Die Jahre gingen ins Land. Allmählich wuchs ich heran. Die Zeit der unbeschwerten Kindheit, in der das Spielen das Wichtigste war, verging und wich zusehends der Arbeit, in die ich gedrängt wurde.
Was ich vom Landgut nicht schon vom Umhertollen kannte, wurde mir auf einem Rundgang gezeigt, damit ich ein guter arbeitender Sklave wurde. Da waren die Kornspeicher, daneben die Gebäude mit ihrem kühlen Keller und die vielen Ställe. In Tonkrügen, die in der kühlen Erde eingegraben waren, lagerten Bier und Most. Hühner und Gänseherden liefen herum und pickten die Getreidekörner auf, die auf dem Boden lagen. Schafe, Rinder und Pferde weideten auf den verschiedenen Wiesen.
Dahinter zogen sich Felder bis zu den Bergen hin, auf denen Gerste und Hirse wuchsen. Dieses ganze Land gehörte Merep, der mein Herr und Gebieter war.
Wenn dieser ausritt, brauchte er drei Stunden, um die Obst- und Weingärten, die gepflügten und ungepflügten Äcker, die Weideländer und die nötigen Bewässerungskanäle seines Landgutes zu besichtigen.
Eines Tages trottete ich mit dem Sklaven Target zurück von den Feldern, auf denen wir tagsüber unsere Arbeit verrichtet hatten. Target war ein ausgewachsener Mann von ungefähr vierzig Jahren, ich hingegen war gerade mal sechzehn. Wenige Haare bedeckten seinen Schädel. Seine Nase hing wie ein Haken in seinem Gesicht. Aber das war bei den Völkern, die im großen Bereich des Zweistromlandes wohnten, keine Seltenheit.
Er war genau wie ich auf dem Gut geboren, allerdings noch unter Mereps Vater. Mit Target verstand ich mich gut. Er war ein ruhiger Mensch und mit seinem Los als Sklave zufrieden. Wenn ich ihm sagte, dass wir keine freien Männer wären, entgegnete er mir stets:
»Was willst du denn noch? Bekommst du nicht etwa genug zu essen und hast du kein Dach über den Kopf? Wenn du ein sogenannter freier Mann wärst, müsstest du Tag für Tag dafür Sorge tragen, dass du nicht verhungerst. Vor allem, wenn du noch Familie hast, ist es schwer. So wird uns die Sorge wenigstens abgenommen, denn der Herr muss für uns sorgen. Ich kann mich jedenfalls nicht beklagen.«
Auf dieses Argument konnte ich wegen meiner geringen Erfahrung nichts entgegnen, und so beließ ich ihn bei seiner Meinung.
Wir sprachen ständig miteinander und er brachte mir viel über das Bauernleben bei. Wir waren tagsüber damit beschäftigt gewesen, eine neue Mauer zu errichten, damit das weidende Vieh nicht auf die neu ausgestreute Saat des Nachbarfeldes trampelte.
Als wir an dem Tag, der mein Leben für immer verändern würde, auf dem Gut ankamen, wollte ich sofort zu meiner Mutter ins Haus gehen, die bereits mit dem Essen auf mich wartete. Aber so weit kam ich nicht. Durch ein Stimmengewirr angelockt, traten Target und ich um die Sklavenunterkünfte herum und schritten auf die Ansammlung von Menschen zu, die sich vor Mereps Gutshaus aufgetan hatte. Alle dreißig Sklaven waren versammelt. Target und ich waren nun die Letzten, die hinzutraten. Wir waren ahnungslos über den Grund der Versammlung. Aus den durcheinander rufenden Stimmen war nichts Konkretes zu erfahren.
Merep war mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern auf den Stufen, die zu seinem Haus führten. Neben ihm stand Satepe mit verschränkten Armen. In seiner rechten Hand hielt er die Peitsche fest, die er zwar immer bei sich hatte, aber selten benutzte. Ohne Peitsche ging er nie aus dem Haus. Mit fragendem Blick sah ich meinen Herrn an, der nun ermutigend die Arme erhob.
»Jetzt beruhigt euch erst einmal. Ich sagte euch doch schon, dass sich für euch nichts ändern wird.«
»Das glauben wir aber nicht.«
»Doch. Der neue Herr hat es mir zugesichert. Ich danke euch allen für die Dienste, die ihr mir und meiner Familie in all den Jahren geleistet habt. Nun geht in eure Häuser und dient ihm genauso hingebungsvoll, wie ihr mir gedient habt.«
Mit gesenkten Köpfen trotteten wir Sklaven zurück in unsere Hütten und Häuser. Ich erblickte dabei meinen Vater und hielt ihn an. Meine Frage muss mir im Gesicht gestanden haben, denn mein Vater beantwortete sie mir, bevor ich in der Lage war, sie überhaupt zu stellen.
»Wir bekommen einen neuen Herrn, mein Sohn.«
»Aber warum? Merep gehört doch hier alles. Das ganze Tal zwischen den Bergen gehört unserem Merep. Seinem Vater und dessen Vater gehörte es auch schon. Sag mir Vater, was ist geschehen?«
Borsip selbst wusste auch nur das, was Merep den Sklaven gesagt hatte. Das gab er jetzt an Target und mich weiter.
»Merep hat alles verloren, alle seine Länder und seine Häuser. Ob er sein Gut beim Glücksspiel oder bei riskanten Geschäften verloren hat, kann ich auch nicht sagen. Vielleicht ist er auch in Ekbatana beim neuen König Astyages in Ungnade gefallen und muss deshalb verschwinden. Ich weiß es nicht. Jedoch werden er und seine Familie in zwei Tagen abreisen. Wohin er reist, weiß niemand. Jedenfalls wird in den nächsten Tagen der neue Herr ankommen. Sein Name ist Daiaukas. Er wird alle Sklaven übernehmen. Für uns soll sich nichts ändern.«
Target fletschte hörbar die Zähne.
«Und das glaubst du? Ich bin vorsichtiger. Warten wir es ab.«
Mein Vater nickte. Auch er sträubte sich innerlich, bald einen neuen Herrn zu haben.
»Uns kann es doch egal sein, wem wir dienen. Ein Herr ist wie jeder andere. Merep war zwar ein guter Herr, doch ähnlich sind sie sich alle. Wir sind nur Sklaven, das dürfen wir nicht vergessen. Wir müssen tun, was unsere Eigentümer sagen und ihnen gehorchen.«
»Dann werden wir also weiterhin so gute Arbeit leisten wie bisher und nichts wird sich für uns ändern?«
Mein Vater nickte, als er meine Frage vernahm. »Genau, Luskin, nichts wird sich für uns ändern.«
Der nächste Tag wurde damit zugebracht, die Kutschen mit den Habseligkeiten von Mereps Familie zu beladen. Die Sklaven, die nicht mit dem Beladen beschäftigt waren, gingen ihren täglichen Arbeiten nach. Die Sklaven versorgten die Tiere wie ehedem und gingen auf die Felder. Dennoch war es an diesem Tage anders. Wegen der ungewissen Zukunft für alle hatte sich eine bedrückte Stimmung auf dem Gut verbreitet.
Es war am Nachmittag, als plötzlich ein Reitertrupp auf dem Gut auftauchte und vor Mereps Haus anhielt. Der Anführer ließ seine sieben Männer absitzen, die ihre Pferde anbanden und sich dann in der Nähe aufstellten. Er selbst ging in das Haus, wo er von Merep empfangen wurde. Eine Stunde verging, ehe sie wieder hinaus kamen. Merep ließ sich sein Pferd bringen und ritt mit dem neuen Eigentümer und dessen Männern auf seinem Landgut, welches er für immer verlassen sollte, umher. In den Abendstunden kehrten sie gemeinsam wieder zurück. Inzwischen hatte der Koch den Männern ein Essen zubereitet worden. Anschließend wurde den Gästen gezeigt, wo sie die Nacht verbringen sollten.
Ich selbst ging an diesem unseligen Abend mit einer dunklen Vorahnung ins Bett. Ständig ertappte ich mich dabei, wie ich nervöse Blicke zum Haupthaus warf und so versuchte, irgendwelche Informationen aufschnappen zu können. Natürlich vergebens. Aber ich konnte die innere Unruhe nicht ignorieren. Von meiner Unterkunft aus war nur ein Stimmengewirr zu vernehmen. Es hielt so lange an, dass ich in dieser Nacht keine Ruhe mehr fand. An Schlaf war nicht zu denken. Aber am nächsten Tag erfuhr ich, dass es auch anderen so ergangen war.
Der Morgen graute. Bald waren alle Bewohner sowie die Gäste auf den Beinen. Wir hatten uns vor dem Haupthaus versammelt. Was würde nun mit uns geschehen? Mein Vater hatte recht, ging es mir durch den Kopf. Egal wer unser neuer Herr war, an unserer Situation würde sich dennoch nichts Grundlegendes ändern. Wir hatten zu gehorchen und zu arbeiten.
Merep trat auf die Stufen, die zu seinem Haus führten. Seine Familie stand regungslos etwas abseits. Der neue Eigentümer hatte sich links von Merep aufgestellt. Mereps Stimme klang beschlagen, als er das Wort an uns richtete.
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