„Dein Vater und ich schätzen deinen Ehrgeiz beim Erlernen der Magie, doch gibt es mehr um das man sich kümmern muss.“
Die Mutter blickte Ilahja in die Augen. „Geh hinaus spielen. Bald bist du alt genug für die Akademie, dann kannst du dich ganz deinen Studien widmen. Bis dahin musst du erst einmal lernen ein Kind zu sein.“
„Wie Ihr wünscht, Mutter.“
Ilahja verbeugte sich und schritt nach draußen. Sie verehrte ihre Eltern und befolgte jeden Wunsch, auch wenn sie den einen oder anderen nicht verstand.
Sie verstand nicht, warum man sich mit Musik beschäftigen musste, aber sie tat es. Ihr Lehrer lobte ihre Perfektion aller technischen Aspekte, doch bemängelte er, dass nichts ihrer Seele in ihre Musik floss. Warum auch? Es war Zeitverschwendung.
In der Poesie war es nicht anders. Ihr Lehrer lobte ihr perfektes Versmaß, doch bemängelte fehlende Hingabe. Warum auch? Dichtung war Zeitverschwendung, nutzlose Albereien, ohne wirkliche Funktion.
Magie war anders. Ilahja wusste, sie war für die Magie geboren. Mit der Magie konnte man alles tun, alles.
Das einzige, was das Mädchen neben der Magie begeistern konnte, war die Malerei. Natürlich nicht die Art, die man von ihr erwartete. Ihr Lehrer lobte ihre Pinselführung, doch kritisierte, dass ihr Herz nicht auf der Leinwand widerhallte. Das stimmte, aber nur zum Teil. Denn in ihrem Zimmer waren viele Bilder, die niemals jemand gesehen hatte. Sie waren nicht mit Pinseln und Farben, sondern mit Magie gemalt. Ilahja hatte versucht das elementare Geflecht der Welt festzuhalten, doch gelang es ihr noch nicht richtig – noch nicht.
Sie trat ins Freie und entdeckte die anderen Kinder, die sich vergnügt sinnlosen Spielen hingaben.
Es wurmte Ilahja, dass niemand verstand, dass sie ihrem Alter so weit voraus war. Diese Spiele, das Geschrei, das Herumgerenne konnte sie nicht verstehen. Sie empfand dies als albern und kindisch.
Ilahja bat höflich an den Spielen teilhaben zu dürfen, führte jedes Spiel, den Regeln entsprechend, mit höchst möglicher Präzision aus und gratulierte ihren Mitspielern, errangen diese Punkte oder gewannen eine Runde. Doch ein Teil ihres Bewusstseins war mit der Analyse magischer Formeln beschäftigt, irgendein Teil ihres Geistes war das immer. Wann immer sie konnte, setzte sie all ihre geistige Kraft dazu ein.
Magie war ihr Leben, ihr Leben war Magie.
Die Gläubige
Kloster Sternenfels, im Jahr nach dem Tod des Einen 9336
Das Heu kitzelte an den nackten Beinen, was die ohnehin schon überdrehten Mädchen zu heftigem Kichern brachte.
„Schsch. Sie hören uns noch“, mahnte Devora an, doch konnte sie selbst nicht aufhören zu glucksen. Die beiden Mädchen kletterten kichernd und feixend den Strohhaufen empor, bis sie aus der Dachluke der Scheune spähen konnten.
Oft kamen sie hier her und beobachteten die Jungen bei ihren Übungen. Es waren Kampfübungen mit Holzschwertern, Schilden und gepolsterten Lanzen.
Im Schein der Fackeln kämpften die Burschen gegen drehbare Holzgestelle, gegeneinander oder droschen auf Strohpuppen ein. Es war eine wunderbare Abwechslung zum tristen Klosteralltag.
„Siehst du den Blonden da, der kriegt bestimmt wieder was auf die Fresse.“
„Klar, kriegt er doch jedes Mal“, stimmte Ascheela zu. „Ich habe mal ein Gespräch zwischen Mutter Orahna und Vater Thurim belauscht, da sagte der Vater, dass von allen, wenn überhaupt, es nur einer schafft Glaubenskrieger zu werden. Meistens schafft es keiner.“
Devora blickte Gedanken versunken auf die übenden Jungs und hörte kaum, was Ascheela ihr erzählte. „Eines Tages werde ich auch ein Glaubenskrieger sein.“
Ascheela starrte ihre Freundin einen Moment fassungslos an und brach dann in schallendes Gelächter aus.
„Du? Du bist ein Mädchen, du kannst kein Krieger werden.“
Devora war gekränkt. Sie kletterte wortlos den Speicher hinab, während sich Ascheela auf dem Stroh wälzte und Tränen lachte.
Die junge Novizin schritt wütend über den Klosterhof, der Schnee knirschte unter ihren Füßen. Die kleinen Holzbretter, die mit Stofflumpen um ihr Füße gebunden waren, machten ein wütendes Stapfen sehr schwierig. Normalerweise wäre dies einer der Momente gewesen, in denen sie sich darüber beklagen würde, noch keine richtigen Holzschuhe zu haben, da ihre Füße noch wuchsen und das Kloster erst ausgewachsenen Novizen Holzschuhe gab. Doch in diesem Moment war ihr das egal.
Warum konnte sie kein Glaubenskrieger werden? Manche der Jungs stellten sich so doof an, das konnte sie besser.
Die Wut beflügelte sie und sie fasste sich ein Herz. Mit neuem Elan und einer geradezu göttlichen Zuversicht, schritt sie auf die Unterkunft von Vater Thurim zu.
Als sie die Tür erreicht hatte, konnte sie schon Ascheelas dummes Gesicht sehen, wenn sie erst einmal mit den Jungs im Hof übte.
Sie klopfte. Eine tiefe Stimme bat sie herein.
Mühsam schob das elf jährige Mädchen die schwere Tür auf.
Sie verneigte sich und trat ein.
„Hallo, mein Kind, was kann ich für dich tun?“
„Vater, ich möchte auch ein Glaubenskrieger werden.“
Der Vater bemühte sich, doch konnte er ein Lachen nur mühsam unterdrücken. Immer wieder zuckten seine Mundwinkel nach oben und seine Bauchmuskeln bebten. Die giftigen Blicke des Mädchens halfen ihm, sich dann doch zu fangen.
„Du bist ein Mädchen.“
„Ja und?“
„Frauen werden Priesterinnen oder Nonnen. Männer werden Glaubenskrieger oder Mönche.“
„Es gibt auch Priester, richtig viele sogar.“
„Das stimmt.“
„Also muss es auch Glaubenskrieger...innen geben.“
„Glaubenskrieger sind Streiter der Götter, sie kämpfen mit Schwert und Schild, das ist nichts für Frauen.“
„Wieso?“
„Frauen sind zu schwach. Ein Schwert aus Stahl, ein dickes Eichholzschild wiegen mehr als sie heben können. Ich kann es nicht heben.“
„Ihr seid ja auch schon alt, außerdem sagtet Ihr mal, der Schild eines Glaubenskriegers ist sein Glaube. Glauben habe ich.“
Immer noch durch die dreiste Aussage über sein Alter, welches er als gar nicht so hoch empfand, aus dem Konzept gebracht, sammelte sich der Klostervorsteher.
„Ja, du hast Glauben und Mut. Du wirst eine wunderbare Priesterin werden, die den Göttern stets gefallen wird und nun husch zur Abendmesse.“
Mit einem letzten vernichtenden Blick wandte sich das Mädchen ab und schritt hinaus. Maßlos enttäuscht und wütend auf alle Männer dieser Welt, schlurfte die kleine Novizin zum Gebetsraum.
Die Sterne funkelten am Himmel.
Es war die Zeit, in der der Mond auf der Tagseite weilte. Anhänger und vor allem Geweihte der Mondgöttin fürchteten diese Zeit. Devora liebte sie.
Ohne das Licht des Mondes konnte man alle Sterne funkeln sehen, auch die kleinsten und schwächsten unter ihnen.
Der Blick der jungen Novizin fiel über das Kloster. Schwarz und unheimlich ragten die Mauern empor.
Devora war, wie viele andere, als Säugling vor der Tür abgelegt worden. Mütter, die zu wenig Nahrung besaßen, um ihre Kinder stillen zu können, taten dies oft – So hatte man ihr gesagt. Sie wollte dies auch glauben. Sie stellte sich eine junge, schöne Frau vor, die weinend durch den Schnee stapfte, ein schreiendes Bündel im Arm. Mit zitternder Hand legte sie das Bündel vor die Tür, behutsam, liebevoll. Sie wollte ihr Kind nicht hergeben, aber sie musste. Sie konnte es nicht ernähren und musste, auch wenn ihr Herz brach, aus Liebe ihr Kind dem Kloster überlassen. So war es gewesen, da war sich Devora ganz sicher.
Bei ihr war es nicht so gewesen, wie das eine Mal, als eine stinkende Frau ins Kloster gestürmt war, ihr schreiendes Kind lieblos einem Mönch in den Arm gedrückt hatte und geschrien hat: „Nehmt die Plage, sonst schmeiß' ich's in den Fluss.“
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