Ratlos lief ich einige Zeit umher und fragte andere Sklaven in der Nachbarschaft, doch niemand konnte mir eine befriedigende Auskunft geben. Als ich am Brunnen vor dem Gutshaus vorbeikam, war gerade eine Bedienstete des Haushalts des Daiaukas dabei, mit einem Eimer Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Durch sie erhielt ich eine Antwort, die mich erst völlig verwirrte und dann in den Zustand extremer Wut versetzte.
»Segetan, der Sohn von Daiaukas, hat sie zu seinem Kebsweib auserwählt. Sie wird jetzt immer das Bett mit ihm teilen.«
Nachdem meine erste Verwirrung vorüber war, hakte ich weiter nach.
»Aber war es denn ihr Wunsch? Wollte sie es?«
Sie sah mich mitleidig an, als hätte ich eine widersinnige Frage gestellt.
»Fragt uns jemand danach, was wir wollen?«
Mit diesen einfachen, aber alles erklärenden Worten verschwand sie mit ihrer schweren Last in dem Gutshaus.
Augenblicklich ergriff mich die Wut auf Segetan. Daiaukas Sohn war mir bis dahin nicht besonders aufgefallen. Ich erinnerte mich an einen jungen Mann mit pechschwarzem Haar und dünner Gestalt, der bei Daiaukas kurzer Rede neben ihm gestanden hatte. Das musste sein Sohn gewesen sein. Sein Alter schätzte ich auf Anfang zwanzig und somit war er ein paar Jahre älter als Simine. Sein schwarzer Bart war noch nicht so füllig. Das Gesicht wies keine besonderen Merkmale auf, außer dass er den entschlossenen Blick seines Vaters geerbt zu haben schien.
Ratlos stand ich da. Wie lange weiß ich nicht mehr. So bekam ich auch nicht mit, als die Sonne hinter den Bergen versank und die langen Schatten das Tal überzogen. Mit den letzten Sonnenstrahlen betrat ich die Hütte, die ich nunmehr alleine bewohnen würde. Meine Eltern waren verkauft und meine Schwester von einem von Geilheit getriebenen jungen Mann in sein Bett geholt worden. Sie würde erst wieder aus dem Gutshaus herauskommen, wenn er ihrer überdrüssig geworden war. Wann das aber geschehen würde und was dann aus meiner kleinen, zierlichen Schwester geworden sein würde, konnte niemand vorhersagen. Meine Sorgen um Simine wuchsen ins Unermessliche.
Ich hatte mich in meine Hütte, die mir so unendlich groß und leer vorkam, zurückgezogen und versuchte Ruhe zu finden. Doch stellte sie sich nicht ein.
Es war noch mitten in der Nacht, als mich die Ungeduld hochfahren ließ. Mein Lager gewährte mir nicht die Ruhe, die ich brauchte. So stand ich unvermittelt auf und trat langsam zum Gutshaus hinüber.
Natürlich war es den Sklaven untersagt, nachts ohne Grund herumzuschleichen, und schon gar nicht in der Nähe des Herrenhauses. Aber dies war mir zu diesem Zeitpunkt egal. Die Sorgen, die ich mir um Simine machte, trieben mich voran.
Ich hatte bereits meine Eltern verloren, also fühlte ich mich dazu verpflichtet, meine Schwester zu beschützen. Dieser Beschützerinstinkt ließ mich nicht mehr los. Kein Mensch war in dieser nächtlichen Stunde zu sehen. Anscheinend hatte Daiaukas keine Wachen aufgestellt. Jedenfalls sah ich keine. Auch brannten keine Fackeln. Dies alles ließ mich unvorsichtig werden, so dass ich mutig an die Hauswand treten konnte, an der ich Segetans Räume vermutete. Ich presste mich an die Wand und lauschte. Worauf ich wartete, wusste ich selbst nicht genau. Vielleicht auf irgendein Lebenszeichen von Simine. Es war schon eine gewisse Zeit vergangen, als ich es schließlich doch vernahm. Ein schluchzendes Weinen. Unverzüglich zogen sich meine Muskeln zusammen.
Simines Weinen erstarb jedoch gleich, nachdem ich mehrere klatschende Geräusche vernommen hatte, gefolgt von der herrischen Stimme eines Mannes. Seine genauen Worte waren nicht zu verstehen, dennoch konnte ich sie mir denken. Meine Faust ballte sich zusammen. Zorn stieg in mir auf, als ich ein rhythmisches und quietschendes Geräusch vernahm. Da ich damals jünger als meine Schwester war, wusste ich noch nicht genau, was dort auf der anderen Seite vor sich ging. Aber mit Sicherheit gefiel es Simine nicht. Es irritierte mich so sehr, dass ich mich zügig von der Hauswand löste und zurücktorkelte wie ein Mann, der zu viel Gegorenes getrunken hatte, unschlüssig, was ich nun tun sollte. Ein Gefühl der Ohnmacht stieg in mir auf. Es war niemand da, um mich festzuhalten. Ich weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann hatte ich meine Hütte wieder erreicht und war auf mein Lager gefallen. Es dauerte zwar eine Weile, aber schließlich übermannte mich der Schlaf doch.
Am nächsten Tag merkte ich, dass Target schlechte Laune hatte. Er sprach zwar nicht davon, aber ich hatte gespürt, dass ihn etwas belastete. Versuche, ihn anzusprechen, wurden mit einer kurzen Handbewegung abgetan. Bald ließ ich es sein und ging meiner Arbeit nach.
Die Mauer wuchs zusehends. Mit den Ochsen, die vor dem Karren gespannt waren, hatten wir neue Steine gesammelt und sie zur Mauer gebracht. Wir waren dabei, die Steine auf der Mauer zu stapeln, so dass sie in sich stabil war und nicht umkippte. Insgesamt erreichte sie eine Höhe, die mir bis zur Hüfte reichte. Target bückte sich, hob die Steine vom Karren auf und reichte sie mir. Ich stapelte sie auf. Bald waren wir gut aufeinander eingespielt. Unverhofft unterbrach Target jedoch seine eintönige Tätigkeit und blickte nach Westen, wo das Gut lag. Als ich bemerkte, dass etwas seine Aufmerksamkeit erregt hatte, schaute ich ebenfalls in die Richtung und entdeckte zwei Reiter. Sie ritten geradewegs auf uns zu.
»Ich habe geahnt, dass heute etwas Unangenehmes passieren wird.« Das war Targets einziger Kommentar zu dem unerwarteten Besuch.
Als die beiden Reiter über die spärlich mit Gras bewachsenen Weide ritten, erkannte ich sie bald. Einer von ihnen war Segetan. Der andere war einer seiner Männer, mit dem ich noch nichts zu tun gehabt hatte und dessen Namen mir nicht geläufig war.
Während die Reiter auf uns zukamen und schließlich vor uns anhielten, standen wir bewegungslos am Karren. Segetan saß aufrecht auf seinem schwarzen Hengst. Vor sich auf dem Sattel hielt er eine einschwänzige Peitsche mit beiden Händen umschlossen. Sein Blick wirkte arrogant und ließ eine Spur von Spieltrieb erkennen. Das überhebliche Lächeln ließ mich nichts Gutes ahnen. Sein Begleiter dagegen wirkte teilnahmslos und verhielt sich still.
»Wie ich sehe, seit ihr hier fleißig.« Mit diesen Worten stieg Segetan von seinem Pferd und trat zur Mauer. Dort blieb er einen Moment stehen, bevor er sich plötzlich bewegte. Ein kräftiger Tritt seines rechten Fußes brachte einen Teil der Mauer zum Einsturz, wodurch die Steine polternd auf der anderen Seite hinabpurzelten.
»Aber wie ich sehe, macht ihr das nicht ordentlich.« Ein teuflisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Target und ich blieben wie angewurzelt stehen. Uns war klar, dass er uns provozieren wollte, um uns auf diese Art seine Macht zu demonstrieren.
Mit einem Wink ließ er seinen Begleiter ebenfalls vom Pferd absteigen. Dieser stellte sich mit verschränkten Armen neben Segetan auf.
»Seht zu, dass ihr hiermit bald fertig werdet. Ich habe für euch beide noch eine andere und wichtigere Arbeit. Sie betrifft deine Schwester Simine. Sie ist doch deine Schwester, oder etwa nicht?«
Bei der Erwähnung von Simines Namen konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.
»Was ist mit Simine?«, brüllte ich ihn entgegen.
Es freute ihn offensichtlich, dass er meinen wunden Punkt getroffen hatte, denn augenblicklich lachte er. Langsam trat er einen Schritt näher auf mich zu. Mir war klar, dass er genau wusste, was er tat.
»Oh, da macht sich ja jemand Sorgen um die kleine Hure. Was mit ihr geschehen soll, wirst du schon zu gegebener Stunde erfahren. Schließlich bist du ja nur ein Sklave und hast ohne Widerrede zu tun, was dir aufgetragen wird.«
Es war für mich unerträglich schwer, ruhig zu bleiben. Mein jugendliches Blut war kurz vorm Überkochen.
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