Gemeinsame Leseabende und eine „gemütvolle Seele“22, wie er es bezeichnet, führten bei ihm zu dem Wunsch, die einsamen Stunden und die Zurückgezogenheit aufzugeben und sich einer Frau hinzugeben, die ihn während der Ehe in seiner Arbeit und seiner Kunst unterstützte und ihm die Erziehung der Kinder abnahm.
Über Frauen urteilte Carus in Briefe über Goethes Faust (1835), ihnen käme eine „hohe Bedeutung“ zu, „teils und zunächst als versöhnendem, beruhigendem, läuterndem Prinzip in dem vom streitenden Kräften angeregten und vorwärts gedrängten Leben des Mannes“23. 1820 ließ er noch verlauten, dass für Frauen „das eigentliche Feld der Wissenschaft und Spekulation, die Schärfe des Urteils, die Tiefe männlicher Vernunft, […] der weiblichen Seele unzugänglich [sind]“24 sei.
Trotz des großen Zeitaufwandes in der ärztlichen Tätigkeit und in der Forschung sowie der Hingabe der Kunst, insbesondere in Krisenzeiten, beklagte sich seine Ehefrau wegen einer vermeintlichen Vernachlässigung der Familie anscheinend nicht. In einer 48-jährigen Ehe bekam das Paar durchschnittlich alle zwei Jahre ein Kind.25 Insgesamt wurden elf Kinder geboren, von denen drei jedoch Totgeburten waren und ein weiteres Kind nach acht Tagen verstarb. Das erste Kind, ein Mädchen mit dem Namen Sophie Charlotte, wurde bereits 1810, ein Jahr vor der Hochzeit der Eltern geboren. Carus verschweigt die Geburt der Tochter vor der Heirat in seiner Autobiographie. Dies mag jedoch, da er sich im Laufe der Biographie sehr positiv und fürsorglich über sie äußert, nicht an einem eventuell schlechten Verhältnis zwischen Vater und Tochter gelegen haben, sondern vielmehr an der – für damalige Verhältnisse – unsittlichen unehelichen Geburt. Mit lediglich 28 Jahren verstarb das älteste Kind, hinterließ jedoch zwei Söhne, von denen der ältere Ernst Rietschel wie Carus Mediziner
wurde. Inwiefern er von seinem Großvater bei dieser Berufswahl animiert wurde, ist nicht bekannt.
Neben Carus’ Zweitgeborenem Ernst August, der 1812 geboren wurde und bereits nach vier Jahren an Scharlachfieber verschied, gab es weitere drei Söhne und drei Töchter, die jedoch kinderlos blieben und bis auf den viert ältesten Albert Gustav, der 1817 das Licht der Welt erblickte, blieben alle Kinder ledig.
Albert Gustav verfolgte als einziges die Arbeit des Vaters. Er wurde Mediziner, Nachfolger der Praxis Carus’ und Leibarzt des sächsischen Könighauses. Die Vorliebe zum Theater teilte er ebenfalls mit seinem Vater und heiratete schließlich eine Schauspielerin.
Auch Carus Lieblingstochter, die im Jahre 1814 geborene Marianne Albertine starb im Alter von 54 Jahren ledig und kinderlos.
Trotz einer Vielzahl an Nachkommen Carus’ überlebten ihn nur zwei seiner Kinder: Albert Gustav und Caroline Cäcilie. Und trotz seiner Urenkel, die er noch zu seinen Lebzeiten kennen lernte, starb sein Familienzweig 1895 aus.26
Bei Carl Gustav Carus scheint zunächst eine Aufteilung seiner Kinder nach Beliebtheit auf zu fallen. Zwar wird jedes Kind in den Memoiren erwähnt, doch wird über Marianne offen mitgeteilt, dass sie eine Lieblingstochter gewesen sei. Der erste Sohn und dessen Tod im Alter von vier Jahren, waren für Carus psychisch schwer zu verarbeiten – Carus sagt selbst, dies wäre „das erste Mal, dass der Tod, den ich in hundertfältigen Gestalten wohl soviel Opfer hatte fordern sehen, mir nahe ans Herz griff.“27 Ferner werden vereinzelte positive oder einschneidende Erlebnisse mit jeweiligen Kindern genannt. Gleich ist hierbei, ob es sich um die Mitnahme der Töchter Charlotte oder Marianne zu einem Kuraufenthalt des Prinzen handelt, ob Eugenie „sich an mich [Carus] schmiegte“28, oder ob er Angst hatte wegen einer Krankheit des Königs nicht bei der Geburt seines ersten Enkelkindes dabei sein zu können. „Die Lage der Dinge war schwierig genug. In wenigen Wochen sah meine Charlotte ihrer ersten Entbindung entgegen, und dass dabei das liebe Kind die Anwesenheit des Vaters sehr vermissen würde, fiel mir freilich am schwersten aufs Herz.“29
Carus‘ Liebe zu seinen Kindern beschreibt er in seiner Autobiographie als schmerzhaft, da er sich Sorgen um sie mache und gleichzeitig Sorge um sich selbst trage, da er zum Beschützen zugegen sein müsse. Sein eigenes Leben würde somit „gewichtige[m] Wert
[verliehen].“30 Schlussfolgernd könnte gesagt werden, Carus würde seinem Leben durch die Kinder ein Sinn gegeben. Auffällig ist in diesem Zusammenhang auch das kurze Beschreiben des Todes seiner Frau und seines Sohnes August Wolfgang 1859 in den Memoiren. Bis dato lebten nur noch drei seiner Kinder. Als hätte das Leben des viel beschäftigten Forschers zu jenem Zeitpunkt geendet, schließen die Lebenserinnerungen an dieser Stelle abrupt.31
2.4 Einschnitte und Wendepunkte seines Lebens
In der Sekundärliteratur werden vier einschneidende Erlebnisse aufgeführt,32 die für Carl Gustav Carus besonders einschneidend gewirkt haben sollen. Neben den Auswirkungen der Französischen Revolution, einer Typhuserkrankung und dem Umzug von Leipzig nach Dresden soll seine Berufung als Leibarzt des sächsischen Königs Carus geprägt haben. Ob dies den Tatsachen entspricht – der Arzt wirklich von allen genannten Begebenheiten wesentlich beeinflusst wurde–oder ob weitere Faktoren, die von der Sekundärliteratur bisher kaum Beachtung gefunden haben, eine Rolle in seinem Leben spielten–dies soll im Weiteren näher untersucht werden.
2.4.1 Kind der Revolution
Die Napoleonischen Kriege, die Not im eigenen Land und letztlich die sich zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Frankreich 1813 in dem Wohnort Carus’, der Stadt Leipzig, hatten bei Carus sicherlich psychische Eindrücke hinterlassen. Häufig ist über die Veränderungen in Deutschland in seinen Werken zu lesen. In Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten beschreibt der Arzt seine Rügenreise, die er 1819 antrat. Hierin schildert er seine Verwunderung über das Unwissen der Rügener Bevölkerung über die Geschehnisse um Napoleon.33 Offensichtlich waren die Ereignisse, die sich seit Beginn der Französischen Revolution zutrugen für Carus so bewegend, dass er sie auf Rügen ansprach. Hierzu heißt es auch: „Der Anblick dieser Züge [der Truppen] hatte für mich einen welthistorischen Charakter. Es war gleichsam eine Neuzeit, die auf einmal hier durch die Straßen [Leipzigs] hereindrang.“34
Über viele Jahre hinweg erlebte er Kriege, sah Leid, Armut, Krankheit und Tod. Ängste von seiner Seite um sich und seine Familie wären verständlich, doch diese Angst erwähnt Carus nur indirekt in seiner Autobiographie.
Er schildert, wie ab 1806 immer wieder Schlachten ausgetragen wurden, und er anfangs kaum für möglich hielt, wie diese tatsächlich in seiner Umgebung hätten stattfinden können. Wie bereits erläutert, gewöhnte sich Carus, so seine Aussage, an die kriegerischen Auseinandersetzungen. Furcht wird nicht geschildert, stattdessen wurden die Soldaten, die bei der Familie Carus untergebracht worden waren, psychologisch von ihm beobachtet. „Der einzige Vorteil erwuchs mir daraus, diese Individuen etwas näher beobachten zu können.“35
Auch 1807 berichtet der Student nicht direkt über Gefühle, sondern vielmehr über die Arbeit, sich durch die „kriegerischen Wirren der Zeit […] immer wieder aufzurichten, zu kräftigen […].“36 Ob er sich hierbei auch kräftigen musste, um die Angst vor dem Tod verarbeiten, beziehungsweise verdrängen zu können, wird nicht deutlich. Ebenso ist nicht vollkommen ersichtlich, was er auszudrücken versucht, wenn er sagt, die „französische geheime Polizei machte sich bis in die Tiefen des Familienlebens Bahn“.37 Inwiefern Carus Probleme mit Verrat, innerhalb seiner eigenen Familie hatte, oder ob er selbst dazu angehalten worden war, Informationen preiszugeben, ist unklar. Auch, welche Art der Information dies hätte gewesen sein sollen, die den Franzosen von Nutzen hätte sein können, bleibt unausgesprochen.
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