Auf der Leinwand neben mir sah ich mein Konterfei im Großformat. Meine gelbe Hose und das ockerfarbene Hemd vor einer leicht gelben Leinwand, auf die Bilder wie der blaue Planet und rührende Kindergesichter projiziert wurden, sollten meine Worte dramaturgisch unterstreichen und mit Emotionalität aufladen. Dann wurde es absolut still.
„Liebe Gäste, es berührt mich, dass Sie alle meiner Einladung gefolgt sind“, begann ich mit fester Stimme, die mit leichtem Nachhall die Stille durchbrach.
„Viele von Ihnen hatten einen weiten Weg, oft um den ganzen Planeten, wofür ich mich aufrichtig bedanken möchte. Wenn wir heute ein Fest feiern, mit netten Menschen, Gesprächen und einem großen Buffet, ist das für die meisten von uns nichts Ungewöhnliches. Doch vergessen wir dabei nicht manchmal, dass Millionen Menschen auf diesem Planeten heute Abend hungrig ins Bett gehen? Ohne genug zu trinken und vielfach ohne ein Dach über dem Kopf?“
An der Stille hatte sich nichts geändert. Alle im großen Auditorium sahen gespannt zu mir auf, viele von ihnen über drahtlose Ohrstecker mit einer der Übersetzungskabinen verbunden. Ohne die Pause zu lang werden zu lassen, fuhr ich fort.
„Dies zu ändern, habe ich mir für meine kommenden Jahre vorgenommen.“
Ich erinnerte an die Entwicklung meines fast 30 Jahre bestehenden Unternehmens, das zu einem untrennbaren Teil meiner Person geworden war. Dabei würdigte ich besonders Siggi meinen Finanzchef und David aus der Entwicklungsabteilung, die fast von Anfang dazu gehörten. Ich erwähnte einige Erfindungen von mir, die kurz auf der Leinwand erschienen, besonders die bahnbrechende Entwicklung des Chips für die Sprachsteuerung aller Handys und PCs vor rund 10 Jahren, der quasi den Grundstein zum Aufstieg der CUE AG gelegt hatte. Auch das Zahnreinigungsgerät, das zwei Jahre später auf den Markt kam, war heute buchstäblich „in aller Munde“. Bereits ein Fünftel der Weltbevölkerung nutzte es, während unser CO 2-Elixier die Welt vor dem Klimaumsturz gerettet hatte, auch wenn die Ressourcen- und Energieprobleme geblieben waren.
Die zentralen Fragen der Welt dokumentierte ich auf der Leinwand anhand einer 30 Sekunden-Videosequenz für jedes Problemfeld, was in eine Bildercollage mit neun Feldern mündete.
Aus heutiger Sicht ließ sich feststellen, dass die Millenniums-Ziele der UN, mit denen vor 17 Jahren die Beseitigung der extremen Armut eingeläutet worden war, fehlgeschlagen waren.
„Und damit“, so schloss ich direkt an, „sind wir beim eigentlichen Inhalt meiner Ausführungen. Laut Forbes-Liste bin ich der reichste Mann der Welt, was mich mehr als verpflichtet. Und zwar dazu, dass ich mein gesamtes Vermögen – ich betone nochmals: mein gesamtes Vermögen – ab sofort in den Dienst der Sache stellen möchte.“
Wenn absolute Stille steigerbar gewesen wäre, wäre es in diesem Augenblick geschehen. Fast bewegungslos saß mein Auditorium vor mir und im gleichen Moment stellte ich mir die Frage, ob es nur meine gesprochenen Worte waren, oder auch der Schweiß, der mir plötzlich in dicken Tropfen von der Stirn in die Augen tropfte - schneller als ich ihn mit einem Tuch wegwischen konnte. Meine Diagnose fiel mir ein und ich versuchte konzentriert das leichte Frieren, das sich über meinen Körper ausbreitete, zu ignorieren. Nachdem ich einen tiefen Schluck aus dem Wasserglas genommen hatte, fuhr ich fort.
„Ich bin Erfinder und Innovator – und die Lösung dieser Probleme ist nicht nur rein monetär zu suchen. Sie erfordert neben Investitionen vor allem Innovationen mit neuartigen Organisationen und Herangehensweisen. Politik, besonders in den Demokratien, ist kaum handlungsfähig, weil sie national ist, weshalb ich meine persönlichen Prioritäten ganz neu setzen werde. Wie genau, wird noch ausgearbeitet. Fest steht aber schon heute: In etwa sechs Wochen werde ich die klügsten Köpfe des Planeten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu einer Zukunftskonferenz einladen. Im intensiven Dialog in kleinen Gruppen, ohne die Verpflichtung zu diplomatischen Formulierungen eines politischen Kommuniqués, sollen Lösungen und Vorgehensweisen erarbeitet werden. Und jeden, der heute hier zum Zeugen wird, lade ich ein, dabei mitzuwirken.“
Mindestens eine Minute blieb es ruhig und es schien mir wie eine Ewigkeit. Das Fieber in mir wurde stärker und ein Gedanke durchfuhr mich. „ Das Publikum, das du eingeladen hast, ist nicht reif für deine Gedanken!“ Doch dann kam der Beifall und er wollte nicht mehr abebben. Mein Herz klopfte, durch meinen Bauch zuckten Blitze und wie auf Knopfdruck schien mein Fieber sich zu verabschieden. Ich fühlte mich nun so, wie ich es von meinen Unternehmenssiegen her kannte und hob nach einigen Minuten die Hände. Der Beifall verstummte.
„Auf Ihren Stühlen liegen kleine Notizzettel. Schreiben Sie Ihre Meinungen, Ideen, Vorschläge darauf, auch eventuelle Wünsche an allem mitzuwirken, dann bitte mit Namen.“
Ich deutete mit beiden Händen auf den Gang zwischen den Stühlen. „Dort stehen Kästen, werfen Sie die Zettel bitte hinein. Gegen 22 Uhr wird es in der kleinen Arena im Park eine Pressekonferenz geben. Ich lade Sie ein, währenddessen hier Bilder und Filme über meine ersten 50 Jahre anzusehen, die mein Sohn Marcus zusammengestellt hat. Eine Zeit, die mich prägte und aus der ich bis heute schöpfe. Dafür möchte ich auch meinen anwesenden Eltern und unserem Schöpfer danken.“
Noch einmal brandete lang anhaltender Beifall auf. Ich war hungrig und ging in Richtung Buffet. Im Vorbeigehen gratulierte man mir, während von der Bühne her leise klassische Musik erklang. Ich dachte an die Abstimmung von fast einer Million Mitarbeitern darüber, ob das Unternehmen CUE AG direkt an dieser Mission mitwirken sollte oder, ob ich einfach mein Vermögen verflüssigte. Zum Beispiel durch Verkauf von Unternehmensteilen oder einen Börsengang. Das würde viele Diskussionen auslösen. Sana schätzte beide Alternativen mit 50:50 ein, wobei meine persönliche Prognose höher lag. Gleich würde ich mein Vorhaben der ganzen Welt live mitteilen. Die Würfel waren gefallen.
30. Juli 2022, Landhaus
Wenigstens für die Gäste gab es Alkohol. Zoltan Zoro hätte sich nicht darüber gewundert, hätte Roderich seinen Gästen nur Wasser angeboten, während er vom Hunger und Durst der leidenden Menschheit sprach. Roderichs abgekochtes heißes Wasser verabscheute er und zog Champagner mit Kaviar vor, von dem er sich gerade einen an einer Bar genehmigte. Auch einen guten Whiskey liebte er. Zoltan dachte mit Grausen an das asketische Frühstück, das Roderich heute den wenigen persönlichen Gästen vorgesetzt hatte. An einem runden Geburtstag, so ging es ihm durch den Kopf, hätte man eigentlich die Puppen tanzen lassen können.
Im Hause CUE war Zoltan Zoro das Vorstandsmitglied für Marketing und Vertrieb. Der hochintelligente und durchsetzungsstarke Macher mit der Adlernase und dem kleinen Bart wusste auch in verfahrenen Marktsituationen immer einen Weg. Denn nicht immer waren Roderichs Erfindungen gleich auf reißende Nachfrage gestoßen. Da hatte der Manager, der trotz seiner jungen Jahre bereits eine Halbglatze hatte, oft nachhelfen müssen. Wie etwa bei den vielgelobten Mundreinigungsgeräten, deren Absatz trotz euphorischer Prognosen zunächst sehr schleppend anlief. Erst das von Zoro propagierte Sortiment mit mehreren Modefarben änderte das. Er war ein kritischer Denker und scheute vor keinem Konflikt zurück und seine Erfolge bei Frauen konnte man neben seiner Position vor allem auf seine starke Willenskraft zurückführen.
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