Das Seelische umfasst Gefühle wie Angst, Wut, Trauer oder Liebe. Es ist aber auch der »Ort«, an dem »Seelenschmerz« bzw. alle »Herzensbewegungen« spürbar werden. Deshalb gibt es für Léonard auch keinen triftigen Grund, eine zusätzliche Unterscheidung zwischen Gefühlen und Emotionen herzuleiten, wie es in gewissen Strömungen der psychologischen Spiritualität versucht wird.
Die Öffnung, die wiedererlangte Wahrnehmungvon differenzierten Gefühlen, ist bei der Bewusstseinsentwicklung für Männer wie Frauen deutlich spürbar. Frauen scheinen dabei deutlich bevorteilt, weil sie meist ihre bereits entwickelte natürliche Begabung vertiefen können.
Geist und Seele? Kopf oder Herz? Die Auflösung der viel beschriebenen Unvereinbarkeit kann als Bewusstseinsfortschritt erfahren werden. Meine Lektorin meint, Mann und Frau finden in einem »sowohl als auch« ihrer Ergänzung einen wunderbaren Schlüssel zur Beendigung des Konfliktes zwischen Verstandund Gefühlen.
Unser Instinkt findet nach allgemeiner Auffassung auf einer archaisch körperlichen Ebene statt. Werden etwa die entsprechenden Hirnströme vielleicht sogar im sogenannten Reptilienhirn gemessen? Das würde die animalische Ebene dieses Bewusstseinsaspekts – den Naturtrieb – sogar experimentell sichtbar machen. Immerhin sichert Instinkt Leben, Überleben und Fortbestand.
Intuition ist im Bewusstseinsdiagramm (vgl. Abb.1) bezeichnenderweise den seelischen Aspekten gegenüber angeordnet, und es ist sicherlich kein Zufall, dass die weibliche Intuition so bedeutsam geworden ist. Die meisten Frauenhaben eine akzentuierte Intuitions-Seelen-Achse, Männerdagegen entfalten ihr Intuitionspotenzial üblicherweise erst im Laufe ihrer spirituellen Entwicklung.
Imagination, Inspiration und Intension ordnet Léonard dem gleichen Bewusstseinsaspekt zu. Imagination wird oft missbräuchlich verwendet, um materielle Güter zu erlangen. Von Amerika herkommend, verdrängen Visualisierung und Imagination allmählich das für unsere christlich geprägte Kultur eher typische Wunsch- oder Bittgebet. Beides scheint hin und wieder sogar zu funktionieren. Der arme liebe Gott, wie soll er sich nur entscheiden, wenn die Fans beider Mannschaften eines Fußballspiels sich an ihn wenden. Vielleicht doch würfeln?
2.3. Bewusstseinsdiagramm
Abbildung 1: Bewusstseinsbegriffe
Die sechs Bewusstseinsaspekte lassen sich in einem Diagramm sehr einfach und sinngerecht anordnen (vgl. Abb.1). Die dominanten Aspekte Körper, Geist und Seele in der oberen Hälfte werden den drei I-Aspekten Instinkt, Imagination und Intuition gegenüberliegend angeordnet. Auf den sechs Achsen können nun die unterschiedlichen Bewusstseinsaspekte halbquantitativ und relativ zu einem maximal angenommenen Potenzial aufgetragen werden.
Abbildung 2: Individualbewusstsein männlicher Ausprägung
Daraus kann ein Netz-Diagramm entwickelt werden, in dem Bewusstseinsstärken und ‑schwächen sehr einfach zum Ausdruck kommen. Die unregelmäßig begrenzte rote Fläche in Abb.2 entspricht dem Abbild des Bewusstseins einer Testperson zum Zeitpunkt der Datenerfassung. Gelb zeigt das maximal erreichbare individuelle Bewusstseinspotenzial, während das Unterbewusstsein als grauer Bereich das Bewusstseinsprofil vervollständigt.
Gewisse Aspekte können auch auf mehreren Achsen aufgetragen werden. Beispielsweise gehören zur Kreativität hauptsächlich Intuitions- und Imaginationsaspekte, aber auch verstärkte Geist- und Seelenkomponenten. Eine solche Zeichnerische Darstellung, in die sowohl Fremdbilder wie Selbsteinschätzung einfließen, könnte wichtige Hinweise auf die zukünftige persönliche Bewusstseinsentwicklung geben. Daher ist es mit einem Horoskopoder dem Enneagramm vergleichbar, nur viel konziser auf das wahre Potenzial ausgerichtet.
Die Aufweitung des roten Bereichs bis zur vollständigen Deckung mit Gelb entspricht der auf dem spirituellen Wegzu durchlaufenden Bewusstseinsentfaltung. Wichtig ist aber auch die Entwicklung zum Zentrum hin, zur endgültigen Einsicht in das individuelle Unbewusste. In diesem Prozess nähern sich Suchende immer mehr dem Ursprungoder der Quelle, ihr Bewusstsein beginnt sich über den inneren grauen Bereich auszudehnen, wie es im Diagramm vorzüglich zum Ausdruck kommt.
Wenn das individuelle Potenzial sowohl nach außen als auch nach innen erlangt ist, also alle gelben und grauen Bereiche bewusst geworden sind, kann der Entwicklungsprozess als abgeschlossen betrachtet werden. Dann muss nur noch auf den letzten Gnadenaktgehofft werden.
Authentizität ist wieder erreicht, Léonard erinnert an Gebser{12} und Wilber{13}, welche von integralem Bewusstsein sprechen. Dies ist kein quantifizierbarer, absoluter, sondern ein zum eigenen Potenzial relativer Zustand. Jede spirituelle Suche lotet das eigene Potenzial vollständig aus und es geht nicht darum, so zu werden wie Mutter Teresa, Gandhi oder andere großartige Vorbilder. Nachahmung bleibt immer eine Identifikationund kann nie zur Befreiung führen.
2.4. Bewusstseinsindikatoren
Individuelles Bewusstsein und Individuum schließt Unteilbarkeit ein, denn Individuum heißt lateinisch ungeteilt. Tatsächlich steht der missliche Zustand unseres Bewusstseins, das nicht in der Lage ist, die Welt und die in ihr lebende Kreatur als Einheit zu erkennen, hinter all den verzweifelten Versuchen, endlich ganzheitlich wahrnehmen zu können. Einem solchen »noch nicht Individuum« können die Bewusstseinsdiagramme aufzeigen, in welcher Richtung die Individuation gehen müsste. Auf dem Wegsind orientierende Feedbacks sehr nützlich, da sie den Suchendensowohl Illusionen als auch Selbsttäuschungen aufzeigen, mögliche Krisenvermeiden lassen und sie auf dem eingeschlagenen Pfad unterstützen.
Solche Indikatoren sind bei ausreichender Selbstkritik und Ehrlichkeit unbestechlich. Ein überzeugend erklärtes Horoskop, eine Enneagramm-Struktur oder auch ein Tarotblatt können Suchenden zweifelsohne Hinweise sowohl zu ihrem aktuellen Bewusstsein wie auch zu dessen weiteren Fortentwicklung geben.
Bewusstseinsentwicklung bildet sich – nicht automatisch gleichmäßig – auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene ab und kann individuell untrüglich wahrgenommen werden. Körperlich feststellbar sind beispielsweise Heilungsprozesse, die Stabilisierung der Gesundheit, das Öffnen der Chakrasund wie sich die Sichtweise auf die Außenwelt wandelt. Die seelischen Veränderungen führen zu größerer Gelassenheit, im Geist ist das langsame Versiegen des Gedankenflussesund der Träume erkennbar. Da die meisten dieser Veränderungen zwar langsam, aber stetig erfolgen, ist eine hohe Aufmerksamkeit erforderlich, um sie überhaupt zu erkennen. Andererseits ist die erhöhte Aufmerksamkeit ein zusätzlicher Indikator für die sich vollziehende Bewusstseinsentwicklung. Die Häufigkeit, mit der z. B. jemand ungewollt irgendwo anstößt, in Hundekot tritt oder Geschirr fallen lässt, stellt eine wunderbare Indikation der mangelnden Präsenz dar.
»Der Ochse und sein Hirte« ist ein Zen-Geschichtchenaus dem frühen chinesischen Buddhismus und versinnbildlicht – je nach Überlieferung – in 8 oder 10 Bildern und Merksätzen den Fortgang einer Bewusstseinsentwicklung.{14} Mit der Suche nach dem Ochsen, dem Finden der Ochsenspur, dem Finden des Ochsen, über das Zähmen, Reiten, Vergessen des Ochsen bis zur vollkommenen Leere, sind schon alle Meilensteine eines spirituellen Weges im 12. Jahrhundert erfasst worden. Diese alten Bilder geben auch heute dem ehrlich Suchenden das perfekte Feedback zu allen Schritten seines Weges. Wir heutigen Westler haben allerdings wenig Bezug zu Geschichten von Ochsen, Hirten und Schafen. Solche in Insider- Kreisen viel zitierten Bilder gehören zu einem frühen Bewusstseinsstand der Menschen, der Jahrhunderte oder gar Jahrtausende zurückliegt und genau wie die christlichen Gleichnisse nicht mehr unmittelbar verständlich sind. Sie bedürfen unbedingt einer zeitgemäßen Interpretation. Kaum ein modern interpretierender Theologe, Satsanglehrer – oder auch Léonard – zählen Hirten und Bauern zu ihren Bekannten. Ihr Wissenstammt von der Universität, weshalb ihre Interpretationen von analogen Sachverhalten auch entsprechend anders klingen.
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