»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie gelenkig sie auf meinem Lager ist. Sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Und ihre Schönheit wissen auch meine Männer zu würdigen. Stimmt’s?«
Mit diesen höhnischen Worten drehte er sich zu seinem Begleiter um. Das war zu viel für mich. »Lass deine dreckigen Hände von ihr.« Wut stieg in mir auf. Soeben hatte ich vergessen, dass ich nur ein Sklave war. Eigentlich hätte ich die Worte, die mir entglitten waren, bereuen sollen. Denn sie waren dafür verantwortlich, dass sich mein zukünftiges Leben radikal ändern sollte. Dennoch habe ich sie bis zum heutigen Tag nicht bereut. Der Mensch – auch wenn er nur ein Sklave ist – kann sich nicht alles gefallen lassen.
»Sprich nicht in diesem Ton mit mir. Schließlich bin ich dein Herr, ansonsten lass ich dich meine Peitsche spüren.«
»Du Hund lässt deine Finger von meiner Schwester.«
Augenblicklich dämmerte mir, dass ich in meiner Wut meinen Gebieter beleidigt hatte. Ich hatte in meiner Unerfahrenheit und Unbeherrschtheit meinen Herrn als einen Hund beschimpft. Dies allein gab ihm schon das Recht, mich zu töten. Wie versteinert stand ich da und erwartete den Todesstoß.
Doch Segetan war nicht dumm. Da er mich für seine Provokation auserkoren hatte, musste er unweigerlich mit einer Reaktion meinerseits gerechnet haben. Aus diesem Grunde hatte er auch seinen Begleiter mitgebracht. Mit gefasstem Ton, dabei aber nicht bemüht sein zufriedenes Lächeln zu unterdrücken, gab er seinem Mann Anweisungen. Er war zufrieden, denn er hatte mich da, wo er mich haben wollte.
»Mach seinen Rücken frei und stell ihn so auf, dass er die Hände an den Karrenbrettern hat. Stell dich dann daneben und pass auf.«
Sein Handlanger riss mir das Hemd vom Rücken und stellte mich so an den Karren, dass ich mit dem Gesicht auf die Steine blickte. Dann stellte er sich breitbeinig mit gezücktem Schwert neben mich, um mich jederzeit bestrafen zu können, sollte ich den Versuch unternehmen, mich der Peitsche zu entziehen.
Mein blanker, striemenfreier Rücken dagegen lud Segetan geradezu ein, seinen Zorn auf mir zu entladen. Da ich mich nicht hatte beherrschen können, bekam ich nun die Strafe dafür. Nicht den Tod hatte er für mich vorgesehen, nein. Etwas viel Schlimmeres hatte er für mich geplant. Er gedachte mit mir zu spielen, mir seine Abneigung zu zeigen und ab und zu seine Peitsche spüren zu lassen. Dies konnte viel grausamer sein als der Tod. In Erwartung der Peitsche verkrampften sich meine Muskeln. Einmal hatte ich als Kind zugesehen, wie Satepe einen Sklaven auspeitschte, der gestohlen hatte. Mein damals empfundenes Mitleid für den Dieb stieg heute sogar noch in mir auf. Deshalb wusste ich, welche Schmerzen mich erwarteten.
»Du wirst mich nie wieder beleidigen, du Pariahund.«
Diese Worte begleiteten seinen ersten Peitschenhieb. Seinen ganzen Hass auf mich legte er in den Schwung, mit dem er ausholte. Die Peitsche hörte ich schon kommen, als sie noch durch die Luft sauste. Ich zuckte augenblicklich zusammen und verkrampfte, um so die Schmerzen zu lindern. Doch es war nutzlos. Ich spürte, wie die Haut in einer ellenlangen Spur auf meinem Rücken aufplatzte und das Blut langsam aus der Wunde trat, um mir warm den Rücken herunterzulaufen. Jedoch war kein Schrei aus meinem Mund entwichen.
»Solltest du es noch einmal wagen, dich gegen mich zu erheben, werde ich dir einen qualvollen Tod bereiten.«
Der zweite Peitschenhieb kündigte sich ebenfalls durch ein Zischen an, welches die Luft erfüllte. Als die Haut erneut auf meinem Rücken aufgeplatzt war, brannte die erste Wunde schon heftig.
Segetan ließ es sich nicht nehmen, erneut begleitende Worte an mich zu richten.
»Du bist Dreck, du assyrischer Pariahund.«
Und so ging es weiter. Ich zählte nicht mehr mit, dazu war ich nicht in der Lage. Je länger die Peitschenhiebe andauerten, desto weniger schmerzten sie mich. Krampfhaft biss ich meine Zähne zusammen. Eisern versuchte ich keinen Laut des Schmerzens, über meine Lippen kommen zu lassen. Das war es ja, was Segetan von mir hören wollte. Aber das ließ mein assyrischer Stolz nicht zu. Sollte er mir doch den Rücken entstellen. Meinen Stolz würde er nicht brechen können.
Irgendwann erstarben die Peitschenhiebe. Segetan war wohl der Meinung, dass es mir reichen könnte. Er gab seinem Mann den Befehl, ebenfalls auf das Pferd zu steigen.
»Jetzt wird weitergearbeitet. In drei Tagen ist die Mauer fertig. Wehe nicht. Sonst bekommt ihr beide noch einmal meine Peitsche zu spüren.«
So schnell wie sie gekommen waren, ritten sie auch wieder dahin. Mich ließen sie mit einem aufgeplatzten Rücken zurück. Er brannte auf der ganzen Fläche, als ob ein Feuer auf meinem Rücken wütete. Ich spürte, wie die Hautfetzen an meinem Rücken herabhingen. Es war mir unmöglich, mich zu bewegen.
Target, der die ganze Zeit schweigsam daneben gestanden hatte, trat sogleich zu mir. Er hob meine Oberbekleidung aus Leinenstoff auf, riss den Stoff in lange Streifen und säuberte dann die Wunde. Dabei tauchte er den Stoff in den Krug Wasser, den wir zum Trinken mitgenommen hatten. Das Wasser kühlte die Wunde und sorgte so für angenehme Linderung. Mit den anderen Streifen umwickelte er schließlich enganliegend meine Brust und den Rücken. Dann bettete er mich im Schatten unter den Karren, wobei ich auf dem Bauch liegen musste.
»Ruhe dich aus. Ich arbeite inzwischen weiter, damit wir in drei Tagen fertig sind, wenn er wiederkommt.«
Target war fleißig und arbeitete für mich mit. An diesem Tag war es für mich nicht mehr möglich, mich zu bewegen, geschweige denn zu arbeiten. Deshalb ging Target alleine vor Sonnenuntergang zurück und ließ mich auf dem Bauch unter dem Karren liegen. Auf dem Gut besorgte er Essen und Wasser für den nächsten Tag, kam dann eiligst zurück, damit er wieder bei mir war, bevor das ganze Tal in Dunkelheit versank. Ehe mich die Müdigkeit völlig ergriffen hatte, löste er noch mal den Verband und salbte mich mit einer Creme ein, die er von anderen Sklaven auf dem Gut erhalten hatte, um die Heilung zu fördern. Was die Bestandteile der Salbe waren, weiß ich bis heute nicht, aber die Salbe wirkte hervorragend. Nachdem ich von Target einen neuen Verband erhalten hatte, schlief ich sofort ein. So verbrachten wir gemeinsam unter dem Karren die ganze Nacht. Target war mir ein guter Freund und das werde ich ihm nicht vergessen.
Am nächsten Morgen schmerzte die Wunde nicht mehr so stark. Ich konnte mich wieder bewegen. Doch bevor ich mich an die Arbeit machte, wechselte Target erneut den Verband und versorgte die Wunde mit der Salbe. Nachdem ich Essen zu mir genommen hatte, wandte ich mich wieder den Steinen zu. Das Bücken war immer noch schmerzhaft, weil sich dabei die Haut straffte, doch gewöhnte ich mich mit der Zeit an die Schmerzen.
Bis zum Abend hatten wir viel geschafft und waren guten Mutes, dass wir unser Pensum in den drei Tagen erfüllen konnten. Meine Hütte erreichte ich erst, als die Nacht schon angebrochen war. Ich brach mir noch ein Laib Brot, doch schon beim Kauen fielen mir die Augenlider zu und ich versank in einen tiefen Schlaf.
Der darauffolgende Tag war nicht so heiß wie die vergangenen. Dichte Wolken hatten sich über dem Tal versammelt. Doch es regnete nicht. Die angenehme Kühle sorgte dafür, dass wir schneller arbeiten konnten. Mein zerschundener Rücken hinderte mich nicht mehr gravierend an der Arbeit. Im Gegenteil, der Schmerz spornte mich an. Ich wollte es Segetan zeigen. Er sollte sehen, dass ich mich davon nicht behindern ließ. Er sollte sehen, wozu ein assyrischer Pariahund in der Lage war.
Als der Nachmittag kam, waren wir sicher, die gesamte Mauer bis zur Nacht fertigstellen zu können. Das erfüllte uns mit Stolz und froher Erwartung, Segetans Gesicht zu sehen, wenn wir ihm die Nachricht von der Erfüllung seiner Forderung bringen würden. Er würde uns nicht kleinkriegen.
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