„Mama, ich habe gewiß nicht die Absicht, dir weh zu tun. Es ist nur so, daß ich das Gefühl habe,… ich passe einfach nicht in diese Gesellschaft. Du weißt doch, ich bin gänzlich ungeeignet, um mit wildfremden Menschen Konversation zu machen. Außerdem... schau mich doch an. Es würden mich alle nur auslachen. Kannst du das nicht verstehen?“
Das konnte sie natürlich nicht, und Mrs Devane wurde dann schnell wütend. Sehr schnell.
„Nein!! Diese fadenscheinige Begründung lasse ich nicht gelten. Hier geht es ums Prinzip. Demzufolge wirst du mitkommen, ob du willst oder nicht. Deinetwegen lasse ich mir nichts nachsagen. Dann heißt es wieder: die Devanes sind uneins. Sie haben ihre Kinder nicht anständig erzogen! – Deine Schwester war schon mit fünfzehn auf ihrem ersten Ball. Du hast dich bisher erfolgreich deinen gesellschaftlichen Pflichten entzogen und warst ein einziges Mal mit achtzehn auf der Hochzeit einer entfernten Cousine. Danach bist du immer krank geworden, wenn ein größeres Ereignis anstand. Aber das ist nun vorbei. Du hast vier Wochen Zeit, um dich seelisch darauf vorzubereiten. Helena wird mit dir Tanzen und Konversation üben. Und damit basta! - Helena, du kommst jetzt mit; wir werden sehen, was Mrs Mellington an Stoffen anzubieten hat. Wenn du dich an den Gedanken gewöhnt hast, Elizabeth, kannst du auch in den Salon kommen.“
Mrs Devane erhob sich und schwebte mit rauschenden Röcken aus dem Zimmer. Helena folgte, nachdem sie Lizzie einen mitleidigen Blick zugeworfen hatte. Solch eine Einstellung war ihr unerklärlich. Ich wußte, worauf Lizzie anspielte – auf ihre etwas zu füllig geratene Figur. Auch wenn wir ihr immer wieder versicherten, daß sie eine hübsche junge Frau sei, schämte sie sich ihrer üppigen Formen und mied fast jeden gesellschaftlichen Umgang außerhalb ihrer Familie. Ich wollte sie trösten und sie überzeugen, daß sie doch mitkommen möge, aber sie wollte nichts hören und bat mich, sie allein zu lassen. So ging ich und hörte noch, nachdem ich die Tür geschlossen hatte, wie sie in heftiges Schluchzen ausbrach.
Dennoch begab ich mich nun zu den anderen beiden Damen in den Salon. Dort war Mrs Mellington, die Näherin aus dem Dorf, bereits eingetroffen und hatte ihre edelsten Stoffe zur Ansicht ausgebreitet. Catherine und Helena begannen, diese zu begutachten und die Vorteile des hellblauen Seidenstoffes im Vergleich zu einem blumendurchwirkten Brokatgewebe… Ich überließ die Damen ihrem Schicksal und begab mich zu meinem Kleiderschrank. Ich verstand die Aufregung überhaupt nicht. So suchte ich meinen Abendanzug heraus, der nicht so schnell aus der Mode kam. Wir Männer haben es diesbezüglich bedeutend einfacher.Solange unsere Anzüge nicht dem allerletzten Schrei entsprechen und wir dadurch bei jedem gesellschaftlichen Anlaß auffallen, benötigen wir nicht viel. Ich sage immer: solange der Anzug sauber, ordentlich und dem Anlaß angemessen ist, können wir ihn so oft tragen, wie wir wollen. Für diesen Ballabend genügten mein schwarzer Frack mit der passenden Hose, eine schwarze Weste und eine kleine, schwarze Krawatte. Schließlich gingen wir nicht in die Oper oder ins Theater, wo ich das weiße Exemplar benötigt hätte.
Ich probierte alles an und fand, daß es noch tadellos paßte. Mottenlöcher waren auch nicht zu entdecken, alles war sauber und ohne Falten. Zum Abschluß überprüfte ich noch die Sauberkeit meiner weißen Handschuhe. Es war alles in bester Ordnung, meine Garderobe für den großen Abend würde mir keine Sorgen bereiten. Ein Glück, daß Catherine immer für Ordnung im Kleiderschrank sorgte.
Anschließend zog ich mich in die Bibliothek zurück und widmete mich der monatlichen Haushaltsabrechnung. Es war bereits Anfang September, und ich hatte noch keine Zeit gehabt, die Rechnungen vom August durchzusehen und aufzulisten. Es dauerte gut eine Stunde, bis ich damit fertig war. Danach wollte ich mich einem guten Buch widmen, doch da hörte ich plötzlich Mrs Devanes schrille Stimme. Seufzend unterbrach ich meine kaum begonnene Lektüre und kehrte in den Salon zurück.
Catherine verlangte in noch gereizterer Stimmung als zuvor, daß ich Lizzie holte.
„Sie soll endlich herunterkommen, damit wir sehen, was sie in vier Wochen anziehen kann. Sage ihr, daß ich ihr Verhalten auf keinen Fall billigen werde. Entweder führt sie mir ein anständiges Kleid vor oder… “ Offenbar wußte sie nicht, womit sie drohen konnte.
Ich war nun meinerseits auch etwas ärgerlich geworden. Während ich erneut die vielen Stufen zum ersten Stock emporstieg, dachte ich bei mir, daß Catherine doch das einzige vernünftige weibliche Wesen in diesem Hause in Ruhe lassen sollte. Mir war jedoch auch bewußt, daß ich meine Große überzeugen mußte mitzukommen. Sonst würde meine Frau unverzeihlich böse sein und mindestens eine Woche nicht mit uns reden. (Was an sich eine Wohltat wäre, wenn nicht ihr Redeschwall nach dieser einen Woche - sollte sie so viel Durchhaltevermögen überhaupt besitzen - noch unerträglicher würde…) Wenn Catherine doch nicht immer so stur wäre! Und wenn sie diesen Sturkopf nicht auch noch an Lizzie vererbt hätte!
Schließlich war ich oben angelangt und klopfte an Lizzies Tür. Keine Antwort. „Lizzie, ich bin es, ich weiß doch, daß du da herinnen bist, also laß mich bitte eintreten.“
Es dauerte ungewöhnlich lange, bis sie endlich die Tür öffnete. Meine Tochter wirkte noch unglücklicher als zuvor. Die rotgeweinten Augen zeugten von ihrer Verzweiflung. Ich nahm sie für einen Moment in den Arm und sagte:
„Bitte komm mit herunter, mein Kind. Deine Mutter verlangt nach dir. Sie will wissen, was du anziehen wirst. Komm und verärgere sie nicht noch mehr.“
Sie nickte stumm und tat mir dann den Gefallen. Sie holte ein Kleid aus ihrem Schrank. Es war ein schwarzes Seidenkleid, das sie vor einigen Jahren zur Beerdigung ihres Großonkels Robert tragen wollte. Da wir jedoch wider Erwarten nicht dazu eingeladen worden waren, blieb es quasi unbenutzt. Gemeinsam gingen wir damit in den Salon.
Dort erklärte Lizzie ihrer Mutter, daß sie dieses und kein anderes Kleid anziehen werde. Meine Frau reagierte zwar etwas unwirsch – schwarz wäre keine Farbe für junge Frauen -, doch stimmte sie schließlich zu, froh, daß ihre Tochter nun doch mitkommen würde und sie nicht dem unerträglichen Klatsch der Nachbarschaft ausgesetzt wäre. Sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
Auch, wenn dieser schon seit Jahren ruiniert war.
***
Es war wieder einmal Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang.
Am Morgen hatte meine Schwester rechte Mühe gehabt, mir das Mieder zu schnüren. Den Ausdruck in ihrem Gesicht dabei konnte ich zwar nicht sehen, aber doch erahnen. Und dann kam noch diese entsetzliche Neuigkeit hinzu – nein, ich mußte hinaus in die Natur und mir frische Luft verschaffen. Dort würde mir vielleicht eine Idee kommen, wie ich diesen schrecklichen Abend in vier Wochen meiden könnte.
In meinem Leben war ich erst ein einziges Mal auf einem Ball gewesen, und es war ein so fürchterlicher Abend, daß ich weitere Erfahrungen dieser Art seitdem immer erfolgreich vermieden hatte. Natürlich war ich als junges Mädchen neugierig darauf, wie solch ein gesellschaftliches Ereignis wohl wäre. Wochenlang fieberte ich dem ersten öffentlichen Ball in Rochester entgegen. Mama ließ mir von Mrs Mellington ein wunderschönes Kleid aus hellbrauner Seide nähen. Mit einiger Mühe hatte ich die wichtigsten Tänze gelernt – Polka, Walzer und Galopp, wobei mir der Walzer am liebsten war. Papa hatte mich tatkräftig unterstützt und eine unendliche Geduld bewiesen, wenn ich ihm wiederholt auf die Füße getreten war. Dennoch glaubte ich, daß ich durchaus in der Lage sein würde, diese drei Tänze zu bestreiten.
Vielleicht wäre dem auch so gewesen – nur fragte mich an diesem Abend kein einziger Herr nach meiner Tanzkarte. Die ganze Zeit über saß ich still in einer Ecke und bewunderte die Paare, die elegant über die Tanzfläche schwebten. Papa bot mir mehrmals an, mit mir zu tanzen, doch ich lehnte ab, denn keines der anderen Mädchen tanzte mit dem eigenen Vater. Tapfer hielt ich die Tränen zurück, bis ich spät in der Nacht wieder in meinem Zimmer war. Dort schwor ich mir, mich nie wieder dermaßen erniedrigen zu lassen. Mir war klar geworden, daß mich alle aufgrund meiner Rundungen für einen Trampel hielten, mit dem man sich nicht auf der Tanzfläche sehen lassen konnte. Nach dem Verdauen dieser Erkenntnis war das Wort „Ball“ aus meinem Wortschatz gestrichen.
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