„Ich helfe dir packen.“
„Lass nur, das schaffe ich alleine.“ Seine Frau ließ sich nicht abhalten, ihm zur Hand zu gehen. Im Wohnzimmer löste Cielo das verblichene Hochzeitsfoto seiner Eltern aus dem Rahmen und steckte es in Heinrichs Jackett. Für gewöhnlich lehnte das Portrait auf dem Kaminsims versteckt zwischen anderen alten Erinnerungsfotos. Der Anlass schien ihr passend, ihm den vergilbten Abzug mitzugeben. Heinrich bemerkte es und runzelte die Stirn.
„Wozu das Bild?“, fragte er argwöhnisch.
„Vielleicht tröstet es dich. Wenn es zu schlimm wird, kannst du dich an die Zeiten erinnern, in denen deine Eltern glücklich miteinander waren. Dann wird es leichter.“ Heinrich schluckte, ihre liebevolle Geste rührte ihn. Er ließ sich nichts anmerken.
„Ich fahre dich zum Flughafen. Mit dem kleinen Wagen geht es schneller und du brauchst keinen Parkplatz.“ Dankbar nickte er. Es tröstete ihn, den schweren Weg nicht alleine antreten zu müssen.
„Ich friere die Garnelen ein, wir essen sie, wenn du wiederkommst.“
Kurz nach Mittag fuhren sie zum Flughafen. Die Straßen am Sonntag wie ausgestorben, sie mussten nicht fürchten in einen der werktäglichen Staus zu geraten. Sie sprachen kaum, hingen ihren Gedanken nach. Viel zu früh rollten sie auf den Flughafenzubringer. Cielo suchte einen Kurzparkplatz, begleitete ihren Mann zum Check-in. Bis zum Abflug blieb ihnen eine gute Stunde.
„Möchtest du etwas trinken?“, erkundigte er sich.
„Ein Kaffee wäre nicht schlecht.“
„Und für mich einen Cognac.“
Sie setzten sich an die Bar, tranken Kaffee und Cognac. Leise Spannung hing in der Luft. Sie nahm seine Hand, sah ihn forschend an.
„Hast du Angst?“
„Einfach ist es nicht. Ich habe meinen Vater lange nicht mehr gesehen. Ob er sich sehr verändert hat?“
„Es wird schon gehen“, munterte sie ihn auf. „Es ist ja nur für einen kurzen Besuch. In ein paar Tagen bist du wieder da.“
Er spürte, seine Frau fehlte ihm schon jetzt. Zärtlichkeit wehte durch sein zerrissenes Herz.
„Jetzt wollte ich doch, du könntest mitkommen“, seufzte er. Sie schüttelte den Kopf.
„Das ist keine gute Idee, glaube ich. Sicher darf er sich nicht aufregen.“
Natürlich hatte sie recht. Trotzdem wünschte er sich nichts sehnlicher als Vaters Segen für sich und seine Frau. Er fühlte sich sehr alleine. Merkwürdig, dachte er und er kam sich wie der kleine Junge vor, der schuldbewusst vor dem Vater stand, weil er etwas ausgefressen hatte. Vielleicht ist es immer so, wenn man den Eltern gegenübertreten muss, schoss es ihm durch den Kopf. Ob das jemals aufhörte? Sein Flug wurde aufgerufen. Er umarmte Cielo einen langen, langen Augenblick, drückte sie fest an sich, als wäre es ein Abschied für immer. Sie zu küssen scheute er sich vor den vielen Menschen.
„Es ist nur für kurze Zeit“, flüsterte sie und knabberte zärtlich an seinem Ohrläppchen. Er nickte, mit dem Verstand hatte er das begriffen, doch sein Herz dachte anders. Sie machte sich los, gab ihm einen kleinen Schubs.
„Nun geh schon, sonst fliegt die Maschine ohne dich ab.“
Da ging er, drehte sich nur einmal kurz um und winkte ihr zu. Wenig später saß er im Flugzeug. Er hörte das Aufheulen der Düsen, spürte wie die Maschine abhob, ihn in die Polster presste und wenige Augenblicke später im blassblauen Himmel verschwand. Auf dem Flug quälten Heinrich trübe Erinnerungen.
Das gleichmäßige Dröhnen der Turbinen schläferte ihn ein. Ein Buch mitzunehmen hatte er in der Eile vergessen und die Wochenendzeitung kannte er schon. Da piekste ihn, als sein Kopf auf die Brust sank, ein spitzes Papierstück unangenehm. Halb verärgert zog er das Foto seiner Eltern, Sara und Klaus aus der Brusttasche. In der Hektik des Aufbruchs war ihm entfallen, dass Cielo ihm das Bild zugesteckt hatte. Vorsichtig glättete er die gestauchte Ecke mit dem Nagel des Zeigefingers. Sein Blick blieb am Gesicht der Mutter hängen. Wie glücklich sah sie aus, in ihrem weißen Hochzeitskleid, ein kleines Kränzchen aus weißen Margeriten durchflochten von filigranem Schleierkraut im dunklen Haar. In der Hand hielt sie einen Strauß aus rosa Zwergrosen und weißen Lilien. Er glaubte das kleine Bäuchlein der Mutter zu erahnen. Wie ihm der Vater später erzählte, war die Mutter im dritten Monat schwanger, als die beiden endlich heirateten. Sie wirkte glücklich, strahlte von innen heraus. Sein Vater machte einen ernsten, verschlossenen Eindruck, in seinem altmodisch geschnittenen schwarzen Zweireiher. Vielleicht glaubte er sich zu jung für die Ehe, fühlte sich aber genötigt zu heiraten, jetzt da seine Geliebte ein Kind von ihm erwartete. Heinrich konnte nur erahnen, wie seinem Vater zumute war, die Eltern hatten nie darüber gesprochen. Das Baby, ein Mädchen, war kurz nach der Trauung abgegangen. Der Verlust traf die Mutter schwer und von diesem Zeitpunkt an verstärkten sich die Kummerfalten um ihren Mund. So jedenfalls hatte es der Vater berichtet. Sie lachte nur noch selten, nicht einmal die Geburt Heinrichs, zwei Jahre später, vermochte sie aus ihrer Depression zu reißen. Jahre später erzählte ihm der Vater, seine Mutter wäre jüdischer Abstammung. Saras Großeltern und ihr Vater wurden im Dritten Reich im KZ Birkenau ermordet. Die Großmutter, damals mit Sara schwanger, war nur durch einen fast unglaublichen, glücklichen Umstand dem Tod in den Gaskammern entronnen. Wie, darüber schwieg sie bis zu ihrem Tode beharrlich. Nach dem Krieg folgte sie einem GI nach Amerika, hoffte so dem Tag und Nacht allgegenwärtigen Grauen zu entkommen. Das schreckliche Schicksal der Großmutter warf schon früh einen Schatten auf das Leben der Mutter, der sie nie mehr ganz los lassen sollte. Sein Vater hatte ihm andeutungsweise einmal davon erzählt, als er wieder, wie oft, zu viel getrunken hatte. Das musste um die Zeit seines sechzehnten Geburtstags gewesen sein. Bis heute verstand er nicht, warum sein Vater aus dieser tragischen Geschichte ein Geheimnis machte. Heinrich spürte damals nur, es wäre besser nicht in den Vater zu dringen. Etwas lastete offenbar wie ein Stein auf seiner Seele. Was das war hatte Heinrich auch später nie erfahren und er hütete sich, das Thema erneut anzusprechen. Nach dem Tod der Mutter scheuten sich die zwei erst recht das Geheimnis zu berühren, sie fürchteten beide den mühsam verborgenen Schmerz aufzurühren. Möglicherweise wollte Heinrich auch nicht die ganze Wahrheit wissen, eine warnende innere Stimme hielt ihn zurück, weiter nachzufragen. Sie sprachen überhaupt wenig, schon gar nicht über die Familie, denn sie waren vorrangig damit beschäftigt, den gemeinsamen Alltag zu bewältigen. Er erinnerte sich lückenhaft an eine glückliche Kindheit, mit der Mutter. An die windschiefe Schaukel am weit ausladenden Ast der Eiche im Garten des Hauses in Coronado. Der kleine Heinrich schaukelte stundenlang, manchmal angeschubst von der Mutter, meist jedoch alleine. Die alte Schaukel hing noch immer da. Er müsste das Sitzbrett erneuern, vielleicht die Seile, aber damit wollte er warten bis ihm ein Sohn geboren würde. Alte, fast vergessene Bilder tauchten auf. Er sah die Mutter lächelnd auf der Terrasse sitzen im großen weißen Schaukelstuhl, der heute noch in einer Ecke der Veranda lehnte. Cielo wiegte sich gerne darin. Es sah ihr dabei zu und die warmen Gefühle zu seiner Mutter mischten sich in seinem Herzen mit der Liebe, die er für Cielo empfand. Die Bilder der beiden Frauen, flossen ineinander, wie Tusche in einem Wasserglas. Er seufzte lautlos.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten“, riss ihn eine, blond gelockte Stewardess mit betont fröhlicher Stimme aus seinen Erinnerungen.
„Vielleicht eine Cola“, brummte er unwillig. Das kalte süße Getränk tat gut in der stickigen Luft des Fliegers. Die Turbinen summten gleichmäßig und ohne größere Turbulenzen bahnte sich das Flugzeug seinen Weg durch die Lüfte. Gedankenverloren lutschte Heinrich einen Eiswürfel. Er erinnerte ihn an die Zitronenlimonade, die seine Mutter ihm im Sommer, wenn er von der Schule kam, anbot. Auch darin schwammen immer einige Eiswürfel, damit die Limonade schön kalt blieb. Eine wunderbare Frau, seine Mutter, sanft und zärtlich, immer für ihn da. Abends las sie ihm aus vergilbten deutschen Märchenbüchern vor, sprach auch meist Deutsch mit ihm. In der Schule tat sich Heinrich leicht mit dieser Sprache. Sein behütetes Glück währte nur wenige Jahre. Zu kurz für eine Kinderseele. Die Mutter wurde zunehmend unpässlicher. Oft saß sie mit rot verweinten Augen und Heinrich fragte sich beklommen, ob er etwas angestellt habe, auch wenn er sich keiner Schuld bewusst war. Der Vater lief mit besorgtem Gesicht herum. Mit seinen zwei linken Händen versuchte er der Mutter im Haushalt zu helfen, doch er war so ungeschickt, dass die Mutter ihn mit einem gequälten Lächeln aus der Küche schob. Zu tollpatschig stellte er sich an und Kochen war schon gar nicht seine Stärke. Er hatte es ein paar Mal versucht, doch das Ergebnis seiner Bemühungen schmeckte so abscheulich, dass sie das Essen in die Mülltonne kippen mussten. Mutter weinte ein wenig, sie hatte sich auf ihr Lieblingsessen, den bayerischen Schwärtelbraten gefreut. Meist machten sie dann eine Dose Ravioli auf. Der Vater beschränkte sich in seiner unbeholfenen Art darauf, das Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, den Tisch zu decken, eventuell die Töpfe abzutrocknen. Eines Morgens wurde die Mutter vom Sanitätswagen ins Krankenhaus gefahren. Auf Heinrichs bange Frage antwortete der Vater nur: das verstünde er noch nicht. Er sah ihn lange und traurig an. Da ahnte Heinrich, etwas Furchtbares musste geschehen sein. Er durfte die Mutter nur wenige Male besuchen. Kam er, lag sie blass in den hoch aufgetürmten weißen Kissen. Sie strich ihm zärtlich über das krause Haar, ein paar Tränen kullerten über ihre Wangen. Seine Frage wann die Mutter wieder nachhause käme, wurde mit einem ausweichenden „bald“ beantwortet. Allein Heinrich sah zweifelnd auf die vielen Schläuche von denen zwei in Mutters Nase verschwanden und die anderen sich unter das geblümte Nachthemd ringelten. Ein mulmiges Gefühl ängstigte ihn. Verlegen hielt er die Hand der Mutter, wusste nichts zu sagen.
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