Xing-Hu Kuo, ein Vetter ihrer Mutter, lebte mit seiner großen Familie tatsächlich noch in seinem alten chinesischen Fachwerkhaus. Er besaß trotz seines fortgeschrittenen Alters und verschiedener Gebrechen immer noch gute Beziehungen zu einigen Bossen der Latino-, Afro- und Chinesencliquen aus den Ganglands der Riesenstadt. Nachdem sie ihm ihre nahezu aussichtslose Lage geschildert hatte, machte er sich in einer alten Fahrradrikscha, die ein halbwüchsiger Enkel bediente, auf , um einige Besuche zu absolvieren. Für derlei Operationen scheute der Chinese das Telefon, wie der Teufel das Weihwasser.
Nach ein paar Tagen übergab er Li Hui ein so genanntes Darlehen von zwanzigtausend Dollar und einen neuen Pass der Volksrepublik China mit einem gültigen Einreisevisum. Eines Tages, da sei er sicher, werde Li Hui dieses Darlehen an ihn zurückzahlen. Und wenn sie es nicht könne, werde Gott es ihm vergüten, meinte der alte Mann. Bessere Papiere hätte ihr auch der "Admiral", wie Jeremias Alban Redcliff in seiner Behörde immer genannt worden war, nicht beschaffen können. Aber der war seit zwei Tagen tot, und diese unumstößliche Tatsache traf sie erst hier, nachdem sie die unmittelbarste Gefahr überstanden hatte, mit voller Wucht. Ihre Wut auf Pegasus war grenzenlos. Doch auf ihrer Irrfahrt durch die südlichen Staaten des Imperiums wurde diese irre Rage bald durch ein lang anhaltendes, tieftrauriges Gefühl verdrängt und ihre Vernunft gewann allmählich wieder die Oberhand.
Natürlich war es höchst riskant gewesen, zu ihrem Großcousin nach L.A. zu fahren, denn es war gut möglich, dass sie von seiner Existenz wussten. Aber sie hatte keine Wahl gehabt. Und bis hierher war auch alles gut gegangen. Sie vertraute darauf, dass sie nichts aus ihm herausbekämen, wenn sie doch noch auf ihn stoßen sollten. Aus purer Vorsicht hatte sie ihm nur die nötigsten Informationen gegeben und er hatte das verstanden. Obwohl sie nun im Besitz neuer Papiere war, die sie als Du Chong, 32 Jahre alt, geboren in Hongkong, auswiesen, getraute sie sich immer noch nicht, einen Flug nach Miami zu buchen.
Sie hatte beschlossen, sich stattdessen per Bus oder Zug nach Florida durchzuschlagen. Aber die Busgesellschaft, die sie für die erste Etappe nach Flagstaff benutzen wollte, war gerade Pleite gegangen. Und aus einem reinen Bauchgefühl erschien ihr plötzlich auch eine Zugfahrt zu gefährlich. Als sie es dann auf der Interstate 40 per Truckstopp in zwei Tagen, durch die halbe Mojavewüste hindurch, bis in das einsame Nest Kingman geschafft hatte, legte sie an diesem hoch in den San Francisco Peaks gelegenen Ort erst einmal einen Tag Pause ein. Sie nächtigte in einem heruntergekommenen Motel, das ihr der freundliche farbige Trucker empfohlen hatte, der sie die letzten zweihundert Meilen mitgenommen hatte, ohne ihr irgendwie zu nahe zu treten. Es erschien ihr wie ein Wunder, dass sie bis hierher von den Pegasusleuten völlig unbehelligt geblieben war.
Sie waren nicht allmächtig, das hatte Redcliff immer wieder betont, wenn es darum ging, wie man sie bekämpfen könnte. "Immer gibt es Gegenkräfte und ´ nobody is perfect ´", hatte der Admiral stets gemeint, wenn sie gemeinsam die Macht der Finanztrusts, den Niedergang der amerikanischen Freiheitsrechte und die Verstrickung ihres Landes in den großen mittelasiatischen Krieg beklagten. Je umfassender eine Überwachung fast aller Bürger mit Hilfe der Elektronik möglich wurde, umso unfähiger waren sie zum Beispiel, die gewonnenen Datenmassen erkennungsdienstlich sinnvoll auszuwerten.
Gerade in den Kleinstädten des Mittelwestens war die Polizei nur schlecht bezahlt, unzureichend ausgestattet, personell schwach besetzt und mangelhaft qualifiziert. Die amerikanischen Kommunen waren inzwischen zum großen Teil pleite und es gab auf dem Lande kaum noch gute Lehrer und Polizisten. Meist waren Letztere nicht einmal in der Lage, Japaner, Kambodschaner, Vietnamesen und Chinesen wirklich auseinander zu halten. Li Hui hoffte auf den Vorteil, der sich für sie daraus ergab.
Wenn sie während ihrer Odyssee durch die Staaten hin und wieder mit Ordnungshütern in Kontakt geriet, erzählte sie ihnen die Geschichte von der arbeitslosen Chinesin Du Chong aus Wuhan, die ihre verheiratete Schwester in den USA besuchen wollte. Die Städte, in denen diese Schwester wohnen sollte, wechselten, je nachdem an welchem Stadtort sich Li Hui gerade befand. Die zumeist farbigen Polizistinnen und Polizisten waren überwiegend freundlich zu ihr. Unterbezahlt und ohne höhere Motivation gingen sie höchst selten an ihre veralteten Computer, um verdächtige Daten miteinander abzugleichen.
Im Gegensatz dazu waren die zahlreichen Geheimdienste des Landes technisch und elektronisch hoch gerüstet, verlangten nach immer neuer und sündhaft teurer Elektronik, konkurrierten untereinander aber höchst kontraproduktiv. Die Möglichkeiten der Pegasus -Leute gingen jedoch über die des offiziellen Apparates weit hinaus. Das wusste Li Hui aus der Zeit ihres Aufenthaltes in der so genannten Ranch in Area 51 .
Sie überlegte, ob sie es wagen konnte, von Flagstaff aus einen Flug nach Miami zu buchen. Schließlich wollte sie so schnell wie möglich heraus aus den Staaten und hinüber auf die Zuckerinsel. Sie hatte den Kubanern Informationen anzubieten, die diese umwerfen würden. Und sie hoffte, dass ihr der legendäre Geheimdienst des schwerkranken früheren Führers Fidel Castro und seines Bruders Raúl im Gegenzug behilflich sein würde, zu ihrem Sohn zu gelangen. Das war das maßgebliche Ziel ihres Lebens und der zentrale Gedanke geworden, der sie nach all den Schicksalsschlägen und all dem Verrat, den sie erdulden musste, noch aufrecht hielt!
Ihr geschulter Instinkt riet ihr zu größter Vorsicht und hinderte sie daran, zum Clark Memorial Flugfeld hinaus zu fahren und sich einen Flug nach Orlando zu nehmen. Es lag nicht nur an der nächtlichen Katastrophe mit Redcliff, dessen Maschine sie ohne jegliche Rücksicht auf die übrigen Passagiere, die zufällig ebenfalls in diesem Unglücksflugzeug nach Washington saßen, in die Luft gesprengt hatten. Bei den gnadenlosen Körperkontrollen, wie sie seit den WTC-Anschlägen im September 2011 auch bei allen Inlandflügen an jedem Passagier, besonders aber an Ausländern, durchgeführt wurden, wäre sie mit der Menge an Bargeld, das sie mit sich führte, unbedingt in Verdacht geraten. Sie wusste, wenn sie sie in ihre Hände bekamen, würden sie den Minichip finden, so vermeintlich gut verborgen er auch unter der Hornhaut ihres rechten Fußes einoperiert war. Sie würden sie Zentimeter für Zentimeter auseinander nehmen. Sie hatte einst sorgfältig und mit quälendem Entsetzen gelesen, was die Folterärzte der amerikanischen Geheimdienste alles drauf hatten und was das CIA-Verhörhandbuch, das so genannte KUBARK, für exorbitante Befragungsmethoden empfahl.
Auf dem Truckerhof von Flagstaff hatte Li Hui einen gemütlichen Schwarzen kennengelernt, der mit gebrauchten Autos handelte. Ziemlich spontan kaufte sie ihm für vierhundert Dollar einen geräumigen, neun Jahre alten, Ford ab und besorgte sich in der Stadt ein kleines Zelt, einen Schlafsack und einige Campingutensilien. Und dann fuhr sie los, zunächst immer die Interstate 40 entlang, die zuweilen auf der legendären Route 66 verlief, immer in Richtung Florida.
Auf diesem Teilstück war der Highway recht komfortabel ausgebaut und Li Hui kam zügig voran. Memphis am Mississippi war ihr nächstes Ziel. Bei herrlichstem, klaren Herbstwetter durchquerte sie mit dem alten Kasten auf der unendlich scheinenden, große Strecken schnurgerade verlaufenden, Straße die südlichen Staaten Arizona, New Mexico, Texas, Oklahoma und Arkansas, bis sie am östlichen Ufer der zentralen Wasserstraße des Imperiums, des Vaters aller nordamerikanischen Ströme, angelangt war. Wäre sie nicht auf der Flucht und voller Trauer um ihren getöteten Freund gewesen, hätte diese Fahrt eine der schönsten Reisen ihres Lebens werden können.
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