Es waren noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang, als wir die letzte Fuhre mit Steinen entluden. Doch das sollte kein Problem darstellen, da nur noch drei Ellen Mauer zu fertigen waren. Das würden wir bis zur Dunkelheit schaffen.
Doch dann kam alles ganz anders. Zuerst war es nur ein kleiner Punkt am Horizont. Target richtete sich auf und zeigte dann auf den Reiter, der auf uns zu galoppierte. Allmählich weckte er auch mein Interesse und ich ließ von der Arbeit ab und starrte wie Target auf den Reiter. Ich musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, wer dieser Reiter war. Es dauerte nicht lange und er stand vor uns. Wie drei Tage zuvor hielt Segetan die Peitsche vor sich fest. Seine Überlegenheit demonstrierend, blickte er auf uns herab.
Mir war sogleich aufgefallen, dass er diesmal nicht begleitet wurde.
»Wie ich sehe, seid ihr bald fertig. So dann werde ich mal die Festigkeit der Mauer überprüfen.«
Segetan stieg von seinem Pferd ab und schritt mit hoch erhobenen Hauptes zur Steinmauer. Was nun geschah, hatte ich schon einmal erlebt. Mit seinem rechten Fuß trat er erneut ein Loch in die Mauer. Auf der anderen Seite polterten die Steine herab. Als hätte er eine unglaubliche Leistung vollbracht, strahlte er mich triumphierend an. Mir dagegen war nicht zum Frohlocken zumute. Meine Wut im Zaun zu halten, schmerzte mich. Doch ich versuchte, mir die Demütigung nicht anmerken zu lassen.
»Was hast du ab morgen für eine Aufgabe für uns, Herr?«, fragte ich unterwürfig.
»Ach ja, morgen seit ihr ja hier fertig. Target soll sich bei Satepe melden. Er bekommt von ihm eine neue Aufgabe zugewiesen. Du dagegen, meldest dich bei Sonnenaufgang bei mir. Ich habe dir ja gesagt, dass es mit deiner Schwester zu tun hat. Na, du wirst aber Augen machen.«
Lachend warf er den Kopf zurück. Dann schwang er sich mit jugendlichem Elan auf den Rücken seines Pferdes.
»Wie du befiehlst, mein Herr.« Es fiel mir zusehends schwerer, Gehorsamkeit zu heucheln.
»Na, das hört sich ja schon besser an. Dann hat die Peitschenkur wohl doch geholfen. Wir sehen uns morgen. Ich habe noch zu tun. Deine Schwester, die kleine Hure, will ja auch noch von mir geritten werden.«
Sein höhnisches Lachen war der Funke, der meine Wut schließlich entzündete.
»Sie ist keine Hure,« schrie ich ihm entgegen.
»Höre ich da Widerworte? Schweig still. Wenn ich sie eine Hure schimpfe, so ist sie auch eine, du nichtsnutziger Pariahund.«
»Du dreckiger Meder bist selbst ein streunender Pariahund. Lass gefälligst deine Finger von meiner Schwester, sonst bekommst du es mit mir zu tun.«
Ungläubig sah Segetan mich an. Er konnte nicht glauben, dass ich den Mut aufbrachte, so mit ihm zu sprechen. Nachdem ein paar Sekunden der Verdutztheit vergangen waren, zog er behände seine Peitsche, ließ sie hoch in der Luft schwingen, um sie dann mit größter Geschwindigkeit vom Pferd aus auf mich niederknallen zu lassen.
Danach ging alles ganz schnell. Ich stamme von Assyrern ab, welche schon immer ein kriegerisches Volk waren. Auch wenn sie fast ausgelöscht sind, lebt in mir dieses Kämpferherz immer noch fort. Ohne nachzudenken, ergriff ich instinktiv mit der rechten Hand die surrende Peitsche, als sie auf mich niederschlug. Den Schmerz, der durch die aufgerissene Haut der Handfläche verursacht wurde, spürte ich gar nicht. Mit großem Kraftaufwand umfasste ich die Peitsche, während ich mit drei schnellen schwingenden Bewegungen die Peitschenschnur um mein Handgelenk wickelte. Ich spürte einen Widerstand, weil der verdutzte Segetan noch immer die Peitsche in seiner Hand hielt, also zog ich ruckartig mit all meiner Kraft. Dabei stemmte ich mich mit meinen nackten Füßen in den Boden. Von meiner Aktion überrascht, dachte Segetan nicht daran, sich am Pferd festzuhalten. Ich zog ihn wie einen nassen Sack aus dem Sattel, so dass er mit einem dumpfen Knall vor mir im Staub landete. Völlig verwirrt sah er mich an. Doch fasste er sich schnell und fand zu seinem Hass auf mich zurück.
In unseren Augen konnte ein jeder lesen, dass es ein Kampf auf Leben und Tod werden würde. Deshalb griff er, nachdem er seine Beherrschung wieder erlangt hatte, nach seinem Dolch, den er am Gürtel trug. Die Peitsche wickelte ich eilig wieder vom Handgelenk ab. Dann stürzte ich mich mit dem Mute der Verzweiflung auf ihn. Es gab für mich keine Alternative. Kämpfen oder sterben.
Er war zwar ein paar Jahre älter als ich, dennoch waren wir fast gleich stark, da die tägliche körperliche Arbeit meine jugendlichen Muskeln schon gehärtet hatten.
Mit meinen blutverschmierten Händen hielt ich ihn umschlungen, wir wälzten uns auf der Erde. Dennoch war es ihm gelungen, seinen Dolch zu ziehen. Aber um ihn erfolgreich in mich hineinstoßen zu können, fehlte ihm die Bewegungsfreiheit des rechten Armes. Noch immer kämpften wir umschlungen im Staub zwischen den Steinen. Keinem gelang es, die Oberhand zu gewinnen. Seinen Dolch hielt er noch immer wirkungslos in der Hand.
Doch schließlich gelang es ihm irgendwie, sein rechtes Bein zwischen meine Beine zu bekommen. Schnell bewegte er sein Bein nach hinten, um es mir mit äußerster Wucht in die Weichteile zwischen meinen Beinen zu stoßen. Dieser unerwartete Stoß raubte mir augenblicklich die Sinne. So einen Schmerz hatte ich noch nie erfahren.
Selbstverständlich löste ich daraufhin meine Umklammerung und Segetan erhielt durch seinen Trick seine Beweglichkeit zurück, die er auch gleich zu seinen Gunsten zu verwenden wusste.
Durch meine halb geschlossenen Augen konnte ich erkennen, wie Segetan zum entscheidenden Stich ausholte. Jetzt werde ich sterben, schoss es mir durch den Kopf. Mein Körper war ihm schutzlos ausgeliefert, während ich instinktiv meine Hände zum Schutz der schmerzenden Weichteile eingesetzt hatte.
Just als ich das Messer auf mich niedersausen sah, nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Segetan wurde mit einem großen Gegenstand am Kopf getroffen, wodurch er sogleich in seiner Bewegung erstarrte und aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Mit starrem Blick rollte er von mir herunter. Sein Dolch folgte dieser Bewegung, fiel aus seiner Hand in den Staub.
Es vergingen einige Sekunden, bis ich begriffen hatte, was geschehen war. Mein Blick richtete sich auf Segetan, der bewegungslos dalag. Vor seinen Fingern lag der Dolch. Doch plötzlich bewegten sich seine Finger. Sein Arm streckte sich und gleich darauf hatte er den Dolch erneut in der Hand.
Obwohl ich immer noch diesen lähmenden Schmerz im Schritt verspürte, versuchte ich sofort mich zu wenden, um ebenfalls in den Besitz des Dolches zu gelangen, doch ich kam zu spät.
Als ich wenige Sekunden später den Dolch erneut auf mich zukommen sah, prallte ein weiterer Gegenstand mit einer solchen Wucht auf Segetans Schädel, dass ich den Knochen zerbersten hörte. Augenblicklich wusste ich, dass ich gerettet war und mir von Segetan nie wieder eine Gefahr drohte. Er hatte seine Überheblichkeit mit dem Leben bezahlt.
Target hatte mir das Leben gerettet. Zuerst hatte der alte Sklave gebannt den wälzenden Kampf verfolgt, doch als er gesehen hatte, wie die Klinge des Dolches mir das Leben aushauchen sollte, hatte er ohne viel Überlegung einen großen Stein ergriffen und ihn auf Segetans Kopf geschmettert. Doch dieser erste Schlag hatte ihn nur kurzzeitig außer Gefecht gesetzt. Als Segetan erneut angriff, reagierte Target sofort. Diesmal war sein Schlag effektvoller, denn er ließ den großen Stein aus seinen beiden Händen gezielt mit großer Wucht auf den Schädel herniedersausen. Das Knacken der Schädeldecke hatte ich ja deutlich vernommen.
Target hatte mir damit das Leben gerettet und uns beide aus dieser tyrannischen Sklaverei befreit. Vorerst jedenfalls, denn der Mord am Sohn unseres Herrn, Gebieters und Eigentümers sollte uns vor neue, fast unlösbare Probleme stellen.
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