„Ihr werdet es nicht glauben: in vier Wochen – genauer gesagt, am neunten Oktober - gibt unser verehrter Nachbar, der gute Mr LeFroy, einen großen Ball! Und wir sind eingeladen! Was sagt ihr nun? Ist das nicht eine sensationelle Neuigkeit?“
Das war es in der Tat! Selbst ich war angenehm überrascht. Immerhin hatten wir den geheimnisvollen Gastgeber bisher nicht persönlich kennengelernt, und das, obwohl er bereits seit mindestens fünf Jahren dort wohnte. Er schien entweder sehr menschenscheu zu sein oder, so hatte Helena einmal vermutet, er hatte einen besonders guten Grund, sich auf seinem Anwesen zu verstecken. Ich hatte ihr jedoch verboten, über die Gründe zu spekulieren – das ging uns nichts an. Wenn Mr LeFroy entschied, daß er niemanden sehen wollte, so war das seine Sache. Meine Frau fuhr fort, ihren Gefühlen Luft zu machen:
„Ich bin noch immer ganz außer mir! Nach all den Jahren! Immerhin hatten wir die Hoffnung, jemals bei ihm einen Ball besuchen zu dürfen, schon aufgegeben. Denn ihr wißt ja selber: der Herr hat seit seinem Einzug auf Stonehall keine einzige Gesellschaft gegeben, was eine Schande ist, wenn man der reichste Gutsbesitzer in der gesamten Umgebung ist.“ Ich verstand nicht, wie meine Frau immer wieder solche langen, kunstvollen Sätze bilden konnte, ohne den Faden zu verlieren. „All die Jahre lang hat er sich kaum einmal außerhalb seines Anwesens blicken lassen! Aber das scheint nun glücklicherweise vorbei zu sein! Dieser Ball wird für euch Kinder die ideale Gelegenheit sein, endlich einen jungen Mann kennenzulernen! Wie ich hörte, sind die bedeutendsten Familien der Grafschaft eingeladen, unter anderem auch die Abrahams und die Sallfields! Was sagt ihr nun? Ist das nicht unglaublich?!“
Mrs Devane (ich nenne sie häufig so, es schafft in manchen Situationen einfach den nötigen Abstand) hatte so schnell gesprochen, daß sie ganz rot geworden war und erst einmal Atem holen mußte. Helena benutzte die Pause im Redeschwall ihrer Mutter, um ihrerseits ihren Gefühlen Luft zu machen. Ich weiß ja, wie sehr sie Bälle liebt und wie sie darunter leidet, daß diese auf dem Lande so selten gegeben werden. Aber warum mußte sie immer so pathetisch werden?
„Oh Mama, das ist einfach herrlich! Außerordentlich! Beinahe unfaßbar! Wir waren gewiß seit einem halben Jahr auf keinem Ball mehr! Weshalb hatte Mr LeFroy nicht schon früher diese Idee? Für einen so reichen Mann ziemt es sich nicht, keine Bälle zu geben! Und sein Sohn, wie alt ist er? Ist er ansehnlich?“
Ich sah, wie Mrs Devane die Stirn runzelte. Sie mochte keine Fragen, auf die sie keine Antwort wußte. Deswegen betonte sie in solchen Fällen immer, daß sie nicht die einzige Unwissende war:
„Helena, das weiß bisher kein Mensch hier. Du erinnerst dich jedenfalls, wie Mr LeFroy vor fünf oder sechs Jahren Stonehall gekauft hat. Mit ihm kam wohl eine Miss LeFroy, so erzählte mir einmal Mrs Anderson. Aber niemand weiß, warum die beiden so zurückgezogen lebten. Weißt du noch, William, wie verfallen Stonehall damals schon war, weil sich der alte Eigentümer nicht besonders darum gekümmert hatte? Und dieser Kerl… Berket, hieß er, glaube ich, hat den LeFroys auch noch viel zu viel Geld abverlangt! Ich weiß noch sehr genau, daß Berket damals, vor etwa dreißig Jahren, seinerseits das Gebäude in deutlich besserem Zustand von den Vorbesitzern erworben hatte. Wie hießen die noch gleich?“ Sie überlegte mit angestrengter Miene, doch ihr Gedächtnis war auch nicht mehr das beste. “Nun, jedenfalls waren diese Leute noch schlechtere Nachbarn als die LeFroys. Nicht ein einziges Mal haben sie uns eingeladen! Geschweige denn, uns einmal besucht! Wenn ich mich doch nur noch an ihren Namen erinnern könnte… Kinder, werdet nur nicht alt!“
Sie sann noch einige Minuten nach, kam aber nicht auf den Namen unserer ehemaligen Nachbarn. Es stimmte, bevor Stonehall an Mr Berket verkauft worden war, lebte dort ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn. Die Familie hatte dort mindestens genauso lange gelebt wie wir Devanes hier auf Sunderley. Und doch bestand kein freundschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Clans. Im Gegenteil, sie schienen sich nicht ausstehen zu können. Ich als derjenige, der in die Familie einheiratete, konnte jedoch nie den Grund dafür in Erfahrung bringen. Catherine behauptete stets, ihn selbst nicht zu kennen. Niemand wüßte mehr, was die Ursache für die Abneigung zwischen den beiden Familien war. Ihre Mutter war kurz nach Catherines Geburt gestorben, und ihr Onkel, der bis zu ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr ihr Vormund war, hatte nie ein Wort darüber verloren. Catherine hatte wohl öfter Versuche unternommen, die Wahrheit herauszufinden – sie waren jedoch allesamt erfolglos geblieben. So lebte man nebeneinander her, ohne daß die Rivalität bedrohliche Ausmaße angenommen hätte. Man ignorierte sich einfach, bis die Familie mit dem vergessenen Namen vor etwa dreißig Jahren die Gegend verlassen und Stonehall an Mr Berket verkauft hatte.
Catherine hatte ihre Überlegungen erfolglos beendet und fuhr fort:
„Nun, jedenfalls hat seit ihrem Einzug in Stonehall niemand mehr etwas über diese LeFroys erfahren. Eine Schande ist das, wenn man nicht weiß, wer seine eigenen Nachbarn sind! Aber das wird sich in vier Wochen ändern!“
Ich stöhnte innerlich auf. Mir tat der arme Mr LeFroy bereits leid. Meine Frau würde ihn den ganzen Abend mit Fragen belästigen und uns dabei unsäglich blamieren. In dieser Beziehung hatte sie leider keinerlei Skrupel. Sie tat stets alles, um ihre unstillbare Neugier zumindest in Ansätzen zu befriedigen. Dabei vergaß sie unglücklicherweise, daß in manchen Fällen das Zauberwort ‚Diskretion’ hieß. Helena machte sich darum weit weniger Sorgen, im Gegenteil:
„Mama, das ist einfach eine wunderbare Neuigkeit! Nicht wahr, Lizzie?“, wandte sie sich an ihre etwas bedrückt wirkende Schwester. Ich erkannte, daß sich Lizzie überhaupt nicht auf diesen Abend freute. Doch Helena, die gar keine Antwort erwartet hatte, brachte sofort ein schwerwiegendes Problem auf das Tapet: „Aber, Mama, ich habe überhaupt gar nichts anzuziehen! Das Kleid vom letzten Ball ist längst aus der Mode! Aber ich habe in Mrs Beetons Domestic Magazine gerade ein reizendes Modell gesehen…“
Catherine unterbrach ihre Tochter etwas unwirsch.
„Kind, nun übertreibe bitte nicht. Das stellt alles kein Problem dar. Ich habe bereits ins Dorf nach Mrs Mellington geschickt. Wir gehen gleich hinunter und sehen, daß wir dir ein neues Kleid nähen lassen. Was mich betrifft - ich denke, ich trage das schwarze von der Beerdigung von Mr Pollies. Daran wird sich sicher niemand mehr erinnern, es waren ja kaum Leute da, um dem armen Steve die letzte Ehre zu erweisen. Überdies ist schwarz gut für die Figur, und in meinem Alter geht man nicht mehr so farbenfroh wie ihr Kinder... Lizzie, wie sieht es mit deiner Garderobe aus?“
Die Angesprochene schaute auf. Ich sah die Traurigkeit in ihren Augen und ahnte, was in ihr vorging. Sie wirkte dennoch sehr beherrscht, als sie antwortete:
„Ich brauche kein neues Kleid, Mama. Ich möchte nicht mitkommen.“
„Elizabeth!“ Mrs Devane war schockiert und schien beinahe persönlich beleidigt. „Was fällt dir ein? Welchen Unsinn redest du denn da? Auch du mußt langsam einen Mann finden, so gehört es sich nun einmal. Außerdem bist du deutlich über das übliche Heiratsalter hinaus! Also wirst du gefälligst mitkommen und dich für unsere hübschen jungen Männer der Umgebung empfehlen. Oder willst du dir und mir unser eigenes Grab schaufeln?“
Mrs Devane war sicher, daß dieser pathetische Abschluß ihrer Rede auf Lizzie Eindruck machen würde. Ich kannte ihre Ansichten über die Ehe zur Genüge. Für Catherine gab es nichts Erstrebenswerteres für eine Frau, als sich für ihren Ehemann aufzuopfern und stets für ihn da zu sein – nur leider vergaß sie das in ihrer eigenen Ehe manchmal zu leicht. Diese Einstellung hatte sie Helena erfolgreich vererbt. Von frühester Jugend an kokettierte Helena mit jedem Mann, der ihr einen bewundernden Blick schenkte – immer in der Hoffnung, er würde sie erwählen. Bisher hatte sie sich jedoch die falschen Männer ausgesucht. Sie waren entweder bereits verheiratet oder verlobt, oder zu intelligent, um an Helena Gefallen zu finden. Nur meine Lizzie war immun gegen Catherines Reden und interessierte sich nicht für das sogenannte stärkere Geschlecht. Zumindest erweckte sie diesen Eindruck. Und so war Lizzie von der Rede ihrer Mutter natürlich überhaupt nicht beeindruckt:
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