Später dann im Hotel ging alles so weiter, wie es bereits im Flugzeug begonnen hatte. Die Kinder trieben ihre Mutter zur Weissglut, Carina bettelte darum, dass Gian-Franco, der Vater der Kinder, endlich einmal eingreifen würde. Vergeblich. Gian-Franco steckte seine ganze Aufmerksamkeit immer in diese Hochglanzpublikationen mit den Börsenkursen und in die Wirtschaftszeitungen. Wenn Carina gewusst hätte, wieviele solcher Publikationen und Zeitungen es gab, dann wäre sie sicher alleine oder zumindest ohne Gian-Franco mit den Kindern in den Urlaub gefahren. Hätte sie vor zehn Jahren gewusst, auf was sie sich einlassen würde, dann hätte sie damals sicher ‚Nein‘ gesagt. Die Familienkatastrophe war also vorgeplant und der Urlaub der Andreolis stand unter einem sehr schlechten Stern, mit ihm natürlich auch jener der anderen Mitreisenden.
Mit einem Gefühl der Abscheu in der Magengegend versuchte ich eine Antwort auf die brennende Frage zu finden, warum man solchen Mitmenschen immer ausgerechnet im Urlaub begegnen musste. Ja, schliesslich wäre während des Jahres jeden Tag genügend Zeit, um sich mit solchen Kreaturen abzugeben. Im Urlaub wollen wir uns ja erholen, doch zwei Wochen eingesperrt in einer Hotelburg, zusammen, oder noch schlimmer Seite an Seite, mit Menschen, die einen nur nerven, das hatte sicherlich gar nichts mehr mit Erholung und Entspannung zu tun. Manchmal dachte ich, das wäre Schicksal oder eine Art der Bestrafung, doch ich war mir sicher, dass ich eine solche Bestrafung alles andere als verdient hatte.
Mein Nachbar, der Reikelbacher, der hätte eine solche Bestrafung eigentlich am ehesten verdient, war er es doch, der während des Jahres alle anderen im Haus nervte mit seinem Dudelsack. Ja echt! Der konnte seelenruhig Dudelsack spielen, sonntags um halb acht Uhr in der Früh, manchmal auch mitten in der Nacht. Dann wusste jeder im Haus, wo er wieder gewesen war. Vermutlich in der ‚Alpenrose‘, wo er sich mit Brigitte, der Kellnerin, Mut antrank, um sie danach abzuschleppen. Sie trank sich jeweils Mut an, um ihrem Boss mitzuteilen, dass sie sich entschieden habe zu kündigen. Immer aber war es beim Vollrausch geblieben, hin und wieder endete ein solcher mit einem Abenteuer mit dem Reikelbacher, aber an eine Kündigung zu glauben, wäre mehr als blauäugig gewesen. Wenn dies jeweils nichts fruchtete, dann kramte der nunmehr zutiefst enttäuschte Reikelbacher seinen Dudelsack hervor und spielte sich den Frust aus dem Bauch. Sehr zur Freude seiner Nachbarn.
Reikelbacher war das typischste Mitglied der Reisegruppe, er war einer der Sorte, die enorm unter Flugangst litten, sich aber dennoch nicht getrauten, im Reisebüro den Prospekt mit den Busreisen zu verlangen. So sass der Reikelbacher also im Reisebüro, nervös, scharrte mit seinen Schlüpferschuhen auf dem Teppich und erkundigte sich nach Flugreisen. Möglichst weit weg wollte er, warm sollte es sein und die einheimischen Damen sollten möglichst wenig an Kleidung tragen. Die nette Reiseberaterin empfahl ihm also Mallorca. Reikelbacher hatte den Namen dieses Ortes auch schon gehört und war sich sicher, das richtige Ziel für seinen Urlaub gebucht zu haben. Sie zeigte ihm ja Bilder von einsamen Stränden, halbnackten, einheimischen Damen, gemütlichen kleinen Lokalen und erzählte ihm, wie günstig dieses Angebot sei, vorausgesetzt er würde gleich buchen und anzahlen. Genau so naiv wie bei der Brigitte liess sich der Reikelbacher natürlich sofort einseifen, sagte zu und machte sich schnellstens auf zur Bank, um seine Ersparnisse zu holen. Vielen Dank, Frau Reiseberaterin. Nur war ich also nochmals zwei Wochen gestraft, für den Fall wenigstens, dass der Reikelbacher wirklich auch die selbe Destination wie ich gebucht hatte und dann auch noch im selben Hotel wohnte.
Mir fielen die Augen langsam wieder zu und es schien, als würde meine Reise am selben Punkt fortgesetzt, wie ich sie unterbrochen hatte. Mit der kleinen Aggressionswelle im Bauch hatte ich Reikelbacher natürlich gerade in meine Vorstellungen übernommen und sah ihn jetzt deutlich vor mir, wie er versuchte, der Andrea vom Karl schöne Äuglein zu machen. Mensch, war der doch doof. Er schien einfach nicht begreifen zu wollen, dass er nicht der Typ war, auf welchen die Damen der Schöpfung flogen. Er war peinlich, naiv, blauäugig und am allerschlimmsten: Er trug einen dicken Schnurrbart auf der Oberlippe. Zugegeben, über diesen Schnurr-bart konnte man sich schon amüsieren, vor allem wenn sein Besitzer versuchte, Hähnchenschenkel zu essen. Dann tauchte er die Enden seines Schnauzes jeweils tief ins triefende Hähnchenfett. Hätte er sich Zeit genommen, diesen Auswuchs von Faulheit ein wenig zu stutzen, es wäre ihm nie wieder passiert und niemand hätte mehr einen Grund gehabt, ihn deswegen auszulachen. Als er seine Versuche, Andrea zu bezirzen, wirklich noch ein wenig intensivierte, bemerkte ich, dass Karl dies irgendwie noch nicht realisierte. Im Gegenteil, er dachte anscheinend, dass der Reikelbacher ein netter Kerl sei, der als einziger der ganzen Gruppe etwas mit Andrea anfangen konnte. Da mochte Karl Recht haben. Mit Sicherheit wusste Reikelbacher, was mit Andrea anzustellen war, vor allem nachdem er mit dem Experten geredet hatte. Dieser vertraute ihm das Geheimnis an, welches er bereits allen, ausser natürlich dem Karl, verraten hatte. Er verriet ihm nämlich, dass Frauen wie Andrea keine Höschen trugen, da sei er Experte. Es war sofort ersichtlich, wie ihm diese Aussage die Schamesröte ins Gesicht trieb, gleichzeitig die Neugier zum Leben erweckte und auch gewisse Organe in Wallung versetzte. Von da an war allen klar: Reikelbacher würde versuchen, Andrea abzuschleppen.
Vielleicht wäre dies dem Karl sogar recht gewesen, denn er hätte dann in der Stadt nach netten Mädchen Ausschau halten können, die ihm, für einen kleinen Zustupf, die umliegenden Dörfer und vielleicht auch ein wenig mehr gezeigt hätten. Aber soweit war alles noch gar nicht und überhaupt war es fraglich, ob es wirklich auch soweit kommen würde. Andrea hatte bekanntlich keine eigene Meinung und wollte auch nie etwas selber entscheiden. So vermutete ich, dass sie erst ihren Karl fragen würde, ob sie......
Das war wirklich zu viel und ich musste meine Gedanken in eine andere Bahn lenken. Doch wohin nur? Wenn ich versuchte, eine andere Person zu finden in dieser Reisegruppe, eine die mir etwas ähnlicher war als all die anderen, die ich bis jetzt schon entdeckt hatte, dann gelang mir dies einfach nicht. Abscheu machte sich in mir breit und ich versuchte, diesem Albtraum zu entkommen, doch ich war irgendwie wirklich gefangen. Da war beispielsweise auch dieser Ferienclub eines Unternehmens dabei. Ich vermutete, da es sich bei den Mitgliedern dieses Clubs ausschliesslich um Frauen handelte, dass dies jene waren, die zu Hause keine anderen Kontakte finden konnten, darum taten sie sich zusammen und verreisten in den Urlaub. So musste keine von den Damen alleine sein, war dennoch auf eine spezielle Art alleine und gemeinsam waren sie auf der Suche nach dem Etwas, was keine der anderen geben konnte: Geborgenheit.
Sie waren ja so übervorsichtig und übertrieben höflich zueinander. Es ekelte einen richtig, wenn man sich das anhörte und noch vielmehr, wenn man den Damen zusah. Die Ekligste von allen war wohl Marietta. Diese Marietta hatte eindeutig einen Geltungsdrang und wollte es allen recht machen, was logischerweise aus der Natur der Sache zum Konflikt führen musste. Die Frage war nur, wie lange es gehen würde, bis der Konflikt ausbrechen würde. Ich wagte eine vorsichtige Schätzung und kam zum Schluss, dass es keine drei Tage dauern würde. Marietta war nicht nur harmoniesüchtig, sondern gleichzeitig auch falsch. Ja, sie hatte nicht nur Haare auf den Zähnen, sondern vermutlich einen ganzen Bart. Wenn sie mit einer ihrer Gefährtinnen alleine war, dann lästerte sie über die anderen, die nicht dabei waren; war sie mit dem Rest der Gruppe zusammen, dann war die verbleibende Gefährtin das Lach- und Gesprächsthema. Eigentlich war Marietta genau diese Art von einer Bekannten, mit der man alles tun würde, nur eines ganz bestimmt nicht: In den Urlaub fahren. Marietta war es, die sagte, wann es Zeit zum Schlafen war, sie war es, die Stimmung brachte oder Stimmung zerstörte, sie war es, die entschied welche Ausflüge die Gruppe gemeinsam buchen würde, kurz: Marietta war eigentlich die Gruppe und zugleich auch der Mittelpunkt. Alles drehte sich einzig und alleine um sie, alle anderen hatten gar nichts zu sagen und wenn sie es dennoch wagten, einmal einen Vorstoss zu machen, dann konnten sie sich sicher sein, bei einem nächsten Mal das Gesprächsthema zu sein. Was da ausgeübt wurde, war nichts anderes als ein Machtspiel, eines, das vermutlich nach dem Urlaub im Betrieb weitergehen würde. Es hatte sicher auch schon vor dem Urlaub begonnen. Ich konnte nicht ausmachen, was die an dieser Marietta fanden. Sie war nicht intelligent, nicht schön, nicht reich, aber auch nicht arm, sie war eine Frau, die einfach nur eifersüchtig auf alle und alles war. Sie konnte einfach niemandem etwas gönnen – sie fühlte sich stets nicht ernstgenommen und betrogen. Ich begann ein wenig zu verstehen. Diese Frau konnte man gar nicht ernst nehmen, denn niemand wusste, woran er war.
Читать дальше