Wir hatten jede unseren speziellen Freund, und Osdorff war meiner. Er ist nicht gerade hübsch. Seine Unterlippe hängt ein wenig vor, sein Gesicht ist ein wenig gedunsen und seine hellgrauen Augen sehen immer aus, als ob er schläft. Anni nennt seine Augen »Schellfischaugen«. So ist er noch heute. Boy Detlefs behauptet, Osdorff wäre dumm wie Stroh und faul wie Ruß. Was mir so sehr an ihm gefiel, und noch heute gefällt, sind seine Stiefel und seine Hände. Ich habe nie zuvor so wunderbare Stiefel und so entzückende Hände gesehen. Die Stiefel sitzen wie an den Füßen gewachsen, glatt und blank wie Aalhaut, und die Hände sind weiß und samtweich, und die Nägel sind so schön rosenrot mit schneeweißem Rand wie bei einer sehr feinen Dame.
Casimir Osdorff ist das zweitjüngste von sechs Kindern, und seine Mutter ist Witwe. Viel Vermögen ist nicht da. Der älteste Sohn bekommt das Gut und da dieses überschuldet ist, bleibt für die anderen nicht viel übrig. Nach seinem Abiturium sollte er eigentlich Forstwissenschaft studieren. Er hatte noch nicht sein Einjährigenzeugnis.
Osdorff machte gar kein Hehl daraus, daß ihm das Lernen zuwider war. Er sagt, die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse wären oberfaul, und der Staat würde über kurz zugrunde gehen, wenn nicht eine kräftige Reaktion ans Ruder käme. Anstatt daß so viele Millionen für allerhand Dummereien zum Fenster hinausgeworfen würden und die Regierung mit dem Mob kokettiere, indem sie allerlei Wohlfahrtsbestrebungen sanktioniere, müsse ein Ehrenunterstützungsfonds für unbemittelte Edelleute gegründet werden. Dieser Fonds müsse dazu dienen, daß die Zinsen an alle richtig feudalen unvermögenden Adligen derartig verteilt würden, daß ihnen dadurch ein standesgemäßes Auskommen ohne Arbeit ermöglicht werde und die Edelsten des Reiches nicht gezwungen wären, sich in niederem Broterwerb mit dem Bürgervolk zu liieren. Dieses wäre nur für den Staat von Vorteil, indem der Adel dadurch gekräftigt würde. Denn es gäbe nur drei berechtigte Stände: Adel, Geistlichkeit und Proletariat. Die Übergangslagen, der sogenannte breite Mittelstand, sei der Krebsschaden eines feudalen Staatswesens. Der Adel sei da zum Befehlen und das Proletariat zum Arbeiten und Dienen, und die Geistlichkeit für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Bourgeoisie sei der Nährboden aller Revolution. Es sei eine Schande, daß ein junger, hochbegabter Mann aus altem, edlem Geschlecht, wie er, ein Osdorff mit zwei f, mit Bauernjungen und Bürgersöhnen dieselbe Schulbank drücken und sich von bürgerlichen Lehrern Anschnauzereien gefallen lassen müsse. Er entwickelte mir oft stundenlang seine Ansichten, die ich keineswegs unterschreiben möchte, die ich aber teilweise sehr merkwürdig und interessant fand.
Die anderen Mädchen wollten ihre Freunde alle heiraten, aber Osdorff sagte mir gleich im Anfang, daß er mich nicht heiraten könne. Vor Jahren, erzählte er mir, habe er sich in die entfernte Verwandte einer angeheirateten Cousine verliebt. Als besonnener Mann sei er aber nicht gleich mit einer Erklärung losgerückt, sondern hatte sich vorher erst gründlich erkundigt und ihren Stammbaum beaugenscheinigt. Und da hatte es sich herausgestellt, daß ihre Urgroßmutter mütterlicherseits eine sächsische Geheimratstochter namens Düppel gewesen war. Niemals hätte er es sich verziehen, wenn er durch ein leichtfertig gegebenes Ehrenwort seiner Familie eine solche Schmach zugefügt hätte. Es sei sein Stolz und seine Ehre, sein Wappenschild blank zu halten, und diese Urgroßmutter Düppel wäre ein furchtbarer Fleck gewesen. Ich muß sagen, seine Aufrichtigkeit berührte mich sympathisch. Sonst gefällt mir, wie gesagt, nichts an ihm wie die Nägel und die Hände.
In Fräulein Lundbergs Schule schnitt ich soweit ganz gut ab. Ich war gerade ein halbes Jahr in der ersten Klasse, als der große Kladderadatsch kam, der meinem Aufenthalt in T. ein vorzeitiges Ende bereitete. Das kam nämlich so. In T. wurde eine große Hochzeit gefeiert, zu der Fräulein Saß und auch Professors eingeladen waren. Wochenlang hatten die Fräuleins überlegt, ob sie Professors wegen ablehnen sollten oder nicht. Die Hühnerfeindschaft war so groß, daß sie stark dreiviertel geneigt waren, eine Absage zu schicken, aber schließlich entschlossen sie sich doch, hinzugehen und Professors wie Luft zu behandeln.
Wir hatten für den Hochzeitstag mit Professors Jungen einen Ausflug nach dem Grünen Baum verabredet. Das heißt nur Anni Meier, Lina Schütt und ich, Boy Detlefs, Heite Butenschön und Osdorff. Die anderen Mädchen waren alle jittig. Der »Grüne Baum« ist ein einsames Wirtshaus, eine Stunde Wegs von T., und ist berühmt wegen der feinen Grogs, die es da gibt.
Wir gingen gegen fünf Uhr nachmittags weg und bummelten langsam die Chaussee hinaus, so daß es schon fast sieben war, als wir im »Grünen Baum« anlangten. Dort eingekehrt, bestellten wir uns sechs Grogs und stießen an, und tranken aus. Das Zeug brannte wie Feuer auf der Zunge, ich kann nicht sagen, daß ich etwas Feines daran finden konnte, aber Boy sagt, wir müssen anstandshalber noch eine Runde nehmen, sonst sehe es zu lumpig aus, und auf einem Bein könne man überhaupt auch nicht stehen. Ich dachte: denn man zu … halt den Atem an und trink es wie Medizin … Aber es war sonderbar, ob die Wirtin nun das zweite Mal besseren Rum genommen und mehr Zucker hineingetan, das zweite Glas schmeckte viel besser, man wurde so schön warm danach und so lustig. Nachher tranken wir noch ein Glas, »weil’s so schöne ging«, sagte Boy Detlefs, und wir wurden immer ausgelassener und lachten wie toll. Dann ließ Boy Detlefs eine Bowle kommen und sagte, wir feierten seine und Annis Verlobung, und da gabs ein Hallo, und dann tranken wir alle miteinander du und du. Zuletzt wurde mir übel von dem heißen starken Zeug und die anderen mochten auch nicht mehr. Um viertel nach neun brachen wir auf, aber es wurde beinahe zehn, ehe wir fortkamen. Wie ich aus der warmen Stube hinaus in die Luft trat, drehte sich alles vor meinen Augen, und es war gut, daß Boy Detlefs hinter mir stand und mich festhielt, sonst wäre ich umgepurzelt.
»Ja, Thymian, das ist recht, bleib man bei uns und halt dich lieber an Menschen, als an den ollen Kretin«, sagte er, »der Osdorff hat heute abend genug mit all seinen f’en zu schleppen. Er hat heute davon vier, zwei f’n im Namen und zwei in seinem Kopf, nämlich ’n Affen …« Und während er meine Hand festhielt, bumste er Osdorff, der tatsächlich erbarmungswürdig aussah, auf den Schädel und schrie: Wie klingt das hohl! Wie klingt das hohl! Darüber mußten wir lachen. Aber Anni kam wie ein Stoßvogel von hinten und haute mich auf die Hand, die Boy festhielt, und rief: ich solle mich fortscheren, ich hätte mit ihrem Bräutigam nichts zu schaffen. Da nahm Boy sie in den anderen Arm und dann trollten wir ab, indem wir bunte Reihe bildeten und die Chaussee sperrten.
Aber als wir an die Luft kamen, wurde uns recht schlecht. Anni jammerte laut, sie konnte nicht gehen, ich schleppte mich auch nur mit Mühe und Not fort, und Lina Schütt hinkte wie ’ne angeschossene Krähe, aber die Jungen, das heißt Boy Detlefs und Butenschön, hielten uns fest und bugsierten uns weiter. Da auf einmal gab es einen Knacks in der Reihe. Osdorff, der an einem Ende ging und von Lina untergefaßt wurde, war vornübergefallen und riß Lina mit und um ein Haar wären wir alle gestürzt. Aber während Boy und Butenschön sich um die beiden, die sich im Chausseeschmutz wälzten, bemühten, taumelten Anni und ich seitwärts nach dem Graben. Ich setzte mich auf einen Chausseestein und Anni warf sich auf den Bauch ins nasse Gras und fing laut an zu schreien, sie müsse sterben und sie gehe keinen Schritt weiter, es sei schon einerlei, wo sie verende, es wäre doch gleich vorbei mit ihr. Niemand hörte auf sie, denn Boy und Butenschön hatten genug mit Osdorff und Lina zu tun und es gelang ihnen nur, Lina auf die Beine zu bringen, aber fort konnte die auch nicht mehr. Die beiden Jungen beratschlagten, was sie tun sollten und kamen endlich zu dem Schluß, daß sie nach T. laufen und einen Wagen holen wollten, damit wir alle noch vor Toresschluß in die Kajüte kommen konnten. Dann rannten sie fort und wir blieben an der Chaussee zurück.
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