Damit wird deutlich: Pacingsetzt Interesse oder sogar Neugier am Anderen voraus und verlangt ein gewisses Maß an Empathie, an Einfühlungsvermögen. Generell hilft Ihnen auch, wie wir noch sehen werden, eine gut ausgeprägte Menschenkenntnis, um erfolgreich Pacingzu betreiben.
Wie geht das praktisch, was tue ich konkret, wenn ich Pacingbetreibe? Auf jeden Fall beschäftige ich mich mit dem Anderen, mit seiner Situation. Das kann ich tun, wenn ich allein bin. Dann rufe ich mir in Erinnerung, was ich vom Anderen weiß und schreib es mir vielleicht auch auf (in Form der von mir so genannten WA-Tabelle, die ich Ihnen zu einem späteren Punkt noch erläutern werde). Ich kann es aber auch im Gespräch mit dem Anderen praktizieren, indem ich ihm entsprechende Fragen stelle und ihm aufmerksam zuhöre, auf Schlüsselwörter achte (auf die komme ich auch noch zu sprechen), ihn ermuntere, etwas über sich zu erzählen und indem ich ihm bewusst einen hohen Gesprächsanteil einräume. In Situation 1 (siehe im weiteren Text) bestand das Pacing im Grunde nur darin, sich wieder eine Information über den Anderen ins Gedächtnis zu rufen: das Interesse an dem neu geschlossenen Freundschaftspakt.
Pacingist also gleichbedeutend mit herausfinden und würdigen. Alles was ich über den Anderen erfahre, habe ich zu berücksichtigen, zu würdigen. Der entscheidende Punkt: Je mehr Informationen ich über den Anderen habe, desto eher wird es mir gelingen, den Anderen mit meinen Argumenten zu überzeugen. Um das zu verstehen, schauen wir uns noch das zweite Element dieses Wirkmechanismus an: das Leading.
Leadingbedeutet, den Anderen an eine neue Bewertung der Situation, die er aus klar erkennbaren Gründen ablehnt, heranzuführen. Ich biete ihm an, die Situation mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, damit er erkennt, dass die Situation für ihn auch Vorteile bereithält. Das kann ich über eine neue positive Perspektive erreichen oder aber über eine neue negative Perspektive. Ich lenke also sein Augenmerk auf einen Aspekt, den er bisher so noch nicht oder zu wenig beachtet hatte und der seinem Interesse ent- oder widerspricht. Insofern „führe“ ich den Anderen, aber nicht mit dem, was für mich, sondern mit dem, was für ihn wichtig ist. Dabei bin ich natürlich immer der Gefahr ausgesetzt, dass er mich fragt: „Na und? Was hab ich davon?“ Oder: „Das macht mir nichts aus.“ Das kann passieren, wenn ich ihn einfach auf Irgendetwas hinweise, ohne mich vorher darüber schlau gemacht zu haben, was ihn beschäftigt, was ihm am Herzen liegt, oder was ihn reizt und wo er einen Nutzen für sich sieht, wovor er Angst hat, was ihm Sorgen bereitet. Damit das möglichst nicht passiert, muss ich vorher Pacing betrieben haben. KeinLeading ohne Pacing !heißt deshalb die Regel. Praktisch gesehen heißt Leadingalso auswählen und anwenden.
Pacing und Leading gehören immer zusammen, nur gemeinsam entfalten sie ihren Wirkmechanismus.
"Hol den Anderen dort ab, wo er sich befindet“,
das ist die Aufgabe von Pacing und Leading.
Grundlage 2: Mit einer dominanten Perspektive überzeugen
Wie funktioniert Pacing & Leading nun ganz praktisch? Wenn Sie herausgefunden haben, auf was die Gegenseite besonderen Wert legt, dann ist das der entscheidende Aspekt in Ihrer Argumentation. Das kann ein, positiv formuliert, besonders eindringliches Bedürfnis sein; dann verwenden Sie diesen Aspekt als positive Perspektive. Oder es handelt sich, negativ formuliert, um das Vermeiden einer Angst einflößenden oder frustrierenden Situation; dann verwenden Sie diesen Aspekt als negative Perspektive.
Im positiven Fall sieht das beispielsweise so aus:
Situation 1 : FreundschaftAuf einem Betriebsausflug lernten sich zwei Kollegen besser kennen. Sie unterhielten sich gut und nach einer gewissen Zeit hatte jeder vom Anderen das Gefühl der gleichen Wellenlänge. Gegen Ende der Veranstaltung schworen sie sich ewige Freundschaft. Nicht einfach so, nein, sie machten es gleich konkret. Jeder würde in Zukunft dem Anderen helfen, wenn er in Not war. Insbesondere wollten sie alle betrieblichen Dinge besprechen und dabei nützliche Informationen austauschen. Zwei Wochen später hatte der PC des einen Kollegen mitten in der Arbeit einen Blackout. Es tat sich nichts mehr. Gerade wollte der Mitarbeiter über die Hotline den Zentralen Service anrufen, da fiel ihm ein, dass sich sein neuer Freund in PC-Fragen sehr gut auskannte. Er hatte sein Zimmer auf demselben Flur, der Mitarbeiter ging also zu ihm rüber und klagte ihm sein Leid. Ob er seinen PC wieder flott machen könne. Der Andere sah gequält zu ihm auf, schaute dann wieder auf seine Arbeit und sagte bedauernd: „Ich kann nicht. Diese Auswertung sollte eigentlich schon gestern beim Chef sein. Ich bin unheimlich in Druck. Tut mir echt leid, aber diesmal geht es wirklich nicht, sonst jederzeit.“ Und nahm seine Arbeit wieder auf. Der Mitarbeiter wollte gerade enttäuscht abziehen. Er stand unschlüssig noch einen Augenblick da und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er war einfach irritiert. Da gab es etwas, was nicht zusammen passte. Plötzlich fiel es ihm wieder ein: der Freundschaftsschwur, genau, das war es. Er sagte zu seinem Freund: „Okay, dann passt es dir im Moment nicht. Das heißt dann wohl auch: Mit unserer Freundschaft und unserer Absprache, uns gegenseitig zu unterstützen, das war gar nicht ernst gemeint oder?“ Der Andere stutzte: „Natürlich war das ernst gemeint. Nur jetzt im Moment kann ich wirklich nicht.“ „Verstehe, aber an einer Schönwetter-Freundschaft bin ich eigentlich nicht besonders interessiert. Das war‘s dann wohl.“ Der Mitarbeiter drehte sich enttäuscht um und wollte den Raum verlassen. Da rief der Andere hinter ihm her: „Halt, warte doch mal, jetzt lauf doch nicht gleich weg! Du hast ja Recht. Wir wollen uns ja gerade helfen, wenn Not am Mann ist. Also, ich guck mir das Ding mal an. Auf 10 Minuten kommt es dann auch nicht mehr an.“ Und der Andere ging mit ihm. Nach einer knappen Stunde war der PC wieder okay. |
Situation 1: Strategie 2 – mit dem Selbstbild konfrontieren
So schnell setzen Sie sich durch, wenn Sie den richtigen Punkt treffen! Der neue Freund wollte auf keinen Fall derjenige sein, der als erster den neu geschlossenen Beistandspakt verrät, im Gegenteil: Er hatte den Selbstanspruch, verlässlich zu sein und die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Unser Stratege musste nur ein richtiges, nämlich das entscheidende Argument anbringen, um seinen Freund dazu zu bringen, das Freundschaftsversprechen einzuhalten.
Es geht darum, den entscheidenden Punkt zu finden, der dem Anderen am Herzen liegt und der ihn betroffen macht, wenn er ihn nicht leben könnte. Hol‘ den Anderen dort ab, wo er sich befindet!Jetzt wissen Sie, wie wichtig es ist, zu wissen, mit wem als Typ, als Persönlichkeit, als Mensch Sie beim Anderen zu tun haben.
Den negativen Fall stellt folgende Situation dar:
Situation 2: Erstklässler Eine Grundschule hatte zum Schulbeginn 81 Erstklässler. Daraufhin wurden 3 Klassen gebildet, 2 Klassen zu je 30 Schülern und eine Klasse mit 21 Schülern. Den Eltern war klar, dass ihre Kinder in der kleineren Klasse mehr und besser lernen würden als in den großen Klassen. Deshalb gab es Versuche, die Aufteilung der Kinder auf die 21er Klasse zu beeinflussen. Eine von den Müttern ging zum Schulrektor und bat ihn, ihren Sohn in die 21er Klasse aufzunehmen. Der Rektor sagte: „Ich kann Ihre Wünsche leider nicht berücksichtigen. Die Aufteilung ist Sache des Lehrer-Kollegiums. Und das ist gut so. Denn wo kämen wir hin, wenn alle Eltern ein Mitspracherecht hätten. Das gäbe nur eine Riesenstreiterei. Unruhe und Chaos an der Schule wären die Folge. Das aber können wir hier am wenigsten brauchen. Unser guter Ruf hängt davon ab, dass an dieser Schule alles seine Ordnung hat und seinen geregelten Gang geht. Deshalb halten wir uns auch an die bewährte Vorgehensweise.“ Die Mutter ging nach Hause und dachte nach; dabei ließ sie sich noch mal die Worte des Rektors durch den Kopf gehen. Am nächsten Tag rief sie den Rektor an. Sie sagte, sie würde sich jetzt doch Sorgen machen und befürchten, dass es im neuen Schuljahr ziemlichen Ärger geben könnte. Wieso, fragte der Rektor. Ja, sagte sie, sie hätte Angst, dass ihr Junge den Lehrern und letztlich ihm und seiner Schule einige Unannehmlichkeiten bereiten könnte. Ihr Sohn sei nämlich in einer richtigen Flegel-Phase. Ständig würde er Streiche aushecken und seine Freunde dazu anstiften, sich mit Gleichaltrigen prügeln. Er würde mit Sicherheit den Lehrern den Unterricht erschweren. Das, meinte sie dann, könnte den geregelten Unterricht in der Klasse, in die er eingeteilt sei, doch empfindlich beeinträchtigen. Die einzige Person, die das verhindern könnte, sei nicht sie; allein schon deshalb nicht, weil sie als alleinerziehende Mutter ihren Sohn nicht ständig beaufsichtigen und zur Rechenschaft ziehen könne. Sondern das sei der Klassenlehrer der 21er Klasse. Ihn würde ihr Junge bereits kennen und von ihm würde er sich auch etwas sagen lassen. Und dann empfahl sie dem Rektor die Aufnahme ihres Sohnes in die 21er Klasse. Der Rektor meinte, er würde sich das noch mal durch den Kopf gehen lassen; vielleicht wäre das hier wirklich ein Ausnahmefall. Wenige Tage später erhielt die Mutter die Nachricht, dass ihr Junge der 21er Klasse zugeteilt worden sei. In Anlehnung an: David Stiebel, Die Taktik des Streitens, Wolfgang Krüger Verlag 1999, SS. 139 ff. |
Situation 2: Strategie 12 – Das größere Übel vorgaukeln
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