Doch als ich dort lag und es mir gerade so richtig bequem machen wollte, knirschte es plötzlich ganz gehörig – erschrocken sprang ich wieder heraus, weil ich fürchtete, das gute alte Stück hielte doch mein Gewicht nicht aus. Doch es fiel nicht in sich zusammen, sondern blieb friedlich stehen. Ich ging einmal um das Bett herum, und da sah ich die Bescherung: unter der Stoffbespannung am Fußende mußte sich ein Brett gelöst haben. Mit zittrigen Fingern versuchte ich, es wieder hineinzudrücken – ich wollte ja nichts kaputt hinterlassen, das fehlte noch! Doch es gelang nicht, da war irgendein Widerstand. Schließlich kam ich auf die geniale Idee, einfach den Stoff hochzuheben und nachzusehen – und erkannte, daß es kein gelöstes Brett war, sondern eine Schublade.
Ein Geheimfach! Oder? Vorsichtig zog ich die Lade weiter heraus und sah hinein. Ein Stapel Dokumente lag dort – offensichtlich Briefe, kleine Bücher, die wie Tagebücher aussahen. Zuoberst lag ein Umschlag mit den Worten: „Bitte zuerst lesen!“ Anscheinend hatte jemand damit gerechnet, daß dieses Geheimfach eines Tages gefunden würde. Ich nahm alles vorsichtig heraus.
Dann setzte ich mich wieder auf das Bett, denn jetzt kannte ich ja die Ursache für das seltsame Geräusch von vorhin. Den Stapel mit den Dokumenten legte ich neben mich und öffnete den Umschlag. Darin fand ich folgenden undatierten Brief:
„ Liebe unbekannte Leserin,
es ist Dir also gelungen, das zu erreichen, was ich mir erhofft hatte. Du hast das Geheimfach als erste wieder geöffnet. Nach wie vielen Jahren? Vielleicht fünfzig, oder gar hundert? Ich werde es nicht erfahren, aber ich werde Dir verraten, wie Du es geschafft hast.
Ich habe in dieses Bett einen Mechanismus einbauen lassen, durch den allein das Fach geöffnet werden kann. Dazu bedarf es allerdings eines ganz spezifischen Gewichts. Ich werde die Zahl hier nicht nennen, Du kennst sie selbst am besten. Schäme Dich nicht dafür, denn es ist die Zahl, die auch für mich jahrelang galt. Ich wollte, daß eine wie ich das Geheimnis lüften kann.
Aber sei gewarnt, liebe unbekannte Freundin. Das Geheimnis, das seit Jahrhunderten über unserer Familie liegt – mein Geliebter und ich, wir haben es als erste gelöst. Doch es hat Unglück über uns gebracht. Für uns wurde es ein tödliches Geheimnis. Deswegen habe ich es wieder vor den Augen der Welt verborgen. Ich habe es nicht vernichtet, weil ich die Hoffnung in mir trage, daß sich die Zeiten ändern werden. Die Anzeichen dafür sind da. Vielleicht ist unser Wissen in der Zeit, in der Du lebst, nicht mehr tödlich.
Ich habe hier alle Dokumente versammelt, die ich über die Jahre zusammentragen konnte. Mein Tagebuch ist dabei, und auch das meiner so jung verstorbenen Schwester. Briefe von vielen der Beteiligten. Lies alles, und Du wirst in meine Welt eintauchen. Und entscheide jederzeit selbst, ob es gut ist für Dich, noch weiter zu lesen, oder ob Du alles wieder dahin legst, wo Du es gefunden hast.
Sei auf der Hut: Wissen ist Macht, und es kann töten. Immer dann, wenn Menschen nach Macht gieren.
Elizabeth Devane“
Wer war Elizabeth Devane? Ich kramte einen Moment in meinem Kopf… hieß nicht die verstorbene Besitzerin von Sunderley so? Auf alle Fälle hatte sie es geschafft, all meine Müdigkeit zu vertreiben. So folgte ich ihrer Aufforderung und begann zu lesen – und tauchte ein in diese längst vergangenen Zeiten.
Und es ist nur recht und billig, daß diese Menschen ihre Geschichte selbst erzählen:
Dramatis Personae:
William Devane, Besitzer von Sunderley
Catherine Devane, seine Frau
Elizabeth, genannt Lizzie, deren ältere Tochter
Helena, die jüngere Tochter
Edward LeFroy, Witwer und Besitzer von Stonehall
Louis LeFroy, dessen Sohn
Sarah LeFroy, Edwards Schwester
Amanda LeFroy, Edwards verstorbene erste Frau
Emma Gallingher, Witwe, Cousine von William Devane
Aphrodite Gallingher, deren Tochter
Der Earl of Rudham, Onkel von Edward LeFroy
Lady Rudham, dessen junge Frau
Barbara Lee Ambisher, eine Frauenrechtlerin, und deren Ehemann Roger
sowie der geheimnisvolle Jean und
Maud Emmerane, eine kräuterkundige Frau und Hebamme
Herbst 1860
„Elizabeth! Lizzie!! Kind, wo steckst du nur wieder?“
Ich sah nur noch, wie meine Frau Catherine leicht kurzatmig die Treppe zum Obergeschoß unseres Hauses hinaufeilte. Dort lag das Zimmer unserer älteren Tochter, die sie verzweifelt suchte.
Ich hatte Catherine eine Minute zuvor eine wichtige Nachricht überbracht - eine, wie man sie nicht alle Tage erhält. Und diese durfte sie Elizabeth und deren Schwester natürlich nicht vorenthalten.
Lizzies Zimmer lag am Ende des Korridors, im Turm unseres Hauses. Catherine vermutete lautstark, daß sie wegen der Entfernung das aufgeregte Rufen nicht gehört hatte. Im oberen Stockwerk angekommen, holte sie noch unsere jüngere Tochter Helena aus deren Zimmer und zwang sie, mit ihr zu gehen. Ich folgte den Damen gemächlich. Warum sich an einem sonnigen Septembermorgen dermaßen echauffieren? Es wurde Herbst, und die einsetzende Ruhe der Natur sollte sich auch auf uns übertragen. Zumindest wünschte ich mir das. Aber meine Wünsche wurden in diesem Hause leider selten respektiert…
Als meine Frau die Tür zu Lizzies Zimmer öffnete, sah ich meine Tochter an ihrem Schreibtisch sitzen. Sie schlug erschrocken ein kleines Buch zu, als die beiden Damen in ihr Zimmer stürzten. Sie fragte etwas verstört:
„Mama, was ist denn geschehen? Warum so aufgeregt?“
Catherine ließ sich erschöpft in einem Sessel nieder. In ihrem Alter war sie solche Dauerläufe nicht mehr gewöhnt. Zwar hatte sie sich ihre gertenschlanke Figur bewahrt, doch der Zahn der Zeit nagte auch an ihr. Sie litt in letzter Zeit immer häufiger unter Kurzatmigkeit, wenn wir längere Spaziergänge unternahmen. Das machte mir ein wenig Sorgen, aber sie schob es auf die Nachwirkungen des feuchten Sommers, der sich auf ihre Lungen gelegt habe. Und wenn meine Frau sich einmal etwas fest eingeredet hatte, war sie davon nicht mehr abzubringen.
Helena blieb erwartungsvoll neben dem Sessel stehen, in dem ihre Mutter Platz genommen hatte. Sie trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Offenbar konnte sie es kaum erwarten zu erfahren, was denn geschehen war. Ich vermutete, daß sie vom Fenster ihres Zimmers aus den Boten gesehen hatte, der den Brief gebracht hatte. Und ein Brief versprach immer eine willkommene Abwechslung in unserem für junge Damen sicherlich eintönigen Alltag hier auf dem Lande. Vielleicht war es eine Einladung zum Ball oder gar zu einer Reise zu einer entfernten Verwandten? Mir wurde plötzlich bewußt, wie abgeschieden wir hier auf Sunderley eigentlich lebten. Das nächste Dorf, Langton Green, war eine gute Stunde Fußmarsch entfernt. Und unsere nächsten Nachbarn, die im Vergleich dazu nur einen Katzensprung entfernt auf dem Anwesen Stonehall lebten, wollten nichts mit uns zu tun haben. Doch so war es immer für die Devanes gewesen; sie kannten es nicht anders und waren gewöhnt an die Einsamkeit. Und auch ich hatte mich letztendlich daran gewöhnt und war einer der Ihren geworden, der das Landleben schätzte und die Vorzüge der Großstadt London bald vergessen hatte.
Als Catherine endlich ihren Atem wiedergefunden hatte, ergriff sie das Wort und verkündete die Neuigkeit des Tages. Dabei wedelte sie aufgeregt mit dem Brief:
„Elizabeth, Helena, heute ist ein besonderer Tag für euch und überhaupt für uns alle. Wir haben soeben eine wichtige Einladung erhalten. Ihr könnt euch nicht vorstellen, von wem!“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und zeigte uns allen den Briefumschlag. Auf der Vorderseite stand unsere Adresse; die Handschrift war mir unbekannt. Ich wollte Catherine gerade bitten, uns doch nicht so sehr auf die Folter zu spannen, als sie aufgeregt fortfuhr:
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