„Sie haben viel Kraft und das Schicksal hat Ihnen alles Notwendige für die Aufgaben mitgegeben, die jetzt zu lösen sind. Gehen Sie hin und verkünden Sie Ihren Auftrag, Gott wird mit Ihnen sein. Und auch in Momenten der größten Einsamkeit werden Sie wissen, was zu tun ist.“
Als sie aufstand fiel ihr Blick auf das hinter ihr hängende Bild mit der Flussmündung. Sie hielt einen Moment inne. Dann sagte sie:
„Ich fühle eine Bedeutung in diesem Bild. Welche das ist, werden Sie wissen, wenn es an der Zeit ist. Aber das scheint noch weit in der Zukunft zu liegen.“
Als sie den Raum verlassen hatte betrachtete ich noch lange das Bild, das in überwiegend gelben und roten Tönen gemalt war. Die Landschaft war karg und das Wasser des Meeres nahm nur einen geringen Platz ein, es wurde größtenteils durch Wolken verdeckt. Da mein Kopf schwirrte, entschloss ich mich für ein kurzes meditatives Training. Mir wurde deutlich, wie sehr Madame Teresa mich in meinem Vorhaben bestärkt hatte. Ich hatte den Termin mit der Wahrsagerin nur aufgrund des Drängens meines Bruders angenommen, als sein Geburtstagsgeschenk, aber nun war ich doch etwas dankbar dafür.
„Ich werde schaffen, was ich mir vorgenommen habe“, sagte ich leise zu mir selbst.
30. Juli 2022, Landhaus, Paola Reli
Auf der dem Landhaus gegenüberliegenden Seite des Sees drängten sich die Menschen unter Zeltdächern und Sonnenschirmen, die in der letzten Stunde mit verschiedenen Verkehrsmitteln eingetroffen waren. Schon einige Minuten hatte ich das Haus im Blick gehabt und dort erschien nun fast pünktlich unser verehrter Chef Roderich auf der Terrasse. Er stieg aufs Podium, packte die Handgriffe der Seilbahn und stieß sich ab. Wie ein Paraglider schwebte er das Gefälle hinab, über die kleine Insel hinweg und hinüber zu uns auf dem anderen Seeufer, das von Palmen mit Solarkollektoren an den Wurzeln umsäumt war. Ein Böllerschuss kündigte ihn an und als seine Leibwächter ihn direkt vor mir in Empfang nahmen ertönte ein Hallo aus mehr als 500 Kehlen, begleitet von lautem Klatschen. Siggi stand in seiner üblichen, relativ steifen Kleidung direkt neben mir und ich hörte auch sein lautes „Hallo“.
Von den fast 500 Gästen, die Roderich nach der Frühstücksrunde im Familienkreis und mit den engeren Mitarbeitern neu zu begrüßen hatte, waren rund 100 Mitarbeiter der CUE AG. Sie hatten sich schon Wochen vorher für die Feier beworben, für die wir Quoten, verteilt nach Ländern und Kulturen, geschaffen hatten. Sana, unsere oberste Personalverantwortliche im Vorstand, hatte das mit einer zusätzlichen Zufallsauswahl sehr gerecht organisiert.
Auch meine Assistentin Jenny, wie immer im dezenten Rock mit Bluse, stand nahe bei mir. Während ich als Leiterin der PR-Abteilung mehr nach Außen agierte, erledigte sie vorzugsweise die Feinarbeit nach Innen. Wir waren beide eine ethnische Mischung: Ihr Vater war Amerikaner und die Mutter Deutsche, während meine Mutter indigene Brasilianerin war und mein Vater ein Deutscher. Durch meine Herkunft lenkte ich mit meinem dunklen Teint, den großen Augen und schwarzen Locken stets die Blicke auf mich, obwohl ich klein und zartgliedrig und immer in Bewegung war. Auch jetzt spürte ich den Drang in mir, musste aber sicher noch zwei Stunden hier direkt bei Roderich verharren und ihm bei der Begrüßung assistieren und ggf. soufflieren. So unscheinbar wie möglich standen die Bodyguards bei uns, deren Chefin Cynthia über Ohrhörer und Mikro mit der Sicherheitszentrale im Haupthaus verbunden war.
Der endlos scheinende Gratulationsparcours dauerte nur so lang wie geplant. Ich soufflierte Roderich die Namen, die ich auf meinem Display am Handgelenk ablas. Über eine Kamera und einen Computer-Funksensor scannten wir die mit einem RFID-Chip versehenen Namensschilder der Gäste in der Warteschlange. Das war schneller und zuverlässiger, als die mit marktgängiger Software zur Personenerkennung versehenen Handys und Armbandcomputer, die natürlich im Hintergrund zusätzlich liefen.
Die meisten Gespräche waren eher belanglos, doch einige wenige sind mir dennoch im Gedächtnis geblieben. Etwa die Worte eines Mitarbeiters aus Südafrika, der Roderich sein Präsent mit den Worten überreicht: „In unserem Stamm gilt dieses Schnitzwerk als Vertreiber des Bösen. Mögen Sie es bei Ihren Unternehmungen immer mitnehmen.“
Ein distinguiert gekleideter Mann, Vertreter einer wichtigen Zulieferfirma aus England, gab unserem Chef einen unverpackten faustgroßen Stein und sagte: „Dieser Stein von Stonehenge bringt Sie in Kontakt mit uralter Weisheit.“ Da ich in den Inhalt von Roderichs Ansprache eingeweiht war, bekam der Stein auch für mich eine Bedeutung.
Dann war es an der Zeit, dass sich Roderich mit einem speziellen Elektrowagen in Richtung des Hauses bewegte, um dort als Gäste das Ehepaar Clinton sowie Michael Gorbatschow zu empfangen, die auch jetzt noch für höhere Ziele arbeiteten. Ich hatte den Hubschrauber gesehen. So war ich jetzt erlöst und konnte wieder meinem Bewegungsdrang nachgehen und Kontakt mit wichtigen Menschen pflegen. Die Medienvertreter waren erst für später zugelassen und die Pressekonferenz würde ich persönlich leiten. Darauf freute ich mich schon. Auch die Abgebrühtesten davon würden sicher Augen und Ohren öffnen, wenn Roderich ihnen seine Pläne vorstellte. Als Brasilianerin war ich von deren Notwendigkeit überzeugt und schätzte unsere Erfolgsaussichten sehr hoch ein. Es war toll, dass ich nun dafür PR machte. Mein Herz hüpfte bei diesen Gedanken. Der Knaller kam noch. Und ich war mitten drin.
Die überraschende Ansprache
30. Juli 2022, Landhaus, Roderich Cue
Der ovale See glitzerte in der Abendsonne und die kleine Insel mit ihren grünen Büschen spiegelte sich im stillen unbewegten Wasser. Sie stellte den exakten Mittelpunkt meines Grundstücks dar. In der Luft lag der Geruch von Rhododendron, doch das Zwitschern der Vögel, das diesen Ort so magisch machte, war durch die Geräuschkulisse der Gäste so gut wie nicht zu hören. Auf einer Rasenfläche, unter einem großen Zeltdach, stand das in den See hinein gebaute Podium.
Nach dem Gespräch mit den drei politischen Gästen, die beide auch jetzt noch für die Rettung des Planeten tätig waren, hatte ich mich für meinen abendlichen Auftritt, für den ich mir vom früheren legendären Apple-Chef einiges abgeschaut hatte, umgezogen. Vorher hatte ich auch noch zwei, der für heute avisierten Telefonate angenommen. Eines mit dem amerikanischen Präsidenten, der sich aufmunternd nach meinem Gesundheitszustand und meiner Fitness erkundigte und mir ein Treffen im übernächsten Monat in Aussicht stellte. Das andere mit Generalsekretär Ban Ki Moon, der eine wichtige Rolle in meinen Plänen spielte.
Nochmals ließ ich die Bemerkungen meiner prominenten Besucher von vorhin Revue passieren. Dabei war vom Misstrauen der Menschen die Rede gewesen und von jenen Gruppen, die von meinem Projekt Nachteile zu erwarten hätten, auch wenn diese zunächst nur eingebildeter Natur seien. Versonnen schaute ich zum Zelt, in dem die meisten Stühle schon besetzt waren. Langsam ging ich hinüber und bevor ich das Podium erklomm, drückte Siggi mir die Hand. In den kleinen runden Gläsern seiner Brille spiegelte sich der See.
„Sag es Ihnen“, flüsterte er, “ich stehe voll dahinter.“ Ja, mein wichtigster Mitarbeiter und persönlicher Freund war ebenfalls von der Richtigkeit meines Plans überzeugt.
Der Mitarbeiterpodcast kam mir in den Sinn. Er würde zeitgleich über Intranet gesendet werden und obwohl die meisten Informationen identisch mit meiner nun folgenden Ansprache waren, gab es doch einen wichtigen Unterschied: Der Satz über die geplante interne Abstimmung fehlte. Da die Presse etwas Zeit brauchen würde, das herauszufinden, erwarteten wir in den nächsten Tagen noch weitere Schlagzeilen.
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