„Lass mich das ansehen“, sagte der Magier. Vorsichtig nahm er den Unterschenkel des Jungen zwischen seine Hände und murmelte die Worte der Heilung. Mit großen Augen schaute der Junge zu ihm auf, während der Schmerz einem wohligen Prickeln wich.
„Und da müssen wir auch etwas tun“, meinte der Lehrer zu Sylva. Sein Blick glitt über ihre blutige Nase und die Schrammen in ihrem Gesicht. „Würde Dir recht geschehen, wenn es länger wehtäte, aber so kannst Du nicht in der Schule antanzen.“
Er hielt seine Hände vor ihr Gesicht und wieder fühlte er das Strömen der Energie, die sich ausbreitete und das Wunder der magischen Heilung vollbrachte. Torin beobachtete mit aufgerissenen Augen, wie sich das Gesicht seiner Retterin glättete, bis die Haut ihre ursprüngliche, rosige Färbung annahm.
„Was wollten die von Dir?“, fragte Sylva, als der Magister fertig war.
„Ich arbeite im Kupferkrug als Schankbursche. Mein Vater, der Wirt, hat zwei Rumtreiber an die Luft gesetzt, die nicht zahlen konnten. Ich glaube, einer war der Vater von einem der Burschen vorhin. Kommst Du mich einmal besuchen? Die Taverne ist gleich da vorne.“
* * *
Schweigend stapften Lehrer und Schülerin den steilen Weg zur Akademie hinauf. „Das war mutig von Dir und tapfer, aber auch ziemlich dumm“, sagte Magister Reimer schließlich. Er wies mit seiner Rechten auf die frischen Blutflecken und den Schmutz auf ihrer Kutte. „So können wir Dich nicht lassen. Es gibt da einen zwar unwichtigen, aber sehr nützlichen Zauber.“ Der Stoff reinigte sich unter seinen Händen. „Von Deinem kleinen Abenteuer sollten wir niemandem erzählen“, ergänzte er, als er fertig war.
„Warum?“ fragte das Mädchen und sah ihn mit ihren hellgrauen Augen an. „Es ist doch die Wahrheit.“
Schließlich war es der Ältere, der ihrem Blick nicht standhielt. Leicht wird sie es nicht haben , dachte er, aber sie hat eine große Zukunft vor sich .
Schweigend setzten sie sich wieder in Bewegung. Sein Blick streifte das Mädchen, das aufrecht neben ihm herging. Wenn wir sie lassen , führte er seinen Gedanken zu Ende und warf einen Blick zurück auf die im Meer versinkende Abendsonne.
* * *
Semira, Schülerin der Verwandlung an der Akademie zu Rand
„Heute werdet ihr das erste Mal zaubern. Ihr werdet einen Stein verwandeln.“
Die zehnjährige Semira war aufgeregt. Zaubern . Schon das Wort ließ ihren Bauch kribbeln. Endlich war es soweit.
Magister Geron musterte seine Schüler und Schülerinnen. „Jeder von Euch bekommt von mir einen kantigen Stein. Ihr werdet diesen in eine Kugel verwandeln. Gemäß der zugrundeliegenden Thesis stellt ihr euch vor, wie sich der Kiesel zu drehen beginnt. Dann führt ihr die Linien eurer magischen Kraft von rechts oben zu, bis sich der Stein darin verfängt und sie wie einen Faden aufwickelt. Ihr unterstützt den Vorgang mit dem Wort ‚Form‘ und gleitenden Bewegungen eures Stabes. Wenn ihr euch daran haltet, wird es dem einen oder anderen vielleicht gelingen, eine Veränderung herbeizuführen.“
Semira betrachtete ihren Stein. Mit seinem gesprenkelten Graubraun war er nicht schön, aber er lag angenehm in ihrer Hand. Sie wusste, welchen Wert der Magister auf die exakte Ausführung seiner Anweisungen legte. Also schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie sich der Stein zu drehen begann. Quelle meiner Kraft , dachte sie und Wärme stieg in ihr auf, wie sie das von den Meditationen kannte. Der Ton kam hingegen völlig unerwartet. Sie erschrak und ihre Konzentration brach zusammen.
„Ich habe etwas gehört. Ist das normal?“, fragte sie aufgeregt.
Geron schüttelte den Kopf. „Störende Einflüsse musst du unterdrücken. Konzentriere dich auf die Thesis. Lass dich nicht ablenken.“
Semira nickte und versuchte es noch einmal. Wieder wurden die Bilder von einem Ton begleitet, der sich diesmal zu einem kraftvollen Akkord verbreiterte, während das Lied von ihr Besitz ergriff und an Intensität gewann. Die Melodie war ihr unbekannt und dennoch seltsam vertraut.
Wie war die Thesis? Egal. Ihr Stab bewegte sich wie von selbst in ihrer Hand. Weißes Licht ergoss sich aus seiner Spitze und tastete nach dem rotierenden Stein wie ein behutsamer Fühler. Das Weiß zerfloss in leuchtendes Rot, Gelb, Grün und Blau, als es den Kiesel berührte. Das ist wunderschön , dachte Semira, während Tränen des Glücks in ihre Augen traten.
Behutsam löste sie sich und zog ihre Kraft zurück. Die Melodie verebbte in einem sanften Nachhall und das Licht erlosch. Etwas Glattes, Rundes lag in ihrer Hand. Neugierig öffnete sie die Augen und sah eine Kugel, schön und durchsichtig wie Glas, in allen Farben des Regenbogens schillernd. „Schaut“, rief sie begeistert. „Schaut was ich gemacht habe.“ Sie hielt die Kugel hoch, damit sich die anderen mit ihr freuen konnten.
Fenrik sah auf und hielt ihr seinen eigenen Kiesel entgegen, an dem keinerlei Veränderung zu erkennen war, während Hieron seinen Zauber irritiert unterbrach. Nur Ylva, mit der sich Semira die Kammer teilte, klatschte begeistert.
„Tu das nie wieder“, tadelte Magister Geron. „Was immer dich geritten hat, lass es. Du hältst dich an die Thesis wie jeder andere hier.“
„Aber ich habe Musik gehört“, erklärte Semira. „Und Farben gesehen.“
Gerons Ohrfeige traf sie unvorbereitet. „Störrisches Kind“, schimpfte er, während er rot anlief. „Wenn du schon zu dumm bist, eine einfache Thesis umzusetzen, dann sei gefälligst still und schäm dich, anstatt damit anzugeben.“
„Zaubern heißt diszipliniert arbeiten“, wandte er sich an die Schüler, während er sich nur langsam abregte. „Die Konzentration auf die Thesis ermöglicht uns klare, vordefinierte Resultate. Farben, Töne und ähnlicher Schnick-Schnack lenken uns ab, mehr noch: Sie führen uns in Versuchung und bringen uns vom reinen Pfad der Weißen Magie ab.“
„Aber es war schön“, erwiderte das Mädchen. „Ich wollte doch ….“
„Still jetzt! Es reicht! Ich will kein Wort mehr hören!“
* * *
„Hörst Du noch Etwas?“, wollte Geron in der nächsten Stunde wissen.
Semira schüttelte den Kopf.
„Lüg mich nicht an!“ Sein Schlag trieb ihr die Tränen in die Augen.
„Hörst Du noch Etwas?“, setzte er nach. Sie nickte – und kassierte die nächste Ohrfeige. „Hör damit auf“, schärfte er ihr ein, ehe er sich wieder dem Unterricht zuwandte.
So lernte Semira ihre Magie zu unterbrechen, ehe sich die Farben vollständig entfalteten und der letzte Ton verklang. Das fühlte sich zwar falsch an und mündete in misslungenen Zaubern und unfertigen Verwandlungen, aber sie eckte seltener an. Rasch gewöhnte sie sich daran, für schlechte Resultate gelobt zu werden.
„Nein. Ich höre nichts mehr“, log sie bei Gerons gelegentlichen Nachfragen, und irgendwann war sie so gut darin, dass er ihr glaubte.
* * *
Ylva musste nacharbeiten und Semira genoss die wenigen Stunden, die sie für sich alleine hatte. Sie lag auf ihrer Pritsche und starrte an die Decke. Die Art wie sie die Magie spürte, hörte und sah, hatte sich in den letzten Wochen verfeinert und intensiviert. Manche Zauber funktionierten wie von selbst, während andere von Disharmonien begleitet wurden. Das eine oder andere Mal hatte sie Lehrer darauf angesprochen, war aber nur auf Unverständnis und Ablehnung gestoßen.
Die Anderen hören nichts, überlegte sie . Oder sie geben es nicht zu. Und sie tun sich mit dem Zaubern viel schwerer als ich.
Ein leises Knattern lenkte Semiras Aufmerksamkeit auf einen dicken braunen Käfer. Neugierig öffnete sie sich und spürte in ihn hinein. Trotz des plumpen Äußeren unterschieden sich seine Schwingungen nur wenig von jenen der Libellen am Teich. Könnte man da …?
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