Lina und Anni heulten um die Wette, Osdorff grunzte wie ein Schwein im Chausseepatsch, und die Mädchen fingen an zu würgen und sich zu erbrechen. Das ekelte mich so, daß mir beinahe auch schlimm geworden wäre, und deshalb schleppte ich mich etwas weiter fort, aber die Füße waren mir so schwer, daß ich mich bald wieder am Graben hinsetzte. Ich merkte wohl, daß ich ebenso wie die andern total betrunken war, aber ich wußte, sah und hörte alles. Weil mir der Kopf so weh tat, streckte ich mich lang im Gras aus und blinzelte in die Luft. Der Mond spiegelte sich in den Regenpfützen der Chaussee, und Millionen Sterne standen am Himmel. Wie ich so hinauf sah, war es mir, als wären die Sterne lauter helle Menschenaugen, und als gehörten zwei davon, zwei goldne, klare, meiner lieben toten Mutter. Da machte ich die Augen zu, denn ich konnte diese beiden Sterne nicht ansehen. Mir war plötzlich sehr weh ums Herz. Ich schämte mich so fürchterlich. Es ist gewiß nichts Feines, wenn Schulmädchen sich vollsaufen und wie das liebe Vieh am Wege liegen bleiben. Aber wer konnte auch wissen, daß das Deibelszeug so nachwirkt. – Damals, an dem Therese Krones-Abend, war es doch viel netter. Das habe ich jetzt heraus, daß ein Sektrausch ein viel feineres Ding ist, als ein ordinärer Rumaffe, das ist ungefähr ein Unterschied wie zwischen einem Rassehund und einem ekligen, kläffigen Dorfköter. Nach einer Weile kam ein Wagen. Als die Leute das Jammern von Anni und Lina hörten, hielten sie an und kletterten ab. Es war ein Schlachter, der mit einigen Viehkommissären über Land gefahren war, und diese Menschen sammelten nun, unter lautem Gelächter, Osdorff und die Mädchen auf den Wagen. Um nicht allein zurückzubleiben, kletterte ich auch hinauf, aber ganz allein, denn mit mir wurde es schon allmählich besser. Was wir da auf dem Wege nach T. für Witze und rohe Späße über die höheren Töchter und den gelehrten Jungen anhören mußten, das geht schon auf keine Kuhhaut mehr. Es war das reine Fegefeuer. Anni und Lina waren noch nicht in der Verfassung, alles zu verstehen, aber ich hab’ auf diesem Wege meine Sünden an dem Abend abgebüßt, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten.
Um nur nichts zu hören, stopfte ich mir die Finger in die Ohren, so entsetzlich war das. In T. luden uns die Kerle vor dem Schlächterladen ab, und die Frau Schlächtermeister kam mit der Lampe heraus, und die Dienstmädchen und Gesellen ebenfalls, und das Lachen und Witzereißen ging von vorne los. Wie Osdorff nach Hause gekommen ist, weiß ich nicht. Fräulein Saß’ Mädchen brachte Lina und Anni zu Bett und für Lina mußte der Doktor geholt werden. Ich suchte es zu verhindern, aber Lina war wie verrückt und wollte partout sterben, gerade wie vorher Anni.
Na, am anderen Morgen war die Stadt natürlich voll von unserem Abenteuer. Fräulein Lundberg schickte uns nachmittags aus der Schule nach Hause, weil eine Untersuchung eingeleitet werden sollte. Das Resultat dieser Untersuchung aber war, daß wir alle drei geschaßt wurden. Fräulein Lundberg behauptete, ein solcher Fall von unmoralischem Lebenswandel wäre in den Annalen ihrer Schule noch nicht verzeichnet, und unser Beispiel würde verderblich auf unsere Mitschülerinnen wirken; es sei eine Existenzbedingung ihrer Schule, daß sie sich alle schlimmen Elemente fernhalten müsse. Anni und Lina heulten wie die Schloßhunde, und Anni war so gemein, alle Schuld auf mich schieben zu wollen, womit sie aber nicht durchkam.
Was die Jungen anbelangte, so teilte Osdorff unser Schicksal, er wurde mit Schimpf und Schande relegiert – trotz seiner zwei f’n. Boy Detlefs und Butenschön kamen mit einem Verweis davon, was ich nun sehr ungerecht fand, denn es lag doch kein anderer Milderungsgrund für ihr Verhalten vor, als daß sie ihren Affen besser zu tragen verstanden, wie der arme Osdorff. Einige böse Zungen behaupteten, der Direktor hätte gegen Boy nicht so hart sein dürfen, weil Frau Detlefs der Frau Direktor jeden Sonnabend drei Kopp Butter und ein Stieg Eier umsonst brachte. Ob’s wahr ist, weiß ich nicht.
Die anderen Mädchen weinten Tag und Nacht, weil sie Furcht vor ihren Eltern hatten. Ich gar nicht. Ich wußte, daß Vater mir nichts tun würde. Nur vor Tante Friedas bösen Augen hatte ich ein bißchen Angst.
Vater holte mich am anderen Abend ab. Er war gar nicht böse und schimpfte nur auf Fräulein Lundberg, es sei von der ollen Schachtel eine Kleinlichkeit und Engherzigkeit über alle Maßen, einen solchen Kinderstreich gleich so schwarz anzustreichen, sagte er, und er freute sich, daß ich nun wieder nach Hause komme. Er hätte mich doch sehr entbehrt. Ich freute mich auch.
Zu Hause hatten sie die Türe bekränzt und ein Transparent »Willkommen« angebracht. Ich war so gerührt, daß ich vor Freude weinte.
Im Hause hatte sich wenig verändert, nur daß statt der ollen Köchin eine Wirtschafterin im Hause war, eine ganz hübsche, aber sehr dicke Person. Fräulein Reinhard hieß sie. Als wir zu Abend gegessen und die Reinhard hinaus und Meinert wieder in der Apotheke war, setzte Vater sich zu mir aufs Sofa und unterhielt sich mit mir ganz vernünftig, wie mit einer erwachsenen Dame. Es sei ein Elend mit den Wirtschafterinnen, erzählte er mir, die Reinhard wäre nun die vierte in zwei Jahren. Er sei sehr froh, wenn ich mal erst so weit wäre und den Haushalt führen könnte, daß man das fremde Pack nicht mehr brauche. Dann nahm er meinen Kopf in seine linke Hand und sah mich lange an und strich mit der rechten Hand über meine schwarzen Zöpfe und sagte, ich sei hübsch geworden, bildhübsch, und wenn ich mal erwachsen wäre, täte er mit mir in Bäder reisen, damit ich Bekanntschaften mache; es wäre ein Jammer, wenn ich hier in dem Drecknest versauere und einen der dämlichen Philister heiraten müsse.
»Weißt du, wem du ähnlich siehst, Thymi?« sagte Vater. Ich schüttelte den Kopf.
»Der Mutter schlägst du nicht nach. Die hatte ein kleines, pusseliges Gesichtchen, aber eine Schönheit war sie nie. Von mir hast du die Schönheit auch nicht geerbt. Aber frage mal Tante Frieda nach dem Bild deiner Urgroßmutter Madame Claire Gotteball – es muß irgendwo in der Rumpelkammer bei ihr stehen – du wirst da verwandte Züge finden. Sie war eine Französin und muß eine pikante Schönheit gewesen sein.«
»Was ist das, eine ›pikante‹ Schönheit«, fragte ich. Vater lachte.
»Das kann ich dir nicht so bedeuten, Thymi. Eine ›pikante‹ Schönheit ist eine Schönheit, die den Männern gefällt. Nun weißt du es.«
Ja, nun wußte ich es, aber ich war nicht viel klüger dadurch geworden.
Von nun an ging alles seinen gewohnten Gang. Ich ging das letzte halbe Jahr bis zu meiner Konfirmation wieder bei Fräulein Vieterich in die Schule. Eines Tages hatte ich eine große Überraschung. Ich hatte eine Besorgung bei Tante Wiebke Henning zu machen und an der Ecke der Bismarckstraße begegnet mir – Casimir Osdorff. Ich traute meinen Augen nicht, aber er war es, in Lebensgröße. Und es ging alles mit rechten Dingen zu. Er ist bei Doktor Bauer in Pension und soll dort zum Einjährigen gepreßt werden. Doktor Bauer war zurzeit Hauslehrer beim Grafen von und zu Ypsilon, der in Berlin ein großes Tier und Casimirs Vormund ist. Osdorff jammerte, daß er hier in G. mit noch »gemischteren Elementen« in Berührung käme als in T. Ich tröstete ihn, und wir verabredeten uns, öfter zusammen zu kommen. Ich habe hier seit meiner Rückkehr keine richtigen Freundinnen. Anni Meier ist nach Wandsbek und Lina Schütt nach Kiel in Pension gekommen. Da ist es doch ganz nett, daß ich wenigstens noch einen Freund habe, mit dem ich mal plaudern kann.
In dem letzten Jahre bis zu meiner Konfirmation passierte nichts Besonderes. Mit unserer Wirtschafterin stehe ich mich ganz gut, sie ist gefällig und freundlich. Wenn sie nur nicht so schrecklich gefräßig wäre! Ich kann die Menschen nicht leiden, die immer essen. Es ist unglaublich, was sie bei Tisch für Portionen verschlingt. In der Zwischenzeit schnuckert sie immer noch aus den Taschen. Unausstehlich!
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