hat Details ausgeschmückt, von denen du dich gewundert hast, dass sie das freigegeben hat. Man kann sich vorstellen, wie ihre gesunde linke Hand bei Meetings die tote rechte auf dem Tisch festhält und permanent massiert, was wie ein Tick ausgesehen haben dürfte, und wenn sie etwas sagt (wenn sie sich überhaupt mal überwindet, etwas zu sagen), dann verstehen die anderen kein Wort, und wenn man sie doch versteht, dann nur, dass sie offenbar selbst nichts verstanden hat, dass sie nicht folgen kann und nur noch wie ein verordneter oder quotierter Inklusionsfall dabei sein darf. Statt Frauenquote Behindertenquote und nur noch aus gewissen Imagegründen geduldet. Neben ihrem äußerlichen Niedergang ist es vor allem ihre neue Langsamkeit gewesen, auch im Denken und Verstehen, weswegen man sich ihrer schließlich entledigt hat. Kündigung und Vorruhestand und nicht mal eine Familie, geschweige einen Partner. Aber weil sie nicht tot war, hat sich die Gesellschaft geweigert, sie zu reinkarnieren. Ihr Fall ist schließlich bekannt geworden, deshalb der Artikel, ihr Fall und die Konterkarierung der uralten Frage, ab wann man einem Menschen Sterbehilfe leisten darf? Darf man, wenn man ihn dadurch anschließend wiederbeleben - oder eben reinkarnieren kann? Darf man aktiv den Geist vom Körper trennen, um letzteren sozusagen generalzuüberholen und anschließend durch den Geist wieder in Betrieb zu nehmen? Schlaggi ist damals vor Gericht gezogen, aber den Ausgang des Prozesses hatte Thomas nicht mehr mitbekommen. Erst jetzt, weil er zufällig mit ihr dieselbe Rehabilitation durchläuft, hat er erfahren, dass sie gewonnen hat, dass man sie also tatsächlich hat runderneuern müssen. Worüber sie nicht spricht. Aber man sagt, sie wurde mit ihrem letzten Backup vor dem Schlaganfall reinkarniert, was bedeutet, sie muss fast zwei Jahre ihres Lebens als Gelähmte aufarbeiten - die sie nicht mehr ist, da alle schlaganfallbedingten Hirnschäden beseitigt wurden und man mit viel Physiotherapie ihre Lähmungen hat rückgängig machen können. Interessanterweise hatte die Gesellschaft, der es darum gegangen war, die Kosten im Griff zu behalten, ethisch gegen sie argumentiert und sich dabei ziemlich aus dem Fenster gelehnt. Die Vertreter der Gesellschaft hatten damals angezweifelt, dass es tatsächlich der 'Geist' sei, den man beim Backup vom Körper trenne, und man daher keinen 'Geist' in ein restrukturiertes Gehirn einspiele, sondern lediglich mithilfe eines Abbilds des Gehirns dieses nach seinem Tod - Tod, wohlgemerkt - wieder in Form brächte und sie insofern gemäß den Buchstaben des Gesellschaftsvertrags keinen Anspruch auf Reinkarnation habe, solange sie noch lebe. Und das, wo alle Anzeigen und Spots genau damit für den Beitritt zur Gesellschaft werben: dass man sich selbst, sein Selbst, sein Innerstes den schützenden Händen einer wohlwollenden Institution überantworte, die sich um etwas kümmere, das bildgewaltig und emotional als Seele dargestellt wird.
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